Kulturessay im Kulturmagazin “ENSUITE” von Regula Staempfli zum Buch “Serge & Jane”. Titel: “Zärtlichkeit gegen die Welt: „Serge & Jane“ und die verlorene Kunst des Liebens.” copyright laStaempfli. Dezember 2025.

Zärtlichkeit gegen die Welt: „Serge & Jane“ und die verlorene Kunst des Liebens.

Serge Gainsbourg (1928-1991), das enfant terrible der französischen Kultur, und Jane Birkin (1946-2023), die britische Novelle-Vague-Göttin, lebten eine Liebe, die in jeder Hinsicht ausserhalb der Norm steht. Die Beiden waren provokant und zärtlich, exzessiv und konzentriert, extrem, politisch inkorrekt, ästhetisch-revolutionär, doch immer der Gegenwart, Wahrheit und Wirklichkeit verpflichtet. Beide lebten exzessiv Krisen, Eifersucht, Alkohol, doch sie löschten sich nie aus, wie so viele bekannte Paare.

Jane Birkin war für mich immer ein Wesen aus einer anderen Welt.  Durchscheinend, zart, fast körperlos – eine Erscheinung, die sich der Schwerkraft widersetzte. Die ikonische Fragilität der 1960er und 1970er Jahre war der Gegenentwurf zu den amazonenhaften, kraftvoll trainierten „Ich bin da“-Statement der Frauen der 1990er Jahre. Die Birkin wurde zunächst berühmt durch ein Lied mit der grossen Liebe ihres Lebens: „Je t’aime … moi non plus.“

Es ist ein verstörender Song, in einer verstörenden Beziehung, die nach MeToo schreit. Die Irritation, die der Song mit sich bringt erzählt viel über die kulturellen Codes der weiblichen Stimme, über die weibliche Lust, und über die tiefe Unruhe, die entsteht, wenn männliche Selbstverständlichkeiten auf weibliche Freiheiten treffen. Das ist die Reibung, die Jane Birkin und ihre Geschichte mit Serge Gainsbourg bis heute so faszinierend macht.

Es gibt Lovestories, die die Welt zum Leuchten bringen, indem sie beide Liebenden verbrennen. „Romeo und Julia“ beispielsweise, der Beginn des Mythos der Moderne. Im Absturz entfaltet sich dann die ganze Wucht von Liebe und Lust, zerstörerisch, grell, toxisch. Und doch können solche Beziehungen von welchem das Buch „Serge & Jane“ erzählt, das ich Ihnen hier empfehle, vom Kriegsfeld direkt in die Friedenspolitik führen. Jane Birkin präsentierte 2017, ein Vierteljahrhundert nach Serge Gainsbourgs Tod einen Liederzyklus, den sie vor Publikum und mit einer Tournee präsentierte: „Brikin/Gainsbourg: le symphonique.“ Einundzwanzig Lieder von Serge Gainsbourg, arrangiert vom Symphonieorchester, interpretiert mit der für sie so typischen Stimme, von der einundsiebzigjährigen Jane Birkin. Die Welt-Tournee wird zum grossen Erfolg, Jane Birkin: „Es freut mich so sehr, solche Orte zu besuchen und somit Serge ein bisschen das Leben zu verlängern – es ist wie eine Nachspielzeit im Fussball.“

„Ich bin die berühmteste Anti-Sängerin der Welt“ und doch machte Jane Birkin als Sängerin dank Serge Gainsbourg eine Weltkarriere. Er wiederum blieb dank ihr über Generationen hinweg erfolgreich und mutierte mit seinen abstehenden Ohren zur Stilikone. Birkins Beziehung zu Serge Gainsbourg, dem ukrainischen Juden, Archetyp des rebellischen Franzosen, war ein Mann, der Menschen mit den aufmerksamen Augen eines Malers betrachtete. Wenn er einer Frau seine ganze Aufmerksamkeit schenkte, war diese meist wehrlos gegen seinen Charme, schreibt Élisabeth Lévitsky in ihrer Biographie „Lise et Lulu.“ Solche Männer gibt es kaum noch. Sie schauen zu oft in den Spiegel heutzutage, und nicht in die Welt hinaus. Diese Visagen von Verletzlichkeit gemischt mit einer gewissen Brutalität, die Verkörperung der Welt von gestern. Als die Revolution noch möglich und nicht kuratiert war und darüber hinaus verdammt fashionable aussah. Und, vor ein paar Jahren, mit der „Birkin-Bag“ -Vintage in Krokodillederversion für 200.000 bis 300.000 Euro die Auktionshäuser reich machten. Birkin distanzierte sich aus Tierschutzgründen vehement von diesem Teil ihrer Vergangenheit. Eine kleine Geste, aber eine von grosser Konsequenz in einer Branche, die Tierhaut als Preisaufschlag behandelt. Krokodilledertaschen und -schuhe trägt seit dem Birkin-Protest keiner mehr – es sei denn Vintage. Der Hermès-Bag passte eh nicht wirklich zu dieser Frau, die den Kern ihrer Eleganz aus riesigen Selbstzweifeln schöpfte. Der Birkin-Basket, jener geflochtene, leichte Korb, den sie immer wieder trug und der bis heute unter ihrem Namen verkauft wird, passte immer viel besser zu ihr. Jane Birkin, die Engländerin, die in Frankreich zur Ikone der „Parisienne“ aufstieg, ihren britischen Akzent nie verlor, bewegte sich seit ihrer Jugend intuitiv immer dorthin, wo die Dinge leicht und unaufgeregt trotzdem eine Unanständigkeit verbreiteten. Die im Auge des meist männlichen Betrachters lagen. Birkins Jugend, Gainsbourgs Kindheit sind ziemlich kaputt und widerspiegeln die damalige Geschichte. Erstaunlicherweise oder vielleicht gerade wegen den Brüchen in der Familie, fanden Beide immer den Schutz ihrer Eltern und anderen Verwandten. Die Beziehung von Jane Birkin zu ihrem Bruder trägt darüber hinaus verstörend inzestuöse Züge, die der Autor des Buches „Serge & Jane“ extrem sorgfältig aufblättert.

Wir leben in einer codierten Phase, die toxische Paare nahezu kultisch verehrt. Deshalb sind Jane Birkin und Serge Gainsbourg als schwieriges „Coupeling“ mit der Ambivalenz einer grossen Liebe Zeichen einer Welt, die wirklich vergangen ist. Ich empfand es deshalb als politischen Akt, heute an Jane Birkin und Serge Gainsbourg mit dem Buch „Serge & Jane“ zu erinnern. 2021 herausgekommen, zauberhaft geschrieben, spannend wie ein Thriller konstruiert, von einem österreichischen Autor stammend, der so blass ist wie seine Protagonisten leuchtend, Günter Krenn, ist „Serge & Jane“ eine Offenbarung. Die Leser und Leserinnen werden in einen Sog von Politik, Kunst und Aktion hineingezogen durch den Liebesakt der Beiden, die zeigen: Wahre Liebe ist so friedlich wie eine Explosion.

Es ist lange her, dass wir von Paaren geredet haben, die sich leidenschaftlich lieben: in aller Öffentlichkeit. Es gibt sie nicht mehr in unserer codierten Welt – oder denken Sie bei Taylor Swift und Travis Kelce auch nur eine Sekunde an Leidenschaft? Elizabeth Taylor und Richard Burton, die Callas und der Onassis, Ingrid Bergmann und Roberto Rosselini machten die Welt zu einem Ort der Passion. So wie diese Paare längst verschwunden sind, fehlen die küssenden Menschen in der Öffentlichkeit. I mean: Porn is everywhere, aber Liebe? Es ist Jahre her, dass ich tief erschütternde Abschiedsszenen an Bahnsteigen mit Tränen in den Augen verfolgen konnte oder selber erlebte. Die polyamoren Clubs sind voller einsamer Menschen, die sich genau an Vereinbarungen halten, wenn sie sexuelle Dinge tun, die sich fantastisch Liebende nicht mal vorstellen wollen. Es gibt nur noch Pornobilder oder Schwelle-Groupsex, Swingerclubs, Dark Rooms, die den männlichen Sexualtrieb zum Mass aller Dinge machen, egal wieviel queer proklamiert wird. Das war ja schon mit Madonna so: Sie kommerzialisierte den Feminismus als Pornveranstaltung und Alle schreien bis heute: „Selbstbestimmt.“

Doch Liebe? Sehnsucht und Leidenschaft? Der physische Schmerz, wenn der Andere geht? Das Begehren, das verängstigt, gleichzeitig unfassbar glücklich macht? Die Begegnung auf Augenhöhe, weil zwei Menschen wissen, wie dramatisch es ist, das Ego zugunsten unfassbarer Symbiose aufgeben zu müssen? Höre ich die jungen Menschen zu, gibt es davon nichts, nada, niente. Sie verlieben sich noch, das dann schon, immer für kurze Zeit, doch dann werden die dominierenden Gegenwartscodes eingeschaltet: Karriere, Aussehen, Geld. Liebe wird da eine Frage der Organisation. Hand in Hand schlendern nur noch alternde Paare – die jungen fassen sich in der Öffentlichkeit weniger an; sie sind zu sehr mit dem Selfie-Schiessen ihres glücklichen Paarlebens beschäftigt. Schauen Sie sich um. Ich vermisse die zahlreichen Orte voller Menschen, die Liebe und nicht Diskurse ausstrahlen.

 „Serge & Jane“ vermittelt diese Art von Vergangenheit so subtil, dass es Tage brauchte bis ich über die Traurigkeit nicht nur über die Geschichte der Beiden, sondern auch die Euphorie, die mich beim Lesen ergriff, hinweg kam. In einer Zeit, in der Zerstörung, Sprechakte, Nihilismus, Materie, der Zwang zum Image spektakulärer ist als Zuneigung, Leidenschaft, Hass und Liebe vereint, erscheint die gelungene Liebe von Jane Birking und Serge Gainsbourg eigentlich als Skandal. Fehlen uns die Tabus? Die Zwischentöne, Zwischenräume, das Dazwischen der Politik statt Polarisierung?

Die europäischen Generationen, die noch Eltern und Grosseltern kannten, die von Flucht, Vertreibung und Aufbruch erzählt haben, in einem Ton, der die Boomer mit einer politischen Schärfe prägte, die den europäischen Wohlstand und Gewaltlosigkeit förderte, sind langsam am Aussterben oder verblöden. Gen Z und Millenials sind da völlig unbelastet und wohl deshalb wählen sie nun in den westlichen Staaten in den Städten Systeme, die ihre Urgrosseltern in den Gulag, in Konzentratsionslager und Foltergefängnisse brachten. Anders als in der Liebe, geht es Codes nicht ums Bewahren, sondern ums Zerschlagen. In Deutschland wählten 2025 die Erstwähler und Erstwählerinnen ausnahmslos Extreme: Die „Linke“ (Nachfolgerorganisation der SED-Partei, also der DDR) und die AfD.

Die Obsession mit dem Abgrund als Kulturmerkmal, bringt uns überall bezahlbaren Sex und kriminalisierte Leidenschaft, die die Liebe, die immer gratis ist, verunmöglicht. Denn Gratisliebe ist der Tod jedes Herrschaftssystems.

Vielleicht ging dieses wirklich grosse Buch „Jane & Serge“ deshalb im digitalen Rauschen verloren, weil nicht Zuneigung zu dem was ist, sondern die Zerstörung, auch die Selbstzerstörung wichtiger erscheint als die Bewahrung. Liebesgeschichten, die Trennungen transformieren, schaffen gemeinsam etwas Drittes, einen neuen literarischen, musischen und politischen Tonfall: Wie eben Jane Birkin und Serge Gainsbourg. Weibliche Beobachtungen, weibliche Sprache, weibliche Lust prägten auch ein anderes Paar, dessen Ambivalenz heute so unmodern ist: Anais Nin und Henry Miller. Sie haben im „Delta der Venus“ die Pornografie als ökonomische Gewalt entlarvt. Aus Geldnöten schrieben sie für einen anonymen Bock, Seite für Seite erotische Literatur, er aber schrie immer lauter, er wolle keine Poesie sondern mehr Porn. Die Abrechnung von Nin und Miller an ihren Auftraggeber ist fantastisch; das grösste Plädoyer für den Feinstrick erotischen Begehrens gegen die männlichen perversen Fickfantasien, die alles Menschliche auf technische Banalität reduzieren.

Vielleicht wird erst heute sichtbar, was verloren ging. Die Gegenwart wird immer strenger kuratiert – Frankreich bastelt an einem Registrier-Gentest für Hunde, damit deren Kot auf der Strasse direkt zum Halter führt, mit deftigen Bussen (um nur eines der absurdesten Beispiele zu nennen.) Paris sieht schon jetzt aus wie ein Instagram-Account mit Menschen, die reden als trügen sie Moderationskarten im Stammhirn; der Präsident macht es ja schliesslich vor. Hannah Arendt beschreibt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ die grosse Einsamkeit in „alle Bereiche kontrollierenden Systemen“; vielleicht lieben die jungen Menschen deshalb die absurdesten Demos. Da sind sie wenigstens unter Gleichgesinnten und schreien kollektiv Mörderparolen zu Staaten, von denen sie weder Geschichte oder Menschen kennen. Die Paradoxie, einerseits Konflikt zu vermeiden, gleichzeitig online zum Krieg aufzurufen, ist so augenfällig. Sie geht Hand in Hand mit einer Heerschar von Akademikern, die Demokratie für ein veraltetes System halten. Die das gleiche Wahlrecht durch ein Lottosystem ersetzen wollen: Bildungsgrad, Alter, Milieu, Einkommen, Herkunft, sexuelle Identität sollen als Kategorien eine neue schöne Welt ordnen. Niemand soll mehr leiden, aber niemand soll jemals wagen zu leben. Die Irren bevölkern die Strassen, die Normalen sind in ihren Zimmern eingesperrt. Kein Wunder sehen wir kaum Liebespaare mehr! In dieser Trockenheit wirkt die Liebe von „Serge & Jane“ wie eine Erinnerung an etwas, was vergessen gegangen ist; dass grosse Lieben nie steril, korrekt, safe, sondern ambivalent, echt und lebendig sind.

Nach der Lektüre dieses Buches weiss ich wieder, was fehlt: Wie der Geruchs- und Geschmacksinn, der durch Covid ausgelöscht wird. Ich besuche junge Menschen, die als globale Elite die Welt wie ein Shoppingcenter online und offline konsumieren. Es gibt klare Verhaltenscodices und hierarchische Kreditpunktsysteme. Zärtlichkeit wird dem Moralismus, das Subjekt dem User geopfert. Die Öffentlichkeit ist eine Plattform, Identität ersetzt handelnde Menschen.  

Deshalb hier mein Plädoyer für  die Unberechenbarkeit der Liebe, die uns dem Kontrollwahn der codierten Welt entzieht.

Serge & Jane. Biographie einer Leidenschaft von Günter Krenn, Aufbau Verlag.

Anais Nin, Das Delta der Venus, erschien 1977 in den USA als Sammelband, wurde 1983 in Deutschland beschlagnahmt und seit 2002 gibt es eine vollständige deutsche Taschenbuchausgabe

Regula Stämpfli über dringliche Öffentlichkeit: Wie #Klimawandel völlig falsch besprochen & deshalb NICHT aufgehalten wird. Essay im “ensuite”: ÜBER DAS BÖSE. DIESMAL DIE SUPERYACHTEN.

“Wer Schulen besetzt, sich in Museen an Bilder klebt oder Fleischesser Mörder nennt, zelebriert coolen Habitus, hält den Ökozid mit Bestimmtheit nicht auf. Klima, Gender, Meat sind klassische Internetphänomene: millionenfach darüber geredet, wenig bis nichts erreicht, dafür mögliche UnterstützerInnen extrem verärgert. Der tiefe Graben zwischen Symbolakten und der Wirklichkeit ist entsetzlich und das politische Resultat: auf der Stelle drehen.”

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“Netzphänomene haben häufiger massive Negativfolgen für den ongoing Ökozid, als dass sie das Klima WIRKLICH retten. Konsum durch Aufmerksamkeit erhöht nämlich massiv den CO2-Ausstoss. Twitter, Telegram, Snapchat, Instagram, Google, Facebook u. a. sind fürchterliche CO2-Schleudern: Der Strombedarf einer x‑beliebigen Plattform übersteigt schnell mal den einer mittelgrossen Stadt. Dazu kommt: Die seltenen Erden bedingen Gewinnung, Abbau und Vertrieb unter unmenschlichsten Bedingungen. Das Gift, das in den Mülldeponien von Apple, Google, Facebook, Amazon, Microsoft etc. in afrikanischen Staaten produziert und entsorgt wird, zerstört Mensch und Natur in Ausmassen, von denen man hierzulande kaum etwas hört. Während Gendersternchen-Debatten und Witzmagazine wie das von Jan Böhmermann, der TERFS – dieses Synonym für alte Hexe, Schlampe, Ungefickte, blöde Kuh, hässliche Alte – auf TURDS (Scheisshaufen) wirft, kostbare Fernsehminuten und Zeitungsspalten füllen, stapeln sich nur 106 Autostunden entfernt in der Hölle von Agbogbloshie (Ghana) ausrangierte Tablets, Smartphones und Computer. Alles giftig und fein säuberlich von Kinderhänden zwecks Wiederverwertung sortiert.”

#diepodcastin Isabel Rohner & Regula Stämpfli empfehlen zur Frankfurter Buchmesse #FBM22 Bücher.

#diepodcastin liest: Buchempfehlungen von Isabel Rohner und Regula Stämpfli im September 2022 mit Belton, Dohm, Albus, Hansen, Grandes, Garmus, Nin.Regula Stämpfli und Isabel Rohner haben in den vergangenen 2 Jahren schon mehrfach “Sonderfolgen” über Bücher gemacht. Die Liste der besprochenen Bücher und Autorinnen ist lang, sie reicht über aktuelle Neuerscheinungen bis zu Klassikerinnen, von vergessenen Autorinnen bis zu Geheimtipps der Geschichte.Regula Stämpfli beginnt mit Catherine Belton: “Putins People” im Original. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste. Es ist dem Sexismus des deutschen Feuilletons geschuldet, dass WIRKLICH RELEVANTE SACHBÜCHER es nie auf die Bestsellerlisten in Deutschland schaffen. Deshalb ist der politische Diskurs in Deutschland mehr und mehr vergiftet. Catherine Beltons Buch IST DAS WERK ZUR STUNDE und laStaempfli ist fassungslos, wie ignorant die deutschen, schweizerischen und österreichischen Medien sind, den Bestseller in den USA, GB, Australien und Skandinavien einfach zu ignorieren – nicht zuletzt, weil er von einer Frau geschrieben ist. laStaempfli setzt DRINGLICHE LESEEMPFEHLUNG. Isabel Rohner hat sich für die heutige Büchersendung was Überraschendes ausgedacht: Als erstes stellt sie uns die Philosophin Helene von Druskowitz (1856-1918) vor, eine Österreicherin, die in Zürich Philosphie studierte und als Dozentin, Wissenschaftlerin und Vortragende aktiv war, bis ihr die Frauenfeindlichkeit ihrer Zeit so zum Hals raushing, dass sie mit Männerfeindlichkeit zurückschlug. Ihr Spätwerk “Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit und als Fluch der Welt” ist eine Antwort auf die frauenverachtenden Publikationen angesehener Geistesgrößen ihrer Zeit. laStaempfli stöhnt, da es wahrlich genügend aktuelle Frauenfeindlichkeiten gäbe – wird sich aber der Lektüre widmen, obwohl sie schon Solanas SEHR anstrengend fand, vertraut aber der grossen Rohnerin und deren Sachverstand.laStaempfli bringt nach der “Gier als Treiberin der Weltpolitik” in Russland einen tollen Unterhaltungsroman von Lioba Albus.Lioba Albus ist geniale Komikerin, Schauspielerin mit Programmen wie “Hitzewallungen” oder “Mia- eine Weltmacht mit 3 Buchstaben” , ihre köstliche Hauptfigur. Der Roman strotzt vor Lebensfreude, ist extrem gut geschrieben und voller Poesie. Allen empfohlen, ein Feel-Good Roman mit feministischer Politik – génial.Mit den Büchern von Dörte Hansen geht es in den Norden von Deutschland: Die Rohnerin liebt den Roman “Altes Land” (2015)und die Geschichte der eigenbrötlerischen Vera Eckhoff, die einst als Flüchtling aus Ostpreußen ins “Alte Land” kam und jetzt, im Alter, das Zusammenleben mit ihrer Nichte Anne aus der Stadt lernt. Ende September 2022 erscheint mit “Auf der See” nach “Mittagsstunde” (2021) Dörte Hansens nächster Roman.laStaempflis “Eine Frage der Chemie” von Bonnie Garmus, ein Jahrhundertwerk, aber bitte im englischen Original, die deutsche Übersetzung ist grottenschlecht. Wiederum hegt laStaempfli einen üblen anti-deutschsprachigen SEXISMUSVERDACHT, der sich leider meist bewahrheitet, grad in Deutschland, diesem grässlichen Bordell Europas – vielleicht sind deshalb die Sexisten hier so erfolgreich und es geht gar nicht um den Protestantismus – also der Verdacht, dass Übersetzer sich bei Frauenromanen eben keine besondere Mühe geben. Well, anyway: Lessons in Chemistry auch génial.Die Rohnerin erinnert an: “Die Antifeministen” von Hedwig Dohm ist 1902 erschienen – und gibt uns auch 120 Jahre später Argumente, Witz und Mut an die Hand um gegen die heutigen Antifeministinnen und Antifeministen vorzugehen. Ein Herzenstipp! Und vor lauter in der Vergangenheit schweben, vergisst die Rohnerin fast das exzellente Buch von Almudena Grandes, Das gefrorene Herz, das bei ihr auf dem Nachttisch liegt.

Grossartiges Graffiti von der Rohnerin fotografiert, von laStaempfli bearbeitet: Berlin. Sieht aus wie Helene Wittgenstein, die tausendmal mehr war als die Schwester ihres zum Genie verklärten Bruders.

laStaempfli schliesst mit der wunderbaren Anais Nin und deren Ausführungen zur Erotik ab: “Porno verhält sich zur Erotik wie eine Leiche zum menschlichen Körper” – dies ein Zitat von laStaempflis Vermessung der Frau. Das Buch sollte übrigens dringend neu verlegt werden – laStaempfli kommt einfach nicht dazu. Bücher von Frauen werden immer noch seltener rezensiert und besprochen als Bücher von Männern. Das zeigt u.a. eine Studie der Uni Rostock. Daher ist es auch immer politisch, über die eigenen Bücher zu sprechen. Regula Stämpfli und Isabel Rohner erwähnen daher auch nochmals “Trumpism”, “Sex, Katzen & Diäten” und “Schwarze Petra” (et al.).Bild von Rohnerin: Graffitti aus Berlin, von laStaempfli bearbeitet für die Podcastin, Folge Books.Links:– WDR-Besprechung von “Schwarze Petra” von Isabel Rohner: https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/buecher/krimi-check/schwarze-petra-rohner-100.html– Infos zu Helene von Druskowitz: https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/helene-von-druskowitz/– Alles über Hedwig Dohm: www.hedwigdohm.de-Lioba Albus siehe https://lioba-albus.de/-Putins Netz siehe Regula Stämpfli Literaturblog– Anais Nin siehe Delta der Venus– Bonnie Garmus siehe Literaturblog der Kunst- und Kulturzeitschrift ensuite https://www.ensuite.ch/literaturblog/

2007 Erste Auflage, 2008 Zweite Auflage – eine starke Tournee durch Österreich/Schweiz & Deutschland: Die vierte Gewalt von Regula Stämpfli avant la lettre: “Algorithmisierung der Welt”. Eine Frau kommt immer zu früh. Selbst Hannah Arendt erreichte mit Denken eine grosse Community erst nachdem sie schon längst verstorben war. Und, so laStaempfli: Wäre die Kontroverse um “Eichmann in Jerusalem” nicht gewesen, wären Hannah Arendts Schriften wohl im Archiv verstaubt, eine der vielen genialen Hochschullehrerinnen mehr, die von den Warmwasserduscher-Denkermänner vergessen, versteckt, unterdrückt oder kopiert werden. Wie gesagt: Was “Die Eroberung der Welt als Zahl” von Regula Stämpfli bedeutet, hätte schon viel früher bekannt sein müssen. Die Demokratien wären heute stabiler.

Direktink zur Folge: https://diepodcastin.de/2022/09/02/diepodcastin-liest-buchempfehlungen-von-isabel-rohner-und-regula-stampfli-im-september-2022-mit-belton-dohm-albus-hansen-grandes-garmus-nin/

Regula Stämpfli über Bücher, die GEOPOLITIK VERÄNDERN: Ai WEIWEI: Die chinesischen 1000 Jahre; Alexander Solschenizyn und Catherine Belton zum Marxismus/Kommunismus; & Kacem El Ghazzali sowie Salman Rushdie zum Islamismus.

Regula Stämpfli hat für das Magazin ENSUITE Ai WeiWei, 1000 years of Joys and Sorrow gelesen und ist einmal mehr erstaunt, wie wenig sich der deutschsprachige Raum für dieses Jahrhundertwerk interessiert. Statt WINNETOU – wie kürzlich bei SRF Literaturclub ausgerechnet mit Salman Rushdies “SATANISCHE VERSE” verglichen – derartiges Niveau kann man wirklich kaum unterschreiten, also statt die codierte, automatische Empörung zu einem Nullthema auch im Feuilleton und ÖRR (ÖFFENTLICH-RECHTLICHER RUNDFUNK) zu übernehmen, wäre Information, Literatur und demokratische Räume in Kunst und Literatur gefragt.

Deshalb hier die dringliche Leseempfehlung von laStaempfli des umwerfenden Werks von AI WEIWEI mit einer Beobachtung der WOKE-SZENE UND DER CHINESISCHEN KULTURREVOLUTION. Die drei Totalitarismen Maoismus, Marxismus sowie Islamismus als klassische linke totalitäre Bewegungen wurden bis heute nie – anders als der Nationalsozialismus – aufgearbeitet, die Täter nie verurteilt. Es ist höchste Zeit zur Entkommunisierung, Entmaofizisierung und Entislamisierung politischer Theorie und Praxis (Wortschöpfung by Regula Stämpfli).

Leseempfehlung zum Maoismus: Ai WeiWei und Kai Strittmatter (Die Neuerfindung der Diktatur)

Leseempfehlung zum Marxismus-Leninismus: Catherine Belton (Putins People) und Alexander Solschenizyn Archipel Gulag.

Leseempfehlung zum Islamismus: Satanische Verse von Salman Rushdie und alle aktuellen Artikel von Kacem El Ghazzali in der NZZ siehe unten.

Regula Stämpfli: Veranstaltungen Okt/Nov2021

Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei: Alles findet nun gleichzeitig statt: Vorlesungen digital, Vorträge und Podien (noch) analog – was via Zoom elegant auch mit New York klappte, ist nun wieder mit viel Reisen und Zeit verbunden: Schön, aber kompliziert. Fällt Euch auch auf, wie LAUT DIE WELT geworden ist?

Die Nomadin laStaempfli unterwegs.

Regula Stämpfli reist immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ausser sie ist mit ihrem Team unterwegs. Dies, falls Wikipedia-Trolls einiger Schweizer Zeitungen sich auf Recherche machen, um die unbequeme Denkerin zu skandalisieren – dies wird ja seit 2003, seit meinem ersten Buch zum politischen System und zum ABC der Demokratie, der Fall ist.

“Mit Sex, Katzen und Diäten” geht laStaempfli auf Tour: Ihr Denken ist so aktuell wie eh und je, meist zehn, zwanzig Jahre zu früh.

Am 15.10.2021 ist Regula Stämpfli zum Thema Design und Demokratie im MAKK Köln

Am 22.10.2021 ist Regula Stämpfli zur Zukunft der Arbeit in Bern für die Gewerkschaft syndicom, IG-Freie, deren Co-Präsidentin sie ist. Die Veranstaltung findet von 09.00 Uhr bis 16.00 Uhr statt: Generationenhaus Bern. Anmeldungen unter patrizia.mordini@syndicom.ch mit Verweis auf mich.

Am 1.11.2021 kommt, wie jeden Monat ihr Essay in ENSUITE – DEM Kulturmagazin im deutschsprachigen Raums, jetzt wo die Kulturberichterstattung ja immens runtergefahren wird. Zur Erinnerung: Frauen, kauft Kunst und Immobilien, siehe dazu auch die Folge der www.diepodcastin.de Isabel Rohner und Regula Stämpfli reden über weibliches Kapital.

Regula Stämpfli 18.11.2021 Wien zur langen Nacht der Philosophie.

Am 18. 11.2021 ist Regula Stämpfli in Wien zu Hannah Arendt revisited: Elemente & Ursprünge digitaler Punktesysteme. Die zeitgenössische Welt im Dialog mit Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. 18.11.2021, 18.11. 21, 20 h, Das Dorf. Aktuelles finden Sie auch auf der Facebook Seite Nächte der Philosophie. Bei Fragen kontaktieren Sie bitte den Organisator Dr. Leo Hemetsberger unter office@philprax.at oder pollitphilozoffin@gmail.com

Regula Stämpfli: Aspekte zu Siegerkunst, Siegerjournalismus & Siegerfeminismus

Siegerschuhe:Modediktate/ Repräsentation in Journalimus& Feminismus

Aus der Schuhausstellung des Stadtmuseums München.

Wolfgang Ullrichs SIEGERKUNST ist ein vehementes Plädoyer für die Demokratie, für Urteilskraft in der Kunst und für eine neue Art von Kunstkritik. Von der Gegenwartskunst bleibt laut Ullrich letztlich nur noch die Oberfläche: Der Kunst-Diskurs besteht lediglich in unaufhaltsam weiter steigernden Geschmacksverletzungen, Skandalen, Inszenierungen, die Regula Stämpfli ähnlich als Medientheorie in: «Trumpism. Ein Phänomen verändert die Welt» beschrieben hat. «Je perverser, brutaler, obszöner das Werk ist, desto besser kann sich ein Sammler als souverän präsentieren», lautet Wolfgang Ullrichs Fazit in seinem 2016 erschienenen Band: «Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust». Wolfgang Ullrich definiert die Gegenwartskunst als «Kunst von Siegern für Sieger», die teuer genug ist, um die soziale Stellung von KünstlerIn und KäuferIn zu repräsentieren. Die grosse Kunst der Moderne, die Avantgarde, dieses geniale Projekt von Autonomie und Souveränität ist also in der Gegenwartskunst durch Repräsentationskunst abgelöst worden. Deshalb stellt sich Kunst auch nicht mehr in den Dienst von Aufbruch, Avant-Garde oder soziale Zukünfte, sondern verkauft sich bei den Mächtigen. Kunst profitiert parasitär von ihrem ehemals guten Ruf. Doch sie ist in weiten Teilen Imitation einer Avantgarde mit hoch symbolischen Referenzen von Autonomie und Souveränität während sie IN WIRKLICHKEIT meist feudalen und repräsentativen Geldverschwendungsorgien dient.

Womit wir bei den der SIEGERKUNST verwandten anderen Repräsentativbereichen angekommen wären: Beim SIEGERFEMINISMUS beispielsweise. Dieser besteht seit einigen Jahren auch mehrheitlich in einer Diskursabstraktion. Margarete Stokowski, SPIEGEL-Kolumnistin polemisiert mit Verve gegen sogenannte Altfeministinnen; ihr Lieblingsfeind ist ausgerechnet Alice Schwarzer. Der Zweck dieser Art von repräsentativen «Siegerfeminismus» liegt in einer Art Selfietum der Gegenwart, das nicht den Inhalt der Politik, sondern die eigene Person ins Zentrum der Diskurse stellt. Donald Trump wurde 2016 eben nicht out of the blue gewählt, sondern hat System – dies auch weit über seine Abwahl hinaus. Will SIEGERKUNST nur repräsentieren und sich gut verkaufen, so gilt dies auch für den SIEGERJOURNALISMUS; SIEGERFEMINISMUS und eben auch den SIEGERPOPULISMUS. Was Regula Stämpfli mit TRUMPISM, Ein Phänomen verändert die Welt beschrieben hat, ist SIEGERPOLITIK, SIEGERKUNST, SIEGERJOURNALISMUS, SIEGERFEMINISMUS in einem.

So erschütterte vor Weihnachten 2018, dem Jahr als auch Regula Stämpflis TRUMPISM erschien, der Fall RELOTIUS die Weltöffentlichkeit. Der frühere «Spiegel»-Reporter Claas Relotius soll seine publizierten Geschichten mit eigenen Fiktionen ausgeschmückt haben, viele seiner Stories waren völlig frei erfunden. Relotius war der Prototyp des Siegerjournalisten, des Selfie-Medienmanns, der keine Themen recherchiert, sondern sich selber verkauft. Reportagen aus der Schweiz gaben 2021 Claas Relotius die Plattform, um sich von allen Vorwürfen mit dem Verweis auf psychische Krankheit reinzuwaschen. Der Journalist Krsto Lazarević, der für das Onlinemagazin Übermedien über den Fall Relotius geschrieben hat, zweifelt an dieser Aussage: „Dass er jahrelang so gehandelt hat und gelogen hat – das hat er nicht nur gemacht, weil er psychische Probleme hat.“ Relotius habe als Hochstapler Karriere machen wollen und auf Ruhm und Preise hingearbeitet. Er war, so Regula Stämpfli als Kommentar hier, eben ein Siegerjournalist, wie er im Buche steht und wie er im Trumpismus-Buch von laStaempfli auch ausführlich analysiert wird.

Plakat Wonderland-Ausstellung in der Albertina Modern 2021. Wien. Foto von laStaempfli

Siegerkunst verbindet sich mit Siegerfeminismus und Siegerjournalismus insofern als in all diesen Berufen, nicht die Expertise, die gesellschaftlichen Themen, die Aufklärung stehen, sondern es lediglich um die Vermarktung der jeweiligen Akteure und Akteurinnen geht. Nichts zählt: Weder das Können, der Werdegang, die Werte, sondern lediglich das Gesicht, der Habitus und die Klickzahlen. Gelingt dem Erzeuger ein Star-Nimbus, dann läuft das Geschäft wie geschmiert. Je brachialer, politisch unkorrekter oder politisch superkorrekt, je skandalöser, je aggressiver, je aufregender die Kolumne, die Reportage, das Bild, die Position, der Account ist, umso höher die Aufmerksamkeit und die gesellschaftliche Stellung innerhalb dieser diversen Sparten von SIEGERPOS(S)EN. Was der SIEGERKUNST teuer war, war lange im SIEGERJOURNALISMUS viel Geld wert. Mittlerweile auch im SIEGERFEMINISMUS, was besonders verheerend ist, denn da wird mit antifeministischen Positionen Kasse gemacht ausgerechnet bei Jenen, die ständig klamm sind, nämlich die Frauen und deren ökonomische Milliardendiskriminierung. SIEGERJOURNALIMSU freut sich ausgerechnet in den ehemals so befruchtenden Linksintellektuellen Milieus einer ungebrochenen Beliebtheit. Jahrzehntelang wurden Herrenkult des Extravaganten, umwerfende Fiktionskraft und Empörungsthemen gepflegt. Unter Frauen gilt es, meist ehrgeizige Jungschreiberinnen zu engagieren, deren Artikel sich in allererster Linie gegen die Feministinnen, die ihnen überhaupt ermöglicht haben, dass sie schreiben können, anzupöbeln. Erinnern Sie sich noch an Michèle Roten? An die «Miss Universum», die damalige Starschreiberin für «Das Magazin», die Gratisbeilage des «Tages-Anzeigers»? Roten propagierte Prostitution, Exhibitionismus und Selbstentblössung – lange vor dem Aufstieg der Selfies in den sozialen Medien. Nach einigen wortgewandten Jahren verschwand sie – wie viele andere junge Frauen vor ihr und nach ihr – aus den Medien in die völlige Privatheit. Ronja Rönne («Warum mich der Feminismus anekelt», in «Die Welt» vom 8.4.2015) ist ein ähnliches Beispiel dieser Art von «Medien- & Selfie-Journalismus». Doch während die Frauen schub- und generationsweise von der Bildfläche verschwinden, ist es bei den Jungschreibern männlichen Geschlechts anders: Sie werden von ihren Kollegen, Vorgesetzten und Geliebten gegen jeden Widerstand geschützt, selbst dann, wenn sie wie Claas Relotius erhebliche kriminelle Energie aufwenden, um ihren Starkult, ihre Fakes und ihre Stories zu verteidigen. Relotius gefährdete nach ersten Verdächtigungen die Karriere und das Ansehen seines Kollegen Juan Moreno, der dem Fälscher auf die Spur kam, massiv. Es ist nicht auszudenken, wenn ein kleineres Kaliber als Juan Moreno sich mit dem Starredakteur, der von seiner Umgebung schon fast heiliggesprochen wurde, angelegt hätte. Oder sogar eine Kollegin? Nicht auszudenken! Wenn Claas Relotius sich nun als psychisch Kranker erfolgreich bei REPORTAGEN verkaufen kann, dann vergessen die Meisten, wie hinterhältig und massiv er gegen seinen Kollegen Juan Moreno vorgegangen ist und wie nahe dieser auf der Kippe stand, ALLES ZU VERLIEREN. Dies nicht, weil ein psychisch kranker Mann sich nicht mehr im Griff hatte, sondern weil ein Karrierist alles dran setzte, sein Lügenwerk zu verteidigen.

Schon 2018 kategorisierte Regula Stämpfli Claas Relotius nicht als Einzelfall, sondern als Spitze eines Medien-Machtsystems. Dies gibt es auch in der Schweiz. Zwar werden die Geschichten nicht grad erfunden oder gefälscht, doch sie werden sehr oft so zugespitzt, dass sie der Chefredaktion und dem Zielpublikum gefallen sollen. Gerne werden dabei auch unbescholtene Menschen diffamiert oder in ein falsches Licht gesetzt, so wie dies Relotius mit den Menschen in «Fergus Falls» tat. Die Verherrlichung von Konventionsbrüchen bei gleichzeitig großer Erzählkunst kreiert monströsen Kommerzjournalismus, der mit der Wahrheit nicht mehr viel zu tun hat. Die ewig gleichen Experten, die dann diesen postmodernen Schrott auch noch mit Preisen ausstatten, zelebrieren sich selber im SIEGERJOURNALISMUS. Die Recherche, Reportage, das Interview, die Trennung von Information und Kommentar, die ganz saubere und harte journalistische Arbeit werden als klassische Formen durch Sensationalismus verdrängt. Die Bildmedien, die auch den Printjournalismus prägen, verherrlichen die Authentizität des «Materials» oder des «Herstellers» zusätzlich. Daraus entsteht keine Information und schon gar keine demokratische Willens- und Meinungsbildung. Es rächt sich, dass die Journalisten jahrzehntelang diesen Starkult gepflegt haben. Ein Machomythos, der weltweit viele Totengräber der Demokratie groß macht und sie in den entsprechenden Positionen sitzen lässt. Der SIEGERFEMINISMUS ist dem Siegerjournalismus eng verwandt: Auch hier entscheidet nicht die Information, sondern die Authentizität und die Herstellerin der jeweiligen SIEGERFEMINISMUS-PRODUKTE. Claas Relotius ist ebenso Archetyp eines SIEGERJOURNALISMUS wie die hochgelobten Jungjournalistinnen für den SIEGERFEMINISMUS stehen. Der Zweck des SIEGERFEMINISMUS der Gegenwart liegt in der reinen Repräsentation. Seit «Sex» der Sängerin Madonna im Jahre 1992 zum Event, Happening, repräsentativen Klamauk, zum allen Ernst imitierenden Universitätsdiskurs mutierte; seit SEX AND THE CITY als fucking consumerism jede Chancengleichheit auf ein Paar Jimmy Choo-Schühchen reduzierte, geht es nicht mehr um soziale, kulturelle, ökonomische und politische Chancengleichheit, sondern nur noch um Repräsentation. Mit dem Etikett «Frau» wird der Gestus des Opfers bei gleichzeitiger Shopping-Anpassungsfreiheitsideologie so überhöht, dass soziale Anerkennung, Kritik und Fortschritt unmöglich gemacht werden. Feminismus wird durch Pornographie des Elends, Sexarbeit, Diverse Shitstürme, Glamour und Bullshit regelrecht erstickt. Gleichzeitig funktionieren digitale Mehrheitsmechanismen so, das die Empörungsspiralen ins Absurde getrieben werden. Avantgardistische Konzepte finden sich diskursiv und digital in den unzähligen Hyperlinks, deren Funktionen auf algorithmischen Mehrheitsgeschmack programmiert sind. Judith Butlers Hegemonie des abstrakten expressionistischen «Unbehagens der Geschlechter» entspricht eins zu eins der Auflösung der emanzipatorischen Moderne und formuliert bis heute das Programm des 21. Jahrhunderts: ein digital vorangetriebener Revanchismus an der gesamten Moderne, der uns im Westen Trumpismus inklusive Plattformkapitalismus und im Osten die Überwachungsdiktaturen gebracht hat. Die Auflösung der Geschlechter nach Judith Butler verfolgt den Zweck, nicht mehr zwischen Wirklichkeit und repräsentativer Funktion der Menschen zu unterscheiden, sondern mittels Diskurse die Welt neu zu besetzen. Damit verkennt sie, dass jede totalitäre Herrschaft IMMER die Deutungshoheit reklamiert – völlig unabhängig von der Wirklichkeit. Deshalb findet der Kampf gegen Sexismus und Diskriminierung nicht in der Wirklichkeit, sondern nur noch in Diskursen, auf Twitter, in Foren, an den Universitäten statt und verkehrt durch die dadurch aufgewiegelte Öffentlichkeit, Feminismus in sein Gegenteil, nämlich in Frauenhass. Siegerfeminismus macht die Fortschritte von moderner Kunst und Frauenbewegung rückgängig mittels Radikalisierung repräsentativer Zustände, den «Orten des Sprechens». Waren moderne Kunst und Frauenbewegung bis zum «Gender Trouble» Befreiungsbewegungen, entkernen Siegerkunst und Siegerfeminismus Kunst und Gleichstellung von ihrer Befreiungskomponente. Deshalb mutiert im Siegerfeminismus bspw. Prostitution zur «Sexarbeit», deshalb wird der Hijab von SiegerfeministInnen als «selbst gewählte Mode» zelebriert.

SIEGERFEMINISMUS verfolgt den klassisch kapitalistischen Weg der Sieger: Wird Glamour mit Progression, mit Kritik, mit Fortschritt gleichgesetzt, können sich Siegerfeminist*innen parasitär von modernen Frauenbewegungen durch die Imitation des Kampfes gegen Ungerechtigkeit etablieren und so richtig massiv Kasse machen. Je stärker Genderdiskurs und Genderpolitik eine Zumutung darstellen, umso besser eignet sich der SIEGERFEMINISMUS als Statussymbol, das exklusiv wirkt und sich gegen alle normalen, frauenpolitisch wichtigen Forderungen abgrenzt. Es geht um Repräsentation der Sieger*innen auf Kosten der Wirklichkeit. Es sind diese spektakulären Wirkungen, die damit zweihundert Jahre Emanzipationsgeschichte regelrecht auszulöschen versuchen.

Die Verherrlichung von klassischen Gleichstellungs- und Konventionsbrüchen werden wie beim «Siegerfeminismus» als «Reinigung und Revolution» interpretiert; die Beschimpfung von «alten Feministinnen», die sich in ihrer Misogynie in nichts von klassischem Frauenhass unterscheidet, als Fortschritt interpretiert.

Ausschnitt aus Giovanni Paolo, Ruinenbilder im 18. Jahrhundert.

SIEGERFEMINISMUS. Akte des Shoppings postmoderner Beliebigkeiten und umhüllt diese mit dem Gestus der «Emanzipation». Es werden ganze Enzyklopädien neuer Begriffe, Attribute, Images geschaffen, um «Siegerkunst» und «Siegerfeminismus» mit Rätselhaftigkeit, mit der Autorität als Herrscherin über Bedeutungen zu füllen. «Siegerkunst» und «Siegerfeminismus» müssen sich ruppig geben (siehe bspw. die Attacken auf die sehr unglücklich agierende J.K. Rowling), dürfen keinen Trost oder Ablenkung versprechen oder gar die Verbesserung der Lebenssituation darstellen, bewahre, nein: «Siegerkunst» und «Siegerfeminismus» müssen Chaos, Unsinn, Beliebigkeit, Manierismen als «guten Geschmack» innerhalb des «schlechten Geschmacks» inszenieren, um mit Susan Sontag zu sprechen.

Die Wege zur Aufklärung: Scheinwahrheiten von Wahrheiten zu trennen, ist manchmal kompliziert. Nicht kompliziert ist indessen hier laStaempflis Ansatz zu einer neuen Form der Feminismus -Kritik und Feminismus-Theorie, zu der ich durch Wolfgang Ullrichs «Siegerkunst» inspiriert wurde: «Siegerfeminismus» als neue kritische Theorie, die dem Anliegen der Aufklärung in ihrer dialektischen Wirkung wie auch in ihrer wirklichkeits- und machtpolitischen Realität gerecht werden kann. Erste Ansätze waren schon in meinem Buch «Trumpism. Ein Phänomen verändert die Welt» angedacht. In den nächsten Monaten wird nicht nur die «Theorie des Siegerfeminismus» publiziert werden, sondern auch die neue Medientheorie zum «Siegerjournalismus», womit ich hiermit das Copyright zu den beiden Begriffen zwecks Publikationen an meine Person geknüpft habe. Dies muss an dieser Stelle betont werden, da sich in der Vergangenheit einige Männer mit dem Diebstahl meines geistigen Eigentums unerhörterweise bereichert haben. Sie werden es wohl wieder und wieder versuchen: Dies steht in der Tradition eines «Siegerjournalismus» und «Siegerfeminismus».

Links: http://www.kleinreport.ch/news/relotius-als-selfie-und-mediensystem-91423/ und https://www.ensuite.ch/von-der-siegerkunst-zum-siegerfeminismus/

Regula Stämpfli über Umfragewerte: Wie Demokratien scheitern in Persönlich – Onlinemagazin für Entscheider&Meinungsführer

schlagende zeilen

Regula Stämpfli im TeleBasel über “Trumpism. Ein Phänomen verändert die Welt”

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Regula Stämpfli während ihrer Booktour in Wien: Louise Deininger (Künstlerin, Aktivistin) Doris Kittler und Regula Stämpfli holding “Trumpism. Ein Phänomen verändert die Welt”

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Regula Stämpfli über politische Korrektheit in Luzern: Podium, organisiert von der Luzerner Zeitung Auditorium 28.11.2018

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