“George Orwell hätte derzeit seine helle Freude am Landesmuseum. Nicht weil dort Prostitution ausgestellt wird. Sondern weil dort die Sprache selbst zum Ausstellungsobjekt geworden ist. Aus Frauen werden «Zeitzeuginnender Sexarbeit». Aus Prostitution wird «Selbstbestimmung». Aus den Freiern verschwinden die Männer. Aus den Zuhältern verschwinden die Täter. Übrig bleibt ein sprachlich desinfiziertes Museum, in dem Gewalt als eine Erfahrung wie jede andere, Ausbeutung als Teil der normalen Biografie und die Pornografie wie die Perversität als «Diversität» erscheinen. Die KI rationalisiert Berufe – so viel wissen wir. Gleichzeitig professionalisiert sie die Sprache und technisiert sämtliche Lebensbereiche. Gerade junge Frauen werden so dazu verleitet, uralte Formen der Sklaverei neu zu verpacken und als hippe Verdienstmöglichkeit anzupreisen. Das Wirken von Denise Tonella, seit 2021 Direktorin des Schweizerischen Nationalmuseums, reiht sich in diese Entwicklung ein. Unter ihrer Leitung folgt eine schweizkritische Ausstellung nach der anderen: Geschichte wird als moralische Erziehungsaufgabe inszeniert. Krass elitär.
Nun folgt ausgerechnet die erste ausgesprochen “schweiz”-positive Ausstellung. Schweizergeschichte als Geschichte geiler Sexarbeit – merci! Dabei wird allerlei Unsinn erzählt, etwa dass «Sexarbeit» seit über achtzig Jahren in der Schweiz legal sei. Das stimmt so nicht. 1942 wurde die Prostitution zwar legalisiert, gleichzeitig wurde jedoch die Kuppelei verboten und der Fokus ausdrücklich auf die Bekämpfung des Menschenhandels und der Ausbeutung von Armut gelegt. Die Legalisierung diente zudem gesundheitspolitischen Zielen, ermöglichte Zwangsuntersuchungen und gab den Behörden im Rahmen des Kinderschutzes weitreichende Eingriffsmöglichkeiten bis hin zur Wegnahme von Kindern sich prostituierender Frauen. Von all dem berichtet die Ausstellung «Sex-
arbeit» nicht. Stattdessen entsteht der Eindruck, es sei Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung, die eigenen Körperöffnungen zeitweise zu vermieten. Als wäre dies ein Fortschritt. Als wäre dies Emanzipation. «Sexarbeit» – diese «Erfahrung Schweiz» ist nicht nur seltsam, sondern krass elitär. Denn die Frage muss erlaubt sein: Weshalb wird ausgerechnet von gut ausgebildeten, einflussreichen Frauen in Kulturinstitutionen die Vermietung weiblicher Körperöffnungen so engagiert verteidigt? Ist das tatsächlich Solidarität mit benachteiligten Frauen? Oder zeigt sich darin eine neue Form eines Klassenprivilegs?
Eine Gesellschaft, in der sich wohlhabende Eliten reproduktive und sexuelle Dienstleistungen erkaufen können – durch Leihmütter auf der einen, Prostituierte auf der anderen Seite –, während sie diese Entwicklung gleichzeitig als Fortschritt, Diversität und Selbstbestimmung feiern? Orwell wusste, dass totalitäre Systeme mit Wörterbüchern beginnen. Wer die Wirklichkeit von Prostitution als «Sexarbeit» verharmlost und auf die Ebene ganz normaler Arbeit stellt, will die Wahrheit umlackieren. Mit unseren Steuergeldern. Und beendet damit den Freiheitskampf aller Menschen, weil sie nicht mehr benennen dürfen, was sie sehen und empfinden.
Zur Ausstellung hat Dr. Regula Stämpfli Politphilosophin, Podcaster von artisapieceofcake.art sowie selber Kunstsammlerin, einen eigenen Werktext für Ilana Lewitans neue Arbeiten verfasst. Copyright Regula Staempfli, Munich 2026.
„Erinnerung ist bei der international bekannten Münchner Küstlerin Ilana Lewitan kein Archiv, in dem die Vergangenheit ordentlich beschriftet und sicher verwahrt liegt. Lewitans künstlerisches Werk und Erinnerung sind in Bewegung. Vergangenheit taucht auf, die Gegenwart entzieht sich, beides setzt Bilder frei und verwischt im selben Moment eindimensionale Spuren. Lewitans Werk folgt keiner Chronologie, es ist kein Erzählen, sondern die Kunst der Kunst, wo das Werk aus sich, durch die Künstlerin und mit dem Publikum noch kreativer wird. Was wir zu wissen glauben, stimmt selten vollständig mit dem überein, woran wir uns erinnern und was dies für die Gegenwart bedeutet. Bei Lewitans Werk wirkt Manches fort, das wir erst jetzt wahrnehmen können.
Genau in diesem Zwischenraum entstehen die Arbeiten von Ilana Lewitan: zwischen Wissen und Erinnerung, zwischen dem Gesagten und dem Verschwiegenen, zwischen einer historisch beglaubigten Vergangenheit und ihrer kaum greifbaren Gegenwart im eigenen Leben.
Die neuen kleinformatigen Bilder wirken wie innere Landkarten. Wälder, leere Stühle, isolierte Hände, menschliche Körperfragmente, Tiere, Kreise, Augen und rätselhafte Apparaturen begegnen einander in offenen Bildräumen. Nichts ist hier vollständig ausformuliert. Gemaltes, Gezeichnetes und fotografisch Wirkendes überlagern sich, ohne sich zu einer geschlossenen Erzählung zu fügen. Die einzelnen Elemente scheinen Verbindungen anzubieten, widersetzen sich aber einer endgültigen Deutung. Sie verhalten sich darin wie Erinnerungen und Gegenwart: Ein Gegenstand ist plötzlich ganz deutlich, während der Zusammenhang, in dem er einst stand, verloren gegangen ist.
Man könnte diese Arbeiten auch als Topografien des inneren Lebens deuten. Da gibt es Wege, die nirgendwohin führen, Waldstücke ohne erkennbaren Horizont, Räume ohne sichere Begrenzung und Figuren, von denen nur einzelne Körperteile sichtbar bleiben. Der Mensch ist anwesend, aber selten vollständig. Eine Hand hebt sich, zeigt, hält oder warnt. Ein Fuss berührt den Boden. Ein Gesicht erscheint in einem umschlossenen Bildraum. Eine Gestalt steht am Rand, als gehöre sie bereits einer anderen Zeit an. Immer wieder stellt sich die Frage: Wer betrachtet hier wen? Sehen wir ein Bild an – oder werden wir aus dem Bild heraus beobachtet?
Die zahlreichen kreisförmigen Zeichen verstärken diese Ungewissheit. Sie können Augen sein, Lupen oder Erinnerungslinsen, durch die Einzelheiten vergrössert werden. Sie erinnern an Markierungen auf alten Fotografien, an Zielscheiben oder an Löcher in einer Oberfläche. Manchmal scheinen sie etwas festhalten zu wollen, manchmal bezeichnen sie gerade das Fehlende. Sie strukturieren den Blick und führen ihn zugleich in die Irre. Denn Erinnerung zeigt uns niemals das Ganze. Sie richtet unsere Aufmerksamkeit auf einzelne, oft nebensächlich wirkende Details – und erklärt gerade diese zu Trägern einer ganzen Geschichte.
Auch die weissen Flächen sind nicht einfach Hintergrund. Sie sind ein wesentlicher Teil der Komposition. Das Weiss trennt, schützt und isoliert. Es gibt den Bildern Luft, aber es verweist auch auf Auslassung. Hier fehlt etwas. Hier wurde etwas nicht gemalt, nicht ausgesprochen oder noch nicht erinnert. In diesen offenen Flächen bekommt die Stille eine sichtbare Form. Sie ist weder leer noch friedlich. Sie bewahrt, was nicht ohne Weiteres zur Sprache kommen kann.
Lewitans Kunst ist biografisch grundiert, ohne sich in Biografie zu erschöpfen. Als Tochter polnischer Überlebender der Shoah wuchs sie mit einer Vergangenheit auf, die zugleich allgegenwärtig und verschwiegen war. Erst mit fast sechzig Jahren erfuhr sie, was ihr Vater lange verborgen hatte. Ein solches Wissen fügt der eigenen Lebensgeschichte nicht einfach ein neues Kapitel hinzu. Es verändert rückwirkend die vorhergehenden Kapitel. Frühere Gesten, Ängste, Sätze und Formen erhalten plötzlich eine andere Bedeutung. Auch das Schweigen selbst wird lesbar.
Ein Schlüssel zu Lewitans Werk liegt in den Titeln. Was uns im Innersten berührt. Wo die Stille wohnt. Zwischen Wissen und Erinnerung. Ein Ort zum Verweilen. Wohin die Gedanken auch immer hinführen. Was die Stille bewahrt. Zwischen Nähe und Ferne. Schreibe mir einen Liebesbrief. Dort, wo die Erinnerung beginnt. Am Rande der Erinnerung. Auf der Durchreise. Wo Traum und Liebe sich begegnen.
Diese Titel sind keine Bildbeschreibungen. Sie schreiben nicht vor, was wir sehen sollen. Vielmehr öffnen sie einen zweiten Bildraum: einen literarischen, poetischen Raum neben der Malerei. Sie klingen wie Sätze aus einem Gespräch, das unterbrochen wurde, wie Botschaften an einen abwesenden Menschen oder wie Zeilen aus Briefen, deren Empfänger vielleicht nicht mehr erreichbar sind. Manche Titel stellen einen Ort in Aussicht, ohne ihn geografisch festzulegen. Wo wohnt die Stille? Wo beginnt Erinnerung? Wo liegt der Rand dessen, was erinnert werden kann?
Nicht übersehen werden darf wie sinnlich Lewitans Werk ist. Lewitans Farben besitzen eine eigenständige Kraft. Türkis, Blau, Rosa, Rot, Grün und Schwarz stehen nicht bloss im Dienst eines biografischen oder historischen Inhalts. Sie erzeugen Reibung, Temperatur und Rhythmus. Das leuchtende Türkis kann eine Landschaft öffnen und sie im nächsten Moment unwirklich erscheinen lassen. Rosa trägt Zärtlichkeit und Künstlichkeit zugleich. Rot ist Lebensfarbe, Warnsignal und Wunde. Schwarz begrenzt, verschattet und hält die übrigen Farben zusammen. Farbe, Titel, Werk führen uns zur Kunst, dort, wo Wissen seine Sicherheit verliert, Erinnerung zu sprechen beginnt und die Gegenwart immer wieder neu gesehen, gedacht und gemalt werden kann.“
Heute werden sie Netzwerke genannt, gestern Ehrenamt, alles wichtige Bestandteile des Milizsystem Schweiz – ging es aber um Arbeit waren nur die Frauen gefragt. Die Geschichte der Freiwilligkeit in der Schweiz wurde in einem sehr klugen Projekt untersucht: Freiwilligkeit und Geschlecht. Neuverhandlung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung seit den 1970er-Jahren unter der Leitung von Prof. Dr. Regula Ludi. https://data.snf.ch/grants/grant/200458
Freiwilligenarbeit: Frauen in den 1970er und 1980er Jahren engagierten sich untereinander, stopften die Löcher des Sozialstaates und transformierten die Schweiz von einem erzpatriarchalen Land in einen modernen Staat. Freiwilligkeit als revolutionäres Potential zwecks Befreiung der engen Frauenrollen. Mit der WTO, im Zuge der uneingeschränkten Globalisierung und Migration bei gleichzeitiger Professionalisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche, werden bürgerliche und revolutionäre Konzepte der Freiwilligkeit aufgelöst: Es bleiben vorwiegend Staat und Kapital. Wirklich? Ein hochkarätiges Podium in Bern geht diesen spannenden Fragen freiwillig nach.
Sprechaktpolitik statt Journalismus: Wie ÖRR & Leitmedien einen Terroranschlag in der Grösse eines neuen 9/11 mit Ziel Tel Aviv verharmlosen, nicht benennen und dadurch den Dschihadsmus, die Schlachten der ISLAMISTEN legitimieren. Regula Stampfli/laStaempfli über das Zeitalter algorithmischer Reproduktion und dessen Folgen für die mediale Demokratie.
Die Zerstörung der Grammatik der Tatsachen. UPDATE zu 9/11 auf Tel Aviv, 3. Oktober 2026: Die «Auseinandersetzung» war ein Terrorakt. Regula Stämpfli, laStaempfli über Algorithmen, Codes, Medien und weshalb der Journalismus unsere liberalen Demokratien mehr und mehr verrät.
Einen Tag nach Veröffentlichung von Regula Stämpflis Medienkritik (siehe https://x.com/laStaempfli/status/2105604654214033538 und weiter unten im Beitrag) ist aus der vermeintlichen «Auseinandersetzung im Cockpit» offiziell geworden, was die Tatsachen von Anfang an nahelegten: ein Terrorakt.
“Die Generalstaatsanwaltschaft der Vereinigten Arabischen Emirate bezeichnet den Angriff auf Flydubai-Flug 1073 inzwischen als terroristische Tat. Der Copilot soll den Kapitän nicht bloss mit einem Messer, sondern mit einer im Cockpit befindlichen Notfallaxt angegriffen und versucht haben, die Kontrolle über die nach Tel Aviv fliegende Maschine zu erlangen. Berichten zufolge war er bereits früher wegen extremistischer Auffälligkeiten vom Flugbetrieb ausgeschlossen worden. Das Medien immer noch über die Motive spekulieren, ist sehr seltsam und zeigt, wie weit die Legitimierung islamistischen Terrors durch eine individuelle Motivlage fortgeschritten ist. Vor 25 Jahren wäre es keinem Menschen in den Sinn gekommen, die Motive 9/11 je nach Täter unterschiedlich, auszuklabüstern. Die Urteilskraft, was Terror, Täter und Islamist und wer Opfer ist, wird im „Zeitalter algorithmischer Reproduktion“ regelrecht ausgesetzt. Damit erhält das anfängliche Sprachversagen von BBC, ARD, SRF, New York Times und anderen Medien eine zusätzliche Dimension. Die ÖRR & Leitmedien meldeten eine «altercation», einen «fight», einen «struggle», eine «Auseinandersetzung» oder einen «Vorfall». Nun erklären die zuständigen Behörden: Terror.
Aus der Prügelei wurde ein Terroranschlag, ohne dass sich die Tat nachträglich verändert hätte. Verändert hat sich lediglich die behördliche Erlaubnis, die linksislamistisch sensible öffentlich-rechtliche Medien brauchen, um überhaupt den Terror beim Namen zu nennen.
Genau darin liegt das Problem.
Journalistische Vorsicht verlangt, ein noch nicht erwiesenes Motiv als unbestätigt zu kennzeichnen. Sie verlangt nicht, bereits bekannte Handlungen sprachlich zu verniedlichen. Ein Angriff mit einer Axt ist keine Auseinandersetzung. Ein Sturzflug mit 174 Passagieren ist kein Streit unter Kollegen. Der Transpondercode für widerrechtliche Einwirkung ist kein atmosphärisches Missverständnis. Wer Täter und Opfer unter dem Wort «Konflikt» zusammenführt, informiert nicht vorsichtig. Er zerstört die Grammatik des Geschehens.
Die Tatsachen lagen vor. Nur die Wörter durften ihnen nicht folgen.
Schreiben, was ist. Regula Stämpfli.
Hinter dieser sprachlichen Vernebelung steht ein tieferes Problem: die Furcht, eine islamistische Motivation auch nur als begründete Möglichkeit zu benennen. Nicht aus Mangel an Anzeichen, sondern aus Angst vor dem politischen Vorwurf, «islamophob» zu berichten.
So entsteht ein perfekter ideologischer Zirkelschluss:
Islamistische Gewalt darf nicht als islamistisch bezeichnet werden, solange das Motiv nicht abschliessend bewiesen ist. Hinweise auf Radikalisierung dürfen aber ebenfalls nicht offen diskutiert werden, weil bereits deren Thematisierung als Vorurteil gegenüber Muslimen gilt. Wer dennoch fragt, gerät unter Islamophobieverdacht. Und weil kaum jemand diesen Verdacht riskieren will, verschwindet die Wirklichkeit aus der Berichterstattung, die dann zur Wiederholung der islamistischen Ideologie verkommt.
Am Ende gibt es eine Tat ohne Weltanschauung, einen Täter ohne Absicht und Opfer ohne erkennbaren Grund.Das ist keine Rücksichtnahme auf Muslime. Es ist die Preisgabe journalistischer Urteilskraft.
Der Islam ist eine Religion, der Islamismus eine politische Herrschaftsideologie und der Dschihadismus deren terroristische Zuspitzung. Muslimische Menschen verdienen Schutz vor Hass und Diskriminierung. Religionen, Verbände, politische Bewegungen und totalitäre Programme müssen hingegen kritisiert und zwecks Überleben der liberalen Demokratie auch rechtsstaatlich und aktiv bekämpft werden dürfen. Wer diese Ebenen absichtlich vermischt, schützt nicht Menschenrechte. Er errichtet ein informelles Blasphemieverbot.
Terroristen und ihre und ihre westlichen Apologeten profitieren genau von dieser Vermischung: Sie stellen Kritik an einer politischen Ideologie als Angriff auf eine Bevölkerungsgruppe dar. Aus dem Schutz von Menschen wird der Schutz einer Weltanschauung. Aus Antidiskriminierung wird Zerstörung der liberalen Demokratie.
Das ist der Wahnsinn unserer Gegenwart: Eine Ideologie wird aus ideologischen Gründen vor ihrer Benennung geschützt.
Diese Sprachpolitik macht zwei Gruppen unsichtbar.
Sie macht zunächst die Opfer islamistischer Gewalt unsichtbar: Juden, Israelis, säkulare Muslime, Ex-Muslime, Frauen, Homosexuelle, Oppositionelle, Journalistinnen und all jene, die unter religiös begründeter Herrschaft leben oder vor ihr geflohen sind.
Und sie macht jene Muslime unsichtbar, die selbst gegen Islamismus kämpfen. Wer jede Kritik und Benennung des politischen Islam als «islamophob» bezeichnet, unterstellt letztlich, alle Muslime müssten mit islamistischen Forderungen identifiziert werden. Genau das ist die Pauschalisierung, die angeblich bekämpft werden soll. Die erste Pflicht des Journalismus lautet deshalb nicht, eine Religion zu schützen oder eine politische Empfindlichkeit zu verwalten. Seine erste Pflicht gilt der Wirklichkeit und sagen, was ist.
Origiginalartikel auf X von Regula Staempfli: ***„Auseinandersetzung“: Wie BBC, ARD, SRF, N.Y. Times einen Anschlag als Auseinandersetzung in der Teeküche behandeln.
Von Regula Stämpfli
Am 30. September 2026 stürzt eine Boeing auf dem Weg von Dubai nach Tel Aviv in weniger als dreissig Sekunden um mehr als viertausend Meter. Der Copilot sticht den Kapitän nieder. Der Inder Smit Machchhar, blutend, öffnet die Cockpittür. Passagiere, darunter Yaniv Hayun, überwältigen den Angreifer. Eine zweite Crew landet die Maschine in Tabuk. 174 Menschen leben. Israel spricht von einem vereitelten dschihadistischen Anschlag. Saudi-Arabien nimmt den Copiloten fest. Die Maschine hat zuvor den Code 7500 gesendet: widerrechtliche Einwirkung auf den Flug.
Die Weltpresse meldet indessen eine Rangelei.
CNN: „violent altercation“ ( gewalttätige Auseinandersetzung). Die New York Times: „altercation between the pilot and co-pilot“. AFP: sie hätten sich geprügelt. Das Wall Street Journal: „struggle“. Sky: „brawl“. Die BBC: „fight“. Flydubai selbst spricht von einer Auseinandersetzung im Cockpit und bittet, nicht zu spekulieren. Die Wörter, die die Vorgänge beschreiben, fehlen: Messer, Sturzflug, Absicht, Israelis an Bord. Das sind die Fakten, die explizit benennt werden können. Doch was passiert? Täter und Opfer werden gleichgestellt mit einer „Prügelei.“ Hätte ein Copilot eine Kapitänin niedergestochen, stünde in keiner Schlagzeile „Prügelei“. Dann wäre es ein „Messerangriff auf die Pilotin.“ Es bestünde ein Unterschied zwischen Angreifer und Opfer. Doch weil die Passagiere Israeli sind und der Kapitän ein Mann, tut die Presse so als wäre es eine „Auseinandersetzung“ gewesen – welch Schande des Journalismus.
George Orwell hat 1946 beschrieben, was hier geschieht. Politische Sprache, schrieb er, sei dazu da, Lügen wahr klingen zu lassen und dem Mord einen anständigen Anzug zu schneidern. Nicht indem man lügt. Indem man das Verb abtötet. Ein Mann, der ein Flugzeug voller Menschen in den Boden steuern will, ist kein Partner einer „altercation“. Er ist ein Angreifer. Der öffentlich-rechtliche deutschsprachige Raum übersetzt die Anglizismen ins Amtsdeutsch. SRF titelt nicht über den vereitelten Absturz. SRF titelt: „Netanjahu und Modi würdigen angegriffenen Piloten als Helden.“ Der Lead lautet: „Nach der Gewalttat auf einem Flug nach Tel Aviv haben politische Würdenträger den mutmasslich von seinem Kollegen angegriffenen Piloten gewürdigt.“ Das ist keine Nachricht. Das ist ein Protokoll. „Politische Würdenträger“ ist das Vokabular der Hofberichterstattung. „Würdigen“ ist das Verb der Gedenktafel. „Mutmasslich von seinem Kollegen angegriffen“ stellt Täter und Opfer in eine Kollegialität, als hätte sich in der Teeküche etwas Unerfreuliches ergeben. Die Gewalttat hat kein Subjekt. Der Angriff hat kein Ziel. Der Held steht in der Überschrift nur, weil zwei Regierungschefs ihn so genannt haben. Das Urteil bleibt ausgelagert.
Die Tagesschau verfährt feiner. „Gewalt im Cockpit.“ „Kampf an Bord.“ „Möglicherweise versuchter Anschlag.“ Das Fragezeichen ist die eigentliche Aussage. Ein Verteidigungsminister, der von einem dschihadistischen Anschlagsversuch spricht, ein Premierminister, der den Kapitän einen wahren Helden nennt, ein Passagier im blutigen Hemd, der schildert, wie er den Angreifer aus dem Cockpit zerrt: alles zitierfähig. Die eigene Sprache bleibt im Konjunktiv der Vorsicht. Wer „Held“ in Anführungszeichen setzt, setzt nicht Distanz zur Propaganda. Er setzt Distanz zur Tat.
Orwell nannte das den Verfall der Sprache zum politischen Instrument. Im 1984heisst das Neusprech: den Wortschatz so verkleinern, dass bestimmte Gedanken nicht mehr formulierbar sind. Man muss den Terror nicht leugnen. Es genügt, ihn „Vorfall“ zu nennen, die Rettung „Würdigung“ und den Mann, der mit Stichwunden die Tür öffnet, „mutmasslich angegriffen“. Dann bleibt von der Wirklichkeit ein Verwaltungsakt. Es gibt einen legitimen Vorbehalt. Motiv und Auftrag sind nicht gerichtlich festgestellt. Die Emirate prüfen. Die Fluggesellschaft warnt vor voreiligen Schlüssen. Ein Nachrichtenmedium darf „Terror“ nicht als Fakt setzen, bevor die Ermittlung ihn trägt. Es darf ihn aber auch nicht durch „brawl“ ersetzen, wenn Messer, Sturzflug und der Code der widerrechtlichen Einwirkung bereits auf dem Tisch liegen. Vorsicht ist nicht dasselbe wie Vernebelung.
Der Unterschied ist die Urteilskraft. Sie besteht darin, zu sagen: Hier hat jemand versucht, ein Flugzeug mit Israelis an Bord in den Boden zu fliegen. Es gibt einen verletzten Kapitän und mutige Passagiere, die dies verhindern. Dies ist ein Attentat bis das Gegenteil feststeht. Und die Heldentat braucht nicht in Anführungszeichen gesetzt werden.
Wer die Rettung wie SRF als Würdigung durch Würdenträger erzählt, erzählt nicht den Flug. Er erzählt die eigene Angst vor dem Wort. Orwell hätte dies sofort entlarvt, Hannah Arendt hätte dies dokumentiert. Es ist eine Schande, eine bösartige Manipulation und eine organisierte Desinformation, die hier dokumentiert werden muss
Hannah Arendt Kontroversen: Zehn Thesen gegen ihre politische Vereinnahmung
Von Dr. Regula Stämpfli, Politphilosophin, Bestseller-Autorin, KI-Forensikerin. Copyright 2026
1. Hannah Arendt darf nicht zur Heiligen einer politischen Gesinnung gemacht werden
Hannah Arendt war keine linke, rechte, liberale oder konservative Gewährsfrau. Sie dachte gegen ideologische Lager und verweigerte sich der intellektuellen Bequemlichkeit. Wer einzelne Sätze aus ihrem Werk herauslöst, um gegenwärtige politische Positionen nachträglich mit ihrer Autorität auszustatten, verrät ihr „Denken ohne Geländer“. Arendt hinterliess keine Glaubenslehre, sondern eine Methode des politischen Urteilens: Wirklichkeit wahrnehmen, Unterschiede benennen und sich der eigenen Meinung niemals sicherer sein als der Tatsachen.
2. Die Liebesgeschichte mit Martin Heidegger verdeckt Arendts eigenes Werk
Die populäre Erzählung von der jüdischen Denkerin und ihrem nationalsozialistischen Lehrer reduziert Hannah Arendt auf eine dramatische Nebenfigur im Leben eines berühmten Mannes. Aus einer klassischen Schwärmerei der Schülerin für ihren Lehrer – eine Schülerin, die Heideggers Werk überhaupt erst international bekannt gemacht hat – entsteht eine kulturelle Endlosschleife, die Heideggers politische Verantwortung ästhetisiert und Arendts Eigenständigkeit verkleinert. Hannah Arendt muss aus dem Schatten Heideggers herausgelesen werden: als Flüchtlingshelferin, Staatenlose, Autorin, politische Theoretikerin und öffentliche Intellektuelle.
3. Arendts Denken entstand aus Verfolgung, Flucht und Staatenlosigkeit
Arendts politische Theorie ist nicht am Schreibtisch allein entstanden. Gestapo-Haft, Flucht, Internierung, Staatenlosigkeit und Exil prägten ihr Denken über Herrschaft, Menschenrechte und Zugehörigkeit. Ihre berühmte Forderung nach dem „Recht, Rechte zu haben“ bezeichnet deshalb kein abstraktes Menschenrecht. Sie meint das elementare Recht, einer politisch organisierten Gemeinschaft anzugehören, in der ein Mensch sprechen, handeln und als Person erscheinen kann.
4. Totalitarismus beginnt mit der Zerstörung der gemeinsamen Wirklichkeit
Totalitäre Herrschaft benötigt nicht nur Gewalt, Polizei und Führerkult. Sie gedeiht dort, wo Tatsachen ihren bindenden Charakter verlieren, Menschen vereinsamen und Propaganda die gemeinsame Welt durch ideologische Fiktionen ersetzt. Im digitalen Zeitalter treten an die Stelle zentral gelenkter Propaganda millionenfach wiederholte Frames, automatisierte Empörung, algorithmische Belohnung und öffentliche Pranger. Der digitale Totalitarismus besitzt nicht immer ein Ministerium – oft genügt ihm eine Plattform.
5. Codes sind die Ideologien des 21. Jahrhunderts
Was Arendt als Ideologie analysierte, erscheint heute zunehmend als Code: als technische Vorgabe, sprachliche Schablone, algorithmische Sortierung und scheinbar alternativlose Klassifikation. Codes beschreiben die Welt nicht nur, sie ordnen Sichtbarkeit, Anerkennung und Ausschluss. Sie entscheiden darüber, welche Wirklichkeit auffindbar ist und welche im Datenloch verschwindet. Deshalb lautet die demokratische Frage unserer Zeit nicht nur: Wer regiert? Sie lautet auch: Wer programmiert, wer kategorisiert, wer berichtet, wer verschweigt, und wer und was wird aus dem Bild gestrichen?
6. „Die Banalität des Bösen“ darf Eichmanns Überzeugungen nicht verharmlosen
Arendts Formel bezeichnet die erschreckende Gedankenlosigkeit moderner Täter: Menschen können sich in Verwaltung, Sprache und Pflichterfüllung einrichten, ohne über die Bedeutung ihrer Handlungen zu urteilen. Doch Adolf Eichmann war nicht lediglich ein farbloser Bürokrat. Er war Akteur und Organisator eines antisemitischen Vernichtungsprogramms. Er definierte sich nicht als Judenhasser, tat aber alles in seiner Macht stehende, um das jüdische Volk auszurotten. Arendts Begriff bleibt erkenntnisreich, wenn er die moderne Arbeitsteilung des Verbrechens erklärt. Er wird problematisch, sobald die Banalität des Bösen auf alles und jedes angewendet wird. Wenn Alle zu Tätern erklärt werden, ist letztlich niemand mehr schuldig.
7. Arendt war weder antizionistische Prophetin noch unkritische Zionistin
Hannah Arendt arbeitete für zionistische Organisationen, half jüdischen Jugendlichen bei der Flucht und verteidigte jüdische Selbstbehauptung. Sie verdankt zionistischen Organisationen ihr Überleben und Einkommen. Hannah Arendt ist aber auch ein Kind ihrer Zeit und stark sozialistisch, und mit ihrer grossen Liebe zu Heinrich Blücher, auch kommunistisch geprägt. Deshalb war sie vehemente Internationalistin. Laut Eigenzeugnis wurde Hannah Arendt ja auch erst zur Jüdin von den Nationalsozialisten gemacht. Hannah Arendt als Denkerin gegen Israel benutzen, ist nichts anderes als Hannah Arendt posthum zwecks antisemitischer Legitimation heranzuziehen. Hannah Arendts Judentum war säkular, ihre Einschätzung zu Israel widersprüchlich und – wie auch im Diskurs zur Aufhebung der Rassentrennung an US-amerikanischen Schulen, von Fehleinschätzungen geprägt. Hannah Arendts Schriften berechtigen zur Kritik an staatlichem Handeln – nicht zur Leugnung des jüdischen Rechts auf politische Existenz und Selbstverteidigung.
8. Arendts Name wird heute häufig gegen ihr Denken eingesetzt
Preise, Institute, Konferenzen und politische Kampagnen berufen sich auf Hannah Arendt, während sie zentrale Elemente ihres Werks missachten: Tatsachenbindung, Pluralität, Urteilskraft, Schutz der politischen Öffentlichkeit und Widerstand gegen Antisemitismus. Ein Name ersetzt keine Auseinandersetzung. Wo „Hannah Arendt“ lediglich als moralisches Gütesiegel dient, muss gefragt werden, ob nicht gerade jene ideologische Vereinnahmung stattfindet, gegen die sie ihr Leben lang anschrieb.
9. Frauen haben das geistige Erbe des 20. Jahrhunderts mitgeschaffen – und wurden daraus herausgeschrieben
Hannah Arendt schrieb nicht nur eigene grosse Werke. Sie unterstützte, vermittelte und publizierte die Arbeiten anderer, darunter Walter Benjamin, Karl Jaspers und Martin Heidegger. Dennoch wird ihre Biografie immer wieder über die Männer erzählt, denen sie begegnete. Diese Umkehrung ist strukturell: Frauen erscheinen als Musen, Geliebte oder Helferinnen, obwohl sie Netzwerke schufen, Manuskripte retteten und intellektuelle Karrieren ermöglichten. Eine gerechte Geistesgeschichte muss diese unsichtbare Arbeit sichtbar machen.
10. Amor Mundi ist keine sentimentale Weltliebe, sondern eine politische Verpflichtung
Arendts Liebe zur Welt bedeutet nicht, die Welt schönzureden. Sie verlangt, sie mit anderen zu teilen, ihre Tatsachen auszuhalten und Verantwortung für ihren Fortbestand zu übernehmen. Politik entsteht im Dazwischen: dort, wo verschiedene Menschen sprechen, handeln und etwas Neues beginnen können. Gegen ideologische Gewissheit, algorithmische Vereinzelung und digitale Wirklichkeitsflucht setzt Arendt die Urteilskraft. Freiheit beginnt mit der Geburt – doch sie besteht nur fort, wenn Menschen den Mut haben, die gemeinsame Welt immer wieder neu zu gründen.
Schluss: Die Popularisierung von Hannah Arendt inklusive Ausschöpfung ihrer Briefe, Schriften, Darstellung jedes Details ihres Lebens, banalisieren die grosse Denkerin der Moderne. An den Hochschulen kommt dies einem riesigen Versäumnis der Lehre und Forschung gleich.
Am 30. September 2026 stürzt eine Boeing auf dem Weg von Dubai nach Tel Aviv in weniger als dreissig Sekunden um mehr als viertausend Meter. Der Copilot sticht den Kapitän nieder. Der Inder Smit Machchhar, blutend, öffnet die Cockpit-Tür. Passagiere, darunter Yaniv Hayun, überwältigen den Angreifer. Eine zweite Crew landet die Maschine in Tabuk. 174 Menschen leben. Israel spricht von einem vereitelten dschihadistischen Anschlag. Saudi-Arabien nimmt den Copiloten fest. Die Maschine hat zuvor den Code 7500 gesendet: widerrechtliche Einwirkung auf den Flug. Wäre der Flug nicht vom beherzten Kapitän, unter Einsatz seines eigenen Lebens und der israelischen Besatzung im Flugzeug, wieder auf Kurs gebracht worden, wäre ein Verbrechen in der Dimension von 9/11 geschehen: Das Flugzeug war auf Kurs von Tel Aviv – es hätte wohl als Werkzeug der terroristischen Verheerung dienen sollen.
Die Weltpresse meldet indessen eine Rangelei.
CNN: „violent altercation“ ( gewalttätige Auseinandersetzung). Die New York Times: „altercation between the pilot and co-pilot“. AFP: sie hätten sich geprügelt. Das Wall Street Journal: „struggle“. Sky: „brawl“. Die BBC: „fight“. Flydubai selbst spricht von einer Auseinandersetzung im Cockpit und bittet, nicht zu spekulieren. Die Wörter, die die Vorgänge beschreiben, fehlen: Messer, Sturzflug, Absicht, Israelis an Bord. Das sind die Fakten, die explizit benennt werden können. Doch was passiert? Täter und Opfer werden gleichgestellt mit einer „Prügelei.“ Hätte ein Copilot eine Kapitänin niedergestochen, stünde in keiner Schlagzeile „Prügelei“. Dann wäre es ein „Messerangriff auf die Pilotin.“ Es bestünde ein Unterschied zwischen Angreifer und Opfer. Doch weil die Passagiere Israeli sind und der Kapitän ein Mann, tut die Presse so als wäre es eine „Auseinandersetzung“ gewesen – welch Schande des Journalismus.
George Orwell hat 1946 beschrieben, was hier geschieht. Politische Sprache, schrieb er, sei dazu da, Lügen wahr klingen zu lassen und dem Mord einen anständigen Anzug zu schneidern. Nicht indem man lügt. Indem man das Verb abtötet. Ein Mann, der ein Flugzeug voller Menschen in den Boden steuern will, ist kein Partner einer „altercation“. Er ist ein Angreifer. Der öffentlich-rechtliche deutschsprachige Raum übersetzt die Anglizismen ins Amtsdeutsch. SRF titelt nicht über den vereitelten Absturz. SRF titelt: „Netanjahu und Modi würdigen angegriffenen Piloten als Helden.“ Der Lead lautet: „Nach der Gewalttat auf einem Flug nach Tel Aviv haben politische Würdenträger den mutmasslich von seinem Kollegen angegriffenen Piloten gewürdigt.“ Das ist keine Nachricht. Das ist ein Protokoll. „Politische Würdenträger“ ist das Vokabular der Hofberichterstattung. „Würdigen“ ist das Verb der Gedenktafel. „Mutmasslich von seinem Kollegen angegriffen“ stellt Täter und Opfer in eine Kollegialität, als hätte sich in der Teeküche etwas Unerfreuliches ergeben. Die Gewalttat hat kein Subjekt. Der Angriff hat kein Ziel. Der Held steht in der Überschrift nur, weil zwei Regierungschefs ihn so genannt haben. Das Urteil bleibt ausgelagert.
Die Tagesschau verfährt feiner. „Gewalt im Cockpit.“ „Kampf an Bord.“ „Möglicherweise versuchter Anschlag.“ Das Fragezeichen ist die eigentliche Aussage. Ein Verteidigungsminister, der von einem dschihadistischen Anschlagsversuch spricht, ein Premierminister, der den Kapitän einen wahren Helden nennt, ein Passagier im blutigen Hemd, der schildert, wie er den Angreifer aus dem Cockpit zerrt: alles zitierfähig. Die eigene Sprache bleibt im Konjunktiv der Vorsicht. Wer „Held“ in Anführungszeichen setzt, setzt nicht Distanz zur Propaganda. Er setzt Distanz zur Tat.
Orwell nannte das den Verfall der Sprache zum politischen Instrument. Im 1984heisst das Neusprech: den Wortschatz so verkleinern, dass bestimmte Gedanken nicht mehr formulierbar sind. Man muss den Terror nicht leugnen. Es genügt, ihn „Vorfall“ zu nennen, die Rettung „Würdigung“ und den Mann, der mit Stichwunden die Tür öffnet, „mutmasslich angegriffen“. Dann bleibt von der Wirklichkeit ein Verwaltungsakt. Es gibt einen legitimen Vorbehalt. Motiv und Auftrag sind nicht gerichtlich festgestellt. Die Emirate prüfen. Die Fluggesellschaft warnt vor voreiligen Schlüssen. Ein Nachrichtenmedium darf „Terror“ nicht als Fakt setzen, bevor die Ermittlung ihn trägt. Es darf ihn aber auch nicht durch „brawl“ ersetzen, wenn Messer, Sturzflug und der Code der widerrechtlichen Einwirkung bereits auf dem Tisch liegen. Vorsicht ist nicht dasselbe wie Vernebelung.
Der Unterschied ist die Urteilskraft. Sie besteht darin, zu sagen: Hier hat jemand versucht, ein Flugzeug mit Israelis an Bord in den Boden zu fliegen. Es gibt einen verletzten Kapitän und mutige Passagiere, die dies verhindern. Dies ist ein Attentat bis das Gegenteil feststeht. Und die Heldentat braucht nicht in Anführungszeichen gesetzt werden.
George Weinberg und Regula Stämpfli im Gespräch über die Kunst des Widerspruchs, über die Kunst der Politik.
Ein Land, zwei Lager und eine politische Debatte, die festgefahren scheint. Wenn wir über die Zukunft der westlichen Welt sprechen, fällt ein Name unweigerlich zuerst: Donald Trump. Für die einen ist er ein rotes Tuch, für die anderen ein notwendiger Disruptor. In diesem Podcast geht es um die Kunst der Politik und das Experiment, die eigene laStaempfli Komfortzone der links-feministischen Bubble zu verlassen und einen sehr klugen Gesprächspartner zu Wort kommen zu lassen. Wir blicken mit George Weinberg (Unternehmer, Berater, Geschäftsführer “Grundwert USA” und Republicans Oversees) hinter die Kulissen der Macht und fragen: Was, wenn der radikale Bruch mit den alten Konventionen genau das ist, was das System braucht?
Zu Gast ist heute George Weinberg. George Weinberg ist einer der profiliertesten politischen Vertreter der US-Republikaner im deutschsprachigen Raum. Als Vorsitzender und Geschäftsführer der Republicans Overseas Germany repräsentiert er die Interessen der konservativen US-Bürger im Ausland und gilt als überzeugter Verfechter des Trump-Flügels (der MAGA-Bewegung). George Weinberg und Regula Stämpfli sprechen über eine Stunde zur Kunst der Politik, zum Mediafail der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland, wenn es um die USA und Israel geht, wir reden über strategische Allianzen und die steile These, weshalb Donald Trump am Ende gut für uns alle sein könnte. Ein Gespräch über Realpolitik abseits der gängigen Schlagzeilen. Schärfen Sie Ihre Argumente, öffnen Sie den Geist – und los geht’s. Zur Webseite George Weinberg, https://www.republicans-germany.de/blog
Kunst entsteht nicht nur dort, wo Menschen einander bestätigen. Sie entsteht auch im Widerspruch, in der Reibung und im Versuch, eine andere politische Wirklichkeit zu verstehen, ohne sie sich zu eigen zu machen.
Eine persönliche Bemerkung von Regula Stämpfli. Mein heutiger Gast, Dr. George Weinberg, vertritt in mehreren Fragen deutlich andere Positionen als normalerweise auf Art Is A Piece of Cake geäussert werden. Besonders in der Einschätzung der AfD liegen Regula Stämpfli und George Weinberg weit auseinander. Gerade deshalb veröffentliche ich dieses Gespräch. Ein Podcast ist kein Gesinnungszertifikat und ein Interview keine Zustimmungserklärung. Art is a Piece of Cake versteht Kunst auch als Kunst des Gesprächs: als Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten, Widerspruch kenntlich zu machen und dennoch zuzuhören. Das folgende Gespräch dokumentiert eine demokratische Begegnung auf Augenhöhe – etwas, das viel zu selten passiert.
Nächte der Philosophie 2026 by Regula StämpfliRegula Stämpfli fotografiert HR Giger in Gruyère 2026.
Willkommen im gleichzeitigen polit-philosophischen Denken zu:
Institutionen,
Körper,
Codes,
Geschichte,
Narrative
Neue Architektur der Macht zu den Themen Krieg und Pornokratie
Ich nähere mich meinem Thema Krieg, Pornokratie und die strategische Macht der Narrative in drei Schritten:
Zunächst zehn Thesen zu Krieg, zehn zu Pornokratie und dann zehn Thesen von mir, wie wir Krieg und Pornokratie neu denken sollten. Einen Spoiler schon jetzt: Es geht um Menschenfleisch, den Austausch, den Transfer von Körper und Kapital, der in der Geschichte der letzten 6000 Jahre entlang gesellschaftlich gültige Narrative für die radikal sozialen Tiere namens Menschen von globalen Eliten organisiert wurden. Und ja: Es gibt durchaus Narrative, Menschenbilder, die besser sind als andere. Darin unterscheide ich mich vehement von den Sophisten, die Meinungen zu Fakten umdeuten und momentan im Zeitalter digitaler Reproduktion wieder die totalitäre Mehrheit bilden oder zumindest daran sind, diese zu etablieren.
Doch eines ist einfach zu verstehen: In der Menschheitsgeschichte gibt es Menschen, die ihr Fleisch zum Verkauf, zur Miete, zum Gebrauch anbieten müssen, verwendet und verkauft werden, und es gibt ein paar Akteure, Institutionen und Ideologien, die exakt benennt werden müssen, die dieses Menschenfleisch für sich in Anspruch nehmen. Menschen sind Körper, die beschriftet werden. Diese Beschriftung erfolgt zunächst durch mächtige Erzählungen und nistet sich dann unter die Haut ein. Krieg und Pornokratie, die die sog. Sexarbeit strukturiert, also Körperteile auf Zeit als Verfügungsmasse für eine schmale Elite bereitzustellen, lässt sich in die Menschheitsgeschichte einordnen. Es gibt nur eine kurze befreite Epoche, die diesen Tausch verändert hat und zwar die liberale Demokratie.
Pornokratie. Was für ein Wort. Es klingt nach spätrömischer Dekadenz, nach vergoldeten Leibern auf zerfressenen Imperienthronen, nach Pasolini-Filmen voller Dreck, Blut, Sperma und Macht, nach jener letzten Phase einer Kultur, in der der Körper nicht mehr als menschlicher Ausdruck, sondern nur noch als zirkulierende Oberfläche wahrgenommen wird. Und doch beschreibt das Wort die Gegenwart erschreckend präzise. Wir leben in einer Zeit, in der Krieg pornographisch geworden ist und Pornographie kriegerisch. Beide operieren mit denselben Mechanismen: Entmenschlichung, Wiederholung, Emotionalisierung, Reizüberflutung und algorithmischer Verstärkung. Der Körper ist nicht mehr Person, sondern Content. Das Opfer ist nicht mehr Mensch, sondern Bildträger. Und die Gewalt verschwindet paradoxerweise gerade dort, wo sie pausenlos sichtbar wird.
Der Krieg wird ästhetisch konsumiert wie eine Netflix-Serie. Und gleichzeitig wird Pornographie politisch aufgeladen. Jeder Körper wird ideologisch lesbar gemacht. Geschlecht, Hautfarbe, Opferstatus, sexuelle Orientierung, Trauma – alles verwandelt sich in codierte Zeichen innerhalb eines gigantischen digitalen Bedeutungsmarktes. Pasolini verstand dies früher als viele andere. Sein „Salò“ war nie bloss ein Skandalfilm, sondern eine philosophische Diagnose. Der Faschismus, so Pasolini, herrscht nicht allein durch Ideologie, sondern durch die totale Verfügbarkeit des Körpers. Die Konsumgesellschaft vollendet das, was die alten Diktaturen begonnen haben. Der Mensch wird Ware. Der Körper wird Objekt. Das Begehren wird industriell, neu codiert organisiert. Heute, Jahrzehnte später, erscheint Pasolini beinahe prophetisch. OnlyFans, KI-generierte Pornographie, Deepfake-Sexvideos und algorithmische Datingmärkte verwandeln Intimität in eine globale Ökonomie. Millionen junger Frauen und Männer wachsen in einer Welt auf, in der Selbstobjektivierung nicht Ausnahme, sondern Normalität geworden ist. Und gleichzeitig explodiert die Einsamkeit
Menschenfleisch war historisch immer Verhandlungsmasse: Als Söldner und Soldaten verkauft wurden, als Mädchen und Frauen als Tribut, als Sklavinnen der siegenden Macht ausgeliefert wurden. Einzig die westlichen liberalen Demokratien haben dies verändert. Kein Wunder, dass von globalen Eliten sehr mächtig und eindrucksvoll versucht wird, Menschenfleisch wieder ohne Probleme verkaufen und verhandeln zu können. Sei dies via Codes, automatisiert, sei dies für Kriege, kurz, die Errungenschaft der Moderne, die aus dem Christentum stammt, die Sklaverei zu verbieten, soll rückgängig gemacht werden und es ist eindrucksvoll wie Medien, Kulturschaffende, Intellektuelle dies wie in der Sowjetunion, wie in den sozialistischen und marxistischen Totalitarismen in Verbindung mit der jüngsten faschistischen Strömung, dem Islamismus, mittels Codes tatsächlich zu schaffen scheinen.
In der Geschichte der Philosophie spielt das Menschenbild die grundsätzliche Rolle für das jeweilige politische System. Wir wissen dies von den Souveränitätslehren der Aufklärung; Je nach Menschenbild entwickelt sich Herrschaft. Im Zeitalter codierter Fiktionen und Reprioduktionen ist das Menschenbild eines, das auf Auflösung der Biologie basiert. Wie im Christentum wird der Körper verteufelt, dafür die Ideologie geheiligt: Die Seele und auch den Geist gibt es nicht, dafür den Code, den Sprechakt, der Biologie auflösen soll. Krieg und sexuelle Gewalt sind immer an Narrativen gekoppelt. Denn kein Mensch führt aus freien Stücken Krieg, kein Mensch, ausser den Perversen, den krank sozialisierten und stumpfen Männern, würde einfallen, die schlimmste sexuelle Folter anzuwenden, ausser eben es gibt ne gute Geschichte dazu. Dann ist alles machbar. Die neuen technischen Mittel werden immer zuerst auf Krieg und Pornographie angewendet. Bildgebende Verfahren operieren seit über 150 Jahren mit Bildern, die emotionalisieren, entmenschlichen, Unaussprechliches legitimieren. „Im Zeitalter der digitalen Reproduktion“ sind die ikonografischen und philosophischen Bilderrevolutionen algorithmisch verstärkt. Es verschränken sich so ideologische Narrative und materielle Politik: Der Körper wird zur Ware, das Schlachtfeld zum Content, Gewalt zur ästhetischen Oberfläche. Künstliche Intelligenz, Plattformen wie Grok, Gemini, ChatGPT beschleunigen diesen Prozess und produzieren Informationen, die auf Deepfakes, KI-generierten Bildern, basierend auf codierten pornographischen Menschenbildern bauen und Krieg inszenieren, lange bevor die Fakten überprüft sind. Schlimmer noch: Die Wirklichkeit, wie in jedem Krieg, spielt plötzlich überhaupt keine Rolle mehr und wer es wagt, Wahrheit, Fakten zu schreien, wird hingerichtet.
„In Marianne Feders Kriminalroman «Die Kur. Rabbi Elis zweiter Fall» steht eine unkonventionelle Ermittlerin im Zentrum, die sich weder von Autoritäten noch von gesellschaftlichen Erwartungen einschüchtern lässt. Rabbi Eli ist eine starke, aufgeklärte und kluge Frau: intellektuell ebenso überzeugend wie spirituell, selbstsicher und sich ihrer persönlichen Ausstrahlung durchaus gewiss. Ihre riskanten Nachforschungen führen sie in ein Geflecht aus Abhängigkeiten, verdrängten Wahrheiten und subtiler Manipulation.Besonders eindrucksvoll sind Feders profunde Kenntnisse der Theorie und Geschichte der Psychotherapie. «Die Kur» zeigt eindrucksvoll, wie therapeutische Autorität entsteht, Deutungshoheit missbraucht und vermeintliche Hilfe zum Instrument der Kontrolle werden kann.„
Die Schriftstellerin und Kunsttherapeutin Marianne Feder vermittelt in ihren Romanen moderne, liberale und vielschichtiges Bilder jüdischen Lebens in Europa und in N.Y. – mit Ausflügen in die jüdische Geschichte bspw. von Odessa. Die Romane unterscheiden sich deutlich von den konfliktdominierten Bildern vieler Nachrichtensendungen über Israel und das Judentum und sie sind, neben brillanten Dialogen und literarischen Leckerbissen unfassbar komisch. Kulturelle und historische Hintergründe verbinden sich bei Marianne Feder mit einem leichten Zug ins Absurde; die Stories sind unterhaltsam und anspruchsvoll zugleich. Gerade in einer Zeit, die sich verstärkt mit Antisemitismus auseinandersetzen muss, ist dieser scharfsinnig gemachte Krimi von besonderer Aktualität – von Rabbi Eli und Marianne Feder werden wir in Zukunft noch viel mehr hören und erfahren. Das Gespräch zwischen der Schriftstellerin Marianne Feder und Regula Staempfli gehört zur wunderbaren Tradition des „sprechenden Denkens“ und macht Lust auf die Romane von Marianne Feder. Regula Staempfli würde sich ja über eine hochkarätige Netflix-Serie enorm freuen.
Seit 2020 führen Isabel Rohner und Regula Stämpfli gemeinsam den Podcast «Die Podcastin». 2021 wurden sie für den Grimme Online Award nominiert. Als erstes Frauenduo im deutschsprachigen Raum verbanden sie Woche für Woche Frauen mit Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kunst, Literatur und Geschichte. Seither begleiten sie die politischen, verfassungsrechtlichen und digitalen Umbrüche unserer Gegenwart: kenntnisreich, engagiert, literarisch und poetisch – und immer mit der Lust am klugen Widerspruch.
In der neuen Folge sprechen die beiden u.a. über die Erzbischöfin der anglikanischen Kirche, ihre irritierende Nähe zum Islamismus und einen Preis, den sie zurückgeben musste. Das bei der Verleihung entstandene Bild – neben dem Preisträger dessen vollständig schwarz verhüllte Ehefrau – verdichtet die Widersprüche dieser Geschichte zu einem Symbol von seltener Brisanz. Ausserdem: die FLINTA-Orwell-Neusprechanlagen öffentlich-rechtlicher Institutionen und der schleichende Niedergang einer einst grossartigen Gleichstellungspolitik in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Und schliesslich eine der besten Debatten über Briefwahl, über das Wahlrecht von Bürgerinnen und Bürgern im Ausland – und darüber, was Berlin 2026 für uns alle bedeuten könnte.
Die Podcastin: zwei Frauen, zwei unverwechselbare Stimmen und keine Angst vor den Fragen, denen andere lieber ausweichen. Jetzt hören.
Bild kreiert von Denkmaschine laStaempfli aufgrund einer realen Fotovorlage. 2026.