“Die unverstandenen Staaten. Amerika hat gewählt.” Von Regula Staempfli zur Wahl von Donald Trump im Jahr 2024 mit einem Update anlässlich der Fussball WM 2026. “Wer 2026 immer noch glaubt, Donald Trump sei die Geschichte, hat die Geschichte nicht verstanden. Trump ist nicht die Ursache. Trump ist die Störung im System. Die Fehlermeldung. Die paradoxe Intervention einer politischen Klasse, die sich in ihren eigenen Narrativen verfangen hat.”

Die Medien haben sich geirrt. Wieder einmal. Nicht weil Donald Trump ein Genie wäre, sondern weil die Wirklichkeit hartnäckiger ist als Narrative. LASTAEMPFLI

UPDATE Als ich diesen Essay nach den US-Wahlen 2024 schrieb, war die Aufregung über Donald Trump so gross, dass viele Beobachter übersahen, worum es eigentlich ging: nicht um eine Person, sondern um den Zusammenbruch alter politischer und medialer Gewissheiten. Eineinhalb Jahre später zeigt sich ein paradoxes Bild. Donald Trump bleibt eine disruptive Figur, oft erratisch, manchmal grössenwahnsinnig, häufig unberechenbar. Doch die entscheidenden politischen Konfliktlinien verlaufen nicht entlang seiner Person, sondern entlang von Themen, die Medien, Universitäten und Kulturinstitutionen lange ignorierten. Dazu gehört definitiv das Thema MIGRATION. UND ZWAR NICHT als abstrakte Menschenrechtsfrage, sondern als konkrete Frage von Sicherheit, Integration, Wohnraum, Löhnen und vor allem der Stellung von Frauen. Wer durch europäische Städte geht, erkennt rasch: Die Folgen einer fehlgeleiteten Migrationspolitik tragen häufig Frauen zuerst – im öffentlichen Raum, in Schulen, im Sport und in den sozialen Institutionen. Punkto “Frauen im Sport” – ein von den Medien völlig vernachlässigtes Thema ist nach wie vor festzuhalten: In den USA DAUERPRÄSENT. Mädchen und junge Frauen verlieren massenhaft Stipendien und Auszeichnungen an junge Männer, die sich per Sprechakt zu Frauen erklären. Geht dies so weiter, wird die Sparte “Frauensport” durch Transfrauen besetzt – mit ein paar Frauen so nebenbei. Die Verteidigung des Frauensports bleibt unter Frauen, die wählen, ein wirklich wichtiges Thema und wird zur zentralen demokratischen Frage: Haben Frauen als Frauen das Recht auf eigene Räume, eigene Wettbewerbe und eigene politische Vertretung? Millionen Wählerinnen beantworteten diese Frage anders als Medien, Universitäten und Verbände. Dann Stichwort Geopolitik. Die grösste Bedrohung für westliche Demokratien geht heute nicht von alten Gespenstern des 20. Jahrhunderts aus, sondern von autoritären Regimen und ideologischen Bewegungen, die Freiheit, Gleichberechtigung und Rechtsstaatlichkeit offen bekämpfen. Die islamische Republik Irans und ihre Proxies, die Europa und Israel regelmässig in Terrorattacken bedrohen, in Israel mit Dauer-Raktenbeschuss operieren, gehören sicher dazu. Weshalb ausgerechnet die brave Sozialdemokratie, die sich über ein Jahrhundert um die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Wohlstand in Demokratien gekümmert hat, nun die Islamofaschisten symbolisch und mit Kandidierenden unterstützt, wird die grosse Herausforderung künftiger Historikerinnen und Historiker sein. Oder es ist so simpel, wie es im “Archipel Gulag” beschrieben wurde: Kommunismus endet in Listen, Theorie und Mordpraktiken. Vielleicht ist der Islamismus ja auch nur eine Variante davon. Punkto Trump zeigt auch Venezuela, dass Autokratien nicht einfach durch gutes Zureden verschwinden: Geopolitisch hat Donald Trump die Weltpolitik neu gemischt, die VR China von ihren Allianzen mit Iran und Venezuela entfernt und naja: Als Frau im Westen gegen Taliban aller Art zu kämpfen, war noch nie falsch. Ein Blick auf Afghanistan, wo ein totalitäres Mordregime gegen Mädchen und Frauen als Religion verkauft wird und von der UNO toleriert, sollte eigentlich reichen.

Zur Amtszeit von Donald Trump ist deshalb festzuhalten: Trump bleibt eine paradoxe Intervention. Er zwingt politische Eliten, sich mit Realitäten auseinanderzusetzen, die sie zu lange moralisiert, ignoriert oder wegdefiniert haben. Seine grösste Wirkung besteht nicht darin, neue Antworten zu liefern. Seine Wirkung besteht darin, Fragen wieder sichtbar zu machen, die nicht verschwinden, nur weil man sie tabuisiert.

Deshalb bleibt die wichtigste Erkenntnis meines Essays dieselbe wie 2024:

Nicht die Menschen haben sich radikal verändert. Die Codes haben sich verändert. Und wer die Gegenwart verstehen will, muss lernen, zwischen Narrativ und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Trumpism. The Algorithmic Age by Regula Staempfli.
Trumpism. The Algorithmic Age by Regula Staempfli.

(Die aktuelle Sendung zum Thema im Servus TV: https://www.derpragmaticus.com/tv-sendungen 7.6.2026: In der aktuellen Folge Der Pragmaticus geht es um die Frage wie das „Land of the free“ seine Spitzenposition halten kann? Zu Gast sind Schriftsteller und Kulturphilosoph Leon De Winter, Professor für Politikwissenschaft (Uni Salzburg) Reinhard Heinisch und Politikwissenschaftler Ralph Schöllhammer und als Expertin Dr. Regula Staempfli zum Thema Kulturkampf.)

Hier der Essay von damals im Original, siehe https://ensuite.we-are.gmbh/die-unverstandenen-staaten-amerika-hat-gewaehlt/: “Von Dr. Regula Stämpfli – Unsere Essayistin hat zu Donald Trump ein enges Verhältnis. Als Erste prägte sie 2017 den Begriff «Trumpismus», schrieb dazu zwei Jahre später einen Bestseller und rechnete mit den mit Personalisierung, Brands und Polarisierung operierenden Medien ab. Dies nehmen ihr die Journalisten bis heute übel. Weshalb sie 2024 mit dem «Case against Kamala Harris» die US-Wahlen ganz anders sieht als alle anderen – wie, lesen Sie hier. 

«Ich glaube, ich hätte einen verflucht guten Hitler abgegeben.» Dieses Zitat stammt nicht etwa von Donald Trump, sondern von David Bowie aus dem Jahr 1976. Es ist im Kultbuch «Sex Revolts» über Musik und Politik der USA zu finden. Von «Hitler» war 2024 auch viel die Rede. Es war leider die einzige Wahlmobilisierung der unterirdisch schlechten Kampagne der Demokratischen Partei. «Hitler» wurde gewählt, und zwar mit einem Erdrutschsieg, der in der Geschichte der USA fast einmalig ist.

Wie konnte es so weit kommen?

«It is the codes, stupid!» Barack Obama war der erste Smartphone-Präsident, Donald Trump der erste Twitter-Präsident, Joe Biden der letzte klassische Präsident. Seit dem 5. November 2024 sind wir nicht mehr bei den Medienpräsidenten, sondern im neuen «Zeitalter digitaler Reproduktion» angekommen. Dieses kombiniert Codes und «real world» in Echtzeit. Donald Trump bespielte im Wahlkampf alle codierten Medien und kombinierte sie mit realen Auftritten: Podcasts, soziale Netzwerke, Youtube, Tiktok, ein bisserl Facebook, viel Truth Social, noch mehr X/Twitter, ab und an Fox. Gleichzeitig tourten er und sein designierter Vize J.D. Vance durchs Land wie Rockstars. Diese Kombi, «codes and reality», brachte den Erdrutschsieg. Kamala Harris verfügte zwar über ein fünffaches Budget, unglaubliche 1 Milliarde Dollar, doch die Wahlen verlor sie haushoch, und das Wahlkampfteam schreibt bis zum Redaktionsschluss rote Zahlen. Wo sind denn diese Millionen hingeflossen? Das Team Harris, von den Obamas installiert – die Wahlkampfleiterin, die Pollster, die Social-Media-Fütterer sind seit 2008 für die Demokratische Partei engagiert –, hat auf klassische Medien gesetzt. Und zwar fast vollständig. Kein Wunder, berichteten die Fernsehsender alle so wohlwollend über Kamala Harris! Sie machten mit der Kandidatin der Demokraten ein Vermögen. Das letzte wohl in einem US-Präsidentschaftswahlkampf.

Das Harris-Team soll sogar einige Interviews gekauft haben. Dokumentiert sind Spenden an Oprahs Produktionsfirma – die wird es ja auch nötig haben – und an «Call Her Daddy». Letzteres ist ein Sex-Podcast, dem Kamala Harris die Zusage gegeben hat, weil sie nicht zum bekanntesten Podcaster, Joe Rogan, einem Neurechten mit linker Vergangenheit, wollte. Während Joe Rogan mit Donald Trump über 30 Millionen Zuhörende erreichte, plauderte Kamala Harris im Sex-Podcast – wirklich, echt jetzt? – übers «Frausein» und andere Beschwerden. Sie erreichte damit eine sich selbst völlig überschätzende Female Community mit den üblichen Frauenthemen, die ganz normale Frauen echt beleidigen. Meinen die Pop-up-Girls jungen und mittleren Alters echt, dass «Abtreibung» das einzig wichtige Thema von Frauen ist? Was ist mit Lohngleichheit und Karriereposten? Wo blieb die Diskussion um strukturelle Gewalt? Und überhaupt: Weshalb war die Gender-Apartheid im Iran, in Afghanistan, in Saudi-Arabien bspw. kein Thema? Was sollen die Attacken junger, postkolonial indoktrinierter Frauen bspw. auf die bürgerlichen Sufragetten? Ohne diese Heldinnen der Geschichte könnten die gestylten Influencerinnen von heute immer noch nicht studieren, ein eigenes Konto führen, arbeiten und das Geld davon auch behalten! Punkto Frauen haben die meisten Frauen leider immer noch keine Ahnung – and it shows. Die ganze Unterhaltung war oberpeinlich. Wo blieb die substanzielle Diskussion darüber, dass Frauen auch im Westen wenig medienpräsent sind, ausser sie bedienen «Body-Politics» – Stichwort Kim Karda-shian? Weshalb sind die Ärmsten der Armen alleinerziehende Mütter? Weshalb ist der Finanzsektor immer noch ein Boys’ Club mit alltagspornografischer Gesprächskultur? Wo bleiben all die «self-made female millionaires»? Was in aller Welt ist eigentlich im Macho-Silicon-Valley los? Fragen über Fragen, keine gestellt, keine thematisiert. Das Gespräch von Harris bei «Call Her Daddy» – allein der Titel dieses Podcasts ist frauenbeleidigend – gab auch den hinterletzten Frauen das Gefühl: Kamala Harris hat keine Politik, sie kann nichts anderes als Kamala Harris. Welch Schande für die Frauen! Denn wie schon bei Hillary Clinton, auch eine fehlplatzierte Kandidatin, werden amerikanische Möchtegern-Präsidentinnen von der Presse hochgejubelt, um dann umso tiefer zu fallen. Und zwar so, dass sich die Männer ziemlich primitiv gegenseitig auf die Schenkel klopfen können. Oder wird von Frauen einfach mehr erwartet als von Männern? Mit Blick auf den Erfolg von «Call Her Daddy» in den USA möchte ich dies zwar vehement verneinen, trotzdem: Daran ist etwas. Vor allem in Amerika. Denn wenn Amis die Wahl zwischen einer Frau und einem Clown haben, dann gewinnt immer der Clown.

Die krachende Niederlage von Kamala Harris muss dennoch Weckruf bleiben. Frauen haben für die wichtigsten Ämter dieser Welt nur dann eine Chance, wenn sie tatsächlich ebenso qualifiziert sind wie ihr männlicher Konkurrent. Nun werden die meisten einwerfen, Kamala Harris sei ja wohl tausendmal besser qualifiziert gewesen als der orange Clown und Reality-TV-Star Trump. Nun, so einfach sollten wir es uns nicht machen. Donald Trump hat an einer besseren Uni studiert als Kamala Harris. Donald Trump hat mehr Exekutiverfahrung als Harris. Donald Trump wurde in mehreren Wahlverfahren gewählt, Harris immer zuerst ernannt und dann einfach bestätigt. Donald Trump war in diesem Wahljahr überall präsent, Harris versteckte sich in Elitezirkeln. Es kommt noch eines hinzu: Frauen in den USA sind einer derart starken Pornografisierung des Alltags durch Sprache, Memes und Kultur ausgesetzt, dass sie sich dieser Dominanz meist unterwerfen: in Gestus, Frisur, Figur, Kleidung und Stimme. Tja. Harris war definitiv keine gute Kandidatin, andererseits zeigt ihr Beispiel wieder: Auf eine US-Präsidentin müssen wir wohl noch Jahrzehnte warten. Am ehesten wird das Rennen wohl eine Transfrau machen – was eigentlich alles sagen würde über den Zustand der Gleichstellungspolitik.

Was lief denn so schief?

Obwohl mit Kamala Harris die erste schwarze Frau für das höchste Amt in den Vereinigten Staaten kandidierte, waren «Frauen als Frauen» kein Thema. Ging es um Sex, Verhütung, Familie und Karriere, benutzte die demokratische Wahlmaschine das Gender-Speak einer Minderheit. Dieses Neusprech mögen die meisten Unter- und Mittelschichtsamis nicht. Latinx? Eine abstruse Fehlkonstruktion extrem linkstotalitärer Sprachfetischisten. Der Begriff hatte in den Wahlen keine Chance. Frauen wählten Kamala Harris nicht – daran gibt es nichts zu rütteln. Frauen wählten Kamal Harris nicht nicht, weil sie eine Frau war – das haben sicherlich viele Männer getan –, sondern weil Harris keine Themen ausser «Abtreibung» bewarb. Die erste Euphorie für Kamala Harris als erste nicht weisse weibliche Präsidentschaftskandidatur legte sich dann nach den ersten Wochen auch sofort. Vor allem auch deshalb, weil Kamala Harris kaum öffentliche Auftritte pflegte und wenn, diese dann in peinlichen Wortsalat-Antworten, Nervosität und Inkompetenz endeten. Harris war ständig überfordert, und das könnte, unbekannt in der Öffentlichkeit, damit zu tun haben, dass Joe Biden Kamala Harris hinter ihrem Rücken enorm schadete. Erinnern Sie sich an die Müll-Geschichte? Richtig. Da beschimpfte Biden Trumps Wähler als «Müll». Später wurde dieser Ausspruch mit «Klammern» korrigiert, doch bis dahin war Trump schon als Müllmann verkleidet bei den Müllmännern auf der Strasse. Zudem wirkte noch ein anderer Faktor zuungunsten von Kamala Harris:

Von Joe Biden erzählt man sich, er habe die Kandidatur von Harris bewusst hintertrieben. Biden war bis zum Schluss der Überzeugung, dass nur er Donald Trump besiegen könne. Nach dem desaströsen TV-Duell mit Trump wurde Biden aber von Nancy Pelosi und den Obamas, den führenden Kräften der demokratischen Parteimaschine, gegen seinen Willen zum Rücktritt als Präsidentschaftskandidat gezwungen. Deshalb schwärmte Obama nach dem Statement von Joe Biden auf X sofort vom «kommenden Parteitag als Chance eines Neubeginns». Doch Barack Obama hatte die Rechnung ohne den alten Haudegen Biden gemacht. Denn dieser verkündete zur grossen Überraschung aller, dass seine Delegiertenstimmen direkt an seine herausragende Vizepräsidentin Kamala Harris gehen würden. Pelosi und den Obamas blieb gar nichts anderes übrig, als die Kröte zu schlucken und schnell auf heile demokratische Welt zu machen.

So war das Desaster vorprogrammiert, und siehe da: Die lauten Querelen innerhalb der Partei der Demokraten nach dem Erdrutschsieg von Donald Trump scheinen diese These zu stützen. Statt in den Spiegel zu schauen, beschimpfen sich nun die Demokratinnen und Demokraten gegenseitig.

Kamala Harris’ Kandidatur könnte also von Beginn weg die Chronik eines angekündigten Versagens gewesen sein.

Zurück zu den Frauen, denn die entschieden über die US-Elections 2024. Die weiblichen Normies – normale, nicht genderbewegte Frauen – verweigerten sich dem politmechanischen Kalkül der Obamas vollständig. Dieses lautete: Frauen wählen immer Frauen – Bullshit. Frauen und Männer wählen generell weniger Frauen, doch wer will schon die Wahrheit, wenn die Ideologie besser klingt? Die Mehrheit der amerikanischen Frauen wählte nicht die «Dea ex Machina»-Kandidatin von der Parteielite Gnaden, sondern sie wählten Themen: Inflation, Migration und Anti-Woke und somit das Programm von Donald Trump. Dieser, clever wie eh und je, erfand die Welt nicht neu, sondern bediente sich bei seinen Slogans gewissenlos am alten Programm der Partei der Demokraten der USA. Deshalb widersetzte sich Trump so vehement einem ungezügelten Freihandel – für ihn waren die Arbeiter wichtig. Auch direkt aus den Wahlprogrammen der ehemaligen Demokraten stammt Trumps Analyse der «Kriegsmüdigkeit der Amerikanerinnen und Amerikaner». Trump klang zwischendurch wie ein Antikriegshippie, wenn er über die Kriege der Welt sprach. Trump setzte sich für Schutzzölle, gegen die Migration in die Unterschichten, für die Bekämpfung von Kriminalität und für den klassischen Wohlstand aufgrund von Leistung ein. Alles Themen, die ehemals die Demokraten bewirtschafteten. Trump konnte auch extrem leicht den Kulturkampf innerhalb der Linken zu seinen Gunsten verkehren. Das Motto Trumps war immer: gegen die Funktionäre, für die Basis. Über zwei Drittel der Gewerkschaftsangehörigen sollen laut Exit-Polls für Trump und nicht für Kamala Harris gestimmt haben. Ein schon fast erdrückender Anteil.

Und dennoch schreien Medien, Wissenschaft und demokratische Partei immer noch «Faschismus». Die Weigerung der Liberalen, Linken und Progressiven, in den absurden Spiegel von «gutem Krieg» (Ukraine), «schlechtem Krieg» (gegen Israel), von Sprech- und Denkgeboten bei gleichzeitiger Bevormundung von Nichtintellektuellen oder Andersdenkenden zu schauen, ist grotesk. Und an die Adresse der Linken gewandt habe ich schlechte Nachrichten: Der Erdrutschsieg von Donald Trump war kein «faschistischer Feldzug», sondern ein gelungener Wahlkampfmix von Themen, die Instrumentalisierung von Codes und die gleichzeitige Präsenz mit Tausenden von Menschen. Title 9 war innenpolitisch ein wirklich wichtiges Thema. Die Biden-Harris-Administration hat damit, grad zu Beginn ihrer Amtszeit, Transmädchen und Transfrauen im Frauensport zugelassen. Tausende von Podcasts, Tiktok-Beiträgen und Diskussionen innerhalb der Frauengruppen berichteten daraufhin von der Gefahr für Mädchen im Schulsport und vom «Diebstahl» unzähliger Medaillen durch Transfrauen. Während die «NY Times», MSNBC und CNN die Olympiade in Paris als gelungenes Fest feierten, inklusive Bejubeln der Boxerin aus Algerien, die sehr eindrücklich und mit höchster Brutalität ihre Konkurrentinnen wegboxte, liefen die sozialen Medien heiss. Die «Legacy-Media» beschimpfte alle Kritikerinnen von Transen im Frauensport als «Faschistinnen», «Terfs» und als «Republikanerinnen». Diese Medien ahnten nicht, dass sie damit allen Frauen schaden. So wählten denn am 5. November 2024 die Frauen auch nicht wie üblich die Demokratische Partei, sondern Donald Trump! Ausgerechnet! Wechselwählende, so die Exit-Polls, wurden nicht durch Inflation und Migration, sondern durch Kulturthemen überproportional mobilisiert.

Medien, Wissenschaft und Kultur scheren sich jedoch nicht um Realität, sondern beharren auf ihrem hegelianischen Weltbild: Driften Theorie und Realität auseinander, umso bedauerlicher für die Realität. Deshalb verstehen auch europäische Medien den Aufstieg von Georgia Meloni und Marine Le Pen nicht. Es waren die Frauen als Wählerinnen, die ihre üblichen Parteien – Grüne, Linke, Liberale – abwählten. Statt sich mit den Frauen auseinanderzusetzen, poltern indessen alle Medien und Experten über den in ihren Augen angeborenen US-amerikanischen Rassismus und Sexismus. Schon 2022 entwickelte ich in «Die Podcastin» die Theorie des «Nationalfeminismus», damals für die «Neue Zürcher Zeitung». Dies auf die empörte Frage des Journalisten, weshalb denn Frauen «immer» gegen ihre eigenen Interessen wählen würden. Well: Frauen wählen nicht gegen ihre eigenen Interessen, weil «eigene Interessen» vielfältiger sind als die Geschlechtszugehörigkeit. Und wie gesagt: Männer und Frauen wählen einfach immer weniger Frauen. Georgia Meloni, Marine Le Pen, Geert Wilders – sie alle werden, wie Donald Trump, in einer Mehrheit von Frauen (und Männern) gewählt. Vielleicht ist es nicht einmal ein «dafür wählen», sondern eher ein «dagegen»: gegen Parteien, die Frauen in den letzten Jahren so explizit betrogen («es gibt keine Frauen»), ausgebeutet («Sexarbeit und Leihmutterschaft sind ganz normale Jobs») und beschimpft (Terfs, Nazi, Faschistin) haben.

Die Wahlen in den USA zeigen: Frauen spielen in den westlichen Demokratien eine so viel wichtigere Rolle, als dies der Mainstream erkennt. Dabei wäre es höchste Zeit, mal bei den Frauen nachzufragen, weshalb sie wann wen wie wählen.

Bari Weiss, die Gründerin der Free Press, hat es in ihrem TED-Talk erst kürzlich so formuliert: Sie sei, als sie zum letzten Mal genau hingeguckt habe, eine Feministin, eine klassische Dem-Wählerin, eine Befürworterin der «Ehe für alle», für die Entkriminalisierung von Drogen und für eine allgemeine Gesundheitsversicherung gewesen. All dies sei ihr immer noch wichtig, doch für die demokratische Partei, für eine linke Bubble und in den «Legacy-Media» gelte sie trotzdem als Rechtsextreme, weshalb? Weil Bari Weiss Frauen nicht als Sprechakte sieht, den Islam als Todfeind für die Demokratie benennt und nicht etwa Israel und die Pronomen ihres Gegenübers nicht wichtiger findet als dessen Aussagen.

Kurz: Anfang November 2024 haben entgegen dem Geschrei in Medien, Kultur und an den Universitäten die Normies gewonnen. Sie werden zwar als Faschisten beschimpft, doch wenn alle wie Hitler sind, spielt es ja auch keine Rolle mehr, oder?”

Die Podcastin über Freiheit: Regula Staempfli /Regula Stämpfli/ laStaempfli und Isabel Rohner/Die Rohnerin mit einer XXL-Folge zu den entscheidenden Frauenthemen der Gegenwart: Menschenfleischverkauf, der sich als “Sexarbeit” tarnt, die Sprechakt-Gerichtsentscheide in Australien im Fall Tickle vs Giggle, Cancel-Unkultur von Deutschlandfunk-Kultur (Horror-Medienbias, Sind die ÖRR die neuen Propagandastürmer?), Tabu-Sprech über Islamismus und dessen schreckliche Frauenfeindlichkeit, das Schweigen über Massaker der islamischen Republik im Iran, die Medien-Obsession mit Israel sowie die Vernichtung der afghanischen Frauen durch völliges Vergessen in UNO, EU, Medien, Universitäten. Eine schreckliche Bilanz der Die Podcastin – aber keine Sorge. Gute Nachrichten gibt es dann doch noch.

Die Schrumpelgurke der Woche verlieht die Rohnerin diese Woche an den Deutschlandfunk Kultur: Eine freie Journalistin des DLF hatte sie um ein Interview über Hedwig Dohm und den Begriff des Antifeminismus gebeten, der auf Dohm zurückgeht – und die Rohnerin dann wieder ausgeladen. Warum? “Wie ich der weiteren Recherche entnehmen konnte scheint mir Ihre Definition von Feminismus und Antifeminismus zu eng und auch nicht dem Forsschungsstand entsprechend.” schreibt die Journalistin der Rohnerin am 4. Mai 2026. Wenn das mal keine Cancel Culture ist! Übrigens, lieber DLF Kultur und liebe namenlose Journalistin, die wir hier aus Anstand nicht namentlich nennen: Eine solche Mail würden Sie einem Mann niemals schreiben, der für die Forschung zu irgendeinem Gebiet so relevant ist wie Isabel Rohner für die Hedwig Dohm-Forschung. Wetten? 

Ein weiterer Akt des Cancelns traf in dieser Woche den linksliberalen Club Volantaire: https://club-volantaire.de/ Eine Veranstaltung mit Inge Bell, Till Randolf Amelung, Prof. Dr. Ilse Jacobsen und Marie-Luise Vollbrecht am 29.5.2026 muss kurzfristig in einen anderen Veranstaltungsort verlegt werden. Der Grund: Verfassungsfeinde (nichts anderes sind die Gegnerinnen und Gegner der Meinungsfreiheit!) haben den ursprünglichen Veranstaltungsort bedroht. Sie wollen nicht, dass eine Veranstaltung mit dem Titel “Was ist eine Frau? Feminismus außer Rand und Band” stattfindet. Wetten, dass das Event trotzdem steigt?

Eine wichtige Dokumentation lieferte diese Woche der Journalist Marcel Trocoli-Castro für den RBB: In “Prostitution unterm Pentouse” (https://www.rbb-online.de/doku/o-r/rbb24-reportage/prostitution-unterm-penthouse.html) berichtet er schonungslos von der Realität auf der Kurfürstenstraße, dem bekanntesten Straßenstrich Berlins. Frauen gibts dort schon ab 5 Euro zu kaufen. Diese Doku hätte sich der DGB mal anschauen müssen. Vielleicht hätte der Deutsche Gewerkschaftsbund dann nicht seinen frauenverachtenden Beschluss gefasst, in dem er sich “nachdrücklich gegen ein Sexkaufverbot (auch im Rahmen des sogenannten Nordischen Modells)” ausspricht. 

Medienkritik: Der ideologisch motivierte Realitätsverlust der Medien zeigte sich erneut sehr schmerzlich bei der Terrorattacke in Modena, Italien, wo ein Terrorist mit muslimischen Hintergrund in die Menschenmenge raste. Sämtliche Medien redeten von einem “Auto, das in die Menge fuhr” und spekulierte wieder von “pschischen Schwierigkeiten” des “Fahrers.” Diese totalitäre und immer wiederkehrende Pathologisierung von Terrorattacken verletzt die Rechte und die Würde der Opfer und entpolitisiert die Terrorattacken. Dies einzig und allein zum Zweck, über mögliche islamistische Motive nicht mehr sprechen zu dürfen, Terror als ganz normale Verbrechen zu verharmlosen sowie aktiven Täterschutz zu betreiben. Dies muss aufhören.

laStaempfli war in San Francisco und plädiert für mehr San Francisco in der internationalen Berichterstattung statt den Fokus auf den islamo-gauchist Mamdani zu legen.

Und zum Schluss: Australien zeigte diese Woche, was passiert, wenn Gesetze auf Ideologien gründen anstatt auf Realität. Im Fall “Giggle v Tickle” verlor die australische Unternehmerin ihren Berufungsfall vor dem Federal Court gegen einen Mann (Jason Tickle), der ihre App “Giggle for Girls” ebenfalls nutzen will. Das Gericht entschied auf Diskriminierung und eine satte Schadenersatzzahlung. Die Botschaft ist verheerend: Wegen des ideologischen “Sex Discrimination Act” von 2013 fallen auch “Diskriminierungen” aufgrund von “Sprechakten”, d.h. Genderidentitäten unter dieses Gesetz. Frauenrechte werden neu als Männerrechte verhandelt: Es braucht nur einen Mann, um allen Mädchen und Frauen zu befehlen, was Mädchen und Frauen sind. laStaempfli hat schon beim erstinstanzlichen Gerichtsfall rund um Sall Grover, die mutige und nun weltweit unterstützte Feministin, davor gewarnt, dass dieser australische Präzendenzfall global die Mädchen- und Frauenrechte bedroht.

Bild von laStaempfli aus American Asia Museum San Francisco: Daoist goddess Magu 1800-1911.

Und hier noch der alte Artikel als der Fall Giggle bekannt wurde: Australia really has gone mad.

Screenshot von Artikel von Regula Stämpfli über Sall Grover, die in Australien Prozesse gegen einen Mann verliert, weil sie ihn Mann nennt und aus ihrer Lesben-Dating-Plattform rausgeschmissen hat. Die Welt ist tatsächlich wahnsinnig geworden. Wie meinte Regula Staempfli schon 2023? “Wer immer noch meint, die Transdiskussionen seien ein Nebenschauplatz, irrt gewaltig. Denn sollte Sall Grover den Prozess verlieren, ist global die Lawine losgetreten, die Frauen in westlichen Demokratien per Sprechakte wie unter den Taliban in Afghanistan unsichtbar, rechtlos und unfrei macht und die Definition, was eine Frau ist, wieder den Männern obliegt. Horror.

Frauen schlafen anders. Regula Stämpfli in der “Die Weltwoche 22/26” über das Paradoxon, dass Frauenmedizin endlich höheren Stellenwert kriegt (dank uns Feministinnen), gleichzeitig in Medien, Universitäten und Kulturbetrieb behauptet wird, “Frauen” gäbe es nicht als Biologie, sondern nur als Sprechakt. “Der Körper ist keine Verhandlungssache.” Von Regula Staempfli.

“Die Biologie ist kein Nebenschauplatz, sondern die Hauptsache. Der weibliche Körper ist keine These – und er verschwindet nicht, nur weil es politisch opportun erscheint.” Gleichzeitig erklärt Regula Stämpfli den Entscheid des EU-Gerichtshofes gegenüber Bulgarien und Ungarn, wie die Sprechakt-Ideologie von Brüssel verordnet werden soll. Einem EU-Gerichtshof, der NICHT ÜBER GESELLSCHAFTSPOLITIK entscheiden darf, sondern nur Binnenmarkt-Entscheide zu fällen hat. Alles spannende Themen, die medial viel zu wenig aufgenommen werden.

Regula Staempfli zum Adler und dem Drachen: “Wirtschaftliche Verflechtung ohne strategische Absicherung ist keine Partnerschaft. Sie ist geopolitische und eigenstaatliche Verwundbarkeit mit Liefervertrag.” Wie Deutschland seine Industrie der kommunistischen Volksrepublik China ausliefert & die Medien mit der fatalen Fokussierung auf Identitäts-, Gender- und Antifa-Themen Demokratie zerstören. Juni 2026 von laStaempfli im WEITERDENKEN QUARTERLY.

Der Herr Verleger Leopold Freiherr von und zu Weiler empfiehlt auf Linkedin im “WEITERDENKEN QUARTERLY” den Beitrag “Im Blickpunkt” von Dr. Regula Stämpfli. Regula Staempfli dankt und verlinkt hier den Artikel als PDF mit Quelle, Zitat: Kohlhammer, Weiterdenken Quaterly, 2/26. Copyright. https://regulastaempfli.eu/wp-content/uploads/2026/06/16_Im-Blickpunkt_Staempfli.pdf

Zum Nachhören auch den wunderbaren Podcast mit Kai Strittmatter zu Gast bei Regula Stämpfli: http://ta-swiss-futurepodcast.online/kai-strittmatter-im-gespraech-mit-regula-staempfli-zur-vr-china-und-die-neuerfindung-der-diktatur

Realistischer Journalismus – eine grosse Tradition. Essay von Regula Staempfli im Kulturmagazin ENSUITE. NACHTRAG ZUM JANUAR 2026. Realistisch? Nicht aus Wut, nicht in der Pose, nicht aus Moral, sondern aus dem Mut zur Wirklichkeit entsteht guter Journalismus (laStaempfli – Regula Stämpfli).

“Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann es begann. Wann dieses leise Knacken einsetzte, das später zum Einsturz führte. Wann die Institutionen noch standen, aber nicht mehr trugen. Wann die Worte noch genutzt wurden, aber ihre Bedeutung verloren hatten.” … Es gibt Romane, die Politik und Geschichte in Dramen, Aufklärung und menschliche Erinnerung übersetzen. Shakespeare natürlich, in Gedichtform, Homer, in Singform, Goethe in Diktierform. Proust als die Recherche zur Zeit, Tolstoi als Kriegsdrama, obwohl Frieden drin vorkommt, Vorurteil von Jane Austin, deren Stolz ich eigentlich nie erkannte, Dostojewski und seine Brüder Karamasov mit der Geschichte zum Grossinquisitor, die ich nie vergessen werde und natürlich Joseph Roth. Mein Chronist zu Europa, zum Judentum, zu Israel so wie Golda Meir unerreichte Politikerin des Jahrtausends bleibt. “

Über all dies denkt laStaempfli nach. Und endet mit einem Plädoyer: Mut zur Wahrheit und Wirklichkeit und das Eingeständnis einer tiefen Ambivalenz.

Link und Webseite: https://ensuite.we-are.gmbh/ Link zum PDF: https://regulastaempfli.eu/wp-content/uploads/2026/04/ensuite_277_Januar_2026i-Regula.pdf

“Wie meinte doch einmal Hannah Arendt in ihren Überlegungen zum grossen Erzähler Homer? Es entlarve sich im Gesang, ‘wenigstens im Urteil dem Feind Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen’. Weil Krieg und Frieden selbst in der Poesie die Wirklichkeit nie verdrängen.

Unterwelt und Vernichtung: Die Autoren Don de Lillo und Victor Davis Hanson. Es geht um den Krieg für Wirklichkeit. Essay von Regula Staempfli im Kulturmagazin Ensuite.

Von Regula Stämpfli: “Es ist eine eigentümliche und zugleich erschütternde Erfahrung, zwei Bücher gleichzeitig zu lesen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, doch bei doppelter Brennweite Klarheit bringen. Die Bücher wurden geschrieben von Victor Davis Hanson, Militärhistoriker, Altphilologe, scharfer Analytiker der Kriege als Zivilisationsprüfungen und Don DeLillo, Chronist der amerikanischen Oberflächen, ein Romancier, der schon längst den Nobelpreis verdient hätte. Sein „Unterwelt“, über 966 Seiten lang, entziffert die Wirklichkeit voller Sätze, die eine eigene Musik bilden. Sie sehen: Es geht in beiden Romanen um das Verschwinden von Realität, lange bevor diese digital wurde.

Hansons Buch The End of Everything – How Wars Descend into Annihilation (2023) ist nicht ein Werk über Schlachten, sondern eine Anatomie der totalen VernichtungKarthago, sagt er, wurde nicht besiegt, sondern ausradiert, so dass wir heute nicht einmal mehr wissen, welche Werke, Ideen, Kunst, Politik mit den punischen Bibliotheken alle verloren gegangen sind. Auch die Azteken wurden brutalst eliminiert. Die genialen Stadtbauer – Hernán Cortez, der Eroberer meinte, Tenochtitlán sei eindrucksvoller und schöner als Venedig (das zu der Zeit auf seinem Höhepunkt stand) – befahlen ein Riesenreich in Mittelamerika. Eine über zweihundertjährige Herrschaft, deren ideologischer Überbau massenweise Menschenopfer verlangte. In den europäischen Feuilletons werden diese kannibalischen Akte heutzutage gerne romantisiert. Dabei beweisen sowohl zeithistorische Quellen als auch die archäologische Forschung, unaussprechliche Folterrituale der Azteken. Die Griechen opferten Stiere, die Azteken Babies, Kinder, Frauen und Männer. Die Priester der Azteken haben gemäss Forschung und Überlieferung, zehntausendfach Blutorgien gefeiert: Das Herz wurde bei lebendigen Leibe herausgeschnitten. Noch pulsierend, kriegte der Priester davon ein Stück und das spritzende Blut hinterliess eine eindrucksvolle Zeichnung auf dem geweihten Priesterleib.  In Wien im Jahr 2021 gab es dazu eine Ausstellung. Mit einem „gesamtkulturellen Kontext“ wurde dort behauptet, die Menschenopfer seien halt eine „spirituelle Alternative zum Westen“ gewesen. Zudem, so das Weltmuseum, würden die Katholiken ja auch heute noch den Leib Christi verspeisen und das Blut Christi trinken. So kann man natürlich alles vergleichen. Ich denke jedoch, dass es für die Betroffenen der jeweiligen Kulte durchaus einen Unterschied macht, ob das real pulsierende Herz bei lebendigen Leibe herausgeschnitten wird oder Blut und Leib nur symbolisch zu sich genommen werden. Religionen ziehen meistens eine Blutspur nach sich, da kann man eigentlich froh sein, wenn es nur ein magischer und simulierter und kein echter Aderlass ist.

Jedenfalls nahmen die spanischen Eroberer den Kannibalismus der Azteken zum willkommenen Anlass, ihre eigene Brutalität und Blutlust zu legitimieren. Doch auf Barbarei mit Vernichtung zu reagieren, war schon 1521 nicht besonders fashinable. Es gibt viele Schriften braver Christen, Patres, die das Unglück, die Auslöschung der aztekischen Barbarei durch die spanische Barbarei kritisierten. „Wie Afffen griffen sie nach dem Gold und befingerten es“, notierte der Franziskaner-Pater, Bernardino de Sahagún die spanische Eroberung; „sie wühlten wie hungrige Schweine nach Gold.“ Auf dem Boden der aztekischen Vernichtung wuchs bekanntlich der Wohlstand des europäischen Adels und letztlich auch die Beseitigung desselben durch Revolution und Aufklärung. Alles ist eben ambivalent – auch das lernen wird in den Büchern von Hanson und DeLillo. Vernichtung heißt nach Victor Davis Hanson nicht nur töten. Vernichtung heißt: Geschichte verlieren. Schrift verlieren. Sprache verlieren. Karthago war einmal eine Weltmacht. Heute ist Karthago nur noch eine Fußnote Roms. Die Azteken und deren Nachfolger leben noch heute, sprechen sogar eine aztekische Sprache, das Nahuatl, was zeigt: Kriege vermögen die Leiblichkeit zu eliminieren – der Überbau setzt sich erstaunlicherweise über die Jahrhunderte weiter und taucht dann an den ganz unterschiedlichsten Orten auf.

Und hier, abrupt und scheinbar fern, setzt der grosse Romancier Don DeLillo mit „Unterwelt“ ein – kein Historiker, sondern ein poetischer Archäologe der Gegenwart, der unsere Zivilisation nicht in Ruinen, sondern im Müllberg liest. „Unterwelt“ beginnt 1992 als der Sondermüllunternehmer Nick Shaw seine Jugendliebe Klara Sax in der Wüste begegnet. Sax verarbeitet aus Bomben Kunst. Diese Begegnung auf dem Müllhaufen der Geschichte führt uns zurück zum 3. Oktober 1951 – dem Tag der Nachricht, dass die Sowjetunion eben ihre erste Atombombe gezündet habe. Damit beginnt nicht nur der Kalte Krieg, sondern das Atomzeitalter, das alle Boomer inklusive deren manchmal wahnsinnigen Narrative prägt, bis heute. Bei DeLillo sind folgerichtig alle Figuren gefangen in völlig durchgeknallten, aber in sich plausiblen Welterklärungen und Narrativen. „Unterwelt“ ist ein uramerikanischer Roman. Wir lesen DeLillos Personen in ihren paranoiden Versuchen, den Irrsinn der Welt, das Atomzeitalter, von dem Nachgeborene nur wenig wissen, als geschichtliche und individuelle Erfahrung zusammen zu bringen. Ein fruchtloses Unterfangen. Wann gelang es je einem einzelnen Menschen sich mit der Welt als Sinnzusammenhang zu versöhnen? Da helfen nur Religionen – und wieweit die führen können, haben wir gerade vernommen. Don DeLillo erzählt seinen Roman in unterschiedlichen Sprachen, deren Soziolekte eigentlich ausgestorben sind und das macht die Geschichte auch so besonders. DeLillo entziffert wie Hanson Zivilisation und was das heissen könnte. Der Roman ist deshalb so ein grosses Geschenk, weil DeLillo über die Simulation der Welt nachdenkt noch bevor wir sie heute in unseren Alltag digital integriert haben. Deshalb passen beide Bücher, das eine historisch, das andere literarisch, so gut zusammen: Während Victor Davis Hanson in Schutt und Blut gräbt, wühlt DeLillo im Abfall unserer Bilder. Tenochitlán verschwand unter Kirchensteinen – wir verschwinden unter digitalen Content. „The media is our war.“  DeLillo schreibt diesen Satz, und man spürt, wie sehr er Hansons Welt ergänzt: Die Schlacht findet heute nicht auf dem Feld statt und wenn, dann nur für die armen Seelen, die wirklich ermordet werden – die wirkliche Schlacht weltweit findet in den Bildern statt.  Wir leben dadurch nicht in der physischen Zerstörung, ausser die Drohnen fallen wirklich auf unsere Köpfe – wir leben in der Simulation der Zerstörung. Alles ist sichtbar und doch erscheint nichts mehr als wirklich. Jedes bombardierte Gebäude wird mit einem Code beschrieben und dient fortan einem Narrativ. So wird Paranoia gespeichert und die Wirklichkeit vergessen, ja es geht noch weiter: Nichts soll jemals wieder an die Wirklichkeit erinnern. Hanson erzählt von Ruinen, DeLillo von Oberfläche und Beide erzählen von der unglaublichen Zerstörungskraft von Fiktionen. Spannend an Beiden sind die Leere, die Leerstellen, die Nullen, die die Abwesenheit von relevanten Informationen markieren. Bei DeLillo leben die Figuren nicht wirklich, sie zirkulieren nur. Sie durchqueren Shopping Malls, Baseballstadien, Mülldeponien und konsumieren Fernsehbilder. Sie leben in kapitalistischen Feeds wie wir heute in den digitalen gefangen sind.  Kein Ereignis bleibt, alles fließt ab inArchiv, den Müll oder dem nicht mehr zugänglichen Code.

„Everything is connected in the air, in the cloud, in the plague of data. The future belongs to crowds“ meint DeLillo schon 1998. Die Crowds sind keine politischen Gemeinschaften, es ist diese aufgelöste Masse, getrieben von Codes, nicht mehr von Unterscheidungs- und Urteilskraft. Hannah Arendt hätte diesen Zustand den radikalen „Weltverlust genannt. Politik wird dadurch vernichtet, denn nach Hannah Arendt kann es nur Politik geben, wenn sie im gemeinsamen Raum erscheinen und verhandelt werden darf. Bei Victor Davis Hanson wird dieser Raum durch Gewalt, bei DeLillo durch Medien vernichtet. Beides führt dazu, Erfahrung zu neutralisieren, löschen und eliminieren. Und im digitalen Jetzt – in unserer Zeit – geschieht beides zugleich.
Krieg findet statt. Und ist trotzdem nur noch Frame, Kommentar, Hashtag, „Eilmeldung – jetzt liken!“ So verwandeln sich im Roman bei DeLillo alle Stories in ein Bilderrauschen. Deshalb lese ich diese zwei Werke zusammen, eines nur auf englisch, das andere auf deutsch übersetzt. Denn nur zusammen ergeben sie die eigentliche Diagnose unserer Epoche: Die Vernichtung und Simulation durch die algorithmische Welt. Deshalb nenne ich die Neuauflage meines Bestsellers von 2018 auch „Trumpism. The Algorithmic Age“ – weil in dieser englischen Version die ungeheure Macht der Codes philosophisch und politisch weitergedacht wird, bis hin zur Annihilation.

Karthago wurde vernichtet. Die Azteken wurden real ausgelöscht.

Heute aber genügt oft schon digitale Auslöschung. Keine Bomben – nur De-Priorisierung im Algorithmus, Entzug von Sichtbarkeit, Etikettierung durch Codes: Wer nicht in die Sprachmaske der digitalen Ideologien passt, geht als Leerstelle verloren, wird unsichtbar.

Und jetzt kommt der Satz, der weder bei Hanson noch DeLillo auftaucht: Die erste Gruppe, die im Krieg, in der Auslöschung, in der Simulation verloren geht, sind die Frauen. Frauen spielen auch in den gegenwärtigen Diskursen rund um Krieg und Politik wirklich keine Rolle mehr, es sei denn, MANN macht mit den Bildern von ihnen Propaganda. Im Zeitalter digitaler Reproduktion ist es ähnlich bitter wie im Krieg. Auch da spielen Frauen, ausser als Objekte des Hass oder in Pornowelten als Bilder des männlichen Begehrens, keine Rolle mehr.

Frauen werden ausgelöscht – damals und heute. Heute geschieht nicht mehr durch die Gesetze, sondern durch codierte Pornobilder, Sprachfilter, Ideologie-Interfaces und digitale Moralvorschriften von links und rechts. Die Linken löschen Frauen aus ihren biologischen Realitäten, denaturalisieren sie mit Menstruator-Maschinen oder „Person mit Uterus.“ Die Rechten entmenschlichen sie durch „Tradwives“; Frauen als dekorative Ressource der Nation. Was wir also erleben ist eine Auslöschung und digitale Refeudalisierung durch Bilder sondergleichen. Hanson und DeLillo kennen in ihren Büchern keine Frauen, weil sie in der Zerstörungsgeschichte vergessen geht.

Und heute? Heute sind Frauen codierte Repräsentationen. Und wir lernen in den Büchern von Hanson und DeLillo: wer vernichtet wird, hört auf, Geschichte zu schreiben. Wer nur noch als Bild, Kategorie, als Code vorkommt, hört auf real zu existieren. Das Leben besteht für solche Menschen in einer Adaption zum Code.”

Darüber sollten Romane geschrieben werden. Das Anfangskapitel habe ich hier wenigstens mal versucht.

Victor Davis Hanson, The End of Everything. How Wars descend into Annihilation. 2023. siehe Rezension : https://regulastaempfli.eu/wp-content/uploads/2026/04/hanson-und-ddelillo.pdf

Don DeLillo, Unterwelt, Roman 1998.

NÄCHTE DER PHILOSOPHIE 2026 IN WIEN: REGULA STAEMPFLI MIT “KRIEG, PORNO UND DIE STRATEGISCHE MACHT DER NARRATIVE.”

KRIEG, PORNO UND DIE STRATEGISCHE MACHT DER NARRATIVE

Nächte der Philosophie 2026
27.5., 19.00 Uhr, Das Dorf
Obere Viaduktgasse 2, 1030 Wien

Die Epstein-Files haben es wieder vor Augen geführt: Pornographie, sexuelle Gewalt, Menschenhandel und die Warenwerdung von Menschen sind kein Randphänomen, keine Klassenfrage, sondern eine neue Art von Kriegsführung gegen Kinder, Mädchen und Frauen. Pornographie und Krieg operieren seit über 150 Jahren mit Bildern, die emotionalisieren, entmenschlichen und damit Ideologien, Haltungen, Narrative transportieren. „Im Zeitalter der digitalen Reproduktion“ sind die ikonografischen und philosophischen Bilderrevolutionen algorithmisch verstärkt. Es verschränken sich Narrative und Politik: Der Körper wird zur Ware, das Schlachtfeld zum Content, Gewalt zur ästhetischen Oberfläche. Künstliche Intelligenz, Plattformen wie Grok, Gemini, ChatGPT beschleunigen diesen Prozess und produzieren Informationen, die auf Deepfakes, KI-generierten Bildern, basierend auf codierten pornographischen Menschenbildern bauen und Krieg inszenieren, lange bevor die Fakten überprüft sind.

Die Politphilosophin analysiert Pornokratie, Krieg, Menschenbildern und den entsprechenden zeitgeschichtlichen Narrativen. Es ist eine Triggerwarnung angebracht: Es werden Inhalte von Gewalt, Sexualität und propagandistischer Sprache als Beispiele verhandelt. Podcaster: www.regulastaempfli.eu

#HannahArendtLectures by laStaempfli 2026. Informationen zur HSG, Universität St. Gallen und wie es mit den Hannah Arendt Lectures weitergeht.

#HannahArendtLectures by Regula Staempfli an der HSG, Universität St. Gallen 2024.
#HannahArendtLectures by Regula Staempfli an der HSG, Universität St. Gallen 2024.

Information zur Hannah Arendt Lectures by Regula Staempfli, Universität St. Gallen, HSG. Die Leitung der öffentlich-rechtlichen Vorlesung ist in Rente gegangen und die Nachfolge von Prof. Dr. Dieter Thomä, die neue Professorin Abt, wollte explizit die von laStaempfli initiierten und durchgeführten #HannahArendtLectures nicht mehr weiterführen. Die #HannahArendtLectures werden in den nächsten Monaten als Buch bestellbar sein. 12.4.2026

Die von der Politphilosophin PD Dr. Regula Stämpfli initiierten und geleiteten #HannahArendtLectures an der Universität St. Gallen (HSG) finden seit 2018 statt und sind als öffentliche Vorlesungsreihe konzipiert. Im Zeitraum 2018–2024 (bzw. bis 2025 geplant) widmet sich Stämpfli intensiv der Verbindung von Arendts politischer Philosophie mit den Herausforderungen der digitalen Moderne. Aufgrund der neuen personellen Aufstellung an der HSG wurden ausgerechnet die sehr beliebten #HannahArendtLectures von Regula Staempfli nicht weitergeführt. Hier ein Beispiel, wie die Hannah Arendt Lectures an der HSG 2024 ausgesehen haben:

Hannah Arendt Lectures HSG 2024

Die Vorlesungsreihe im Frühjahrssemester 2024 (FS/SS 2024) trug den Schwerpunkt: „Elemente und Ursprünge digitaler Totalitarismen“

  • Inhalt: Analyse des Zerfalls westlicher Demokratien, Kampf um Wahrheitsfindung, Einfluss von Social-Media-Plattformen (TikTok, Twitter/X, Facebook, etc.) auf die Politik, und Analysen zu „Media Wars“.
  • Themen: Die Vorlesungen behandeln Themen wie „Algorithmische Öffentlichkeit“ und die Infrastruktur der Sichtbarkeit.
  • Termine/Ort (Beispiele 2024):
    • 18.04.2024: „Codes, Terror und Kriege: Wie Algorithmen unsere Welt verändern“.
    • 02.05.2024: „Demokratisiert Euch! 12 goldene Regeln für die Demokratie hierzulande und weltweit“.
    • Zeit/Ort: Donnerstag, 18:15–19:45 Uhr, Universität St.Gallen, Raum A 09-110 (Bibliotheksgebäude).
  • Anmeldung/Ausschreibung: Die Vorlesungen sind öffentlich. Für das FS 2024 wurde ein Semesterpass für 20 Franken angeboten. Eine Einschreibung über das HSG-Veranstaltungsprogramm ist möglich. 

Kontext und Ausrichtung 2018–2024

  • Initiatorin: Regula Stämpfli (laStaempfli).
  • Fokus: Verknüpfung von Arendts Werken (insb. „Elemente und Ursprünge totalitärer Systeme“) mit aktuellen digitalen Entwicklungen.
  • Charakter: „Denken ohne Geländer“ – kritische Analysen von KI, Überwachung und Plattformlogiken. 

Hinweis: Da die Kurssuche der HSG oft semesterweise erfolgt, sollten aktuelle Ausschreibungen für kommende Semester direkt über das HSG-Vorlesungsverzeichnis oder die Website von Regula Stämpfli (regulastaempfli.eu) abgerufen werden.

“Algorithmische Öffentlichkeit” – wie Demonstranten zu Datensätzen werden. Von Regula Stämpfli. 10. April 2027

#HannahArendtLectures Artikel und Bild Copyright © by Regula Stämpfli 2026 Bild (c) von Regula Staempfli KI-generiert, laStaempflis Denkmaschine, 2026. Wikipedia: Regula Staempfli leitete von 2018-2025 die Hannah Arendt Lectures an der HSG. Die Politphilosophin war ausserdem Intendantin am IFG Ulm, International Forum for Design. Ein Wikipedia-Troll korrigiert ständig die Einträge von laStaempfli zwecks Misogynie. Es handelt sich dabei um einen sehr prominenten Schweizer Journalisten by the way. Ausserdem fehlt das neuste Buch von Regula Stämpfli: “Trumpism. The Algorithmic Age.” Doch nun zum Artikel:

“Es ist ein Bild unserer Zeit: Nicht die Wirklichkeit, in unserem Beispiel hier, die Barrikade, entscheidet über politische Wirksamkeit, sondern das Bild der Barrikade. Nicht der Protest selbst erzeugt Öffentlichkeit, sondern seine algorithmische Verwertbarkeit. Hier ein aktuelles Beispiel: Nach den Ausschreitungen an der unbewilligten Pro-Palästina-Demo vom Oktober 2025 veröffentlicht die Berner Kantonspolizei im März 2026 unverdeckte Bilder, weil sie 31 gewalttätige Täter identifizieren will. Weitere 101 vermummte mutmassliche Täter und Täterinnen wurden schon durch den Öffentlichkeitsaufruf identifiziert. Während die staatlichen Stellen gewisse Datensätze aufgrund geltender Rechtsgrundlagen und zu Recht, NICHT verwenden konnten, taten dies Private.

Und genau deshalb ist die Entscheidung der Berner Polizei, unverpixelte Bilder von Demonstranten zu veröffentlichen, mehr als eine polizeiliche Massnahme. Sie ist ein Symptom unserer Zeit. Sie zeigt, wie sehr wir bereits in einer algorithmischen Öffentlichkeit leben, in der Menschen nicht mehr zuerst Bürger sind, sondern visuelle Datensätze – ein Thema, dass ich im Hinblick auf die Demokratie schon längst diskutiert habe.

Demonstrationen sind Bildmaterial. Teilnehmende sind Identifizierungsmerkmale. Politische Konflikte sind Narrative und Datenpakete. Die Veröffentlichung der Bilder ist deshalb nicht einfach ein Akt der Strafverfolgung. Sie ist ein Moment, in dem sich die Logik unserer Gegenwart offenbart: Politik wird zum Bildereignis, Strafverfolgung wird zur Öffentlichkeitsstrategie, und die Gesellschaft wird zum digitalen Fahndungsraum.

Dabei zeigt sich eine interessante Dialektik: Die gleichen Milieus, die jahrelang die totale Sichtbarkeit gefordert haben, die Transparenz, die Dokumentation, die moralische Überwachung, die Cancel Culture, die öffentliche Anklage – sie sind nun selbst Teil genau dieser Sichtbarkeitsmaschine geworden. Wer jahrelang den digitalen Pranger normalisiert, darf sich nicht wundern, wenn er selbst einmal darauf landet. Das ist keine moralische Feststellung. Es ist eine strukturelle. Denn die algorithmische Öffentlichkeit kennt keine Freundschaften. Sie kennt nur Muster.

Das eigentlich Interessante an diesen Bildern ist deshalb nicht, wer darauf zu sehen ist. Sondern wie sie funktionieren. Sie zeigen eine neue Form politischer Ästhetik. Man erkennt sofort die visuelle Grammatik der Gegenwart: Keffiyeh als globaler Protestcode, schwarze Kleidung als urbanes Widerstandszeichen, Kapuzen als Symbol der anonymisierten Aktivität. Diese Bilder sind nicht zufällig. Sie sind Teil einer globalisierten Bildsprache des Protests.

Protest ist heute nicht Handlung. Protest ist Design. Protest ist ein Datenpaket.

Das wäre an sich nicht neu. Schon die Französische Revolution hatte ihre Symbole, ihre Kokarden, ihre Farben. Aber der Unterschied liegt in der Geschwindigkeit und in der totalen Reproduzierbarkeit. Heute wird jedes Symbol sofort Teil eines globalen Bilderstroms. Jede Demonstration ist gleichzeitig Content und Datenpaket. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem. Denn wer Content produziert, wird selbst zum Content.

Die Demonstranten wissen das. Die Polizei weiss das. Die Medien wissen das. Und trotzdem tun alle so, als würden sie noch in einer klassischen Öffentlichkeit handeln. Dabei ist diese längst verschwunden. An ihre Stelle ist ein Raum getreten, den ich „algorithmischen Öffentlichkeitsautomatismus“ nenne: ein Raum, in dem Sichtbarkeit nicht durch Argumente entsteht, sondern durch Bildlogiken, in dem Aufmerksamkeit nicht durch politische Inhalte entsteht, sondern durch visuelle Codierung.

Die Berner Polizei handelt deshalb nicht nur als Strafverfolgungsbehörde. Sie handelt als Akteur in dieser Bildökonomie. Sie nutzt dieselbe Logik wie soziale Medien: Sichtbarkeit erzeugt Reaktion. Veröffentlichung erzeugt Information. Öffentlichkeit erzeugt Daten. Man kann das kritisieren. Man kann es verteidigen. Aber man kann nicht mehr so tun, als wäre es nicht Realität. Denn die entscheidende Veränderung unserer Zeit ist nicht politisch. Sie ist epistemisch und algorithmisch. Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der Wirklichkeit zuerst erfahren wird. Wir leben in einer Welt, in der Wirklichkeit zuerst gesehen wird. Wer gesehen wird, existiert. Wer nicht gesehen wird, verschwindet. Digitalisierung gibt einerseits Sichtbarkeit, andererseits vernichtet sie die reale Welt, indem sie sie neu beschriftet.

Das ist die eigentliche Machtverschiebung unserer Zeit.

Hannah Arendt hat einmal beschrieben, dass Politik dort entsteht, wo Menschen einander erscheinen. Was sie nicht wissen konnte: dass dieses Erscheinen einmal durch Plattformlogiken vermittelt werden würde, durch Kameras, durch Uploads, durch Gesichtserkennung, durch Datenbanken. Das Problem ist deshalb nicht die Polizei. Das Problem ist die Infrastruktur der Sichtbarkeit.Denn diese Infrastruktur verändert alles. Sie verändert, wie Protest organisiert wird. Sie verändert, wie Gewalt dokumentiert wird. Sie verändert, wie Schuld zugeschrieben wird. Sie verändert, wie Öffentlichkeit funktioniert. Die wirkliche Frage lautet deshalb nicht: Darf die Polizei das? Die wirkliche Frage lautet: Können wir noch zwischen Rechtstaat und digital konstruierter Sichtbarkeit, d.h. Codierung, Fiktion, Narrativ, unterscheiden?

Die algorithmische Öffentlichkeit kennt keine Unschuld. Sie kennt nur Mustererkennung.”

SRF hat nachgezogen: KI-Tools für die Polizei? Mit männlichen Experten natürlich. Algorithmen sind bei SRF Männersache oder dürfen nur von Nicht-Schweizerinnen beantwortet werden…. Ironiedetektor gewünscht, hier der Link: https://www.srf.ch/play/tv/10-vor-10/video/bald-ki-tools-fuer-schweizer-polizei?urn=urn:srf:video:48e5ef5f-1824-418d-a981-6259e3c41d48

Jurist Emrah Erken und Historikerin Regula Stämpfli über die öffentlich-rechtlichen Medien am Beispiel der SRG und der Abstimmung vom 8. März 2026. Es geht um die Liebe zum öffentlichen Rundfunk und der grossen Sorge um seine Zukunft.

Hier direkt zur Audiofile des Gespräches, das nach dem 8. März via Zoom stattgefunden hat.

Emrah Erken und Regula Stämpfli im Gespräch. Mäerz 2026
Emrah Erken und Regula Stämpfli im Gespräch. Mäerz 2026

Jurist Emrah Erken und Politphilosophin Regula Stämpfli im Gespräch über die SRG und die Abstimmung vom 8. März 2026

Die Abstimmung vom 8. März 2026 über die Zukunft der SRG war mehr als eine medienpolitische Entscheidung. Sie war auch ein Signal der Bevölkerung: Der öffentliche Rundfunk soll bleiben. Und zwar deutlich. Die Initiative wurde mit grossem Mehr verworfen – sehr zur Freude vieler internationaler Beobachter, etwa bei ARD, ZDF oder ORF, die das Resultat als klares Bekenntnis zur öffentlich-rechtlichen Medienordnung interpretierten. Auch wir, Jurist Emrah Erken und Politphilosophin Regula Stämpfli, gehören zu jenen, die sich klar zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekennen. Nicht aus Nostalgie, sondern aus demokratischer Überzeugung. Eine Demokratie braucht Institutionen, die nicht allein von Marktlogiken, Klickzahlen oder Plattformalgorithmen gesteuert werden. Sie braucht Medien, die Wirklichkeit abbilden, einordnen und Verantwortung übernehmen. Gerade deshalb erfüllt uns die aktuelle Entwicklung mit Sorge. Denn parallel zu diesem klaren Volksentscheid beobachten wir eine zunehmende ideologische Verengung in Teilen des öffentlich-rechtlichen Diskurses. Polarisierung, wie wir sie aus den sozialen Medien kennen, scheint zunehmend auch die klassischen Institutionen zu erfassen. Die Stärke des öffentlichen Rundfunks war jedoch immer seine Fähigkeit zur Differenzierung, zur Ambivalenz und zur Darstellung widersprüchlicher Perspektiven. Diese Stärke droht verloren zu gehen. Im Vorfeld der Abstimmung haben wir uns deshalb bewusst für eine kritische Diskussion eingesetzt – nicht gegen die SRG, sondern für sie. Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk darf nicht automatisch als Angriff verstanden werden. Im Gegenteil: Gerade wer diese Institution erhalten will, muss Fehlentwicklungen benennen dürfen. Besonders deutlich zeigen sich diese Spannungen in der Berichterstattung zu hoch emotionalisierten Themenfeldern wie dem Nahostkonflikt oder aktuellen identitätspolitischen Debatten. Hier versagt die SRG erschreckend: Antisemitische Narrative paaren sich mit Klimaaktivismus und einer ideologischen Hetzkampagne gegen jüdische Institutionen, Künstlerinnen und Künstler, gegen das Existenzrecht Israels. Gleichzeitig werden Sprechaktpolitiken der Transaktivisten ohne Gegenpositionen mit einer Gewalt gegen die klassischen Feministinnen gepuscht, die eine unschweizerische Cancel-Unkultur hervorgebracht haben. Eine solche Entwicklung widerspricht jedoch dem eigentlichen Auftrag öffentlich-rechtlicher Medien: der möglichst umfassenden Darstellung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Öffentlich-rechtlicher Journalismus darf weder Aktivismus noch Gegenaktivismus sein. Er muss Urteilskraft, Qualitätsjournalismus und das Schaffen gemeinsamer Wirklichkeiten ermöglichen.

Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung wäre es die historische Aufgabe von Institutionen wie der SRG, Räume der Differenzierung offen zu halten. Nicht jede gesellschaftliche Kontroverse muss in Freund-Feind-Logiken übersetzt werden. Demokratie lebt gerade davon, dass komplexe Fragen komplex bleiben dürfen. Unsere Kritik ist deshalb Ausdruck einer grundsätzlichen Loyalität. Wir kritisieren nicht, weil wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ablehnen, sondern weil wir ihn für unverzichtbar halten. Die Alternative wäre ein vollständig plattformgetriebener Informationsraum, in dem Aufmerksamkeit wichtiger wird als Einordnung und Emotion wichtiger als Analyse.

Die SRG steht heute vor einer paradoxen Situation: Sie wurde politisch bestätigt, muss sich aber gleichzeitig journalistisch neu bewähren. Das Vertrauen der Bevölkerung ist ein Auftrag, kein Freipass. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre: den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wieder stärker als Ort der intellektuellen Offenheit zu verstehen – nicht als Resonanzraum gesellschaftlicher Lager. Denn wenn öffentlich-rechtliche Medien ihre besondere Rolle verlieren, verlieren nicht nur sie ihre Legitimation. Die Demokratie verliert einen ihrer wichtigsten Orte der gemeinsamen Wirklichkeit.