“Die Hannah Arendt Kontroversen.” Nächte der Philosophie von Regula Stämpfli, update mit #HannahArendtLectures 2026: Zehn Thesen gegen die politische Vereinnahmung der Philosophin Hannah Arendt.

Alle Weisheit dieser Welt. Regula Stämpfli darüber, wie wir mit Hannah Arendt die Welt vor den Algorithmen retten. Alle Weisheit dieser Welt. Beitrag von Regula Stämpfli zu Hannah Arendt.
Alle Weisheit dieser Welt. Regula Stämpfli darüber, wie wir mit Hannah Arendt die Demokratie in Zeiten digitaler Reproduktion retten.

Audio: https://www.podcast.de/episode/641278025

Hannah Arendt Kontroversen: Zehn Thesen gegen ihre politische Vereinnahmung

Von Dr. Regula Stämpfli, Politphilosophin, Bestseller-Autorin, KI-Forensikerin. Copyright 2026

1. Hannah Arendt darf nicht zur Heiligen einer politischen Gesinnung gemacht werden

Hannah Arendt war keine linke, rechte, liberale oder konservative Gewährsfrau. Sie dachte gegen ideologische Lager und verweigerte sich der intellektuellen Bequemlichkeit. Wer einzelne Sätze aus ihrem Werk herauslöst, um gegenwärtige politische Positionen nachträglich mit ihrer Autorität auszustatten, verrät ihr „Denken ohne Geländer“. Arendt hinterliess keine Glaubenslehre, sondern eine Methode des politischen Urteilens: Wirklichkeit wahrnehmen, Unterschiede benennen und sich der eigenen Meinung niemals sicherer sein als der Tatsachen.

2. Die Liebesgeschichte mit Martin Heidegger verdeckt Arendts eigenes Werk

Die populäre Erzählung von der jüdischen Denkerin und ihrem nationalsozialistischen Lehrer reduziert Hannah Arendt auf eine dramatische Nebenfigur im Leben eines berühmten Mannes. Aus einer klassischen Schwärmerei der Schülerin für ihren Lehrer – eine Schülerin, die Heideggers Werk überhaupt erst international bekannt gemacht hat – entsteht eine kulturelle Endlosschleife, die Heideggers politische Verantwortung ästhetisiert und Arendts Eigenständigkeit verkleinert. Hannah Arendt muss aus dem Schatten Heideggers herausgelesen werden: als Flüchtlingshelferin, Staatenlose, Autorin, politische Theoretikerin und öffentliche Intellektuelle.

3. Arendts Denken entstand aus Verfolgung, Flucht und Staatenlosigkeit

Arendts politische Theorie ist nicht am Schreibtisch allein entstanden. Gestapo-Haft, Flucht, Internierung, Staatenlosigkeit und Exil prägten ihr Denken über Herrschaft, Menschenrechte und Zugehörigkeit. Ihre berühmte Forderung nach dem „Recht, Rechte zu haben“ bezeichnet deshalb kein abstraktes Menschenrecht. Sie meint das elementare Recht, einer politisch organisierten Gemeinschaft anzugehören, in der ein Mensch sprechen, handeln und als Person erscheinen kann.

4. Totalitarismus beginnt mit der Zerstörung der gemeinsamen Wirklichkeit

Totalitäre Herrschaft benötigt nicht nur Gewalt, Polizei und Führerkult. Sie gedeiht dort, wo Tatsachen ihren bindenden Charakter verlieren, Menschen vereinsamen und Propaganda die gemeinsame Welt durch ideologische Fiktionen ersetzt. Im digitalen Zeitalter treten an die Stelle zentral gelenkter Propaganda millionenfach wiederholte Frames, automatisierte Empörung, algorithmische Belohnung und öffentliche Pranger. Der digitale Totalitarismus besitzt nicht immer ein Ministerium – oft genügt ihm eine Plattform.

5. Codes sind die Ideologien des 21. Jahrhunderts

Was Arendt als Ideologie analysierte, erscheint heute zunehmend als Code: als technische Vorgabe, sprachliche Schablone, algorithmische Sortierung und scheinbar alternativlose Klassifikation. Codes beschreiben die Welt nicht nur, sie ordnen Sichtbarkeit, Anerkennung und Ausschluss. Sie entscheiden darüber, welche Wirklichkeit auffindbar ist und welche im Datenloch verschwindet. Deshalb lautet die demokratische Frage unserer Zeit nicht nur: Wer regiert? Sie lautet auch: Wer programmiert, wer kategorisiert, wer berichtet, wer verschweigt, und wer und was wird aus dem Bild gestrichen?

6. „Die Banalität des Bösen“ darf Eichmanns Überzeugungen nicht verharmlosen

Arendts Formel bezeichnet die erschreckende Gedankenlosigkeit moderner Täter: Menschen können sich in Verwaltung, Sprache und Pflichterfüllung einrichten, ohne über die Bedeutung ihrer Handlungen zu urteilen. Doch Adolf Eichmann war nicht lediglich ein farbloser Bürokrat. Er war Akteur und Organisator eines antisemitischen Vernichtungsprogramms. Er definierte sich nicht als Judenhasser, tat aber alles in seiner Macht stehende, um das jüdische Volk auszurotten. Arendts Begriff bleibt erkenntnisreich, wenn er die moderne Arbeitsteilung des Verbrechens erklärt. Er wird problematisch, sobald die Banalität des Bösen auf alles und jedes angewendet wird. Wenn Alle zu Tätern erklärt werden, ist letztlich niemand mehr schuldig.

7. Arendt war weder antizionistische Prophetin noch unkritische Zionistin

Hannah Arendt arbeitete für zionistische Organisationen, half jüdischen Jugendlichen bei der Flucht und verteidigte jüdische Selbstbehauptung. Sie verdankt zionistischen Organisationen ihr Überleben und Einkommen. Hannah Arendt ist aber auch ein Kind ihrer Zeit und stark sozialistisch, und mit ihrer grossen Liebe zu Heinrich Blücher, auch kommunistisch geprägt. Deshalb war sie vehemente Internationalistin. Laut Eigenzeugnis wurde Hannah Arendt ja auch erst zur Jüdin von den Nationalsozialisten gemacht. Hannah Arendt als Denkerin gegen Israel benutzen, ist nichts anderes als Hannah Arendt posthum zwecks antisemitischer Legitimation heranzuziehen. Hannah Arendts Judentum war säkular, ihre Einschätzung zu Israel widersprüchlich und – wie auch im Diskurs zur Aufhebung der Rassentrennung an US-amerikanischen Schulen, von Fehleinschätzungen geprägt. Hannah Arendts Schriften berechtigen zur Kritik an staatlichem Handeln – nicht zur Leugnung des jüdischen Rechts auf politische Existenz und Selbstverteidigung.

8. Arendts Name wird heute häufig gegen ihr Denken eingesetzt

Preise, Institute, Konferenzen und politische Kampagnen berufen sich auf Hannah Arendt, während sie zentrale Elemente ihres Werks missachten: Tatsachenbindung, Pluralität, Urteilskraft, Schutz der politischen Öffentlichkeit und Widerstand gegen Antisemitismus. Ein Name ersetzt keine Auseinandersetzung. Wo „Hannah Arendt“ lediglich als moralisches Gütesiegel dient, muss gefragt werden, ob nicht gerade jene ideologische Vereinnahmung stattfindet, gegen die sie ihr Leben lang anschrieb.

9. Frauen haben das geistige Erbe des 20. Jahrhunderts mitgeschaffen – und wurden daraus herausgeschrieben

Hannah Arendt schrieb nicht nur eigene grosse Werke. Sie unterstützte, vermittelte und publizierte die Arbeiten anderer, darunter Walter Benjamin, Karl Jaspers und Martin Heidegger. Dennoch wird ihre Biografie immer wieder über die Männer erzählt, denen sie begegnete. Diese Umkehrung ist strukturell: Frauen erscheinen als Musen, Geliebte oder Helferinnen, obwohl sie Netzwerke schufen, Manuskripte retteten und intellektuelle Karrieren ermöglichten. Eine gerechte Geistesgeschichte muss diese unsichtbare Arbeit sichtbar machen.

10. Amor Mundi ist keine sentimentale Weltliebe, sondern eine politische Verpflichtung

Arendts Liebe zur Welt bedeutet nicht, die Welt schönzureden. Sie verlangt, sie mit anderen zu teilen, ihre Tatsachen auszuhalten und Verantwortung für ihren Fortbestand zu übernehmen. Politik entsteht im Dazwischen: dort, wo verschiedene Menschen sprechen, handeln und etwas Neues beginnen können. Gegen ideologische Gewissheit, algorithmische Vereinzelung und digitale Wirklichkeitsflucht setzt Arendt die Urteilskraft. Freiheit beginnt mit der Geburt – doch sie besteht nur fort, wenn Menschen den Mut haben, die gemeinsame Welt immer wieder neu zu gründen.

Schluss: Die Popularisierung von Hannah Arendt inklusive Ausschöpfung ihrer Briefe, Schriften, Darstellung jedes Details ihres Lebens, banalisieren die grosse Denkerin der Moderne. An den Hochschulen kommt dies einem riesigen Versäumnis der Lehre und Forschung gleich.

Wie »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt umdeutet. Und Elif Eralp diesem Muster: “First we take Manhatten, then we take Berlin” folgen will. Eine aktualisierte Kritik des Medienartikels von Regula Stämpfli in der Jüdischen Allgemeinen JA, 3.9.2026.

https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/der-schoengefaerbte-sozialist-so-framed-die-zeit-den-fanatischen-israelhasser-zohran-mamdani-zur-politischen-lichtgestalt

In der “Basler Zeitung” freut sich ein linksextremer Schwärmer, dass die linksextreme Elif Eralp mit grosser Wahrscheinlichkeit zur ersten Bürgermeisterin türkischer Abstammung in Berlin wird. Ihr Vorbild sei Zohran Mamdani, eine Lichtgestalt, wenn wir der “Die Zeit” vertrauen wollen. Hier eine fulminante Medienkritik von Regula Stämpfli über das Unterdrücken klassisch antisemitischer Programme. Judenhass? Ist nur noch eine kleine Anmerkung im Siegeszug der islamogauchiste Linken in allen Grossstädten. “Paul Middelhoffs Text in der Wochenzeitung »Die Zeit« beginnt wie ein Broadway-Titel: »If he can make it there …« Da ist sie, diese Atmosphäre! Ein Aufbruch, der, so toll erzählt, in einem etwas zugemüllten Raum beginnt, mit Marx-Lektüre, Pronomen-Runde und Menschen, die an die »richtige Revolution« glauben. Es riecht nach Theorie, Klischees, Nudeln und Aufbruch. New York ist teuer, die Mieten sind absurd und der Sozialismus plötzlich sexy. Mittendrin steht Zohran Mamdani, lächelnd, elegant, volksnah: der Mann, der das Unmögliche möglich gemacht hat. Damit ist die Dramaturgie im Artikel gesetzt. Mamdanis Sozialismus erscheint als logische politische Antwort. Sein Verhältnis zu Israel und zu den Juden hingegen erscheint als rein psychologisches Problem. Der verräterischste Satz steht groß über der Seite: »Da ist auch Angst. Davor, dass in ihm ein Israel-Feind steckt, vielleicht sogar ein Antisemit.« Aha. Angst also. Nicht politische Entscheidungen, Äußerungen, Allianzen. Nein, da ist ein »Muster« – Juden haben halt Angst, aber Mamdani macht eben Politik – richtige Politik! Im Text handeln nur Mamdani und seine fanatischen Anhängerinnen – seine Kritiker fühlen nur. Sie empfinden Unbehagen – als ob Antisemitismus und aktive Israel-Vernichtungspolitik ein Gefühl und nicht politische Programm wäre. So funktioniert Framing. Sozialismus wird zur Politik, Antisemitismus zur Befindlichkeit. Daran ist alles falsch. Ob »in Mamdani« ein Antisemit »steckt«, ist die falsche Frage. Demokratie beurteilt keine Herzen, sondern Sprache, Entscheidungen, Personal und Macht. Antisemitismus ist kein geheimes Gefühl im Innern eines Politikers. Er ist ein Code, der bestimmt, wessen Geschichte sichtbar bleibt, wessen Angst ernst genommen wird und wer aus den Institutionen verschwindet. Genau diese institutionelle Ebene unterschlägt das Porträt der »Zeit«-Edelfeder Paul Middelhoff, obwohl es doch so viele Beispiele dafür gibt. Am ersten Amtstag kassierte Mamdani viele Erlasse seines Vorgängers Eric Adams in einem Paket (Trump nicht unähnlich). Darunter war die Übernahme der Arbeitsdefinition der »International Holocaust Remembrance Alliance« zum Antisemitismus – jene Definition, die auch bestimmte Formen der Israel-Dämonisierung als antisemitisch erfasste. Selbst nach Protesten wurde sie nicht ersetzt oder ergänzt. Man wolle keine kodifizierte Definition von Hass, ließ Mamdanis Büro verlauten. Das ist keine Befindlichkeit. Das ist klare Amtsmacht. Zohran Mamdani hat das Existenzrecht Israels bejaht, sich aber geweigert, Israel als jüdischen Staat zu anerkennen. Das ist keine Wortklauberei. Eine Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde außerhalb Israels arbeitet also ohne verbindlichen Maßstab dafür, wann Israelhass in Judenhass umschlägt.

Im Juli 2026 protestierten vier jüdische Juristenvereinigungen dagegen, dass Mamdanis 18-köpfiger Ausschuss für Richterempfehlungen keinen einzigen jüdischen Juristen umfasste. In New York stellen Juden einen sehr großen Teil der Anwaltschaft. Das Büro des Bürgermeisters bestritt die Leerstelle nicht. Es verwies lediglich darauf, dass der Bürgermeister auch jüdische Richter ernannt hätte. Beides gehört zur Wahrheit. Eine Zeitung wie »Die Zeit«, die sich sonst sehr für Diversity und Anti-Diskriminierung stark macht, müsste zumindest fragen, warum ausgerechnet Juden in einem angeblich repräsentativen Querschnitt New Yorks fehlen. Kurz zuvor hatte eine von der Stadt verbreitete Karte die Einwanderungsquartiere »Little Palestine« und »Little Egypt« verzeichnet, die zahlreichen jüdischen Einwanderungsräume jedoch ausgelassen. Die Karte stammte aus dem Jahr 2023 und wurde von Mamdanis Verwaltung ergänzt und erneut publiziert. Nach Protesten versprach der Bürgermeister Korrekturen. Auch das ist fair.

Die Episode zeigt trotzdem, wie Auslöschung heute oft funktioniert: nicht durch ein Verbot, sondern durch eine Karte, auf der bestimmte Menschen einfach nicht stattfinden. »Die Zeit« hätte darin ein Thema erkennen können. Stattdessen liefert sie Atmosphäre.

Die wirklich hässlich redaktionelle Choreografie sitzt jedoch unter dem großen Foto von Mamdani in den kleineren Bildern. Unter Jacob Kornbluh steht: »Besorgt: der jüdische Reporter.« Unter Rama Duwaji: »Beliebt: Mamdanis Frau.« Unter Darializa Avila Chevalier: »Berüchtigt: die Aktivistin.« Drei Wörter, eine Ideologie. Der Jude erhält eine Emotion. Die Frau des Bürgermeisters erhält sozialen Glanz. Die Radikale erhält rebellisches Kapital. Gerade bei Rama Duwaji wäre Nüchternheit angebracht. Die Associated Press und andere Medien berichteten über ältere Posts, für die sie sich später entschuldigte. Nach dem 7. Oktober 2023 likte sie Beiträge, die den Hamas-Überfall als Widerstand feierten. Sie lieferte eine Illustration zu einem Band im Umfeld der Autorin Susan Abulhawa, die Juden in brutaler Sprache entmenschlicht. Mamdani nannte Abulhawas Sprache unangepasst, erklärte im selben Atemzug seine Ehefrau zur Privatperson. Dies ist keine Randnotiz für »beliebt«. Noch schwerer wiegt Hasan Piker, der reichweitenstarke Streamer, der öffentlich behauptet hat, Amerika habe 9/11 verdient. Piker gehört ins engere Umfeld von Mamdani. Bei einem rechten Politiker würde »Die Zeit« dies nicht unter »Charisma« des Bürgermeisters abbuchen, sondern als ziemlich umstrittenes Netzwerk entlarven. Und Darializa Avila Chevalier ist nicht einfach »berüchtigt«, sondern eine ausgesprochen laute Antizionistin, die am 8. Oktober 2023 auf die Straße ging, um für die Hamas zu demonstrieren.

»Globalisiert die Intifada«: Mamdani solidarisiert sich mit der Mordwelle gegen unschuldige jüdische Zivilisten während der »Intifada«.

Selbst Alexandria Ocasio-Cortez hatte diese Kundgebung wegen der Verharmlosung der Hamas-Gewalt kritisiert. Es ist also sicher keine Folklore, wenn genau beschrieben wird, mit wem sich der Bürgermeister solidarisiert. Den Slogan »Globalisiert die Intifada« hat Mamdani übrigens auch nie verworfen, aber das scheint »Die Zeit« ohnehin nicht zu stören. Möchten die Redakteure in Hamburg nicht wissen, oder ist es ihnen egal? Bei der letzten »Intifada« haben palästinensische Terroristen mehrere Hundert unschuldige Juden in Israel ermordet. Mamdani solidarisiert sich mit diesen Morden, indem er diesen Schlachtruf verwendet. Ein Skandal? Mitnichten. Juden zählen nicht! Beziehungsweise fast nicht. Zugestanden wird ihnen immerhin, Angst zu haben. Immer diese Juden mit ihren Gefühlen und dieser irrationalen Angst!

Der größte kosmetische Eingriff aber betrifft die Herkunft. Mamdani wird als Sohn mit »indisch-ugandischen Wurzeln« eingeführt. Das klingt nach Rand, Migration, Aufstieg. Er ist der Sohn der Filmemacherin Mira Nair und des Columbia-Professors Mahmood Mamdani. Privilegierte Schulen, elitäres College, eine global bewegliche Kultur- und Wissenschaftselite. Daran ist nichts Verwerfliches. 

Aber: Ein rechter Politiker mit den Ansichten von Mamdani würde von der »Zeit« massiv kritisiert werden. Zu Recht.

Verwerflich ist die Maskerade, die aus zwei geografischen Adjektiven eine Legende vom Rand konstruiert. »Wurzeln« sind in diesem Text kein Befund. Sie sind Make-up. Bei einem rechten Politiker würde dieselbe Zeitung nach Elternhaus, Schulen, Netzwerken und ideologischer Sozialisation fragen. Hier genügt die magische Formel, und aus dem Sohn zweier prominenter, dezidiert antizionistischer Intellektueller wird ein authentischer Repräsentant der Einwandererstadt. Dieser doppelte Standard trägt das ganze Porträt. Ein Rechter mit einem judenfreien Richtergremium, einer Verwaltungskarte ohne jüdische Quartiere und einer antisemitisch gefärbten Entourage würde nicht als aufregendes demokratisches Experiment beim Italiener beobachtet. Man würde ein Netzwerk zeichnen. Man würde fragen, wie aus solchem Ressentiment schnell gefährlich institutionelle Macht wird. Zu Recht.

Mamdanis Judenhass stört nur das Flirten der »Zeit« mit Rebellion, Revolution und dem »guten Sozialismus«.

Was für eine vertane Chance von der »Zeit.« Dabei ist es so offensichtlich: Bei Mamdani sticht Gaza jedes Mal die Sozialpolitik. Der Sozialismus mag Wärme liefern, die postkolonialen Gefährten indessen kennen nur Kälte gegenüber Israel und den Juden. Bei Mamdani kommt der politische Islamismus nicht mit Bartzwang, sondern als bunte Koalition und mächtige Bündnisform daher – jung, postkolonial, mit dem Versprechen auf bezahlbare Mieten und Karrieren für die junge Generation, gern mit muslimischem Hintergrund, und immer mit einem Antipoden im rhetorischen Gepäck: der einzige jüdische Staat als universelles Symbol des Bösen. All das fehlt im »Zeit«-Artikel über Zohran Mamdani. Nicht weil die Fakten unbekannt wären. Sondern weil es das Flirten mit Rebellion, Revolution und dem »guten Sozialismus« stört. Paul Middelhoff hat Atmosphäre geliefert. Mundgerecht für den 0815-»Zeit«-Leser, der am 9. November die tote Juden beweint, an allen anderen Tagen aber umso mehr aus dem jüdischen Staat einen Täterstaat konstruiert, der abgeschafft gehört. Die Institutionen hat Middelhoff stehen lassen. Genau dort entscheidet sich, ob Juden in New York vorkommen – oder nur noch Angst haben dürfen.

Die A-Moral reist First Class. Regula Staempfli zur Leihmutterschaft von berühmten deutschen CDU-Politikern.

Die A-Moral reist First Class

Von Dr. Regula Staempfli, Politphilosophin, Autorin von “Trumpism. The Algorithmic Age.” Es gibt Geschichten, die weit über das Private hinausweisen. Nicht weil Kinder geboren werden – das ist immer ein Glück. Sondern weil Politiker Gesetze beschliessen, die sie für sich selbst nicht gelten lassen. Genau deshalb ist die Nachricht über Jens Spahn und seinen Ehemann keine Boulevardgeschichte. Sie ist ein antidemokratischer Skandal.

Deutschland verbietet die Leihmutterschaft.

Leihmutterschaft in Deutschland aus guten Gründen strafbar(§ 1 Embryonenschutzgesetz i.V.m. § 13a Adoptionsvermittlungsgesetz). Der Gesetzgeber hat sich bewusst gegen die Kommerzialisierung des menschlichen Körpers und gegen die systematische Trennung von Kind und leiblicher Mutter unmittelbar nach der Geburt entschieden.

Wissenschaftliche Studien zeigen wiederholt, dass eine frühe Trennung von der leiblicher Mutter für das Kind mit grossen Traumata einhergeht – von Bindungsstörungen bis zu langfristigen Identitätsproblemen. Während Hunde in Deutschland mindestens 8 Wochen bei der Mutter bleiben müssen, scheint für menschliche Babys in manchen politischen und medialen Kreisen ein anderer Massstab zu gelten.

Das Verbot beruht nicht auf religiösem Puritanismus, sondern auf einer ethischen Grundentscheidung: Der weibliche Körper soll nicht zum Gegenstand eines Marktes werden, Kinder nicht Ergebnis eines Vertrages sein. Doch seit einigen Jahren entsteht eine neue politische Klasse. Sie nimmt für sich das Adjektiv „progressiv“ in Anspruch, meistens wenn die Mitglieder der Klasse schwul oder queer sind. Diese neue Elite steht im Inland für Gesetze und Regeln, die durch Reisen ins Ausland umgangen werden. Was auf deutschem Boden verboten bleibt, wird von der Elite irgendwo in der Welt als „private Lebensentscheidung“ deklariert und von Boulevardmedien gefeiert.

Demokratie lebt nicht nur von Gesetzen. Sie lebt vom Vertrauen, dass diejenigen, die Gesetze machen, sich selbst an deren Geist gebunden fühlen. Wer das Recht geografisch auslagert, beschädigt genau dieses Vertrauen. Es entsteht der Eindruck einer globalisierten Doppelmoral: Für die Bevölkerung gelten Normen. Für Eliten gelten Möglichkeiten. Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um homosexuelle Paare. Dieselbe Frage stellt sich bei heterosexuellen Paaren genauso. Wer Leihmutterschaft gesetzlich verbietet, hat sie nicht zu importieren und nachträglich zu legalisieren wie es sich dies Hendrik Streek und Jens Spahn leisten. Deutsche Gesetze und moralethische politische Kultur endet auch für Politiker nicht an der Grenze, oder?

Bemerkenswert ist dabei weniger die Entscheidung einzelner Politiker als das Schweigen ihrer Parteien. Die CDU nennt sich christlich-demokratisch. Sie betont Verantwortung, Familie und die Würde des Menschen. Sie steht vordergründig zu den geltenden Gesetzen in Deutschland. Doch hier schweigt die Partei. Denn wenn Gesetze nur noch als Duty-Free-Selbstbedienungsladen verstanden werden, dann ist die Demokratie echt in Gefahr.

Vielleicht ist genau dies die eigentliche Geschichte. Nicht das Familienglück eines Politikers. Sondern die stille Entstehung einer Elite, die sich dort von ihren eigenen Gesetzen befreit, wo sie über genügend Geld und internationale Mobilität sowie Medienhoheit verfügt. Kinderrechte und Menschenrechte und Demokratie aber beginnt dort, wo Macht sich selbst dieselben Grenzen setzt wie allen anderen.

“Die unverstandenen Staaten. Amerika hat gewählt.” Von Regula Staempfli zur Wahl von Donald Trump im Jahr 2024 mit einem Update anlässlich der Fussball WM 2026. “Wer 2026 immer noch glaubt, Donald Trump sei die Geschichte, hat die Geschichte nicht verstanden. Trump ist nicht die Ursache. Trump ist die Störung im System. Die Fehlermeldung. Die paradoxe Intervention einer politischen Klasse, die sich in ihren eigenen Narrativen verfangen hat.”

Die Medien haben sich geirrt. Wieder einmal. Nicht weil Donald Trump ein Genie wäre, sondern weil die Wirklichkeit hartnäckiger ist als Narrative. LASTAEMPFLI

UPDATE Als ich diesen Essay nach den US-Wahlen 2024 schrieb, war die Aufregung über Donald Trump so gross, dass viele Beobachter übersahen, worum es eigentlich ging: nicht um eine Person, sondern um den Zusammenbruch alter politischer und medialer Gewissheiten. Eineinhalb Jahre später zeigt sich ein paradoxes Bild. Donald Trump bleibt eine disruptive Figur, oft erratisch, manchmal grössenwahnsinnig, häufig unberechenbar. Doch die entscheidenden politischen Konfliktlinien verlaufen nicht entlang seiner Person, sondern entlang von Themen, die Medien, Universitäten und Kulturinstitutionen lange ignorierten. Dazu gehört definitiv das Thema MIGRATION. UND ZWAR NICHT als abstrakte Menschenrechtsfrage, sondern als konkrete Frage von Sicherheit, Integration, Wohnraum, Löhnen und vor allem der Stellung von Frauen. Wer durch europäische Städte geht, erkennt rasch: Die Folgen einer fehlgeleiteten Migrationspolitik tragen häufig Frauen zuerst – im öffentlichen Raum, in Schulen, im Sport und in den sozialen Institutionen. Punkto “Frauen im Sport” – ein von den Medien völlig vernachlässigtes Thema ist nach wie vor festzuhalten: In den USA DAUERPRÄSENT. Mädchen und junge Frauen verlieren massenhaft Stipendien und Auszeichnungen an junge Männer, die sich per Sprechakt zu Frauen erklären. Geht dies so weiter, wird die Sparte “Frauensport” durch Transfrauen besetzt – mit ein paar Frauen so nebenbei. Die Verteidigung des Frauensports bleibt unter Frauen, die wählen, ein wirklich wichtiges Thema und wird zur zentralen demokratischen Frage: Haben Frauen als Frauen das Recht auf eigene Räume, eigene Wettbewerbe und eigene politische Vertretung? Millionen Wählerinnen beantworteten diese Frage anders als Medien, Universitäten und Verbände. Dann Stichwort Geopolitik. Die grösste Bedrohung für westliche Demokratien geht heute nicht von alten Gespenstern des 20. Jahrhunderts aus, sondern von autoritären Regimen und ideologischen Bewegungen, die Freiheit, Gleichberechtigung und Rechtsstaatlichkeit offen bekämpfen. Die islamische Republik Irans und ihre Proxies, die Europa und Israel regelmässig in Terrorattacken bedrohen, in Israel mit Dauer-Raktenbeschuss operieren, gehören sicher dazu. Weshalb ausgerechnet die brave Sozialdemokratie, die sich über ein Jahrhundert um die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Wohlstand in Demokratien gekümmert hat, nun die Islamofaschisten symbolisch und mit Kandidierenden unterstützt, wird die grosse Herausforderung künftiger Historikerinnen und Historiker sein. Oder es ist so simpel, wie es im “Archipel Gulag” beschrieben wurde: Kommunismus endet in Listen, Theorie und Mordpraktiken. Vielleicht ist der Islamismus ja auch nur eine Variante davon. Punkto Trump zeigt auch Venezuela, dass Autokratien nicht einfach durch gutes Zureden verschwinden: Geopolitisch hat Donald Trump die Weltpolitik neu gemischt, die VR China von ihren Allianzen mit Iran und Venezuela entfernt und naja: Als Frau im Westen gegen Taliban aller Art zu kämpfen, war noch nie falsch. Ein Blick auf Afghanistan, wo ein totalitäres Mordregime gegen Mädchen und Frauen als Religion verkauft wird und von der UNO toleriert, sollte eigentlich reichen.

Zur Amtszeit von Donald Trump ist deshalb festzuhalten: Trump bleibt eine paradoxe Intervention. Er zwingt politische Eliten, sich mit Realitäten auseinanderzusetzen, die sie zu lange moralisiert, ignoriert oder wegdefiniert haben. Seine grösste Wirkung besteht nicht darin, neue Antworten zu liefern. Seine Wirkung besteht darin, Fragen wieder sichtbar zu machen, die nicht verschwinden, nur weil man sie tabuisiert.

Deshalb bleibt die wichtigste Erkenntnis meines Essays dieselbe wie 2024:

Nicht die Menschen haben sich radikal verändert. Die Codes haben sich verändert. Und wer die Gegenwart verstehen will, muss lernen, zwischen Narrativ und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Trumpism. The Algorithmic Age by Regula Staempfli.
Trumpism. The Algorithmic Age by Regula Staempfli.

(Die aktuelle Sendung zum Thema im Servus TV: https://www.derpragmaticus.com/tv-sendungen 7.6.2026: In der aktuellen Folge Der Pragmaticus geht es um die Frage wie das „Land of the free“ seine Spitzenposition halten kann? Zu Gast sind Schriftsteller und Kulturphilosoph Leon De Winter, Professor für Politikwissenschaft (Uni Salzburg) Reinhard Heinisch und Politikwissenschaftler Ralph Schöllhammer und als Expertin Dr. Regula Staempfli zum Thema Kulturkampf.)

Hier der Essay von damals im Original, siehe https://ensuite.we-are.gmbh/die-unverstandenen-staaten-amerika-hat-gewaehlt/: “Von Dr. Regula Stämpfli – Unsere Essayistin hat zu Donald Trump ein enges Verhältnis. Als Erste prägte sie 2017 den Begriff «Trumpismus», schrieb dazu zwei Jahre später einen Bestseller und rechnete mit den mit Personalisierung, Brands und Polarisierung operierenden Medien ab. Dies nehmen ihr die Journalisten bis heute übel. Weshalb sie 2024 mit dem «Case against Kamala Harris» die US-Wahlen ganz anders sieht als alle anderen – wie, lesen Sie hier. 

«Ich glaube, ich hätte einen verflucht guten Hitler abgegeben.» Dieses Zitat stammt nicht etwa von Donald Trump, sondern von David Bowie aus dem Jahr 1976. Es ist im Kultbuch «Sex Revolts» über Musik und Politik der USA zu finden. Von «Hitler» war 2024 auch viel die Rede. Es war leider die einzige Wahlmobilisierung der unterirdisch schlechten Kampagne der Demokratischen Partei. «Hitler» wurde gewählt, und zwar mit einem Erdrutschsieg, der in der Geschichte der USA fast einmalig ist.

Wie konnte es so weit kommen?

«It is the codes, stupid!» Barack Obama war der erste Smartphone-Präsident, Donald Trump der erste Twitter-Präsident, Joe Biden der letzte klassische Präsident. Seit dem 5. November 2024 sind wir nicht mehr bei den Medienpräsidenten, sondern im neuen «Zeitalter digitaler Reproduktion» angekommen. Dieses kombiniert Codes und «real world» in Echtzeit. Donald Trump bespielte im Wahlkampf alle codierten Medien und kombinierte sie mit realen Auftritten: Podcasts, soziale Netzwerke, Youtube, Tiktok, ein bisserl Facebook, viel Truth Social, noch mehr X/Twitter, ab und an Fox. Gleichzeitig tourten er und sein designierter Vize J.D. Vance durchs Land wie Rockstars. Diese Kombi, «codes and reality», brachte den Erdrutschsieg. Kamala Harris verfügte zwar über ein fünffaches Budget, unglaubliche 1 Milliarde Dollar, doch die Wahlen verlor sie haushoch, und das Wahlkampfteam schreibt bis zum Redaktionsschluss rote Zahlen. Wo sind denn diese Millionen hingeflossen? Das Team Harris, von den Obamas installiert – die Wahlkampfleiterin, die Pollster, die Social-Media-Fütterer sind seit 2008 für die Demokratische Partei engagiert –, hat auf klassische Medien gesetzt. Und zwar fast vollständig. Kein Wunder, berichteten die Fernsehsender alle so wohlwollend über Kamala Harris! Sie machten mit der Kandidatin der Demokraten ein Vermögen. Das letzte wohl in einem US-Präsidentschaftswahlkampf.

Das Harris-Team soll sogar einige Interviews gekauft haben. Dokumentiert sind Spenden an Oprahs Produktionsfirma – die wird es ja auch nötig haben – und an «Call Her Daddy». Letzteres ist ein Sex-Podcast, dem Kamala Harris die Zusage gegeben hat, weil sie nicht zum bekanntesten Podcaster, Joe Rogan, einem Neurechten mit linker Vergangenheit, wollte. Während Joe Rogan mit Donald Trump über 30 Millionen Zuhörende erreichte, plauderte Kamala Harris im Sex-Podcast – wirklich, echt jetzt? – übers «Frausein» und andere Beschwerden. Sie erreichte damit eine sich selbst völlig überschätzende Female Community mit den üblichen Frauenthemen, die ganz normale Frauen echt beleidigen. Meinen die Pop-up-Girls jungen und mittleren Alters echt, dass «Abtreibung» das einzig wichtige Thema von Frauen ist? Was ist mit Lohngleichheit und Karriereposten? Wo blieb die Diskussion um strukturelle Gewalt? Und überhaupt: Weshalb war die Gender-Apartheid im Iran, in Afghanistan, in Saudi-Arabien bspw. kein Thema? Was sollen die Attacken junger, postkolonial indoktrinierter Frauen bspw. auf die bürgerlichen Sufragetten? Ohne diese Heldinnen der Geschichte könnten die gestylten Influencerinnen von heute immer noch nicht studieren, ein eigenes Konto führen, arbeiten und das Geld davon auch behalten! Punkto Frauen haben die meisten Frauen leider immer noch keine Ahnung – and it shows. Die ganze Unterhaltung war oberpeinlich. Wo blieb die substanzielle Diskussion darüber, dass Frauen auch im Westen wenig medienpräsent sind, ausser sie bedienen «Body-Politics» – Stichwort Kim Karda-shian? Weshalb sind die Ärmsten der Armen alleinerziehende Mütter? Weshalb ist der Finanzsektor immer noch ein Boys’ Club mit alltagspornografischer Gesprächskultur? Wo bleiben all die «self-made female millionaires»? Was in aller Welt ist eigentlich im Macho-Silicon-Valley los? Fragen über Fragen, keine gestellt, keine thematisiert. Das Gespräch von Harris bei «Call Her Daddy» – allein der Titel dieses Podcasts ist frauenbeleidigend – gab auch den hinterletzten Frauen das Gefühl: Kamala Harris hat keine Politik, sie kann nichts anderes als Kamala Harris. Welch Schande für die Frauen! Denn wie schon bei Hillary Clinton, auch eine fehlplatzierte Kandidatin, werden amerikanische Möchtegern-Präsidentinnen von der Presse hochgejubelt, um dann umso tiefer zu fallen. Und zwar so, dass sich die Männer ziemlich primitiv gegenseitig auf die Schenkel klopfen können. Oder wird von Frauen einfach mehr erwartet als von Männern? Mit Blick auf den Erfolg von «Call Her Daddy» in den USA möchte ich dies zwar vehement verneinen, trotzdem: Daran ist etwas. Vor allem in Amerika. Denn wenn Amis die Wahl zwischen einer Frau und einem Clown haben, dann gewinnt immer der Clown.

Die krachende Niederlage von Kamala Harris muss dennoch Weckruf bleiben. Frauen haben für die wichtigsten Ämter dieser Welt nur dann eine Chance, wenn sie tatsächlich ebenso qualifiziert sind wie ihr männlicher Konkurrent. Nun werden die meisten einwerfen, Kamala Harris sei ja wohl tausendmal besser qualifiziert gewesen als der orange Clown und Reality-TV-Star Trump. Nun, so einfach sollten wir es uns nicht machen. Donald Trump hat an einer besseren Uni studiert als Kamala Harris. Donald Trump hat mehr Exekutiverfahrung als Harris. Donald Trump wurde in mehreren Wahlverfahren gewählt, Harris immer zuerst ernannt und dann einfach bestätigt. Donald Trump war in diesem Wahljahr überall präsent, Harris versteckte sich in Elitezirkeln. Es kommt noch eines hinzu: Frauen in den USA sind einer derart starken Pornografisierung des Alltags durch Sprache, Memes und Kultur ausgesetzt, dass sie sich dieser Dominanz meist unterwerfen: in Gestus, Frisur, Figur, Kleidung und Stimme. Tja. Harris war definitiv keine gute Kandidatin, andererseits zeigt ihr Beispiel wieder: Auf eine US-Präsidentin müssen wir wohl noch Jahrzehnte warten. Am ehesten wird das Rennen wohl eine Transfrau machen – was eigentlich alles sagen würde über den Zustand der Gleichstellungspolitik.

Was lief denn so schief?

Obwohl mit Kamala Harris die erste schwarze Frau für das höchste Amt in den Vereinigten Staaten kandidierte, waren «Frauen als Frauen» kein Thema. Ging es um Sex, Verhütung, Familie und Karriere, benutzte die demokratische Wahlmaschine das Gender-Speak einer Minderheit. Dieses Neusprech mögen die meisten Unter- und Mittelschichtsamis nicht. Latinx? Eine abstruse Fehlkonstruktion extrem linkstotalitärer Sprachfetischisten. Der Begriff hatte in den Wahlen keine Chance. Frauen wählten Kamala Harris nicht – daran gibt es nichts zu rütteln. Frauen wählten Kamal Harris nicht nicht, weil sie eine Frau war – das haben sicherlich viele Männer getan –, sondern weil Harris keine Themen ausser «Abtreibung» bewarb. Die erste Euphorie für Kamala Harris als erste nicht weisse weibliche Präsidentschaftskandidatur legte sich dann nach den ersten Wochen auch sofort. Vor allem auch deshalb, weil Kamala Harris kaum öffentliche Auftritte pflegte und wenn, diese dann in peinlichen Wortsalat-Antworten, Nervosität und Inkompetenz endeten. Harris war ständig überfordert, und das könnte, unbekannt in der Öffentlichkeit, damit zu tun haben, dass Joe Biden Kamala Harris hinter ihrem Rücken enorm schadete. Erinnern Sie sich an die Müll-Geschichte? Richtig. Da beschimpfte Biden Trumps Wähler als «Müll». Später wurde dieser Ausspruch mit «Klammern» korrigiert, doch bis dahin war Trump schon als Müllmann verkleidet bei den Müllmännern auf der Strasse. Zudem wirkte noch ein anderer Faktor zuungunsten von Kamala Harris:

Von Joe Biden erzählt man sich, er habe die Kandidatur von Harris bewusst hintertrieben. Biden war bis zum Schluss der Überzeugung, dass nur er Donald Trump besiegen könne. Nach dem desaströsen TV-Duell mit Trump wurde Biden aber von Nancy Pelosi und den Obamas, den führenden Kräften der demokratischen Parteimaschine, gegen seinen Willen zum Rücktritt als Präsidentschaftskandidat gezwungen. Deshalb schwärmte Obama nach dem Statement von Joe Biden auf X sofort vom «kommenden Parteitag als Chance eines Neubeginns». Doch Barack Obama hatte die Rechnung ohne den alten Haudegen Biden gemacht. Denn dieser verkündete zur grossen Überraschung aller, dass seine Delegiertenstimmen direkt an seine herausragende Vizepräsidentin Kamala Harris gehen würden. Pelosi und den Obamas blieb gar nichts anderes übrig, als die Kröte zu schlucken und schnell auf heile demokratische Welt zu machen.

So war das Desaster vorprogrammiert, und siehe da: Die lauten Querelen innerhalb der Partei der Demokraten nach dem Erdrutschsieg von Donald Trump scheinen diese These zu stützen. Statt in den Spiegel zu schauen, beschimpfen sich nun die Demokratinnen und Demokraten gegenseitig.

Kamala Harris’ Kandidatur könnte also von Beginn weg die Chronik eines angekündigten Versagens gewesen sein.

Zurück zu den Frauen, denn die entschieden über die US-Elections 2024. Die weiblichen Normies – normale, nicht genderbewegte Frauen – verweigerten sich dem politmechanischen Kalkül der Obamas vollständig. Dieses lautete: Frauen wählen immer Frauen – Bullshit. Frauen und Männer wählen generell weniger Frauen, doch wer will schon die Wahrheit, wenn die Ideologie besser klingt? Die Mehrheit der amerikanischen Frauen wählte nicht die «Dea ex Machina»-Kandidatin von der Parteielite Gnaden, sondern sie wählten Themen: Inflation, Migration und Anti-Woke und somit das Programm von Donald Trump. Dieser, clever wie eh und je, erfand die Welt nicht neu, sondern bediente sich bei seinen Slogans gewissenlos am alten Programm der Partei der Demokraten der USA. Deshalb widersetzte sich Trump so vehement einem ungezügelten Freihandel – für ihn waren die Arbeiter wichtig. Auch direkt aus den Wahlprogrammen der ehemaligen Demokraten stammt Trumps Analyse der «Kriegsmüdigkeit der Amerikanerinnen und Amerikaner». Trump klang zwischendurch wie ein Antikriegshippie, wenn er über die Kriege der Welt sprach. Trump setzte sich für Schutzzölle, gegen die Migration in die Unterschichten, für die Bekämpfung von Kriminalität und für den klassischen Wohlstand aufgrund von Leistung ein. Alles Themen, die ehemals die Demokraten bewirtschafteten. Trump konnte auch extrem leicht den Kulturkampf innerhalb der Linken zu seinen Gunsten verkehren. Das Motto Trumps war immer: gegen die Funktionäre, für die Basis. Über zwei Drittel der Gewerkschaftsangehörigen sollen laut Exit-Polls für Trump und nicht für Kamala Harris gestimmt haben. Ein schon fast erdrückender Anteil.

Und dennoch schreien Medien, Wissenschaft und demokratische Partei immer noch «Faschismus». Die Weigerung der Liberalen, Linken und Progressiven, in den absurden Spiegel von «gutem Krieg» (Ukraine), «schlechtem Krieg» (gegen Israel), von Sprech- und Denkgeboten bei gleichzeitiger Bevormundung von Nichtintellektuellen oder Andersdenkenden zu schauen, ist grotesk. Und an die Adresse der Linken gewandt habe ich schlechte Nachrichten: Der Erdrutschsieg von Donald Trump war kein «faschistischer Feldzug», sondern ein gelungener Wahlkampfmix von Themen, die Instrumentalisierung von Codes und die gleichzeitige Präsenz mit Tausenden von Menschen. Title 9 war innenpolitisch ein wirklich wichtiges Thema. Die Biden-Harris-Administration hat damit, grad zu Beginn ihrer Amtszeit, Transmädchen und Transfrauen im Frauensport zugelassen. Tausende von Podcasts, Tiktok-Beiträgen und Diskussionen innerhalb der Frauengruppen berichteten daraufhin von der Gefahr für Mädchen im Schulsport und vom «Diebstahl» unzähliger Medaillen durch Transfrauen. Während die «NY Times», MSNBC und CNN die Olympiade in Paris als gelungenes Fest feierten, inklusive Bejubeln der Boxerin aus Algerien, die sehr eindrücklich und mit höchster Brutalität ihre Konkurrentinnen wegboxte, liefen die sozialen Medien heiss. Die «Legacy-Media» beschimpfte alle Kritikerinnen von Transen im Frauensport als «Faschistinnen», «Terfs» und als «Republikanerinnen». Diese Medien ahnten nicht, dass sie damit allen Frauen schaden. So wählten denn am 5. November 2024 die Frauen auch nicht wie üblich die Demokratische Partei, sondern Donald Trump! Ausgerechnet! Wechselwählende, so die Exit-Polls, wurden nicht durch Inflation und Migration, sondern durch Kulturthemen überproportional mobilisiert.

Medien, Wissenschaft und Kultur scheren sich jedoch nicht um Realität, sondern beharren auf ihrem hegelianischen Weltbild: Driften Theorie und Realität auseinander, umso bedauerlicher für die Realität. Deshalb verstehen auch europäische Medien den Aufstieg von Georgia Meloni und Marine Le Pen nicht. Es waren die Frauen als Wählerinnen, die ihre üblichen Parteien – Grüne, Linke, Liberale – abwählten. Statt sich mit den Frauen auseinanderzusetzen, poltern indessen alle Medien und Experten über den in ihren Augen angeborenen US-amerikanischen Rassismus und Sexismus. Schon 2022 entwickelte ich in «Die Podcastin» die Theorie des «Nationalfeminismus», damals für die «Neue Zürcher Zeitung». Dies auf die empörte Frage des Journalisten, weshalb denn Frauen «immer» gegen ihre eigenen Interessen wählen würden. Well: Frauen wählen nicht gegen ihre eigenen Interessen, weil «eigene Interessen» vielfältiger sind als die Geschlechtszugehörigkeit. Und wie gesagt: Männer und Frauen wählen einfach immer weniger Frauen. Georgia Meloni, Marine Le Pen, Geert Wilders – sie alle werden, wie Donald Trump, in einer Mehrheit von Frauen (und Männern) gewählt. Vielleicht ist es nicht einmal ein «dafür wählen», sondern eher ein «dagegen»: gegen Parteien, die Frauen in den letzten Jahren so explizit betrogen («es gibt keine Frauen»), ausgebeutet («Sexarbeit und Leihmutterschaft sind ganz normale Jobs») und beschimpft (Terfs, Nazi, Faschistin) haben.

Die Wahlen in den USA zeigen: Frauen spielen in den westlichen Demokratien eine so viel wichtigere Rolle, als dies der Mainstream erkennt. Dabei wäre es höchste Zeit, mal bei den Frauen nachzufragen, weshalb sie wann wen wie wählen.

Bari Weiss, die Gründerin der Free Press, hat es in ihrem TED-Talk erst kürzlich so formuliert: Sie sei, als sie zum letzten Mal genau hingeguckt habe, eine Feministin, eine klassische Dem-Wählerin, eine Befürworterin der «Ehe für alle», für die Entkriminalisierung von Drogen und für eine allgemeine Gesundheitsversicherung gewesen. All dies sei ihr immer noch wichtig, doch für die demokratische Partei, für eine linke Bubble und in den «Legacy-Media» gelte sie trotzdem als Rechtsextreme, weshalb? Weil Bari Weiss Frauen nicht als Sprechakte sieht, den Islam als Todfeind für die Demokratie benennt und nicht etwa Israel und die Pronomen ihres Gegenübers nicht wichtiger findet als dessen Aussagen.

Kurz: Anfang November 2024 haben entgegen dem Geschrei in Medien, Kultur und an den Universitäten die Normies gewonnen. Sie werden zwar als Faschisten beschimpft, doch wenn alle wie Hitler sind, spielt es ja auch keine Rolle mehr, oder?”

Regula Staempfli zum Adler und dem Drachen: “Wirtschaftliche Verflechtung ohne strategische Absicherung ist keine Partnerschaft. Sie ist geopolitische und eigenstaatliche Verwundbarkeit mit Liefervertrag.” Wie Deutschland seine Industrie der kommunistischen Volksrepublik China ausliefert & die Medien mit der fatalen Fokussierung auf Identitäts-, Gender- und Antifa-Themen Demokratie zerstören. Juni 2026 von laStaempfli im WEITERDENKEN QUARTERLY.

Der Herr Verleger Leopold Freiherr von und zu Weiler empfiehlt auf Linkedin im “WEITERDENKEN QUARTERLY” den Beitrag “Im Blickpunkt” von Dr. Regula Stämpfli. Regula Staempfli dankt und verlinkt hier den Artikel als PDF mit Quelle, Zitat: Kohlhammer, Weiterdenken Quaterly, 2/26. Copyright. https://regulastaempfli.eu/wp-content/uploads/2026/06/16_Im-Blickpunkt_Staempfli.pdf

Zum Nachhören auch den wunderbaren Podcast mit Kai Strittmatter zu Gast bei Regula Stämpfli: http://ta-swiss-futurepodcast.online/kai-strittmatter-im-gespraech-mit-regula-staempfli-zur-vr-china-und-die-neuerfindung-der-diktatur

“Der Drache und der Adler. Wie Berlin Peking die Werkzeuge gab – und nun den grössten Rivalen erntet.” Und was ZDF und ARD damit zu tun haben. Essay von Regula Staempfli, Regula Stämpfli, laStaempfli in “Weiterdenken Quaterly.” 2/26

Der Kontrast zwischen der Wahrnehmung der VR China und der geopolitischen Realität ist in den deutschen Medien besonders krass. “Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, einst als Vierte Gewalt gedacht, geriet zunehmend in den Sog digitaler Aufmerksamkeitsökonomien. Kultur- und Identitätsthemen dominierten die Dabattenräume. Klimabewegung, Genderdiskurse, Identitätsfragen, permanente Selbstvergewisserung über strukturellen Rassismus im Westen.” China war schlicht kein Thema – welch fataler Irrtum.

Wieso Regula Staempfli über China schreibt: Sie hat ihre Masterarbeit über die VR China verfasst, siehe Kurzversion: https://www.sinoptic.ch/textes/histoire/1988/1988_Staempfli.Regula_Die.Schweiz.und.China.1945-1950-de.pdf

Regula Stämpfli/laStaempfli über “Pornokratie; Epstein-Files und die Herrschaft des Fleisches. ENSUITE MÄRZ 2026.

Pornokratie & Epstein, Essay von Regula Staempfli März 2026 im Ensuite.
Pornokratie & Epstein, Essay von Regula Staempfli März 2026 im Ensuite.

Pornokratie, Epstein-Files und die Herrschaft des Fleisches

Was passiert mit einer Gesellschaft, in der der Körper zur Ware wird – und der Mensch beginnt, sich selbst zu vermarkten?

In meinem neuen Essay in ENSUITE MÄRZ 2026 analysiere ich die kulturelle Logik hinter Pornografie, Macht, Jeffrey Epstein und der digitalen Ökonomie der Verfügbarkeit.

„Pornokratie bedeutet: Der Mensch wird zur Ware, die sich selbst bewirbt.“
Regula Stämpfli

„Pornokratie ist keine sexuelle Befreiung. Sie ist die Kolonialisierung des Körpers durch den Markt.“
Regula Stämpfli

Berner Medientage, 28. Februar 2026 mit Regula Staempfli. Es geht um die “Mobilisierung der Journalisten und Journalistinnen in die Welt” oder in laStaempflis Worten: “More reality, please”!

“Oft ist die Rede davon, dass Medien Demokratien «retten». Und tatsächlich – im informationsgesellschaftlichen Sinn stimmt das. Das Sortieren, Reflektieren und Beobachten von Zuständen und Fakten schafft Orientierung für viele und ist wichtiger denn je. Die Berichterstattung und die damit verbundene Archivierung des Zeitgeschehens sind nicht bloss Dokumentation, sondern ein Teil des kollektiven Gedächtnisses. Fällt dieser Teil weg, gehen Dinge verloren, die den Weg einer Entwicklung sichtbar gemacht hätten. Es ist, als stünden wir ohne Kompass in der Wüste, während der Wind hinter uns die Spuren verweht. Manchmal scheint genau dieses Vergessen gewollt. Denn vergessen kann befreiend sein – nur bleibt die Frage: für wen?” (…) “Redaktionen sollten nicht an den Bürotisch rationalisiert, sondern ins Feld mobilisiert werden. Denn Journalistinnen und Journalisten, die draussen unterwegs sind, nehmen die Welt anders wahr als jene, die im Büro auf die nächste Pressemitteilung warten. Eine These: Wäre die Frage der Brandsicherheit in Crans-Montana im Vorfeld thematisiert worden, wenn ein funktionierender und finanzierter Journalismus zuvor seine Arbeit und seine Aufgabe hätte erfüllen können? Nun hören wir Stimmen, die sagen, sie hätten «schon lange davor gewarnt» …”

Journalismus oder Kontrollverlust?
Medien im Zeitalter von Codes und Diskurs
. Referat von Politphilosophin Regula Stämpfli, Autorin von “Trumpism. The Algorithmic Age. 2025.”

Anmelden bitte hier: https://www.bernermedientag.ch/2026/medien-zwischen-staat-recht-und-oeffentlichkeit/

Berner Medientag Nr. 34
Medien zwischen Staat, Recht und Öffentlichkeit

Wann: Samstag, 28. Februar 2026
Wo: Hotel Bern, Zeughausgasse 9, 3011 Bern
Türöffnung: 
9:30 Uhr
Beginn: 10:00 Uhr
Ende: 16:00 Uhr (vorgesehen – mit vielleicht Nachgang an der Bar …)

www.bernermedientag.ch
www.hotelbern.ch

Dieser Beitrag wurde im ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Nr. 278, Ausgabe Februar 2026, abgedruckt. 

Hannah Arendt in Jerusalem: Was die KI über die Veranstaltung von Regula Staempfli und Sama Schwarz. “Hannah Arendt in Jerusalem” anläßlich der #HannahArendtTage am 7. Dezember 2025 erzählt und was wirklich geschah.

Zwei Bilder aus Jerusalem 7.12.2025 vom Morgengrauen ins Licht. Regula Staempfli copyright 2025.

Auf der Suche von Regula Staempfli in Jerusalem und Hannah Arendt, erfindet Gemini folgend Geschichte: Bildschirmfoto 23.12.2025, 19.00 Uhr.

This is what really happened: Radiolabor Hannah Arendt: Über das Böse

Zum 50. Todestag von Hannah Arendt (1906–1975)

4. bis 7. Dezember 2025, Theater Stok Zürich & Zürichsee

Zum 50. Todestag von Hannah Arendt widmet sich eine viertägige Veranstaltungsreihe am Theater Stok und auf dem Zürichsee der wohl bedeutendsten politischen Denkerin des 20. Jahrhunderts.

Arendts Schriften über Verantwortung, Totalitarismus, Gewalt und Freiheit prägen bis heute den politischen und kulturellen Diskurs – und wird zugleich immer wieder missverstanden, instrumentalisiert, vereinfacht.

Die Veranstaltungsreihe spürt diesen Spannungsfeldern nach: zwischen Ethik und Macht, Denken und Handeln, Sprache und Verantwortung.

Den Auftakt bildet am 4. Dezember die Premiere der szenischen Lesung «Über das Böse» mit Hagar Schipper-Admoni (Schauspiel) und Avital Cohen (Flöte), unter der Regie von Sama Schwarz. Im Anschluss spricht Michael Pfister über Arendt, ihr Verständnis des Bösen und ihre Ethik des Selbstgesprächs.

Am 5. Dezember folgt ein öffentliches Labor, das Arendts Denkbewegungen performativ weiterführt.

Der 6. Dezember verbindet Literatur, Philosophie und Gegenwart: eine Schifffahrt auf dem Zürichsee mit Hildegard Keller, sowie die Diskussion «Judenhass im Kunstbetrieb» mit Bettina Spoerri, Matthias Naumann, Rüdiger Suchsland und Lea Wohl von Haselberg.

Am 7. Dezember findet ein zeitgleicher frühmorgendlicher Hannah-Arendt-Walk in Zürich und Jerusalem mit Regula Stämpfli über Tom Segevs Vortrag statt, gefolgt von einem Familiennachmittag mit Hildegard Keller und der Abschlussperformance «Über das Böse – Teil 2».


Eine Veranstaltung über Denken, Verantwortung und das Weiterwirken von Arendts radikalem Mut zur Sprache, eine Veranstaltung, die sich speziell auch dem Antisemitismus widmet und einer Denkerin, die diese Themen mit radikaler Humanität angegangen ist.

Sonntag, 7. Dezember
7.00 Uhr, Zürich

Hannah Arendt Walk: Zürich & Jerusalem

Mit: Regula Stämpfli

Themen:
Ort, Exil, Erinnerung und Zeitgleichheit von Erfahrung.

Hier von Regula Staempfli zehn Thesen, weshalb die Rede von Tom Segev über “Hannah Arendt in Jerusalem” völlig an der Denkerin vorbei und über sie hinweg argumentierte.

Zehn Gründe, warum Tom Segevs Berliner Rede so verheerend war.Von Regula Staempfli. 7. 12. 2025 „Hannah Arendt in Jerusalem.“ Hier die Rede von Tom Segev; https://www.youtube.com/watch?v=1XTgDKp-deA

1. Linker Moralismus statt politische Analyse
Tom Segev spricht nicht als Historiker, sondern als moralischer Richter. Damit ersetzt er historische Komplexität durch Schuldnarrative — eine typisch europäische, postkoloniale Falle, die die Realität Israels ausblendet.

2. Gleichsetzung von Täter und Opfer
Wenn Segev den israelischen Gegenschlag „brutal“ nennt, ohne die islamistische Aggression und Ideologie als Ursache zu benennen, wiederholt er das alte Muster der moralischen Äquidistanz — Hannah Arendt nannte das “die Flucht ins Urteil ohne Denken.”

3. Der Missbrauch von Hannah Arendt
Segev zitiert Arendt, um „Menschlichkeit“ gegen Israel auszuspielen – dabei übersieht er, dass Arendt Totalitarismus als System verstand, das durch die Abschaffung des Politischen entsteht. Hamas ist totalitär, nicht Israel.

4. Pazifismus als Luxusideologie
Segev steht in der Tradition eines israelischen Linkspazifismus, der nur in friedlichen Zeiten funktioniert – und im Angesicht von Terror, Geiselnahmen und Pogromen zur moralischen Pose verkommt.
Arendt hätte gesagt: „Politik beginnt, wo man die Welt bejaht – nicht wo man ihr entflieht.“

5. Islamistische Propaganda als „Narrativ der Unterdrückten“
Wenn Segev Begriffe wie „brutaler Krieg“ oder „Wohngebiete bombardiert“ benutzt, ohne zu erwähnen, dass Hamas Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt, übernimmt er deren semantische Waffen – das ist Propaganda-Recycling.

6. Das Schweigen über Antisemitismus
Segev vermeidet es, die antisemitische Dimension der Hamas zu benennen – das ist die intellektuelle Feigheit vieler Linker, die lieber über „Ungleichheit“ reden als über Judenhass.

7. Sentiment statt Urteilskraft
Segev emotionalisiert, statt zu urteilen. Er spricht von „Soldaten“ und „Opfern“, aber nicht von Ideologien, Strategien, Strukturen.
Arendt hätte ihn daran erinnert: „Denken ohne Geländer heißt, Verantwortung zu übernehmen, nicht Gefühle zu wiederholen.“

8. Die Entpolitisierung des Krieges
Indem Segev Gaza als humanitäre Katastrophe, nicht als politisch-militärische Konstellation beschreibt, nimmt er den Akteuren (insbesondere Hamas) die Verantwortung – und infantilisiert damit die arabische Welt.

9. Koloniales Schuldnarrativ im israelischen Gewand
Segev internalisiert das westliche Schuldgefühl und wendet es gegen Israel: ein paradoxes Selbsthass-Muster, das die israelische Linke seit den 1980ern lähmt.
Das ist kein Pazifismus, sondern postkolonialer Masochismus.

10. Verrat an der Realität – Verrat an Hannah Arendt
Arendt lehrte, dass Wahrheit im Politischen nie bequem ist. Segev aber will sich gefallen, besonders in Berlin. Er liebt den Applaus der deutschen Linken mehr als die unbequeme Realität Israels. Damit verrät er Arendts Ethos des politischen Denkens, der Nähe allen Denkens an Wirklichkeit und Wahrheit.

“Hannah Arendt in New York.” Eine philosophische Radiomélange anlässlich des 50. Todesjahres der grossen Philosophin. Von Regula Staempfli im Café Korb, Wien, 13.11.2025.

Hannah Arendt in New York. Radiomélange von und mit Regula Staempfli im Café Korb. 13.11.2025.

New York, 1960er. Ein Transistorradio rauscht, während draußen die Taxis hupen und die Hochhäuser Schatten werfen. Auf WABC läuft die neue Single der Supremes. „Stop! In the Name of Love“ erklingt – Stimmen schwarzer Frauen, die trotz aller rassistischen Widerstände den Mainstream erobern. Wenige Blocks weiter spielt WQXR „Candlelight and Silver“: zarte Geigen für Nachdenkliche. Und im Greenwich Village strömt der Folk aus den Clubs in die Radios – Odetta, die „Stimme der Bürgerrechtsbewegung“, singt von Freiheit und Sehnsucht. Hannah Arendt sitzt mit Heinrich Blücher in ihrer Wohnung an Riverside Drive. Sie schreibt an On Revolution, er liest wieder mal Marx. Arendt denkt in Kategorien von Freiheit und Politik, Blücher hört zwischen den Notizen, Jazz aus Harlem. Die grosse Liebe, das denkende und sprechende Ehepaar leben nicht im Elfenbeinturm – sie sind Teil einer vibrierenden Stadt, in der Radios Widersprüche sendeten: Motown und Mahler, Billie Holiday und Bob Dylan, Aretha Franklin und Bach.

Arendt verstand die Musik der Zeit nicht als bloße Unterhaltung, sondern als Chiffre für das Politische: Stimmen, die es „trotz allem“ in den Äther schaffen, Frauenstimmen, schwarze Stimmen, Stimmen aus dem Untergrund – sie alle waren politische Tatsachen. Regula Staempfli wagt eine Annäherung.