Golden Globes oder: Die leise Verzwergung des großen Kinos
Es gibt Momente, in denen Preisverleihungen weniger über Filme erzählen als über die Zeit, die sie hervorbringt. Die jüngsten Golden Globes gehören zu diesen Momenten. Man verlässt sie nicht empört, nicht einmal wirklich enttäuscht, sondern mit einem stillen, schwer zu benennenden Gefühl: als habe sich das Kino, einst eine Kunst des Risikos, der Unruhe und der Wahrheit, in einen wohltemperierten Raum moralischer Selbstbestätigung zurückgezogen. Dabei wären die Videos der mutigen Menschen aus Iran PREISWÜRDIG. DOCH DIE MASSENABSCHLACHTUNG DES EIGENEN VOLKES IN DER ISLAMISCHEN REPUBLIK IRAN WAR AN DEN GOLDEN GLOBES KEIN THEMA.
Die ausgezeichneten Filme dieser Saison eint weniger ihr Sujet als ihre Haltung. Sie erzählen von Macht, von Gewalt, von Krieg, von Unterdrückung – und doch bleibt all dies seltsam folgenlos. Die Konflikte erscheinen wie sorgfältig komponierte Bilder, deren wichtigste Funktion darin besteht, dem Publikum moralische Sicherheit zu bieten. Nicht Wahrheit steht im Zentrum dieser Erzählungen, sondern Empfindung. Nicht die Frage, was geschieht, sondern die Gewissheit, richtig zu fühlen.
So wird Macht nicht analysiert, sondern ästhetisiert. Sie tritt auf als Schurke mit erkennbaren Zügen, als Gesicht, als Symbol, selten als System. Interessen, Strukturen, historische Verflechtungen lösen sich auf zugunsten einer Dramaturgie, die beruhigt, wo sie beunruhigen müsste. Politik verwandelt sich in Stimmung, Geschichte in Kulisse. Man sieht vieles – und versteht wenig.
Dabei kritisiert der Westen sich auch kollektiv, bleibt so auch Mittelpunkt der Welt. Andere Gesellschaften, andere Wirklichkeiten treten auf wie Statisten, notwendig für die Handlung, aber ohne eigenes Gewicht. Die Welt wird Bühne, auf der westliche Gewissensarbeit aufgeführt wird – sorgfältig, reflektiert, und doch merkwürdig narzisstisch.
Was in diesen Filmen fehlt, ist nicht Mitgefühl, sondern Komplexität. Ambivalenz hat keinen guten Stand. Sie würde verlangen, Widersprüche auszuhalten, Ungewissheiten zuzulassen, Urteile aufzuschieben. Stattdessen treten klare Gefühle an ihre Stelle: Empörung, Trauer, Erlösung. Das Publikum soll nicht denken, es soll sich wiederfinden. Zustimmung ersetzt Erkenntnis. Auch das Leiden wird auf diese Weise entpolitisiert. Opfer erscheinen sakralisiert, entrückt, ihrer Geschichte entkleidet. Täter hingegen bleiben abstrakt, oft unerklärt, ihrer sozialen und politischen Einbettung beraubt. Zwischenräume verschwinden – und mit ihnen die Möglichkeit von Politik. Wo es keine Zwischenräume mehr gibt, gibt es nur noch Haltung.
So bleibt am Ende ein Kino, das viel weiß und wenig wagt. Ein Kino, das sich seiner moralischen Position so sicher ist, dass es die Wirklichkeit meidet – jene widerspenstige, unbequeme Wirklichkeit, aus der einst große Filmgeschichte entstand. Denn Kunst begann immer dort, wo Sicherheit endete. Diese Filme sind nicht zu links. Sie sind zu sicher. Und Sicherheit war noch selten der Ort, an dem Wahrheit entsteht.
“Mein Trainer sagte, ich renne wie ein Mädchen. Und ich sagte: Wenn er ein bisschen schneller rennen würde, könnte er das vielleicht auch.” Mia Hamm, US-amerikanische Fußballlegende. 2001 erste Weltfußballerin des Jahres.
LaStaempfli und Rohnerin sind sich mal wieder nicht einig, ausser in den entscheidenden Fragen. Doch das sprechende Denken dreht sich um Begriffe wie Empathie und die brutale Einsicht: Ideologien hassen Frauen, egal welche. Dann konzentrieren sich die beiden Doktorinnen ihres Fachs auf die geopolitische aktuelle Situation (laStaempfli möchte eigentlich täglich ein Buch dazu schreiben) und erkennen: Es sind die Frauen, die gesellschaftlichen und revolutionären Umsturz beginnen und tragen – die Männer machen dann einach wieder Vieles kaputt.
Gleich zu Beginn auch der Fall Volker Beck – ein wichtiger Politiker für Israel, ein wirklich übler, sexistischer Mann gegen Frauen, insbesondere gegen die tolle Biologin Marie-Louise Vollbrecht, die im CICERO ein Interview über ihren mutigen Weg gegen konzentrierter Hasswelle der Transaktivisten gegeben hat. Der Volker Beck attackiert Frau Vollbrecht auf X nach diesem Interview im Cicero brutal, so dass frau sich besorgt fragt: Woher dieser Hass von Männern auf Frauen allgemein und einzelne Frauen im Besonderen? Die Podcastin zeigt sich laut und solidarisch: Wir Alle müssen zusammenstehen, wenn wieder eine von uns Frauen öffentlich exekutiert werden soll. Hier der Link zum Interview: https://www.cicero.de/kultur/folgen-von-cancel-culture-biologin-vollbrecht-interview
Zu Israel hat laStaempfli einen der schönsten Artikel in der Die Weltwoche – auf www.regulastaempfli.eu wird das nächste Woche aufgeschaltet. Wenn Ihr digital den Artikel kauft, umso besser.
Zum Thema Venezuela und Iran ein Gedicht und zehn Thesen von laStaempfli:
Öl glänzt wie Gold, Ideen wiegen schwer. In Teheran und Caracas hat mann vergessen, dass Zukunft weiblich spricht.
Männer bauen Systeme, um sich selbst bewundern. Frauen tragen Städte durch leere Regale und lange Nächte.
Die Welt schaut auf Parolen, verpasst den Alltag. Doch dort, wo Haare fallen, wo Brot geteilt wird, beginnt Veränderung.
Nicht mit Fahnen. Nicht mit Reden. Sondern mit Freiheit und Leben.
Regula Staempfli und Die Berichterstattung über Maduros Sturz – eine US-Operation, die ihn nach New York vor Gericht brachte – wurde von ideologischen Scheuklappen geprägt: Fokus auf US-“Imperialismus” statt auf Maduros Netzwerke. Dies führte zu Auslassungen, die das Publikum desinformierten.
Ignoranz geopolitischer Allianzen: Leitmedien versäumten es, Venezuelas Hub-Funktion für die VR China, die islamische Republik Iran sowie Russland zu erzählen. Gleichzeitig wurde die wichtigste Migrationskrise unserer Gegenwart einfach verschwiegen, gelöscht. Dies ermöglichte geopolitische Angriffe der Autokratien und Diktaturen auf die westlichen Demokratien.
Selektive Humanitätsfokussierung: Während sie Venezuelas humanitäre Krise beklagten, ignorierten Medien, wie Maduro dahinter steckte, wie Maduro iranische Repressionsmittel und Ressourcen nutzte, um sein Volk nach klassisch sozialistisch-islamofaschistischer Regelung zu knechten.
Bias gegen US-Interventionen: Maduros Entfernung wurde als “imperialistischer Akt” geframt, ohne zu prüfen, wie sie Drogennetzwerke via VR China und Terrorfinanzierung beendete.
Inkompetenz der Medienberichterstattung. Es war klar, dass die Entfernung Maduros Iran massiv schwächt, auch den Einfluss der VR China in Südamerika bremst. Iran hat in Venezuela gerade ein Milliardenvermögen verloren, Russland auch, doch darüber redet niemand – weshalb eigentlich nicht. Maduros Rolle als Brückenkopf und Einfallstor für VR China, Terrornetzwerk, Drogenhandel gegen die USA und Europa blieb in den letzten Jahren einfach “ein schwarzes Loch.” Deshalb in Deutschland auch die miserable Berichterstattung zum diesjährigen Nobelpreis.
Ideologische Verharmlosung des Sozialismus als Propagandatool für “Demokratischen Sozialismus” bspw. bei Mamdani, dem neugewählten Bürgermeister in N.Y. Die “Wärme des Kollektivs”, das Mamdani beschwört, führt direkt in den Gulag.
Bubble-Effekt in der Berichterstattung: Versagen die Leitmedien, versagt die Berichterstattung weltweit und schadet den demokratischen Systemen.
Aus dem Archiv Deutschlandfunk: 2015 als Journalismus noch nicht codierten Fiktionen folgte: Musik und Fragen zur Person. Die Politologin Regula Stämpfli mit dem zauberhaften Michael Langer (1959-2020) im Gespräch.
Auf der Suche nach einem alten Vortrag, den laStaempfli 2024 beim Österreichischen Journalistinnentag gehalten hat, gab die KI folgende Antworten auf Regula Staempfli. Gar nicht so übel. Ausser der Satz mit “No Data without Representation” – da geht es um die politische Mitbestimmung über die Daten, die über die eigene Person publiziert werden, wie bspw. ein CV über Regula Staempfli.
Hier der Text von Google und im Anschluss ein paar Links von Vorträgen zum Thema:
“Regula Stämpfli, eine Politologin, Autorin und Algorithmen-Expertin, beschäftigt sich intensiv mit Algorithmen im Kontext von Journalismus und Gesellschaft; sie war beispielsweise als „Algorithmen-Expertin“ bei der Bertelsmann-Stiftung tätig und kritisiert, wie Datenlücken und Polarisierung in der digitalen Welt die Demokratie beeinflussen, und spricht bei Veranstaltungen in Wien über die Biopolitik der Digitalisierung. Sie analysiert die Rolle von KI und Algorithmen, fordert eine „Demokratisierung der Digitalisierung“ und ist als Kommentatorin in Medien präsent, oft mit Bezug zu ihrer Rolle als „wiener Journalistin“ oder Expertin für politische Fragen.
Zentrale Punkte zu Regula Stämpfli und Algorithmen:
Expertise: Sie gilt als Expertin für Algorithmen und deren politische Auswirkungen, mit Fokus auf Demokratie und Digitalisierung.
Kritische Perspektive: Stämpfli kritisiert Datensätze als lückenhaft und warnt vor Polarisierung, die durch Algorithmen und Medien verstärkt wird.
Engagement in Wien: Sie tritt bei Veranstaltungen in Wien auf, wie bei den „Nächten der Philosophie“, um über Digitalisierung und Biopolitik zu sprechen.
Journalistische Einbindung: Sie kommentiert für Medien (z.B. Klein Report) und wird als „Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung“ erwähnt, wenn auch ihr Fokus auf Politologie liegt.
Forderung: Ihr Credo lautet „No Data without Representation“ und „Was im realen Leben verboten ist, darf auch digital nicht erlaubt sein“.
Zusammenfassend ist Regula Stämpfli eine meinungsstarke Stimme, die Algorithmen als zentralen Faktor für politische und gesellschaftliche Entwicklungen sieht und deren Einfluss kritisch hinterfragt, auch in Bezug auf die Rolle von Journalistinnen und Medien in Österreich und international.”
Leitmedien und die Fehlsortierung globaler Krisen: Ein Versagen ideologischer Blasen am Beispiel Venezuelas. 6. Januar 2026 von Regula Stämpfli
In einer Ära verzerrter Narrative versagen Leitmedien systematisch bei der Priorisierung relevanter Themen – und untergraben damit Demokratien. Während sie Ressourcen in die Dämonisierung demokratisch gewählter Politiker wie Donald Trump stecken, den sie routinemäßig als “Faschisten” brandmarken, bleiben echte Bedrohungen wie die Achse zwischen Diktatoren unterbelichtet. Dieses Bias fördert Polarisierung, legitimiert Autokraten und schürt Bürgerkriegsstimmungen in westlichen Gesellschaften. Wenn Leitmedien so berichten, gehen Demokratien unter.
Nehmen wir die jüngsten Ereignisse: Nicolás Maduro wurde am 3. Januar 2026 durch eine US-Militäroperation entfernt und nach New York gebracht, wo er Anklagen wegen Drogen- und Terrorfinanzierung erwartet. Die ARD-“Tagesschau” porträtierte ihn als “Busfahrer, Präsident, US-Gefangener” – eine Verharmlosung, die Maduro als bloßen “Machthaber” darstellt, während Trump als “Diktator” diffamiert wird – eine dreiste Täter-Opfer-Umkehr.
Tatsächlich ignorierten und ignorieren Medien wie “Echo der Zeit” Maduros geopolitische Netzwerke: Seine Allianz mit dem Iran machte Venezuela zu einem Brückenkopf für Teherans Interessen in Lateinamerika, inklusive Sanktionsumgehungen, Öllieferungen und Hezbollah-Aktivitäten. Caracas schuldet Teheran rund zwei Milliarden Dollar, finanziert durch gemeinsame Korruption und Drogenhandel. Viele, inklusive der Autorin, wussten davon nichts – weil es in die anti-israelischen und anti-Trump-Narrative nicht passt. Dieses Versagen ist ideologisch und antidemokratisch: Im 21. Jahrhundert behandeln Leitmedien linksextreme Diktatoren als Opfer US oder Europa-Imperialismus, sie schreiben die Geschichte mit Neusprech völlig um und nennen dies dann “modern”, postkolonial oder gar “progressiv.” Maduros Terrorfinanzierung war eine ÖRR und Service-Public -Leerstelle. Dies nicht zuletzt, um “Islamophobie”-Vorwürfe zu vermeiden und dem codierten Narrativ des Antizionismus nicht zu schaden. Ähnlich war es dieser Tage beim Iran: Volksaufstände gegen wirtschaftliche Krise und Repression werden bagatellisiert, Regime-Propaganda unkritisch übernommen, Israel und die USA dringend vor jeder Einmischung schon im Vorfeld delegitimiert. Dies nützt den islamofaschistischen Mullahs, einem totalitären System, das Hannah Arendt genau so auch genannt hätte. Die Konsequenzen solcher Fehlinformation sind fatal. Autokratische Systeme werden legitimiert, während westliche Demokratien durch innere Spaltung geschwächt werden. Polarisierte Wähler driften zu Extremen, Regierungen ignorieren den Wählerwillen zugunsten codierter Narrative. Öffentlich-rechtliche Medien verletzen damit das Gemeinwohl, fördern antidemokratische Kräfte und befeuern Bürgerkriege. Dies muss aufhören – bevor Demokratien kollabieren.
„Die Schweiz, das Land der Neutralität, verwechselt seit Jahren Neutralität mit moralischer Feigheit. Der neueste Bericht des Bundesrates zum sogenannten Kinderkopftuch ist ein Dokument dieser Verwechslung. Er nennt sich „Abwägung zwischen Religionsfreiheit und Kindeswohl“ – in Wahrheit ist er ein Lehrstück politischer Feigheit im Zeitalter kultureller Unterwerfung. Dass der Bundesrat kein Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen will, wird als Triumph der Toleranz verkauft. Tatsächlich ist es ein Verrat an der republikanischen Idee von Freiheit. Hannah Arendt hätte gesagt: Freiheit beginnt dort, wo die Welt öffentlich wird – nicht dort, wo religiöse oder kulturelle Gebote die Körper von Kindern markieren. Das Kinderkopftuch ist keine Modefrage. Es ist ein Symbol einer Sexualisierung, die Mädchen vor der Pubertät in das moralische Regime der Scham einführt. Ein Siegel des „Du bist verantwortlich für die Begierden der Männer.“ Die Schweiz, die ihren Verfassungsauftrag kennt – Gleichheit, Bildung, Freiheit – müsste diese frühe Codierung von Geschlecht als das benennen, was sie ist: ein Angriff auf das universelle Recht des Kindes, als Mensch und nicht als Mädchen geboren zu werden. Die Haltung des Bundesrates lautet: „Es gibt verschiedene Gründe, warum Mädchen das Kopftuch tragen.“ Richtig. Doch der Satz blendet aus, dass kein einziger dieser Gründe von den Mädchen selbst kommt. Kein achtjähriges Kind wacht auf und beschliesst: “Ich will ein religiöses Zeichen tragen, um meine Keuschheit zu beweisen.” Der Staat darf sich nicht darauf zurückziehen, dass „die Familie“ oder „die Religion“ das schon richtig entscheiden werden. Genau deshalb gibt es Schulen, Lehrerinnen, Bildung und Kinderschutz. Dass sich die Vertreter islamischer Dachverbände über das Bundesratsurteil freuen, überrascht nicht. Sie wissen, dass jede „individuelle Entscheidung“ in Wirklichkeit den islamischen Anpassungsdruck verstärkt. Dass eine Ständerätin wie Marianne Binder den Mut hat, das offen anzusprechen, ist ein seltener Moment politischer Klarheit. Sie sagt, das Kinderkopftuch behindere die Entwicklung des Kindes. Ja, es behindert sie nicht nur – es codiert sie. Das Argument der Religionsfreiheit ist in diesem Zusammenhang perfide. Religionsfreiheit bedeutet, dass Erwachsene ihren Glauben praktizieren dürfen. Sie bedeutet nicht, dass Kinder an sichtbare Zeichen der Unterordnung gewöhnt werden. Wer Mädchen in Kopftücher steckt, bevor sie überhaupt denken dürfen, lehrt sie, dass ihr Körper kein öffentlicher, kein freier Raum ist. Der Staat ist kein Vermittler zwischen patriarchalen Geboten, sondern der Garant, dass alle Kinder ohne Angst, ohne Stigma, ohne Code aufwachsen können. Das Kinderkopftuch ist kein Zeichen des Glaubens, sondern der Macht.
Zärtlichkeit gegen die Welt: „Serge & Jane“ und die verlorene Kunst des Liebens.
Serge Gainsbourg (1928-1991), das enfant terrible der französischen Kultur, und Jane Birkin (1946-2023), die britische Novelle-Vague-Göttin, lebten eine Liebe, die in jeder Hinsicht ausserhalb der Norm steht. Die Beiden waren provokant und zärtlich, exzessiv und konzentriert, extrem, politisch inkorrekt, ästhetisch-revolutionär, doch immer der Gegenwart, Wahrheit und Wirklichkeit verpflichtet. Beide lebten exzessiv Krisen, Eifersucht, Alkohol, doch sie löschten sich nie aus, wie so viele bekannte Paare.
Jane Birkin war für mich immer ein Wesen aus einer anderen Welt. Durchscheinend, zart, fast körperlos – eine Erscheinung, die sich der Schwerkraft widersetzte. Die ikonische Fragilität der 1960er und 1970er Jahre war der Gegenentwurf zu den amazonenhaften, kraftvoll trainierten „Ich bin da“-Statement der Frauen der 1990er Jahre. Die Birkin wurde zunächst berühmt durch ein Lied mit der grossen Liebe ihres Lebens: „Je t’aime … moi non plus.“
Es ist ein verstörender Song, in einer verstörenden Beziehung, die nach MeToo schreit. Die Irritation, die der Song mit sich bringt erzählt viel über die kulturellen Codes der weiblichen Stimme, über die weibliche Lust, und über die tiefe Unruhe, die entsteht, wenn männliche Selbstverständlichkeiten auf weibliche Freiheiten treffen. Das ist die Reibung, die Jane Birkin und ihre Geschichte mit Serge Gainsbourg bis heute so faszinierend macht.
Es gibt Lovestories, die die Welt zum Leuchten bringen, indem sie beide Liebenden verbrennen. „Romeo und Julia“ beispielsweise, der Beginn des Mythos der Moderne. Im Absturz entfaltet sich dann die ganze Wucht von Liebe und Lust, zerstörerisch, grell, toxisch. Und doch können solche Beziehungen von welchem das Buch „Serge & Jane“ erzählt, das ich Ihnen hier empfehle, vom Kriegsfeld direkt in die Friedenspolitik führen. Jane Birkin präsentierte 2017, ein Vierteljahrhundert nach Serge Gainsbourgs Tod einen Liederzyklus, den sie vor Publikum und mit einer Tournee präsentierte: „Brikin/Gainsbourg: le symphonique.“ Einundzwanzig Lieder von Serge Gainsbourg, arrangiert vom Symphonieorchester, interpretiert mit der für sie so typischen Stimme, von der einundsiebzigjährigen Jane Birkin. Die Welt-Tournee wird zum grossen Erfolg, Jane Birkin: „Es freut mich so sehr, solche Orte zu besuchen und somit Serge ein bisschen das Leben zu verlängern – es ist wie eine Nachspielzeit im Fussball.“
„Ich bin die berühmteste Anti-Sängerin der Welt“ und doch machte Jane Birkin als Sängerin dank Serge Gainsbourg eine Weltkarriere. Er wiederum blieb dank ihr über Generationen hinweg erfolgreich und mutierte mit seinen abstehenden Ohren zur Stilikone. Birkins Beziehung zu Serge Gainsbourg, dem ukrainischen Juden, Archetyp des rebellischen Franzosen, war ein Mann, der Menschen mit den aufmerksamen Augen eines Malers betrachtete. Wenn er einer Frau seine ganze Aufmerksamkeit schenkte, war diese meist wehrlos gegen seinen Charme, schreibt Élisabeth Lévitsky in ihrer Biographie „Lise et Lulu.“ Solche Männer gibt es kaum noch. Sie schauen zu oft in den Spiegel heutzutage, und nicht in die Welt hinaus. Diese Visagen von Verletzlichkeit gemischt mit einer gewissen Brutalität, die Verkörperung der Welt von gestern. Als die Revolution noch möglich und nicht kuratiert war und darüber hinaus verdammt fashionable aussah. Und, vor ein paar Jahren, mit der „Birkin-Bag“ -Vintage in Krokodillederversion für 200.000 bis 300.000 Euro die Auktionshäuser reich machten. Birkin distanzierte sich aus Tierschutzgründen vehement von diesem Teil ihrer Vergangenheit. Eine kleine Geste, aber eine von grosser Konsequenz in einer Branche, die Tierhaut als Preisaufschlag behandelt. Krokodilledertaschen und -schuhe trägt seit dem Birkin-Protest keiner mehr – es sei denn Vintage. Der Hermès-Bag passte eh nicht wirklich zu dieser Frau, die den Kern ihrer Eleganz aus riesigen Selbstzweifeln schöpfte. Der Birkin-Basket, jener geflochtene, leichte Korb, den sie immer wieder trug und der bis heute unter ihrem Namen verkauft wird, passte immer viel besser zu ihr. Jane Birkin, die Engländerin, die in Frankreich zur Ikone der „Parisienne“ aufstieg, ihren britischen Akzent nie verlor, bewegte sich seit ihrer Jugend intuitiv immer dorthin, wo die Dinge leicht und unaufgeregt trotzdem eine Unanständigkeit verbreiteten. Die im Auge des meist männlichen Betrachters lagen. Birkins Jugend, Gainsbourgs Kindheit sind ziemlich kaputt und widerspiegeln die damalige Geschichte. Erstaunlicherweise oder vielleicht gerade wegen den Brüchen in der Familie, fanden Beide immer den Schutz ihrer Eltern und anderen Verwandten. Die Beziehung von Jane Birkin zu ihrem Bruder trägt darüber hinaus verstörend inzestuöse Züge, die der Autor des Buches „Serge & Jane“ extrem sorgfältig aufblättert.
Wir leben in einer codierten Phase, die toxische Paare nahezu kultisch verehrt. Deshalb sind Jane Birkin und Serge Gainsbourg als schwieriges „Coupeling“ mit der Ambivalenz einer grossen Liebe Zeichen einer Welt, die wirklich vergangen ist. Ich empfand es deshalb als politischen Akt, heute an Jane Birkin und Serge Gainsbourg mit dem Buch „Serge & Jane“ zu erinnern. 2021 herausgekommen, zauberhaft geschrieben, spannend wie ein Thriller konstruiert, von einem österreichischen Autor stammend, der so blass ist wie seine Protagonisten leuchtend, Günter Krenn, ist „Serge & Jane“ eine Offenbarung. Die Leser und Leserinnen werden in einen Sog von Politik, Kunst und Aktion hineingezogen durch den Liebesakt der Beiden, die zeigen: Wahre Liebe ist so friedlich wie eine Explosion.
Es ist lange her, dass wir von Paaren geredet haben, die sich leidenschaftlich lieben: in aller Öffentlichkeit. Es gibt sie nicht mehr in unserer codierten Welt – oder denken Sie bei Taylor Swift und Travis Kelce auch nur eine Sekunde an Leidenschaft? Elizabeth Taylor und Richard Burton, die Callas und der Onassis, Ingrid Bergmann und Roberto Rosselini machten die Welt zu einem Ort der Passion. So wie diese Paare längst verschwunden sind, fehlen die küssenden Menschen in der Öffentlichkeit. I mean: Porn is everywhere, aber Liebe? Es ist Jahre her, dass ich tief erschütternde Abschiedsszenen an Bahnsteigen mit Tränen in den Augen verfolgen konnte oder selber erlebte. Die polyamoren Clubs sind voller einsamer Menschen, die sich genau an Vereinbarungen halten, wenn sie sexuelle Dinge tun, die sich fantastisch Liebende nicht mal vorstellen wollen. Es gibt nur noch Pornobilder oder Schwelle-Groupsex, Swingerclubs, Dark Rooms, die den männlichen Sexualtrieb zum Mass aller Dinge machen, egal wieviel queer proklamiert wird. Das war ja schon mit Madonna so: Sie kommerzialisierte den Feminismus als Pornveranstaltung und Alle schreien bis heute: „Selbstbestimmt.“
Doch Liebe? Sehnsucht und Leidenschaft? Der physische Schmerz, wenn der Andere geht? Das Begehren, das verängstigt, gleichzeitig unfassbar glücklich macht? Die Begegnung auf Augenhöhe, weil zwei Menschen wissen, wie dramatisch es ist, das Ego zugunsten unfassbarer Symbiose aufgeben zu müssen? Höre ich die jungen Menschen zu, gibt es davon nichts, nada, niente. Sie verlieben sich noch, das dann schon, immer für kurze Zeit, doch dann werden die dominierenden Gegenwartscodes eingeschaltet: Karriere, Aussehen, Geld. Liebe wird da eine Frage der Organisation. Hand in Hand schlendern nur noch alternde Paare – die jungen fassen sich in der Öffentlichkeit weniger an; sie sind zu sehr mit dem Selfie-Schiessen ihres glücklichen Paarlebens beschäftigt. Schauen Sie sich um. Ich vermisse die zahlreichen Orte voller Menschen, die Liebe und nicht Diskurse ausstrahlen.
„Serge & Jane“ vermittelt diese Art von Vergangenheit so subtil, dass es Tage brauchte bis ich über die Traurigkeit nicht nur über die Geschichte der Beiden, sondern auch die Euphorie, die mich beim Lesen ergriff, hinweg kam. In einer Zeit, in der Zerstörung, Sprechakte, Nihilismus, Materie, der Zwang zum Image spektakulärer ist als Zuneigung, Leidenschaft, Hass und Liebe vereint, erscheint die gelungene Liebe von Jane Birking und Serge Gainsbourg eigentlich als Skandal. Fehlen uns die Tabus? Die Zwischentöne, Zwischenräume, das Dazwischen der Politik statt Polarisierung?
Die europäischen Generationen, die noch Eltern und Grosseltern kannten, die von Flucht, Vertreibung und Aufbruch erzählt haben, in einem Ton, der die Boomer mit einer politischen Schärfe prägte, die den europäischen Wohlstand und Gewaltlosigkeit förderte, sind langsam am Aussterben oder verblöden. Gen Z und Millenials sind da völlig unbelastet und wohl deshalb wählen sie nun in den westlichen Staaten in den Städten Systeme, die ihre Urgrosseltern in den Gulag, in Konzentratsionslager und Foltergefängnisse brachten. Anders als in der Liebe, geht es Codes nicht ums Bewahren, sondern ums Zerschlagen. In Deutschland wählten 2025 die Erstwähler und Erstwählerinnen ausnahmslos Extreme: Die „Linke“ (Nachfolgerorganisation der SED-Partei, also der DDR) und die AfD.
Die Obsession mit dem Abgrund als Kulturmerkmal, bringt uns überall bezahlbaren Sex und kriminalisierte Leidenschaft, die die Liebe, die immer gratis ist, verunmöglicht. Denn Gratisliebe ist der Tod jedes Herrschaftssystems.
Vielleicht ging dieses wirklich grosse Buch „Jane & Serge“ deshalb im digitalen Rauschen verloren, weil nicht Zuneigung zu dem was ist, sondern die Zerstörung, auch die Selbstzerstörung wichtiger erscheint als die Bewahrung. Liebesgeschichten, die Trennungen transformieren, schaffen gemeinsam etwas Drittes, einen neuen literarischen, musischen und politischen Tonfall: Wie eben Jane Birkin und Serge Gainsbourg. Weibliche Beobachtungen, weibliche Sprache, weibliche Lust prägten auch ein anderes Paar, dessen Ambivalenz heute so unmodern ist: Anais Nin und Henry Miller. Sie haben im „Delta der Venus“ die Pornografie als ökonomische Gewalt entlarvt. Aus Geldnöten schrieben sie für einen anonymen Bock, Seite für Seite erotische Literatur, er aber schrie immer lauter, er wolle keine Poesie sondern mehr Porn. Die Abrechnung von Nin und Miller an ihren Auftraggeber ist fantastisch; das grösste Plädoyer für den Feinstrick erotischen Begehrens gegen die männlichen perversen Fickfantasien, die alles Menschliche auf technische Banalität reduzieren.
Vielleicht wird erst heute sichtbar, was verloren ging. Die Gegenwart wird immer strenger kuratiert – Frankreich bastelt an einem Registrier-Gentest für Hunde, damit deren Kot auf der Strasse direkt zum Halter führt, mit deftigen Bussen (um nur eines der absurdesten Beispiele zu nennen.) Paris sieht schon jetzt aus wie ein Instagram-Account mit Menschen, die reden als trügen sie Moderationskarten im Stammhirn; der Präsident macht es ja schliesslich vor. Hannah Arendt beschreibt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ die grosse Einsamkeit in „alle Bereiche kontrollierenden Systemen“; vielleicht lieben die jungen Menschen deshalb die absurdesten Demos. Da sind sie wenigstens unter Gleichgesinnten und schreien kollektiv Mörderparolen zu Staaten, von denen sie weder Geschichte oder Menschen kennen. Die Paradoxie, einerseits Konflikt zu vermeiden, gleichzeitig online zum Krieg aufzurufen, ist so augenfällig. Sie geht Hand in Hand mit einer Heerschar von Akademikern, die Demokratie für ein veraltetes System halten. Die das gleiche Wahlrecht durch ein Lottosystem ersetzen wollen: Bildungsgrad, Alter, Milieu, Einkommen, Herkunft, sexuelle Identität sollen als Kategorien eine neue schöne Welt ordnen. Niemand soll mehr leiden, aber niemand soll jemals wagen zu leben. Die Irren bevölkern die Strassen, die Normalen sind in ihren Zimmern eingesperrt. Kein Wunder sehen wir kaum Liebespaare mehr! In dieser Trockenheit wirkt die Liebe von „Serge & Jane“ wie eine Erinnerung an etwas, was vergessen gegangen ist; dass grosse Lieben nie steril, korrekt, safe, sondern ambivalent, echt und lebendig sind.
Nach der Lektüre dieses Buches weiss ich wieder, was fehlt: Wie der Geruchs- und Geschmacksinn, der durch Covid ausgelöscht wird. Ich besuche junge Menschen, die als globale Elite die Welt wie ein Shoppingcenter online und offline konsumieren. Es gibt klare Verhaltenscodices und hierarchische Kreditpunktsysteme. Zärtlichkeit wird dem Moralismus, das Subjekt dem User geopfert. Die Öffentlichkeit ist eine Plattform, Identität ersetzt handelnde Menschen.
Deshalb hier mein Plädoyer für die Unberechenbarkeit der Liebe, die uns dem Kontrollwahn der codierten Welt entzieht.
Serge & Jane. Biographie einer Leidenschaft von Günter Krenn, Aufbau Verlag.
Anais Nin, Das Delta der Venus, erschien 1977 in den USA als Sammelband, wurde 1983 in Deutschland beschlagnahmt und seit 2002 gibt es eine vollständige deutsche Taschenbuchausgabe
Bild: Israelische Nationalbibliothek. Fotografiert von laStaempfli am 7.12.2025. Eine Nationalbibliothekt, die übrigens neben den israelischen Publikationen über verschlungene Wege auch palästinensischen Kulturdokumente speichert.
laStaempflis Medienkritik an der NZZ, Karin Wengers Artikel: “Israel läuft Gefahr, zum Paria-Staat zu werden. Vielleicht wagt es 2026 aber auch einen Neuanfang. In Diplomatie, Kultur und öffentlicher Meinung verliert Israel seit dem Beginn des Gaza-Kriegs an Ansehen. Um nicht langfristig zu einem Paria-Staat zu werden, braucht das Land eine neue Führung.”
Israel ist laut Wenger also isoliert und selbst daran schuld. Das Land wird in Wengers Text personalisiert, polarisiert und so zusammengefasst, wie dies die NZZ über ein anderes Land nie schreiben würde. Die Prämisse, Israel sei ein “Paria-Staat” hat alles mit der Journalistin, wenig mit der Realität zu tun. Die „Isolation“ ist keine diplomatische Tatsache, sondern Wengers mediale Konstruktion. Ein codiertes Narrativ einer Kultur- und Medienelite, die Israel als Paria-Staat definiert und die Gefahr des Islamofaschismus nicht nur für Israel, sondern für den Westen insgesamt, aus ideologischen Gründen negiert.
Israel ist nicht isoliert: militärisch nicht (enge Kooperation mit USA, Deutschland, Indien), wirtschaftlich nicht (Tech, Rüstung, Forschung), geheimdienstlich nicht (informiert die EU über drohende Anschläge), regional nicht (Abraham Accords on the go, stille Kooperation mit arabischen Staaten). Was Karin Wenger beschreibt, ist kein objektiver Zustand, sondern eine westliche Diskursblase, die Boykotte von Kulturinstitutionen und UN-Resolutionen mit geopolitischer Realität verwechselt.
Der Text verwendet zudem ständig ein Vokabular, das auf nicht-demokratische Staaten angewendet wird: Wenger schwafelt von „autoritäre Züge“, „Loyalisten“,„quasi rechtsfreier Raum“ – und sie konzentriert sich auf den demokratisch gewählten Regierungschef Benjamin Netanjahu, quasi Israel als One-Man-Show. Netanjahu wird mit ISRAEL gleich gesetzt, für alles persönlich verantwortlich gemacht. Kulturelle Boykotte, Trump-Frustrationen, gesellschaftliche Spaltung, alles lässt sich in Wengers Diktion und übrigens mit klassisch antisemitischen Klischees, auf den jüdischen Regierungschef zurück führen. Dies ist so vorhersehbar wie unoriginell. Uns Leserinnen und Leser würde viel mehr interessieren, wie Israel den Krieg, den es gewonnen hat, zu Ende bringen kann, so dass der islamofaschistische Terror nie mehr zur existentiellen Bedrohung von Israel und dem Westen heranwachsen kann. Der gesamte Text ist moralische Nivellierung, keine Analyse.
Die reale Problematik der Siedlergewalt wird zudem verallgemeinert, entkontextualisiert, nicht unterschieden von staatlicher Politik. Israel wird auf seine radikalsten Ränder reduziert – ein klassischer Delegitimierungsmechanismus, den man bei keinem anderen demokratischen Staat in dieser Form anwendet. Oder würde Wenger aus Frankreich auch nur aus der Warte von Marine Le Pen berichten? Der Text erklärt nicht Israels Isolation – er produziert sie, indem der Artikel moralische Kategorien und sog. Haltungsjournalismus betreibt. Dafür braucht es aber keine Korrespondentin, da reicht locker eine antizionistische Aktivistin mit islamofaschistischen dystopischen Fantasien. Wengers Text ist performativer Journalismus: Er erzeugt die Realität, die er beklagt. Allein die Frage: “Was für eine Nation wollen sie sein?“ ist paternalistisch und ahistorisch. Israel ist seit 75 Jahren eine Demokratie, unter permanentem globalen Angriff durch die islamofaschistischen Gruppierungen und Staaten, hält sich als Demokratie aber wacker mit einer pluralen, streitbaren Öffentlichkeit, die wir auch von der Schweiz her kennen.
Der Text von Karin Wenger erklärt Juden und Jüdinnen, wie diese zu existieren haben. Dies ist kein Journalismus, sondern moralischer Paternalismus, der selbst als Kommentar fehl am Platz wäre, als Artikel in der NZZ aber wirklich keine Berechtigung hat.
#DiePodcastin afghanisch: Isabel Rohner und Regula Staempfli über Talibans hier und dort, u.a. im Der Spiegel, Skandal des Deutschen Journalistenverbands DJV, Konstantin Wecker und die Epstein-Files und die neue postkoloniale Weisswaschung der Genitalverstuemmlung.
Was ist mit dem Deutschen Journalistenverband (DJV) los? Er veröffentlichte eine Handreichung (übrigens die einzige Handreichung auf seiner Homepage) ausgerechnet zur “Berichterstattung über Sexarbeit”. Entstanden ist die Broschüre dabei übrigens als Gemeinschaftsprojekt (!) mit einem Lobbyverband. Ziel: “eine sachliche, differenzierte und respektvolle Berichterstattung”. Interessanterweise ist die Broschüre dann voll von Ideologie und Verharmlosung: z.B. auf S. 15 “Sexarbeit ist nicht Problem, sondern die Lösung.” oder auf S. 8 “Sexarbeit schafft für Frauen ein Angebot für positive Erlebnisse. Sie kann ein Schutzraum sein für Opfer sexualisierter Gewalt.” Das erreichen die Journis natürlich nur durch eine gnadenlose Umdefinition und grundlegend neues Wording. So rät die Handreichung, nicht mehr von “Rotlichtmilieu” zu schreiben, sondern von “Branche”. Auch “Zuhälter” sei kein angemessenes Wording, besser sei es von “Betreiber” zu schreiben. “Armutsprostitution” gäbe es schlicht nicht, da es doch bei jeder Erwerbstätigkeit darum ginge, Geld zu verdienen. Und und und. Die Rohnerin bringts auf den Punkt: “Spinnt ihr, DJV?” https://www.djv.de/einsatzfelder/chancengleichheit-diversity/handreichung-berichterstattung-sexarbeit/
Hier laStaempflis Thesen zu Konstantin Wecker und die Epstein Files: Wie Minderjährige von den Medien sexualisiert und verkauft werden, siehe SZ-Titel: “Der Mann und das Mädchen” 20.11.2025. Die Frau, die den Epstein-Fall überhaupt ins Rollen brachte, heisst Julie K. Brown siehe https://www.sueddeutsche.de/medien/usa-epstein-trump-journalistin-julie-brown-1.4523865
Zehn Thesen zum Missbrauch von Macht, Ruhm und jungen Frauen – aus Sicht der Opfer von laStaempfli
Missbrauch beginnt nicht mit Gewalt, sondern mit Aufmerksamkeit. Epstein wie auch andere mächtige Männer, wie der Fall Konstantin Wecker zeigte, wurden nicht gefährlich, weil sie brutal waren, sondern weil sie zuhörten, förderten, versprachen. Aufmerksamkeit ist die erste Währung der Manipulation.
Das Narrativ vom „einvernehmlichen Verhältnis“ ist eine Tätererfindung. Minderjährige können Machtgefälle nicht „frei wählen“. Wer das behauptet, verschiebt Verantwortung vom Täter zum Opfer.
„Ich war in einer schwierigen Phase“ ist keine Erklärung, sondern eine Schuldabwehr. Persönliche Krisen (wie bei Konstantin Wecker Alkoholismus, Drogen etc.) rechtfertigen keinen Missbrauch. Dieses Argument dient ausschließlich dazu, Empathie für Täter zu erzeugen – nie für Opfer.
Kunst, Genie, Charisma oder politische Bedeutung sind keine mildernden Umstände, sondern Verstärker. Je größer die Bühne eines Mannes, desto größer sein Schutz. Ruhm funktioniert wie ein Schutzschild gegen Strafverfolgung.
Medien verharmlosen Missbrauch, wenn sie Täterliteratur betreiben. Titel wie „Der alte Mann und das Mädchen“ (Der Titel der Süddeutschen Zeitung zum Fall Konstantin Wecker) romantisieren Gewalt. Sie löschen das Leid der Betroffenen aus und ästhetisieren asymmetrische Macht.
Die sogenannte „Sexarbeit“-Rhetorik verschleiert systemischen Zwang. Wenn junge Frauen in ökonomisch abhängigen Situationen „freiwillig“ handeln sollen, handelt es sich nicht um Freiheit, sondern um Marktlogik ohne Schutzrechte.
Epstein und auch Konstantin Wecker sind keine Einzelfaelle, sondern ein Systemknoten. Sein Netzwerk zeigt, wie Kapitalismus, Patriarchat und Straflosigkeit zusammenwirken. Nicht wer die Täter sind, ist entscheidend – sondern wie lange die Täter geschützt wurden.
Opfer verlieren nicht nur ihre Unschuld, sondern ihre Erzählhoheit. Ihre Geschichten werden bezweifelt, relativiert, juristisch zermürbt oder medial trivialisiert. Das ist sekundäre Gewalt.
Gesellschaften schützen Täter, wenn sie ihnen nützen. Solange Männer Macht, Geld oder kulturelles Kapital liefern, wird ihr Missbrauch als „Fehltritt“, „Affäre“ oder „tragische Verstrickung“ umgedeutet.
Wirkliche Aufarbeitung beginnt erst, wenn wir aufhören, Täter interessant zu finden. Nicht ihre Biografien, ihre Gefühle oder ihre „dunklen Phasen“ sind relevant – sondern die zerstörten Leben der Mädchen und Frauen. Gebt endlich den Opfern die Stimmen.
Hier der offene Brief von Regula Staempfli im Anschluss an die Handreichung:
Good News zum Schluss: In der neuen EMMA wird das HEDWIG DOHM TRIO porträtiert https://www.emma.de/artikel/mehr-stolz-ihr-frauen-342205 – und auch sonst ist diese Ausgabe SEHR lesenswert, u.a. dank der besten Cover-Geschichte seit Jahren “Die neuen Frauen”.
Hier noch der offene Brief von Dr. Regula Staempfli an den DJV im Anschluss der Folge der “Die Podcastin.” Bitte teilen!
Offener Brief an den Deutschen Journalistenverband (DJV) Zur „Handreichung zur Berichterstattung über Sexarbeit“ 26.12.2025.
Sehr geehrte Damen und Herren des Deutschen Journalistenverbands,
was ist mit Ihnen los?
Der Deutsche Journalistenverband, der sich als Hüter journalistischer Standards, Unabhängigkeit und Kritikfähigkeit versteht, veröffentlicht eine Handreichungauf der eigenen Website zur „Berichterstattung über Sexarbeit“ – dies ausgerechnet als Gemeinschaftsprojekt mit einem Lobbyverband. Allein dieser Umstand hätte höchste Alarmbereitschaft auslösen müssen. Stattdessen wird die Broschüre als Beitrag zu einer „sachlichen, differenzierten und respektvollen Berichterstattung“ beworben.
Was Sie tatsächlich vorlegen, ist jedoch keine journalistische Handreichung, sondern ein ideologisch durchtränktes Framing-Papier, das zentrale Probleme sexualisierter Ausbeutung sprachlich entsorgt, strukturelle Gewalt verharmlost, ja streckenweise legitimiert, und kritische Begriffe systematisch aus dem öffentlichen Diskurs tilgen will.
Wenn in Ihrer Broschüre Sätze stehen wie
„Sexarbeit ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ (S. 15)
oder
„Sexarbeit schafft für Frauen ein Angebot für positive Erlebnisse. Sie kann ein Schutzraum sein für Opfer sexualisierter Gewalt“ (S. 8),
dann überschreiten Sie jede Grenze der Würde des Menschen. Ihre “Handreichung” ist das Gegenteil von faktenbasierten Journalismus. Die Handreichungreproduziert Narrative, die seit Jahren von der Prostitutionsbranche, den Interessenverbänden vertreten werden. Ihre Handreichung missachtet alle bisherigen Statistiken, Recherchen, Opferstudien sowie Traumaforschung.
Besonders skandalös ist das von Ihnen propagierte neue Wording, das Realitäten nicht beschreibt, sondern umdeutet:
Das „Rotlichtmilieu“ soll zur „Branche“ werden.
„Zuhälter“ heißen plötzlich „Betreiber“.
„Armutsprostitution“ soll es gar nicht geben – schließlich gehe es bei jeder Erwerbsarbeit um Geld.
Diese sprachlichen Eingriffe sind keine Präzisierung, sondern politische Propaganda. Sprache wird hier nicht genutzt, um Wirklichkeit sichtbar zu machen, sondern um Menschenhandel mit neuen Begriffen zu normalisieren, ja zu legalisieren. Journalismus wird so zum Transportmittel von Zuhälter-Interessen – nicht zu deren kritischer Instanz.
Gerade von einem Journalistenverband müsste man erwarten, dass er seine Mitglieder zur Skepsis gegenüber Lobby-Sprech, zur Trennung von Bericht und Aktivismus und zur Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Befunden anhält. Stattdessen liefern Sie eine Anleitung zur Selbstzensur kritischer Begriffezugunsten der Propaganda von Prostitution, den Menschenfleischverkauf auf Zeit.
Die Frage, die sich stellt, ist daher schlicht: Wessen Interessen vertreten Sie hier eigentlich – die der journalistischen Öffentlichkeit oder die eines politischen Projekts?
Die Podcastin Dr. Isabel Rohner brachte es in der neusten Folge von der „Die Podcastin“ – aufgeschaltet 26.12.25 treffend auf den Punkt:
„Spinnt ihr, DJV?“
Diese Frage ist leider berechtigt.
Wir fordern den DJV daher auf,
diese Handreichung kritisch zu überarbeiten oder zurückzuziehen,
die Nähe zu Lobbyorganisationen transparent zu machen,
und endlich wieder das zu tun, wofür Journalismus steht: nicht für Sprachregelungen einzutreten und sie den Mitgliedern des DJV quasi zu verordnen, sondern für Fakten und Qualität zu sorgen.
Mit nachdrücklichen Grüßen
Dr. Regula Stämpfli Politische Philosophin, Bestellerautorin, Journalistin BR
Zwei Bilder aus Jerusalem 7.12.2025 vom Morgengrauen ins Licht. Regula Staempfli copyright 2025.
Auf der Suche von Regula Staempfli in Jerusalem und Hannah Arendt, erfindet Gemini folgend Geschichte: Bildschirmfoto 23.12.2025, 19.00 Uhr.
This is what really happened: Radiolabor Hannah Arendt: Über das Böse
Zum 50. Todestag von Hannah Arendt (1906–1975)
4. bis 7. Dezember 2025, Theater Stok Zürich & Zürichsee
Zum 50. Todestag von Hannah Arendt widmet sich eine viertägige Veranstaltungsreihe am Theater Stok und auf dem Zürichsee der wohl bedeutendsten politischen Denkerin des 20. Jahrhunderts.
Arendts Schriften über Verantwortung, Totalitarismus, Gewalt und Freiheit prägen bis heute den politischen und kulturellen Diskurs – und wird zugleich immer wieder missverstanden, instrumentalisiert, vereinfacht.
Die Veranstaltungsreihe spürt diesen Spannungsfeldern nach: zwischen Ethik und Macht, Denken und Handeln, Sprache und Verantwortung.
Den Auftakt bildet am 4. Dezember die Premiere der szenischen Lesung «Über das Böse» mit Hagar Schipper-Admoni (Schauspiel) und Avital Cohen (Flöte), unter der Regie von Sama Schwarz. Im Anschluss spricht Michael Pfister über Arendt, ihr Verständnis des Bösen und ihre Ethik des Selbstgesprächs.
Am 5. Dezember folgt ein öffentliches Labor, das Arendts Denkbewegungen performativ weiterführt.
Der 6. Dezember verbindet Literatur, Philosophie und Gegenwart: eine Schifffahrt auf dem Zürichsee mit Hildegard Keller, sowie die Diskussion «Judenhass im Kunstbetrieb» mit Bettina Spoerri, Matthias Naumann, Rüdiger Suchsland und Lea Wohl von Haselberg.
Am 7. Dezember findet ein zeitgleicher frühmorgendlicher Hannah-Arendt-Walk in Zürich und Jerusalem mit Regula Stämpfli über Tom Segevs Vortrag statt, gefolgt von einem Familiennachmittag mit Hildegard Keller und der Abschlussperformance «Über das Böse – Teil 2».
Eine Veranstaltung über Denken, Verantwortung und das Weiterwirken von Arendts radikalem Mut zur Sprache, eine Veranstaltung, die sich speziell auch dem Antisemitismus widmet und einer Denkerin, die diese Themen mit radikaler Humanität angegangen ist.
Sonntag, 7. Dezember 7.00 Uhr, Zürich
Hannah Arendt Walk: Zürich & Jerusalem
Mit:Regula Stämpfli
Themen: Ort, Exil, Erinnerung und Zeitgleichheit von Erfahrung.
Hier von Regula Staempfli zehn Thesen, weshalb die Rede von Tom Segev über “Hannah Arendt in Jerusalem” völlig an der Denkerin vorbei und über sie hinweg argumentierte.
Zehn Gründe, warum Tom Segevs Berliner Rede so verheerend war.Von Regula Staempfli. 7. 12. 2025 „Hannah Arendt in Jerusalem.“ Hier die Rede von Tom Segev; https://www.youtube.com/watch?v=1XTgDKp-deA
1. Linker Moralismus statt politische Analyse Tom Segev spricht nicht als Historiker, sondern als moralischer Richter. Damit ersetzt er historische Komplexität durch Schuldnarrative — eine typisch europäische, postkoloniale Falle, die die Realität Israels ausblendet.
2. Gleichsetzung von Täter und Opfer Wenn Segev den israelischen Gegenschlag „brutal“ nennt, ohne die islamistische Aggression und Ideologie als Ursache zu benennen, wiederholt er das alte Muster der moralischen Äquidistanz — Hannah Arendt nannte das “die Flucht ins Urteil ohne Denken.”
3. Der Missbrauch von Hannah Arendt Segev zitiert Arendt, um „Menschlichkeit“ gegen Israel auszuspielen – dabei übersieht er, dass Arendt Totalitarismus als System verstand, das durch die Abschaffung des Politischen entsteht. Hamas ist totalitär, nicht Israel.
4. Pazifismus als Luxusideologie Segev steht in der Tradition eines israelischen Linkspazifismus, der nur in friedlichen Zeiten funktioniert – und im Angesicht von Terror, Geiselnahmen und Pogromen zur moralischen Pose verkommt. Arendt hätte gesagt: „Politik beginnt, wo man die Welt bejaht – nicht wo man ihr entflieht.“
5. Islamistische Propaganda als „Narrativ der Unterdrückten“ Wenn Segev Begriffe wie „brutaler Krieg“ oder „Wohngebiete bombardiert“ benutzt, ohne zu erwähnen, dass Hamas Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt, übernimmt er deren semantische Waffen – das ist Propaganda-Recycling.
6. Das Schweigen über Antisemitismus Segev vermeidet es, die antisemitische Dimension der Hamas zu benennen – das ist die intellektuelle Feigheit vieler Linker, die lieber über „Ungleichheit“ reden als über Judenhass.
7. Sentiment statt Urteilskraft Segev emotionalisiert, statt zu urteilen. Er spricht von „Soldaten“ und „Opfern“, aber nicht von Ideologien, Strategien, Strukturen. Arendt hätte ihn daran erinnert: „Denken ohne Geländer heißt, Verantwortung zu übernehmen, nicht Gefühle zu wiederholen.“
8. Die Entpolitisierung des Krieges Indem Segev Gaza als humanitäre Katastrophe, nicht als politisch-militärische Konstellation beschreibt, nimmt er den Akteuren (insbesondere Hamas) die Verantwortung – und infantilisiert damit die arabische Welt.
9. Koloniales Schuldnarrativ im israelischen Gewand Segev internalisiert das westliche Schuldgefühl und wendet es gegen Israel: ein paradoxes Selbsthass-Muster, das die israelische Linke seit den 1980ern lähmt. Das ist kein Pazifismus, sondern postkolonialer Masochismus.
10. Verrat an der Realität – Verrat an Hannah Arendt Arendt lehrte, dass Wahrheit im Politischen nie bequem ist. Segev aber will sich gefallen, besonders in Berlin. Er liebt den Applaus der deutschen Linken mehr als die unbequeme Realität Israels. Damit verrät er Arendts Ethos des politischen Denkens, der Nähe allen Denkens an Wirklichkeit und Wahrheit.