
Zärtlichkeit gegen die Welt: „Serge & Jane“ und die verlorene Kunst des Liebens.
Serge Gainsbourg (1928-1991), das enfant terrible der französischen Kultur, und Jane Birkin (1946-2023), die britische Novelle-Vague-Göttin, lebten eine Liebe, die in jeder Hinsicht ausserhalb der Norm steht. Die Beiden waren provokant und zärtlich, exzessiv und konzentriert, extrem, politisch inkorrekt, ästhetisch-revolutionär, doch immer der Gegenwart, Wahrheit und Wirklichkeit verpflichtet. Beide lebten exzessiv Krisen, Eifersucht, Alkohol, doch sie löschten sich nie aus, wie so viele bekannte Paare.
Jane Birkin war für mich immer ein Wesen aus einer anderen Welt. Durchscheinend, zart, fast körperlos – eine Erscheinung, die sich der Schwerkraft widersetzte. Die ikonische Fragilität der 1960er und 1970er Jahre war der Gegenentwurf zu den amazonenhaften, kraftvoll trainierten „Ich bin da“-Statement der Frauen der 1990er Jahre. Die Birkin wurde zunächst berühmt durch ein Lied mit der grossen Liebe ihres Lebens: „Je t’aime … moi non plus.“
Es ist ein verstörender Song, in einer verstörenden Beziehung, die nach MeToo schreit. Die Irritation, die der Song mit sich bringt erzählt viel über die kulturellen Codes der weiblichen Stimme, über die weibliche Lust, und über die tiefe Unruhe, die entsteht, wenn männliche Selbstverständlichkeiten auf weibliche Freiheiten treffen. Das ist die Reibung, die Jane Birkin und ihre Geschichte mit Serge Gainsbourg bis heute so faszinierend macht.
Es gibt Lovestories, die die Welt zum Leuchten bringen, indem sie beide Liebenden verbrennen. „Romeo und Julia“ beispielsweise, der Beginn des Mythos der Moderne. Im Absturz entfaltet sich dann die ganze Wucht von Liebe und Lust, zerstörerisch, grell, toxisch. Und doch können solche Beziehungen von welchem das Buch „Serge & Jane“ erzählt, das ich Ihnen hier empfehle, vom Kriegsfeld direkt in die Friedenspolitik führen. Jane Birkin präsentierte 2017, ein Vierteljahrhundert nach Serge Gainsbourgs Tod einen Liederzyklus, den sie vor Publikum und mit einer Tournee präsentierte: „Brikin/Gainsbourg: le symphonique.“ Einundzwanzig Lieder von Serge Gainsbourg, arrangiert vom Symphonieorchester, interpretiert mit der für sie so typischen Stimme, von der einundsiebzigjährigen Jane Birkin. Die Welt-Tournee wird zum grossen Erfolg, Jane Birkin: „Es freut mich so sehr, solche Orte zu besuchen und somit Serge ein bisschen das Leben zu verlängern – es ist wie eine Nachspielzeit im Fussball.“
„Ich bin die berühmteste Anti-Sängerin der Welt“ und doch machte Jane Birkin als Sängerin dank Serge Gainsbourg eine Weltkarriere. Er wiederum blieb dank ihr über Generationen hinweg erfolgreich und mutierte mit seinen abstehenden Ohren zur Stilikone. Birkins Beziehung zu Serge Gainsbourg, dem ukrainischen Juden, Archetyp des rebellischen Franzosen, war ein Mann, der Menschen mit den aufmerksamen Augen eines Malers betrachtete. Wenn er einer Frau seine ganze Aufmerksamkeit schenkte, war diese meist wehrlos gegen seinen Charme, schreibt Élisabeth Lévitsky in ihrer Biographie „Lise et Lulu.“ Solche Männer gibt es kaum noch. Sie schauen zu oft in den Spiegel heutzutage, und nicht in die Welt hinaus. Diese Visagen von Verletzlichkeit gemischt mit einer gewissen Brutalität, die Verkörperung der Welt von gestern. Als die Revolution noch möglich und nicht kuratiert war und darüber hinaus verdammt fashionable aussah. Und, vor ein paar Jahren, mit der „Birkin-Bag“ -Vintage in Krokodillederversion für 200.000 bis 300.000 Euro die Auktionshäuser reich machten. Birkin distanzierte sich aus Tierschutzgründen vehement von diesem Teil ihrer Vergangenheit. Eine kleine Geste, aber eine von grosser Konsequenz in einer Branche, die Tierhaut als Preisaufschlag behandelt. Krokodilledertaschen und -schuhe trägt seit dem Birkin-Protest keiner mehr – es sei denn Vintage. Der Hermès-Bag passte eh nicht wirklich zu dieser Frau, die den Kern ihrer Eleganz aus riesigen Selbstzweifeln schöpfte. Der Birkin-Basket, jener geflochtene, leichte Korb, den sie immer wieder trug und der bis heute unter ihrem Namen verkauft wird, passte immer viel besser zu ihr. Jane Birkin, die Engländerin, die in Frankreich zur Ikone der „Parisienne“ aufstieg, ihren britischen Akzent nie verlor, bewegte sich seit ihrer Jugend intuitiv immer dorthin, wo die Dinge leicht und unaufgeregt trotzdem eine Unanständigkeit verbreiteten. Die im Auge des meist männlichen Betrachters lagen. Birkins Jugend, Gainsbourgs Kindheit sind ziemlich kaputt und widerspiegeln die damalige Geschichte. Erstaunlicherweise oder vielleicht gerade wegen den Brüchen in der Familie, fanden Beide immer den Schutz ihrer Eltern und anderen Verwandten. Die Beziehung von Jane Birkin zu ihrem Bruder trägt darüber hinaus verstörend inzestuöse Züge, die der Autor des Buches „Serge & Jane“ extrem sorgfältig aufblättert.
Wir leben in einer codierten Phase, die toxische Paare nahezu kultisch verehrt. Deshalb sind Jane Birkin und Serge Gainsbourg als schwieriges „Coupeling“ mit der Ambivalenz einer grossen Liebe Zeichen einer Welt, die wirklich vergangen ist. Ich empfand es deshalb als politischen Akt, heute an Jane Birkin und Serge Gainsbourg mit dem Buch „Serge & Jane“ zu erinnern. 2021 herausgekommen, zauberhaft geschrieben, spannend wie ein Thriller konstruiert, von einem österreichischen Autor stammend, der so blass ist wie seine Protagonisten leuchtend, Günter Krenn, ist „Serge & Jane“ eine Offenbarung. Die Leser und Leserinnen werden in einen Sog von Politik, Kunst und Aktion hineingezogen durch den Liebesakt der Beiden, die zeigen: Wahre Liebe ist so friedlich wie eine Explosion.
Es ist lange her, dass wir von Paaren geredet haben, die sich leidenschaftlich lieben: in aller Öffentlichkeit. Es gibt sie nicht mehr in unserer codierten Welt – oder denken Sie bei Taylor Swift und Travis Kelce auch nur eine Sekunde an Leidenschaft? Elizabeth Taylor und Richard Burton, die Callas und der Onassis, Ingrid Bergmann und Roberto Rosselini machten die Welt zu einem Ort der Passion. So wie diese Paare längst verschwunden sind, fehlen die küssenden Menschen in der Öffentlichkeit. I mean: Porn is everywhere, aber Liebe? Es ist Jahre her, dass ich tief erschütternde Abschiedsszenen an Bahnsteigen mit Tränen in den Augen verfolgen konnte oder selber erlebte. Die polyamoren Clubs sind voller einsamer Menschen, die sich genau an Vereinbarungen halten, wenn sie sexuelle Dinge tun, die sich fantastisch Liebende nicht mal vorstellen wollen. Es gibt nur noch Pornobilder oder Schwelle-Groupsex, Swingerclubs, Dark Rooms, die den männlichen Sexualtrieb zum Mass aller Dinge machen, egal wieviel queer proklamiert wird. Das war ja schon mit Madonna so: Sie kommerzialisierte den Feminismus als Pornveranstaltung und Alle schreien bis heute: „Selbstbestimmt.“
Doch Liebe? Sehnsucht und Leidenschaft? Der physische Schmerz, wenn der Andere geht? Das Begehren, das verängstigt, gleichzeitig unfassbar glücklich macht? Die Begegnung auf Augenhöhe, weil zwei Menschen wissen, wie dramatisch es ist, das Ego zugunsten unfassbarer Symbiose aufgeben zu müssen? Höre ich die jungen Menschen zu, gibt es davon nichts, nada, niente. Sie verlieben sich noch, das dann schon, immer für kurze Zeit, doch dann werden die dominierenden Gegenwartscodes eingeschaltet: Karriere, Aussehen, Geld. Liebe wird da eine Frage der Organisation. Hand in Hand schlendern nur noch alternde Paare – die jungen fassen sich in der Öffentlichkeit weniger an; sie sind zu sehr mit dem Selfie-Schiessen ihres glücklichen Paarlebens beschäftigt. Schauen Sie sich um. Ich vermisse die zahlreichen Orte voller Menschen, die Liebe und nicht Diskurse ausstrahlen.
„Serge & Jane“ vermittelt diese Art von Vergangenheit so subtil, dass es Tage brauchte bis ich über die Traurigkeit nicht nur über die Geschichte der Beiden, sondern auch die Euphorie, die mich beim Lesen ergriff, hinweg kam. In einer Zeit, in der Zerstörung, Sprechakte, Nihilismus, Materie, der Zwang zum Image spektakulärer ist als Zuneigung, Leidenschaft, Hass und Liebe vereint, erscheint die gelungene Liebe von Jane Birking und Serge Gainsbourg eigentlich als Skandal. Fehlen uns die Tabus? Die Zwischentöne, Zwischenräume, das Dazwischen der Politik statt Polarisierung?
Die europäischen Generationen, die noch Eltern und Grosseltern kannten, die von Flucht, Vertreibung und Aufbruch erzählt haben, in einem Ton, der die Boomer mit einer politischen Schärfe prägte, die den europäischen Wohlstand und Gewaltlosigkeit förderte, sind langsam am Aussterben oder verblöden. Gen Z und Millenials sind da völlig unbelastet und wohl deshalb wählen sie nun in den westlichen Staaten in den Städten Systeme, die ihre Urgrosseltern in den Gulag, in Konzentratsionslager und Foltergefängnisse brachten. Anders als in der Liebe, geht es Codes nicht ums Bewahren, sondern ums Zerschlagen. In Deutschland wählten 2025 die Erstwähler und Erstwählerinnen ausnahmslos Extreme: Die „Linke“ (Nachfolgerorganisation der SED-Partei, also der DDR) und die AfD.
Die Obsession mit dem Abgrund als Kulturmerkmal, bringt uns überall bezahlbaren Sex und kriminalisierte Leidenschaft, die die Liebe, die immer gratis ist, verunmöglicht. Denn Gratisliebe ist der Tod jedes Herrschaftssystems.
Vielleicht ging dieses wirklich grosse Buch „Jane & Serge“ deshalb im digitalen Rauschen verloren, weil nicht Zuneigung zu dem was ist, sondern die Zerstörung, auch die Selbstzerstörung wichtiger erscheint als die Bewahrung. Liebesgeschichten, die Trennungen transformieren, schaffen gemeinsam etwas Drittes, einen neuen literarischen, musischen und politischen Tonfall: Wie eben Jane Birkin und Serge Gainsbourg. Weibliche Beobachtungen, weibliche Sprache, weibliche Lust prägten auch ein anderes Paar, dessen Ambivalenz heute so unmodern ist: Anais Nin und Henry Miller. Sie haben im „Delta der Venus“ die Pornografie als ökonomische Gewalt entlarvt. Aus Geldnöten schrieben sie für einen anonymen Bock, Seite für Seite erotische Literatur, er aber schrie immer lauter, er wolle keine Poesie sondern mehr Porn. Die Abrechnung von Nin und Miller an ihren Auftraggeber ist fantastisch; das grösste Plädoyer für den Feinstrick erotischen Begehrens gegen die männlichen perversen Fickfantasien, die alles Menschliche auf technische Banalität reduzieren.
Vielleicht wird erst heute sichtbar, was verloren ging. Die Gegenwart wird immer strenger kuratiert – Frankreich bastelt an einem Registrier-Gentest für Hunde, damit deren Kot auf der Strasse direkt zum Halter führt, mit deftigen Bussen (um nur eines der absurdesten Beispiele zu nennen.) Paris sieht schon jetzt aus wie ein Instagram-Account mit Menschen, die reden als trügen sie Moderationskarten im Stammhirn; der Präsident macht es ja schliesslich vor. Hannah Arendt beschreibt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ die grosse Einsamkeit in „alle Bereiche kontrollierenden Systemen“; vielleicht lieben die jungen Menschen deshalb die absurdesten Demos. Da sind sie wenigstens unter Gleichgesinnten und schreien kollektiv Mörderparolen zu Staaten, von denen sie weder Geschichte oder Menschen kennen. Die Paradoxie, einerseits Konflikt zu vermeiden, gleichzeitig online zum Krieg aufzurufen, ist so augenfällig. Sie geht Hand in Hand mit einer Heerschar von Akademikern, die Demokratie für ein veraltetes System halten. Die das gleiche Wahlrecht durch ein Lottosystem ersetzen wollen: Bildungsgrad, Alter, Milieu, Einkommen, Herkunft, sexuelle Identität sollen als Kategorien eine neue schöne Welt ordnen. Niemand soll mehr leiden, aber niemand soll jemals wagen zu leben. Die Irren bevölkern die Strassen, die Normalen sind in ihren Zimmern eingesperrt. Kein Wunder sehen wir kaum Liebespaare mehr! In dieser Trockenheit wirkt die Liebe von „Serge & Jane“ wie eine Erinnerung an etwas, was vergessen gegangen ist; dass grosse Lieben nie steril, korrekt, safe, sondern ambivalent, echt und lebendig sind.
Nach der Lektüre dieses Buches weiss ich wieder, was fehlt: Wie der Geruchs- und Geschmacksinn, der durch Covid ausgelöscht wird. Ich besuche junge Menschen, die als globale Elite die Welt wie ein Shoppingcenter online und offline konsumieren. Es gibt klare Verhaltenscodices und hierarchische Kreditpunktsysteme. Zärtlichkeit wird dem Moralismus, das Subjekt dem User geopfert. Die Öffentlichkeit ist eine Plattform, Identität ersetzt handelnde Menschen.
Deshalb hier mein Plädoyer für die Unberechenbarkeit der Liebe, die uns dem Kontrollwahn der codierten Welt entzieht.
Serge & Jane. Biographie einer Leidenschaft von Günter Krenn, Aufbau Verlag.
Anais Nin, Das Delta der Venus, erschien 1977 in den USA als Sammelband, wurde 1983 in Deutschland beschlagnahmt und seit 2002 gibt es eine vollständige deutsche Taschenbuchausgabe