Golden Globes oder: Die leise Verzwergung des großen Kinos
Es gibt Momente, in denen Preisverleihungen weniger über Filme erzählen als über die Zeit, die sie hervorbringt. Die jüngsten Golden Globes gehören zu diesen Momenten. Man verlässt sie nicht empört, nicht einmal wirklich enttäuscht, sondern mit einem stillen, schwer zu benennenden Gefühl: als habe sich das Kino, einst eine Kunst des Risikos, der Unruhe und der Wahrheit, in einen wohltemperierten Raum moralischer Selbstbestätigung zurückgezogen. Dabei wären die Videos der mutigen Menschen aus Iran PREISWÜRDIG. DOCH DIE MASSENABSCHLACHTUNG DES EIGENEN VOLKES IN DER ISLAMISCHEN REPUBLIK IRAN WAR AN DEN GOLDEN GLOBES KEIN THEMA.
Die ausgezeichneten Filme dieser Saison eint weniger ihr Sujet als ihre Haltung. Sie erzählen von Macht, von Gewalt, von Krieg, von Unterdrückung – und doch bleibt all dies seltsam folgenlos. Die Konflikte erscheinen wie sorgfältig komponierte Bilder, deren wichtigste Funktion darin besteht, dem Publikum moralische Sicherheit zu bieten. Nicht Wahrheit steht im Zentrum dieser Erzählungen, sondern Empfindung. Nicht die Frage, was geschieht, sondern die Gewissheit, richtig zu fühlen.
So wird Macht nicht analysiert, sondern ästhetisiert. Sie tritt auf als Schurke mit erkennbaren Zügen, als Gesicht, als Symbol, selten als System. Interessen, Strukturen, historische Verflechtungen lösen sich auf zugunsten einer Dramaturgie, die beruhigt, wo sie beunruhigen müsste. Politik verwandelt sich in Stimmung, Geschichte in Kulisse. Man sieht vieles – und versteht wenig.
Dabei kritisiert der Westen sich auch kollektiv, bleibt so auch Mittelpunkt der Welt. Andere Gesellschaften, andere Wirklichkeiten treten auf wie Statisten, notwendig für die Handlung, aber ohne eigenes Gewicht. Die Welt wird Bühne, auf der westliche Gewissensarbeit aufgeführt wird – sorgfältig, reflektiert, und doch merkwürdig narzisstisch.
Was in diesen Filmen fehlt, ist nicht Mitgefühl, sondern Komplexität. Ambivalenz hat keinen guten Stand. Sie würde verlangen, Widersprüche auszuhalten, Ungewissheiten zuzulassen, Urteile aufzuschieben. Stattdessen treten klare Gefühle an ihre Stelle: Empörung, Trauer, Erlösung. Das Publikum soll nicht denken, es soll sich wiederfinden. Zustimmung ersetzt Erkenntnis. Auch das Leiden wird auf diese Weise entpolitisiert. Opfer erscheinen sakralisiert, entrückt, ihrer Geschichte entkleidet. Täter hingegen bleiben abstrakt, oft unerklärt, ihrer sozialen und politischen Einbettung beraubt. Zwischenräume verschwinden – und mit ihnen die Möglichkeit von Politik. Wo es keine Zwischenräume mehr gibt, gibt es nur noch Haltung.
So bleibt am Ende ein Kino, das viel weiß und wenig wagt. Ein Kino, das sich seiner moralischen Position so sicher ist, dass es die Wirklichkeit meidet – jene widerspenstige, unbequeme Wirklichkeit, aus der einst große Filmgeschichte entstand. Denn Kunst begann immer dort, wo Sicherheit endete. Diese Filme sind nicht zu links. Sie sind zu sicher. Und Sicherheit war noch selten der Ort, an dem Wahrheit entsteht.
