Die Schrumpelgurke der Woche verlieht die Rohnerin diese Woche an den Deutschlandfunk Kultur: Eine freie Journalistin des DLF hatte sie um ein Interview über Hedwig Dohm und den Begriff des Antifeminismus gebeten, der auf Dohm zurückgeht – und die Rohnerin dann wieder ausgeladen. Warum? “Wie ich der weiteren Recherche entnehmen konnte scheint mir Ihre Definition von Feminismus und Antifeminismus zu eng und auch nicht dem Forsschungsstand entsprechend.” schreibt die Journalistin der Rohnerin am 4. Mai 2026. Wenn das mal keine Cancel Culture ist! Übrigens, lieber DLF Kultur und liebe namenlose Journalistin, die wir hier aus Anstand nicht namentlich nennen: Eine solche Mail würden Sie einem Mann niemals schreiben, der für die Forschung zu irgendeinem Gebiet so relevant ist wie Isabel Rohner für die Hedwig Dohm-Forschung. Wetten?
Ein weiterer Akt des Cancelns traf in dieser Woche den linksliberalen Club Volantaire: https://club-volantaire.de/ Eine Veranstaltung mit Inge Bell, Till Randolf Amelung, Prof. Dr. Ilse Jacobsen und Marie-Luise Vollbrecht am 29.5.2026 muss kurzfristig in einen anderen Veranstaltungsort verlegt werden. Der Grund: Verfassungsfeinde (nichts anderes sind die Gegnerinnen und Gegner der Meinungsfreiheit!) haben den ursprünglichen Veranstaltungsort bedroht. Sie wollen nicht, dass eine Veranstaltung mit dem Titel “Was ist eine Frau? Feminismus außer Rand und Band” stattfindet. Wetten, dass das Event trotzdem steigt?
Eine wichtige Dokumentation lieferte diese Woche der Journalist Marcel Trocoli-Castro für den RBB: In “Prostitution unterm Pentouse” (https://www.rbb-online.de/doku/o-r/rbb24-reportage/prostitution-unterm-penthouse.html) berichtet er schonungslos von der Realität auf der Kurfürstenstraße, dem bekanntesten Straßenstrich Berlins. Frauen gibts dort schon ab 5 Euro zu kaufen. Diese Doku hätte sich der DGB mal anschauen müssen. Vielleicht hätte der Deutsche Gewerkschaftsbund dann nicht seinen frauenverachtenden Beschluss gefasst, in dem er sich “nachdrücklich gegen ein Sexkaufverbot (auch im Rahmen des sogenannten Nordischen Modells)” ausspricht.
Medienkritik: Der ideologisch motivierte Realitätsverlust der Medien zeigte sich erneut sehr schmerzlich bei der Terrorattacke in Modena, Italien, wo ein Terrorist mit muslimischen Hintergrund in die Menschenmenge raste. Sämtliche Medien redeten von einem “Auto, das in die Menge fuhr” und spekulierte wieder von “pschischen Schwierigkeiten” des “Fahrers.” Diese totalitäre und immer wiederkehrende Pathologisierung von Terrorattacken verletzt die Rechte und die Würde der Opfer und entpolitisiert die Terrorattacken. Dies einzig und allein zum Zweck, über mögliche islamistische Motive nicht mehr sprechen zu dürfen, Terror als ganz normale Verbrechen zu verharmlosen sowie aktiven Täterschutz zu betreiben. Dies muss aufhören.
laStaempfli war in San Francisco und plädiert für mehr San Francisco in der internationalen Berichterstattung statt den Fokus auf den islamo-gauchist Mamdani zu legen.
Und zum Schluss: Australien zeigte diese Woche, was passiert, wenn Gesetze auf Ideologien gründen anstatt auf Realität. Im Fall “Giggle v Tickle” verlor die australische Unternehmerin ihren Berufungsfall vor dem Federal Court gegen einen Mann (Jason Tickle), der ihre App “Giggle for Girls” ebenfalls nutzen will. Das Gericht entschied auf Diskriminierung und eine satte Schadenersatzzahlung. Die Botschaft ist verheerend: Wegen des ideologischen “Sex Discrimination Act” von 2013 fallen auch “Diskriminierungen” aufgrund von “Sprechakten”, d.h. Genderidentitäten unter dieses Gesetz. Frauenrechte werden neu als Männerrechte verhandelt: Es braucht nur einen Mann, um allen Mädchen und Frauen zu befehlen, was Mädchen und Frauen sind. laStaempfli hat schon beim erstinstanzlichen Gerichtsfall rund um Sall Grover, die mutige und nun weltweit unterstützte Feministin, davor gewarnt, dass dieser australische Präzendenzfall global die Mädchen- und Frauenrechte bedroht.
Bild von laStaempfli aus American Asia Museum San Francisco: Daoist goddess Magu 1800-1911.
Und hier noch der alte Artikel als der Fall Giggle bekannt wurde: Australia really has gone mad.
Screenshot von Artikel von Regula Stämpfli über Sall Grover, die in Australien Prozesse gegen einen Mann verliert, weil sie ihn Mann nennt und aus ihrer Lesben-Dating-Plattform rausgeschmissen hat. Die Welt ist tatsächlich wahnsinnig geworden. Wie meinte Regula Staempfli schon 2023? “Wer immer noch meint, die Transdiskussionen seien ein Nebenschauplatz, irrt gewaltig. Denn sollte Sall Grover den Prozess verlieren, ist global die Lawine losgetreten, die Frauen in westlichen Demokratien per Sprechakte wie unter den Taliban in Afghanistan unsichtbar, rechtlos und unfrei macht und die Definition, was eine Frau ist, wieder den Männern obliegt. Horror.
“Die Biologie ist kein Nebenschauplatz, sondern die Hauptsache. Der weibliche Körper ist keine These – und er verschwindet nicht, nur weil es politisch opportun erscheint.” Gleichzeitig erklärt Regula Stämpfli den Entscheid des EU-Gerichtshofes gegenüber Bulgarien und Ungarn, wie die Sprechakt-Ideologie von Brüssel verordnet werden soll. Einem EU-Gerichtshof, der NICHT ÜBER GESELLSCHAFTSPOLITIK entscheiden darf, sondern nur Binnenmarkt-Entscheide zu fällen hat. Alles spannende Themen, die medial viel zu wenig aufgenommen werden.
Der Herr Verleger Leopold Freiherr von und zu Weiler empfiehlt auf Linkedin im “WEITERDENKEN QUARTERLY” den Beitrag “Im Blickpunkt” von Dr. Regula Stämpfli. Regula Staempfli dankt und verlinkt hier den Artikel als PDF mit Quelle, Zitat: Kohlhammer, Weiterdenken Quaterly, 2/26. Copyright. https://regulastaempfli.eu/wp-content/uploads/2026/06/16_Im-Blickpunkt_Staempfli.pdf
Kürzlich, in einer Kleinstadt in Deutschland: Wenn Kunstausstellung in totalitären Symbolen und Ideologien ersticken.
Es ist sehr sonnig und heiss, der Kunstraum in Mosbach kühl, angenehm, schön kuratiert. Wir sind beim Kunstverein Mosbach und stehen inmitten einer klug komponierten Ausstellung über Vietnam, Familien und Erinnerung. Der Film des genialen Filmemachers Thomas Gaschler, in Kombination mit der Familie, deren Geschichte die Ausstellung erzählt, ist hohe Kunst. Die Schau lässt Menschen sprechen, zeigt Wege und Brüche und beschwört jenen fragilen Raum, den Hannah Arendt die menschliche Welt nannte.
Und dann steht sie da – die Wassermelone. Gross, leuchtend, demonstrativ auf dem Verkaufstisch. Nicht als Kunstwerk. Nicht als kuratorische Geste. Sondern als politisches Erkennungszeichen. In diesem Moment verändert sich der Raum. Vietnam, Deutschland, die Familiengeschichte, Identitätssuche, Leben und Tod verschwinden. Die Ausstellung verliert an Leuchtkraft. Lautlos erobert ein ganz übler, ideologisch totalitär geframter Konflikt den Raum und besetzt ihn mit symbolischer Selbstverständlichkeit. Die Wassermelone selbst ist nicht das Problem. Das Problem liegt in ihrer Funktion. Sie ist längst kein stilles Obst mehr, sondern ein ästhetisches Bekenntnis, eine aggressive Loyalitätserklärung zu Terroristen, die zu Opfern gemacht werden. Genau darin enthüllt sich die Ideologie eines Kulturbetriebs, der Symbolik benutzt, um Wirklichkeit zu pervertieren, um Mörderideologien zu propagieren.
Weltverlust beginnt nach Hannah Arendt selten mit Gewalt. Er beginnt mit Zeichen. Hannah Arendt wusste: Totalitäre Systeme ersetzen Wirklichkeit durch Narrative. Der moderne Kulturbetrieb fokussiert sich – wieder einmal in der deutschen Geschichte – auf die Juden, die Jüdinnen und deren einzigen Staat, aus dem sie aufgrund ihres Judentums nicht verfolgt und vertrieben werden können. Dieser kleine Streifen inmitten von arabischen Millionen-Nationen. Es geht der Kunst nicht um Kunst, sondern um die Kampagne der neuen Antisemiten, die sich selber für so gut halten wie die Grosseltern und Urgrosseltern auch. Der 7. Oktober 2023 war eine Vergewaltigungs- und Mordorgie der Hamas gegen unschuldige Menschen. Und mit wem solidarisieren sich die Kunstschaffenden, damals noch am selben Tag als die Leichen nicht geborgen waren und 250 Geiseln verschleppt wurden, in Deutschland? Richtig. Mit den Mördern. Früher verhandelte man in der Kunst deren ästhetische und gestalterische Kompetenz in der Zeit, für die Zeit ausserhalb der Zeit. Heute verhandelt man Gesinnung. Man fragt nicht mehr, ob ein Werk gut ist. Man fragt, ob es richtig ist. Und genau hier verliert die Kunst ihre Freiheit. Denn Kunst lebt von Ambivalenz. Politische Symbolik lebt von Eindeutigkeit. Kunst öffnet Räume. Symbolik und Ideologien schliessen sie.Die Wassermelone war deshalb bemerkenswert, weil niemand mehr fragte, warum sie überhaupt dort stand. Diese Symbole der neuen Antisemiten, die sich als „Israelkritiker“ verschönern, gehören zum gegenwärtigen, leider subventionierten Kulturbetrieb wie die Burka in der Herrschaft der Talibans. Die Kunst wird dadurch nicht politischer. Sie wird klein, böse, ekelhaft: ständig über Divesität reden und dabei eine geistig-ideologisch Engstirnigkeit produzieren, die einem nur schaudern lässt.
Es hätte wirklich schön, spannend und wegweisend können. Die Kunst in Mosbach. Vietnam war präsent. Die Familiengeschichten waren vorhanden. Die Filmkunst war genial. Und dennoch stand etwas anderes im Mittelpunkt, nämlich ideologischer Stechschritt, Hassblick und Drohung an alle jüdischen Besuchenden mit der Message: Ihr seid hier weder gewollt noch sicher (so war dann auch die Reaktion nach meiner Kritik.) Und meine Frage blieb unbeantwortet: Um was ging es eigentlich in der zauberhaften Ausstellung „Out of Mosbach“ schon wieder? Nachtrag: Natürlich versucht der Kunstverein nun eine persönliche Kampagne gegen die Politphilosophin Regula Staempfli zu lancieren, mit Unterstellungen, Fehlbehauptungen – hier meine Stellungnahme auf einen sog. “offenen Brief” mit Unterstellungen, Anmerkung von Regula Staempfli: “Mein Leserbrief bezog sich auf die Platzierung einer politischen Symbolik im Umfeld einer Ausstellung, deren Thema ein deutsch-vietnamesisches Familien- und Erinnerungsprojekt war. Ich habe weder dem Kunstverein Neckar-Odenwald Antisemitismus unterstellt noch die bisherige Arbeit des Vereins infrage gestellt. Meine Frage war und ist eine andere: Sollten öffentlich geförderte Kulturinstitutionen politische Symbole verwenden, die weder aus dem Werk noch aus dem kuratorischen Konzept hervorgehen und von Teilen des Publikums als politische Loyalitätsmarker verstanden werden? Diese Frage halte ich weiterhin für legitim und diskussionswürdig.” Es ist wirklich nicht kompliziert, meine Frage zu verstehen.
Bild im Artikel zur “Wassermelone” mit Hilfe der Vorgaben von laStaempfli und ihrer KI gemacht.
Hier der Leserbrief im Original: Quelle Rhein Neckar Zeitung, 6.6.2026
By Regula Staempfli – laStaempfli. This is a free translation of an article that was first published in DIE WELTWOCHE 2026/1. The Author & Political Philosopher (Professor at the Swiss Journalist School for over 20 years) went on her first paid media trip to Israel, after she had visited the country numerous times. Read here what she experienced.
The first thing you notice in Israel is not conflict. It is intensity.
At Ben-Gurion Airport, a young woman in military uniform laughs, holding her phone, balancing an automatic rifle against her shoulder as casually as a Parisian might carry a handbag. Nearby, a father lifts his daughter high into the air as if he had just recovered her from history itself. Three languages collide in one sentence. Someone argues. Someone embraces someone else with the urgency of people who understand that existence is never guaranteed.
Nobody pretends not to see one another. To a European, that alone feels revolutionary.
In Western Europe, we have perfected the art of polite invisibility. We move through public spaces like well-trained ghosts. We do not stare. We do not interfere. We do not ask questions. Israel runs on the opposite principle: attention is survival.
You feel it immediately at passport control. The questions are direct, personal, intelligent. Not bureaucratic rituals but human inquiries. Where have you been? Why are you here? Who do you know?
The officer is not checking documents. He/She is checking reality.
Ten minutes later, I step into Mediterranean sunlight and realize something unexpected: you do not simply arrive in Israel geographically. You arrive existentially. I did not travel to Israel to form an opinion. The world produces an excess of opinion about Israel—fine desert dust, impossible to remove, constantly reapplied by media, universities, activists, and people who have never been there.
I traveled to understand something else.
What does it mean to live where history is not the past? What does it mean to build a future when the past refuses to disappear? How does a society function when survival is not theoretical?
The first thing I understood was this: Israel offers no moral comfort. Anyone arriving here in search of ethical reassurance leaves intellectually disoriented. For many Germans, Israel still functions as a moral landscape shaped by historical guilt. Watching that framework collapse can be revealing. During one guided visit, a participant asked when Israel had been created “because of Germany.”
The guide paused, then answered simply.
Israel did not begin in 1948. Israel did not begin in 1933. Israel did not begin in Auschwitz.
Israel began thousands of years ago.
You could almost hear the architecture of belief giving way. The guide continued. Ancient Judea. Roman destruction. Renaming into Palestina. Continuous Jewish presence. European Zionism. Herzl. Basel. Agriculture. Migration. Technology. War. Survival. No moral fairy tale. No narrative closure. Just history.
Israel did not emerge from guilt. It emerged from continuity.
From survival against probability, from argument as method, from technological stubbornness, from religious imagination, from the improbable meeting of European political theory and Middle Eastern geography—from something the contemporary West increasingly struggles to understand: civilization-building. Since October 7, 2023, I have returned to Israel several times. This time it was an official press visit. The reactions at home were predictable.
“Are you Jewish?” “Why would anyone go there?” “Isn’t it dangerous?”
Eventually I began answering symmetrically. When someone mentioned traveling to Vietnam, I asked whether they were Vietnamese, had family there, or perhaps sympathized with communism.
The outrage was immediate. “That’s completely different!”
Is it?
Or is Israel simply the one country people believe requires moral permission to visit? Traveling to Israel teaches something simple: people do not react to Israel. They react to their own narratives about it. Even a trip to the Moon would provoke less projection.
But luckily I realised on my trip: Israel, finally, has stopped caring. Because no matter what the country does, defend itself, accept terror just for peace – the ancient antisemitisms are being served at all times. The country no longer seems particularly interested in managing its image abroad. Only the diaspora continues to obsess over moral positioning—often unaware that similar distancing mechanisms once helped exclude Jews from professional life in Berlin in 1933 and Vienna in 1938. So finally: Israel has stopped caring but has really understood surviving – as it had to for thousands of years.
The only institutions that care about Israel obsessively are Western Universities, anticapitalist NGOs, antisemitic NGOs, Western Media, intellectual circles who are on the crusade against everything our Western democracies stand for. Ach, all these institutions which had provided me with a home – until the latest October 7th 2023.
The Israeli response can be summarized in two words:
Let them.
Israel is not interested in branding. Israel is interested in survival. And survival produces a very different psychology from reputation management. Israel’s younger generation does not seek European approval. They are too sophisticated, too hardened, too ironic, too experienced with reality. They do not believe in narrative identity. They believe in competence. This may be what unsettles Western observers most. Israel does not perform existence. Israel practices it. No staged fear. No curated chaos. Israel is a society in motion. Religion here is not aesthetic decoration. It is lived structure. Even atheists are immediately recognizable. And that clarity is oddly refreshing: you know what people believe, and often who is trying to improve life not only in heaven, but on earth. “Skyscrapers?” my friend Ariel laughs. “My dear, these are built ideas.” That may be Israel’s true paradox: one of the oldest and most future-oriented societies on earth. Few people understand how deeply Israel is embedded in global systems—water desalination, agriculture, medicine, cybersecurity, digital infrastructure. If boycotts against Israel were ever fully implemented, the consequences would not be symbolic. They would be immediate. Israel demonstrates a simple political truth the West increasingly forgets: Nations become what they invest in.
Invest in people, education, technology, and freedom—and democracy becomes possible. Invest in ideology, repression, and corruption (like Iran, Gaza) —and you destroy first your own population, then the stability of others.
On my last evening in Tel Aviv, I sat in a small café near the sea. Plastic chairs. Strong coffee. Young people speaking Hebrew so fast it sounded like jazz. At the next table, three soldiers discussed software. Not war. Software. One explained a start-up idea. Another complained about his mother. The third texted someone he was clearly in love with.
War and life existed in the same conversation without hierarchy. Israel does not live in fiction – it lives in reality. It struck me then that this might be the deepest cultural divide between Europe, the USA and Israel. In the West, we debate representations. In Israel, people deal with consequences. In Western universities, identity has become performance. In Israel, identity remains existence. We analyze. Israel builds. We interpret. Israel repairs. We debate. Israel prepares.
On my flight back to Europe, I realized something uncomfortable. Perhaps the real question Israel poses to the West is not political. It is civilizational. What happens when representation becomes more important than survival? When performance replaces responsibility? When saying something replaces doing something? Israel offers no easy answers. But it offers something more valuable: A reminder. A reminder that civilization is not sustained by discourse alone. It is sustained by people willing to build, defend, repair, argue, innovate—and sometimes fight for its survival. And as the plane crossed back into European airspace, I found myself thinking:
“In an age obsessed with narrative, Israel may be one of the last places still insisting on reality.”
Stellt Euch/stellen Sie sich vor, Sie streamen auf Spotify den öffentlich-rechtlichen Geschichtspodcast mit dem Namen “Leni Riefenstahl – Influencerin des Bösen.” Sie kriegen eine Redakteurin, die in der Ich-Form spricht und über “Hitlers Filmemacherin” (laStaempfli-Begriff) nachdenkt, sich in sie hineinfühlt und ihr ganz eigenes Verhältnis zur Ästhetin des Grauens definiert. Da erscheint “Leni Riefenstahl” als badass, empowerte, leicht missverstandene “Boss-Babe” der 1930er. Eine starke Frau halt in einer toxischen Männerwelt. Ambivalente Künstlerin mit komplizierten Gefühlen. Karrierefrau, die einfach nur ihren Traum lebte, nicht wahr? Sogar ein MeToo-Opfer könnte sie gewesen sein, einfach mit Hakenkreuz-Accessoire. Und das Wort „Jude“ fällt sehr spät in dieser Geschichte zum Nationalsozialismus, sehr spät und zwar irgendwie so wie ein unangenehmes Gelenkknacken in der Yoga-Stunde. Der “Geschichtspodcast” schreibt quasi die Geschichte neu – Nationalsozialismus ist nicht in erster Linie antisemitisch, sondern “rassistisch.”
Aber das Zentrum? Das Zentrum ist weg. Verschoben. Weggecancelt. Umcodiert. Willkommen in der großen ahistorischen Live-Orgie unserer Zeit. Hitler? Toxischer Ex-Freund mit Charisma-Problem. Riefenstahl? Influencerin mit schlechtem Männergeschmack und geilem Licht-Setup. Propaganda? Clevere Content-Strategie mit etwas zu viel Filter. Der “Holocaust” – eine Sprechblase; von Shoah wird eh nie geredet im Podcast. Antisemitismus? Gibt es nicht; das war “Rassismus.” Viel zu viele Opfer. Tragisch.” Klingt wie: Thoughts and prayers to us all. Und schwupps – das Spezifische ist weg. Das Konkrete. Das Politische. Der Zivilisationsbruch. Die Ausrottung des europäischen Judentums. Aus der industriellen Vernichtung eines ganzen Volkes – der Juden, nicht irgendeiner austauschbaren Minderheit – wird in eine allgemeine, weiche, gut verdauliche Opfergeschichte, in der sich jeder irgendwie wiederfindet, verpackt. Alle Opfer, vor allem die Queers, die Sinti und Roma, die Zwangsarbeitenden, werden beklagt. Hier wird moralisch aufgeladen, Hauptsache, es fühlt sich richtig an, gegenüber dieser “Influencerin des Bösen”, die die Redakteurin offensichtlich fasziniert. Riefenstahl wird privatisiert – das ist der ahistorische Live-Fetischismus in Reinform: Die Vergangenheit wird als Selfie-Fiktion ins “Jetzt” geholt, übersetzt, getagged, um mit den aktuellen Moral-Emojis versehen werden. Man seziert im Podcast die Täter so liebevoll, als wären sie komplizierte Indie-Band-Mitglieder mit Traumata. Man entdeckt ihre „menschliche Seite“. Man findet sie „faszinierend“. Man nennt sie „ambivalent“. Man gibt ihnen fast schon eine kleine Fan-Fiction. Und währenddessen verschwindet das eigentlich Erschreckende: dass ganz normale, teils hochgebildete, teils ästhetisch sensible Menschen ein ganzes System der Vernichtung nicht nur mitgemacht, sondern begeistert mit organisiert haben – nicht aus „Toxizität“, nicht aus „Patriarchat“, nicht aus „schlechtem Parenting“, sondern aus einer expliziten, wahnhaften, politischen Ideologie. So wird Geschichte ausgelöscht. Stattdessen: “Feel the History. Smell the 1930s. Vibe with the evil. ” – dies der Sound, der mir in dieser Podcast-Serie auf die Ohren schallt
Auf X – formuliert laStaempfli zum Podcast einen Artikel; Substack sollte schon längst folgen, doch soviele Kanäle, die heutzutage bespielt werden müssen, machen Medienarbeit nicht nur einfach. Lesen Sie den ganzen Artikel auf x, siehe https://x.com/laStaempfli/status/2048373483281715510?s=20
“Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann es begann. Wann dieses leise Knacken einsetzte, das später zum Einsturz führte. Wann die Institutionen noch standen, aber nicht mehr trugen. Wann die Worte noch genutzt wurden, aber ihre Bedeutung verloren hatten.” … Es gibt Romane, die Politik und Geschichte in Dramen, Aufklärung und menschliche Erinnerung übersetzen. Shakespeare natürlich, in Gedichtform, Homer, in Singform, Goethe in Diktierform. Proust als die Recherche zur Zeit, Tolstoi als Kriegsdrama, obwohl Frieden drin vorkommt, Vorurteil von Jane Austin, deren Stolz ich eigentlich nie erkannte, Dostojewski und seine Brüder Karamasov mit der Geschichte zum Grossinquisitor, die ich nie vergessen werde und natürlich Joseph Roth. Mein Chronist zu Europa, zum Judentum, zu Israel so wie Golda Meir unerreichte Politikerin des Jahrtausends bleibt. “
Über all dies denkt laStaempfli nach. Und endet mit einem Plädoyer: Mut zur Wahrheit und Wirklichkeit und das Eingeständnis einer tiefen Ambivalenz.
“Wie meinte doch einmal Hannah Arendt in ihren Überlegungen zum grossen Erzähler Homer? Es entlarve sich im Gesang, ‘wenigstens im Urteil dem Feind Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen’. Weil Krieg und Frieden selbst in der Poesie die Wirklichkeit nie verdrängen.
Von Regula Stämpfli: “Es ist eine eigentümliche und zugleich erschütternde Erfahrung, zwei Bücher gleichzeitig zu lesen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, doch bei doppelter Brennweite Klarheit bringen. Die Bücher wurden geschrieben von Victor Davis Hanson, Militärhistoriker, Altphilologe, scharfer Analytiker der Kriege als Zivilisationsprüfungen und Don DeLillo, Chronist der amerikanischen Oberflächen, ein Romancier, der schon längst den Nobelpreis verdient hätte. Sein „Unterwelt“, über 966 Seiten lang, entziffert die Wirklichkeit voller Sätze, die eine eigene Musik bilden. Sie sehen: Es geht in beiden Romanen um das Verschwinden von Realität, lange bevor diese digital wurde.
Hansons Buch The End of Everything – How Wars Descend into Annihilation (2023) ist nicht ein Werk über Schlachten, sondern eine Anatomie der totalen Vernichtung. Karthago, sagt er, wurde nicht besiegt, sondern ausradiert, so dass wir heute nicht einmal mehr wissen, welche Werke, Ideen, Kunst, Politik mit den punischen Bibliotheken alle verloren gegangen sind. Auch die Azteken wurden brutalst eliminiert. Die genialen Stadtbauer – Hernán Cortez, der Eroberer meinte, Tenochtitlán sei eindrucksvoller und schöner als Venedig (das zu der Zeit auf seinem Höhepunkt stand) – befahlen ein Riesenreich in Mittelamerika. Eine über zweihundertjährige Herrschaft, deren ideologischer Überbau massenweise Menschenopfer verlangte. In den europäischen Feuilletons werden diese kannibalischen Akte heutzutage gerne romantisiert. Dabei beweisen sowohl zeithistorische Quellen als auch die archäologische Forschung, unaussprechliche Folterrituale der Azteken. Die Griechen opferten Stiere, die Azteken Babies, Kinder, Frauen und Männer. Die Priester der Azteken haben gemäss Forschung und Überlieferung, zehntausendfach Blutorgien gefeiert: Das Herz wurde bei lebendigen Leibe herausgeschnitten. Noch pulsierend, kriegte der Priester davon ein Stück und das spritzende Blut hinterliess eine eindrucksvolle Zeichnung auf dem geweihten Priesterleib. In Wien im Jahr 2021 gab es dazu eine Ausstellung. Mit einem „gesamtkulturellen Kontext“ wurde dort behauptet, die Menschenopfer seien halt eine „spirituelle Alternative zum Westen“ gewesen. Zudem, so das Weltmuseum, würden die Katholiken ja auch heute noch den Leib Christi verspeisen und das Blut Christi trinken. So kann man natürlich alles vergleichen. Ich denke jedoch, dass es für die Betroffenen der jeweiligen Kulte durchaus einen Unterschied macht, ob das real pulsierende Herz bei lebendigen Leibe herausgeschnitten wird oder Blut und Leib nur symbolisch zu sich genommen werden. Religionen ziehen meistens eine Blutspur nach sich, da kann man eigentlich froh sein, wenn es nur ein magischer und simulierter und kein echter Aderlass ist.
Jedenfalls nahmen die spanischen Eroberer den Kannibalismus der Azteken zum willkommenen Anlass, ihre eigene Brutalität und Blutlust zu legitimieren. Doch auf Barbarei mit Vernichtung zu reagieren, war schon 1521 nicht besonders fashinable. Es gibt viele Schriften braver Christen, Patres, die das Unglück, die Auslöschung der aztekischen Barbarei durch die spanische Barbarei kritisierten. „Wie Afffen griffen sie nach dem Gold und befingerten es“, notierte der Franziskaner-Pater, Bernardino de Sahagún die spanische Eroberung; „sie wühlten wie hungrige Schweine nach Gold.“ Auf dem Boden der aztekischen Vernichtung wuchs bekanntlich der Wohlstand des europäischen Adels und letztlich auch die Beseitigung desselben durch Revolution und Aufklärung. Alles ist eben ambivalent – auch das lernen wird in den Büchern von Hanson und DeLillo. Vernichtung heißt nach Victor Davis Hanson nicht nur töten. Vernichtung heißt: Geschichte verlieren. Schrift verlieren. Sprache verlieren. Karthago war einmal eine Weltmacht. Heute ist Karthago nur noch eine Fußnote Roms. Die Azteken und deren Nachfolger leben noch heute, sprechen sogar eine aztekische Sprache, das Nahuatl, was zeigt: Kriege vermögen die Leiblichkeit zu eliminieren – der Überbau setzt sich erstaunlicherweise über die Jahrhunderte weiter und taucht dann an den ganz unterschiedlichsten Orten auf.
Und hier, abrupt und scheinbar fern, setzt der grosse Romancier Don DeLillo mit „Unterwelt“ ein – kein Historiker, sondern ein poetischer Archäologe der Gegenwart, der unsere Zivilisation nicht in Ruinen, sondern im Müllberg liest. „Unterwelt“ beginnt 1992 als der Sondermüllunternehmer Nick Shaw seine Jugendliebe Klara Sax in der Wüste begegnet. Sax verarbeitet aus Bomben Kunst. Diese Begegnung auf dem Müllhaufen der Geschichte führt uns zurück zum 3. Oktober 1951 – dem Tag der Nachricht, dass die Sowjetunion eben ihre erste Atombombe gezündet habe. Damit beginnt nicht nur der Kalte Krieg, sondern das Atomzeitalter, das alle Boomer inklusive deren manchmal wahnsinnigen Narrative prägt, bis heute. Bei DeLillo sind folgerichtig alle Figuren gefangen in völlig durchgeknallten, aber in sich plausiblen Welterklärungen und Narrativen. „Unterwelt“ ist ein uramerikanischer Roman. Wir lesen DeLillos Personen in ihren paranoiden Versuchen, den Irrsinn der Welt, das Atomzeitalter, von dem Nachgeborene nur wenig wissen, als geschichtliche und individuelle Erfahrung zusammen zu bringen. Ein fruchtloses Unterfangen. Wann gelang es je einem einzelnen Menschen sich mit der Welt als Sinnzusammenhang zu versöhnen? Da helfen nur Religionen – und wieweit die führen können, haben wir gerade vernommen. Don DeLillo erzählt seinen Roman in unterschiedlichen Sprachen, deren Soziolekte eigentlich ausgestorben sind und das macht die Geschichte auch so besonders. DeLillo entziffert wie Hanson Zivilisation und was das heissen könnte. Der Roman ist deshalb so ein grosses Geschenk, weil DeLillo über die Simulation der Welt nachdenkt noch bevor wir sie heute in unseren Alltag digital integriert haben. Deshalb passen beide Bücher, das eine historisch, das andere literarisch, so gut zusammen: Während Victor Davis Hanson in Schutt und Blut gräbt, wühlt DeLillo im Abfall unserer Bilder. Tenochitlán verschwand unter Kirchensteinen – wir verschwinden unter digitalen Content.„The media is our war.“ DeLillo schreibt diesen Satz, und man spürt, wie sehr er Hansons Welt ergänzt: Die Schlacht findet heute nicht auf dem Feld statt und wenn, dann nur für die armen Seelen, die wirklich ermordet werden – die wirkliche Schlacht weltweit findet in den Bildern statt. Wir leben dadurch nicht in der physischen Zerstörung, ausser die Drohnen fallen wirklich auf unsere Köpfe – wir leben in der Simulation der Zerstörung. Alles ist sichtbar und doch erscheint nichts mehr als wirklich. Jedes bombardierte Gebäude wird mit einem Code beschrieben und dient fortan einem Narrativ. So wird Paranoia gespeichert und die Wirklichkeit vergessen, ja es geht noch weiter: Nichts soll jemals wieder an die Wirklichkeit erinnern. Hanson erzählt von Ruinen, DeLillo von Oberfläche und Beide erzählen von der unglaublichen Zerstörungskraft von Fiktionen. Spannend an Beiden sind die Leere, die Leerstellen, die Nullen, die die Abwesenheit von relevanten Informationen markieren. Bei DeLillo leben die Figuren nicht wirklich, sie zirkulieren nur. Sie durchqueren Shopping Malls, Baseballstadien, Mülldeponien und konsumieren Fernsehbilder. Sie leben in kapitalistischen Feeds wie wir heute in den digitalen gefangen sind. Kein Ereignis bleibt, alles fließt ab ins Archiv, den Müll oder dem nicht mehr zugänglichen Code.
„Everything is connected in the air, in the cloud, in the plague of data. The future belongs to crowds“ meint DeLillo schon 1998. Die Crowds sind keine politischen Gemeinschaften, es ist diese aufgelöste Masse, getrieben von Codes, nicht mehr von Unterscheidungs- und Urteilskraft.Hannah Arendt hätte diesen Zustand den radikalen „Weltverlust“ genannt. Politik wird dadurch vernichtet, denn nach Hannah Arendt kann es nur Politik geben, wenn sie im gemeinsamen Raum erscheinen und verhandelt werden darf. Bei Victor Davis Hanson wird dieser Raum durch Gewalt, bei DeLillo durch Medien vernichtet. Beides führt dazu, Erfahrung zu neutralisieren, löschen und eliminieren. Und im digitalen Jetzt – in unserer Zeit – geschieht beides zugleich. Krieg findet statt. Und ist trotzdem nur noch Frame, Kommentar, Hashtag, „Eilmeldung – jetzt liken!“ So verwandeln sich im Roman bei DeLillo alle Stories in ein Bilderrauschen. Deshalb lese ich diese zwei Werke zusammen, eines nur auf englisch, das andere auf deutsch übersetzt. Denn nur zusammen ergeben sie die eigentliche Diagnose unserer Epoche: Die Vernichtung und Simulation durch die algorithmische Welt. Deshalb nenne ich die Neuauflage meines Bestsellers von 2018 auch „Trumpism. The Algorithmic Age“ – weil in dieser englischen Version die ungeheure Macht der Codes philosophisch und politisch weitergedacht wird, bis hin zur Annihilation.
Karthago wurde vernichtet. Die Azteken wurden real ausgelöscht.
Heute aber genügt oft schon digitale Auslöschung. Keine Bomben – nur De-Priorisierung im Algorithmus, Entzug von Sichtbarkeit, Etikettierung durch Codes: Wer nicht in die Sprachmaske der digitalen Ideologien passt, geht als Leerstelle verloren, wird unsichtbar.
Und jetzt kommt der Satz, der weder bei Hanson noch DeLillo auftaucht:Die erste Gruppe, die im Krieg, in der Auslöschung, in der Simulation verloren geht, sind die Frauen. Frauen spielen auch in den gegenwärtigen Diskursen rund um Krieg und Politik wirklich keine Rolle mehr, es sei denn, MANN macht mit den Bildern von ihnen Propaganda. Im Zeitalter digitaler Reproduktion ist es ähnlich bitter wie im Krieg. Auch da spielen Frauen, ausser als Objekte des Hass oder in Pornowelten als Bilder des männlichen Begehrens, keine Rolle mehr.
Frauen werden ausgelöscht – damals und heute. Heute geschieht nicht mehr durch die Gesetze, sondern durch codierte Pornobilder, Sprachfilter, Ideologie-Interfaces und digitale Moralvorschriften von links und rechts. Die Linken löschen Frauen aus ihren biologischen Realitäten, denaturalisieren sie mit Menstruator-Maschinen oder „Person mit Uterus.“ Die Rechten entmenschlichen sie durch „Tradwives“; Frauen als dekorative Ressource der Nation. Was wir also erleben ist eine Auslöschung und digitale Refeudalisierung durch Bilder sondergleichen. Hanson und DeLillo kennen in ihren Büchern keine Frauen, weil sie in der Zerstörungsgeschichte vergessen geht.
Und heute? Heute sind Frauen codierte Repräsentationen. Und wir lernen in den Büchern von Hanson und DeLillo: wer vernichtet wird, hört auf, Geschichte zu schreiben. Wer nur noch als Bild, Kategorie, als Code vorkommt, hört auf real zu existieren. Das Leben besteht für solche Menschen in einer Adaption zum Code.”
Darüber sollten Romane geschrieben werden. Das Anfangskapitel habe ich hier wenigstens mal versucht.
#HannahArendtLectures by Regula Staempfli an der HSG, Universität St. Gallen 2024.
Information zur Hannah Arendt Lectures by Regula Staempfli, Universität St. Gallen, HSG. Die Leitung der öffentlich-rechtlichen Vorlesung ist in Rente gegangen und die Nachfolge von Prof. Dr. Dieter Thomä, die neue Professorin Abt, wollte explizit die von laStaempfli initiierten und durchgeführten #HannahArendtLectures nicht mehr weiterführen. Die #HannahArendtLectures werden in den nächsten Monaten als Buch bestellbar sein. 12.4.2026
Die von der Politphilosophin PD Dr. Regula Stämpfli initiierten und geleiteten #HannahArendtLectures an der Universität St. Gallen (HSG) finden seit 2018 statt und sind als öffentliche Vorlesungsreihe konzipiert. Im Zeitraum 2018–2024 (bzw. bis 2025 geplant) widmet sich Stämpfli intensiv der Verbindung von Arendts politischer Philosophie mit den Herausforderungen der digitalen Moderne. Aufgrund der neuen personellen Aufstellung an der HSG wurden ausgerechnet die sehr beliebten #HannahArendtLectures von Regula Staempfli nicht weitergeführt. Hier ein Beispiel, wie die Hannah Arendt Lectures an der HSG 2024 ausgesehen haben:
Hannah Arendt Lectures HSG 2024
Die Vorlesungsreihe im Frühjahrssemester 2024 (FS/SS 2024) trug den Schwerpunkt: „Elemente und Ursprünge digitaler Totalitarismen“
Inhalt: Analyse des Zerfalls westlicher Demokratien, Kampf um Wahrheitsfindung, Einfluss von Social-Media-Plattformen (TikTok, Twitter/X, Facebook, etc.) auf die Politik, und Analysen zu „Media Wars“.
Themen: Die Vorlesungen behandeln Themen wie „Algorithmische Öffentlichkeit“ und die Infrastruktur der Sichtbarkeit.
Termine/Ort (Beispiele 2024):
18.04.2024: „Codes, Terror und Kriege: Wie Algorithmen unsere Welt verändern“.
02.05.2024: „Demokratisiert Euch! 12 goldene Regeln für die Demokratie hierzulande und weltweit“.
Zeit/Ort: Donnerstag, 18:15–19:45 Uhr, Universität St.Gallen, Raum A 09-110 (Bibliotheksgebäude).
Anmeldung/Ausschreibung: Die Vorlesungen sind öffentlich. Für das FS 2024 wurde ein Semesterpass für 20 Franken angeboten. Eine Einschreibung über das HSG-Veranstaltungsprogramm ist möglich.
Kontext und Ausrichtung 2018–2024
Initiatorin: Regula Stämpfli (laStaempfli).
Fokus: Verknüpfung von Arendts Werken (insb. „Elemente und Ursprünge totalitärer Systeme“) mit aktuellen digitalen Entwicklungen.
Charakter: „Denken ohne Geländer“ – kritische Analysen von KI, Überwachung und Plattformlogiken.
Hinweis: Da die Kurssuche der HSG oft semesterweise erfolgt, sollten aktuelle Ausschreibungen für kommende Semester direkt über das HSG-Vorlesungsverzeichnis oder die Website von Regula Stämpfli (regulastaempfli.eu) abgerufen werden.
“Es ist ein Bild unserer Zeit: Nicht die Wirklichkeit, in unserem Beispiel hier, die Barrikade, entscheidet über politische Wirksamkeit, sondern das Bild der Barrikade. Nicht der Protest selbst erzeugt Öffentlichkeit, sondern seine algorithmische Verwertbarkeit. Hier ein aktuelles Beispiel: Nach den Ausschreitungen an der unbewilligten Pro-Palästina-Demo vom Oktober 2025 veröffentlicht die Berner Kantonspolizei im März 2026 unverdeckte Bilder, weil sie 31 gewalttätige Täter identifizieren will. Weitere 101 vermummte mutmassliche Täter und Täterinnen wurden schon durch den Öffentlichkeitsaufruf identifiziert. Während die staatlichen Stellen gewisse Datensätze aufgrund geltender Rechtsgrundlagen und zu Recht, NICHT verwenden konnten, taten dies Private.
Und genau deshalb ist die Entscheidung der Berner Polizei, unverpixelte Bilder von Demonstranten zu veröffentlichen, mehr als eine polizeiliche Massnahme. Sie ist ein Symptom unserer Zeit. Sie zeigt, wie sehr wir bereits in einer algorithmischen Öffentlichkeit leben, in der Menschen nicht mehr zuerst Bürger sind, sondern visuelle Datensätze – ein Thema, dass ich im Hinblick auf die Demokratie schon längst diskutiert habe.
Demonstrationen sind Bildmaterial. Teilnehmende sind Identifizierungsmerkmale. Politische Konflikte sind Narrative und Datenpakete. Die Veröffentlichung der Bilder ist deshalb nicht einfach ein Akt der Strafverfolgung. Sie ist ein Moment, in dem sich die Logik unserer Gegenwart offenbart: Politik wird zum Bildereignis, Strafverfolgung wird zur Öffentlichkeitsstrategie, und die Gesellschaft wird zum digitalen Fahndungsraum.
Dabei zeigt sich eine interessante Dialektik: Die gleichen Milieus, die jahrelang die totale Sichtbarkeit gefordert haben, die Transparenz, die Dokumentation, die moralische Überwachung, die Cancel Culture, die öffentliche Anklage – sie sind nun selbst Teil genau dieser Sichtbarkeitsmaschine geworden. Wer jahrelang den digitalen Pranger normalisiert, darf sich nicht wundern, wenn er selbst einmal darauf landet. Das ist keine moralische Feststellung. Es ist eine strukturelle. Denn die algorithmische Öffentlichkeit kennt keine Freundschaften. Sie kennt nur Muster.
Das eigentlich Interessante an diesen Bildern ist deshalb nicht, wer darauf zu sehen ist. Sondern wie sie funktionieren. Sie zeigen eine neue Form politischer Ästhetik. Man erkennt sofort die visuelle Grammatik der Gegenwart: Keffiyeh als globaler Protestcode, schwarze Kleidung als urbanes Widerstandszeichen, Kapuzen als Symbol der anonymisierten Aktivität. Diese Bilder sind nicht zufällig. Sie sind Teil einer globalisierten Bildsprache des Protests.
Protest ist heute nicht Handlung. Protest ist Design. Protest ist ein Datenpaket.
Das wäre an sich nicht neu. Schon die Französische Revolution hatte ihre Symbole, ihre Kokarden, ihre Farben. Aber der Unterschied liegt in der Geschwindigkeit und in der totalen Reproduzierbarkeit. Heute wird jedes Symbol sofort Teil eines globalen Bilderstroms. Jede Demonstration ist gleichzeitig Content und Datenpaket. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem. Denn wer Content produziert, wird selbst zum Content.
Die Demonstranten wissen das. Die Polizei weiss das. Die Medien wissen das. Und trotzdem tun alle so, als würden sie noch in einer klassischen Öffentlichkeit handeln. Dabei ist diese längst verschwunden. An ihre Stelle ist ein Raum getreten, den ich „algorithmischen Öffentlichkeitsautomatismus“ nenne: ein Raum, in dem Sichtbarkeit nicht durch Argumente entsteht, sondern durch Bildlogiken, in dem Aufmerksamkeit nicht durch politische Inhalte entsteht, sondern durch visuelle Codierung.
Die Berner Polizei handelt deshalb nicht nur als Strafverfolgungsbehörde. Sie handelt als Akteur in dieser Bildökonomie. Sie nutzt dieselbe Logik wie soziale Medien: Sichtbarkeit erzeugt Reaktion. Veröffentlichung erzeugt Information. Öffentlichkeit erzeugt Daten. Man kann das kritisieren. Man kann es verteidigen. Aber man kann nicht mehr so tun, als wäre es nicht Realität. Denn die entscheidende Veränderung unserer Zeit ist nicht politisch. Sie ist epistemisch und algorithmisch. Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der Wirklichkeit zuerst erfahren wird. Wir leben in einer Welt, in der Wirklichkeit zuerst gesehen wird. Wer gesehen wird, existiert. Wer nicht gesehen wird, verschwindet. Digitalisierung gibt einerseits Sichtbarkeit, andererseits vernichtet sie die reale Welt, indem sie sie neu beschriftet.
Das ist die eigentliche Machtverschiebung unserer Zeit.
Hannah Arendt hat einmal beschrieben, dass Politik dort entsteht, wo Menschen einander erscheinen. Was sie nicht wissen konnte: dass dieses Erscheinen einmal durch Plattformlogiken vermittelt werden würde, durch Kameras, durch Uploads, durch Gesichtserkennung, durch Datenbanken. Das Problem ist deshalb nicht die Polizei. Das Problem ist die Infrastruktur der Sichtbarkeit.Denn diese Infrastruktur verändert alles. Sie verändert, wie Protest organisiert wird. Sie verändert, wie Gewalt dokumentiert wird. Sie verändert, wie Schuld zugeschrieben wird. Sie verändert, wie Öffentlichkeit funktioniert. Die wirkliche Frage lautet deshalb nicht: Darf die Polizei das? Die wirkliche Frage lautet: Können wir noch zwischen Rechtstaat und digital konstruierter Sichtbarkeit, d.h. Codierung, Fiktion, Narrativ, unterscheiden?
Die algorithmische Öffentlichkeit kennt keine Unschuld. Sie kennt nur Mustererkennung.”