In August 2026, Massachusetts quietly abolished every remaining time limit on abortion. Under bill H.5595, a pregnancy may now be ended at any point up to the fortieth week, solely at the discretion of a physician and the pregnant woman. The New York Times reported the fact with the usual calm. The political class responded with the usual script.
Republicans called it radical. Democrats called it healthcare. Public broadcasters and progressive outlets dutifully framed the dispute as another round in the endless war between religious conservatives and defenders of individual choice. The framing is convenient. It is also false.
What happened in Massachusetts is not merely an expansion of reproductive rights. It is the formal adoption of a biopolitical logic that treats the human being, at its most dependent stage, as manageable biological material. The fetus becomes data—flesh that can be measured, evaluated, and, if it fails the current medical standard, discarded. The woman who has carried it for nine months is recast as a temporary vessel whose decisions are guided, often decisively, by professional authority. Few patients, after all, contradict a doctor who has just diagnosed a severe disability and recommended termination. For years I have argued that moving fundamental moral questions into the neutral-sounding category of “healthcare” would eventually strip them of political and ethical weight. Massachusetts has now taken that logic to its extreme. Once the continued existence of a viable fetus is redefined as a medical service rather than a matter of public concern, the democratic state performs a quiet abdication. It transfers its protective responsibility to the medical-industrial complex and calls the transfer empowerment.
The familiar liberal phrase—“a decision between a woman and her doctor”—sounds intimate and respectful. In practice it conceals an economic reality. In a market-driven healthcare system the physician is not a disinterested moral guide. He or she is a service provider operating inside constraints of cost, liability, insurance, and institutional protocol. Remove legal boundaries and the logic of optimization fills the vacuum. Bodies are scanned, probabilities calculated, outcomes ranked. What remains is an industrial conception of the human: life assessed according to projected productivity and freedom from defect.
Criticism of this development is routinely dismissed as conservative or theocratic. That is a failure of imagination. There is a coherent progressive argument against treating disability as a problem best solved by elimination. A society that claims solidarity with the vulnerable cannot simultaneously offer their non-existence as the preferred technical solution. Jürgen Habermas, hardly a reactionary, warned that selecting future human beings according to functional specifications destroys the moral symmetry between generations. A person whose right to exist depends on meeting someone else’s quality standards is no longer an end in themselves. They become a product.
The same logic that turns the late-term fetus into disposable data quietly converts the mother into a service provider within a healthcare market. Motherhood is reframed as a temporary logistical function. If the product does not meet specifications, the process can still be terminated.
This is not liberation. It is the extension of market rationality into the one domain that was supposed to resist it. Massachusetts has not expanded freedom. It has refined a system of industrial quality control and called it care.
Frau Stämpfli, Sie sind Feministin und pro life. Wie passt das zusammen? Interview für Corrigenda: Lukas Steinwandter fragt Politphilosophin Regula Staempfli. 13.8.2026
Frau Stämpfli, Sie sind Feministin und pro life. Wie passt das zusammen?
Ein US-Bundesstaat erlaubt Abtreibungen bis zur Geburt. Linke und Feministinnen jubeln, Konservative sind empört. Doch so einfach ist es nicht: Regula Stämpfli ist progressiv, gebildet und feministisch. Und kritisiert das neue Gesetz scharf. Im Interview erklärt sie, warum das sehr wohl zusammenpasst.
Von Lukas SteinwandterEin US-Bundesstaat erlaubt Abtreibungen bis zur Geburt. Linke und Feministinnen jubeln, Konservative sind empört. Doch so einfach ist es nicht: Regula Stämpfli ist progressiv, gebildet und feministisch. Und kritisiert das neue Gesetz scharf. Im Interview erklärt sie, warum das sehr wohl zusammenpasst.
Einleitung: Der kurze Clip sorgt für Fassungslosigkeit, Kopfschütteln und Entsetzen – und Wut.Die Gouverneurin des US-Bundestaats Massachusetts, Maura Healey (Demokratische Partei), unterzeichnet am Montag im State House in Boston den „Prioritizing Patient Access to Care Act“ (H.5595). Das harmlos klingende Gesetz hebt die bisherige 24-Wochen-Frist für Abtreibungen auf und erlaubt sie bis zur Geburt, sofern ein Arzt ein entsprechendes „fachliches Urteil“ abgibt.
Neben Healey, die angeblich katholisch ist und vor zwei Jahren noch schrieb, ihr lägen die Schwächsten am Herzen, befinden sich rund ein Dutzend weiterer Frauen in dem Regierungsbüro, darunter Ärzte und Abtreibungsaktivisten. Nachdem die Politikerin die Unterschrift gesetzt hat, lachen und klatschen die Frauen, was nicht nur unter Christen und Lebensschützern für Empörung gesorgt hat
Bereits vor der neuen Regelung waren Abtreibungen nach der 24. Schwangerschaftswoche möglich. Allerdings mussten dafür bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Ein Arzt musste beispielsweise feststellen, dass der „Schwangerschaftsabbruch“ zur Erhaltung des Lebens der Frau oder ihrer psychischen und physischen Gesundheit notwendig ist. Diese Bedingungen sind nun weggefallen.
„Als Gouverneurin verspreche ich: Ganz gleich, was Donald Trump oder die Republikaner im Kongress oder am Obersten Gerichtshof tun, wir werden dafür sorgen, dass Frauen ihre eigenen Entscheidungen in ihrer Gesundheitsversorgung treffen können – und nicht die Regierung“, sagte Healey. Und die Gouverneurin versprach: „Abtreibungen werden hier in Massachusetts weiterhin sicher, legal und zugänglich sein.“
In sozialen und klassischen Medien feierten linke und feministischeGruppen das Gesetz. Konservative äußerten schwere Kritik. Aber nicht nur sie. Denn es gibt auch Feministinnen, die ein tiefes Störgefühl haben angesichts der sich brutal ausbreitenden Kultur des Todes. Eine von ihnen ist die promovierte Historikerin und Politikwissenschaftlerin Regula Stämpfli.
Die Schweizerin ist Privatdozentin, Kolumnistin, Designerin und betreibt zusammen mit Isabel Rohner den feministischen Wochenrückblick „Die Podcastin“. Im Interview mit Corrigenda erklärt die in München lebende Autorin, warum sie als progressive Frau und Feministin für das Lebensrecht ungeborener Kinder und gegen eine nur vermeintlich liberale Politik ist, wie sie von den Demokraten in den USA gerade gemacht wird.
Frau Staempfli, Sie bezeichnen sich als feministisch und progressiv, sind aber pro life. Wie passt das zusammen?
Es ist total logisch! Frauen kämpfen seit Jahrhunderten dafür, Frauen und Kinder vor Gewalt, Ausbeutung, Vergewaltigung, Mord und ökonomischer Sklaverei zu beschützen. Lassen Sie sich von den sogenannten neuen Feministinnen nicht verwirren! Die haben so viel mit Feminismus zu tun wie der Islamismus mit der Katholischen Kirche! (lacht) Ich stehe in einer langen Tradition von Frauen, die sich weigern, Schwangerschaft, Mutterschaft und Kinder den Mächtigen zu überlassen. Früher waren dies die Adeligen, heute ist es eine neue technokratische Elite und eine Gesundheitsindustrie, deren Optimierungszwang in vielen Fällen zu einem regelrechten Totenkult mutiert ist. Eine wirklich fortschrittliche und feministische Gesellschaft huldigt der Mutterschaft und behandelt sie nicht als Optimierungs- und Störfall.
Wie kommen Sie mit dieser Position bei anderen Feministinnen an?
(lacht) Wie kommen Sie als Pro-Life-Journalist bei Ihren vornehmlich linken Kollegen an? Frauen werden nur in der Unterdrückung zu einer Kategorie. Ansonsten sind Frauen immer vielstimmig. Heute machen Medien, Unis und Kultureliten ausgerechnet die Abtreibung zum feministischen Loyalitätstest. Dies ist ideologisch verblendet, unerquicklich misogyn und außerordentlich dumm. Mit Frauen- und Kinderschutz hat das woke Geschrei rund um den „Feminismus“ eh schon lange nichts mehr zu tun. Es geht mit der Abtreibung bis zur Geburt auch nicht um politisch links oder rechts, sondern es geht um die Abtreibung des würdigen, liberalen, freiheitlichen und in Demokratien geschützten Menschenlebens.
„Die Frau ist. Nur noch ‘Warenträgerin’ – das kennen wir aus kommunistischen Ländern“
Am Montag hat die demokratische Gouverneurin von Massachusetts, Maura Healey, unter großem Applaus und Lachen ein Gesetz unterzeichnet, das keine gesetzliche zeitliche Obergrenze für Abtreibungen mehr vorsieht. Sie sprechen von „industrieller Qualitätskontrolle“. Warum?
Weil es genau das ist. Das werdende Kind wird zwischen Arzt und „Auftraggeber“ verhandelt. Das neue Gesetz, von Dutzenden von ideologisch verblendeten Frauen beklatscht, ist der Triumph der biopolitischen Logik, den Menschen zur ökonomischen Verfügungsmasse zu erklären. Das Kind wird zu „Menschenfleisch-Daten“ und entsprechend gültiger medizinischer und sozial kompatibler Praxis abgetrieben oder geboren. Die Frau ist in diesem Zusammenhang nur „Warenträgerin“.
Dies kennen wir übrigens auch aus den kommunistischen Ländern, wo Kinder aus ideologischen Gründen massenweise abgetrieben, und nach der Geburt, ebenfalls aus ideologischen Gründen, sofort als sogenannte „Wochenkinder“ den Eltern entrissen wurden. Dass die Unterzeichnung eines solchen Gesetzes mit Lachen und Applaus von Frauen inszeniert wird, halte ich für eine nihilistische Entgleisung. Selbst wer Abtreibungsrechte verteidigt, müsste angesichts einer Abtreibung im letzten Schwangerschaftsdrittel verstummen. Eine Gesellschaft, die hier jubelt, hat ihr Gewissen entfernt.
Sie sagen, Mütter würden zu „Sklaven eines Gesundheitsmarktes“, der Mutterschaft zur Dienstleistungstätigkeit pervertiere. Kinder würden zu Produkten. Was meinen Sie damit?
Exakt das, was ich sage. Schauen Sie auf die semantischen Verschiebungen der vergangenen Jahre. Mütter werden u.a. von ARD, ZDF, WDR, SRF, ORF etc. nicht mehr Mütter genannt. Oder Schwangere als schwangere Frauen bezeichnet. Weshalb? So entledigt sich die neue globale Medien-, Kultur- und Wissenschaftselite der Leiblichkeit des Menschen. Gemäß herrschender Sprechaktideologie gibt es keine Körper oder gar Menschenseelen, sondern verwertbare Fleischstücke, die auf dem kapitalistischen Markt der Influencer, Selfies, „Ich Ich Ich“-Religionen wie zum Beispiel „Only Fans“ verkauft werden können. Menschen sind keine Lebewesen mehr, sondern codierte Kategorien – hören Sie doch endlich mal dem Jargon der Zoomer richtig zu! In meiner Vorlesungsreihe „Hannah Arendt Lectures“ traf ich bspw. auf Studentinnen, die außer ihrer Produktidentität nichts anderes mehr kannten. Sie wussten nicht, wer sie waren oder wer sie sein könnten – aber ihren Marktwert kannten sie auf die zweite Kommastelle genau.
Es ist entsetzlich und selbst die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich vergangenes Jahr zu einer Revision von Paragraf 218 Strafgesetzbuch bekannt, ohne zu realisieren, welchen ethischen Rückschritt dies für uns alle bedeuten würde.
„Abtreibung ist keine Freiheit, sondern aus der Not geboren. Auch heute noch“ Regula Stämpfli.
Ist Abtreibung, die von vielen Feministinnen als Selbstbestimmung glorifiziert wird, nicht genau das, was Generationen von Feministinnen wollten?
Das war doch eine ganz andere Zeit als heute! Die große französische Politikerin Simone Veil, Auschwitz-Überlebende und damalige französische Ministerin, hat 1974 für die Entkriminalisierung der Abtreibung gekämpft. Sie argumentierte, dass keine einzige Frau leichten Herzens abtreibt. Dass Abtreibung keine Freiheit ist, sondern immer aus der Not geboren ist. Dies ist übrigens auch heute noch so. Das, was in Massachusetts unter „Abtreibung“ propagiert und beklatscht wird, ist Warenpolitik im Menschenfleischpark. Das hat schon längst nichts mehr mit dem Recht von Frauen in Notlagen zu tun, nicht in den Hinterzimmern einer Engelsmacherin zu verbluten.
Dieses Zitat von Ihnen könnte auch von einem Papst stammen: „Der Mensch wird nur noch nach seiner künftigen ökonomischen Produktivität und Fehlerfreiheit bemessen.“ Sie sprechen damit eugenische Abtreibungen an. Die Mehrzahl der abgetriebenen Kinder ist jedoch gesund.
Das widerlegt meine Kritik nicht. Es erweitert sie. Bei diagnostizierbaren Krankheiten oder Behinderungen tritt die Selektionslogik einfach besonders brutal hervor. Bei gesunden Kindern greift dieselbe Verwertungslogik auf einer anderen Ebene: Passt dieses Kind zu meinem Partner, meinem Studium, meiner Karriere, meinem Zeitplan, meinem Lebensentwurf?
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
Das Kind wird nicht mehr als neues Gegenüber begriffen, sondern als kalkulierbares Projekt. Es gilt als Störung, weil das schützende Umfeld aus Tanten, Großmüttern, Schwestern, Nachbarinnen und gelebter Großfamilie weitgehend verschwunden ist. Der neoliberale Mensch soll autonom sein – also allein. Und was allein nicht zu bewältigen ist, wird beseitigt oder an einen Markt delegiert.
Wenn ein Papst diese Entwicklung ebenfalls erkennt, wird meine Analyse dadurch nicht falsch. Der Kampf gegen Eugenik und Menschenvermessung gehört weder der Kirche noch einer bestimmten politischen Seite. Er gehört allen, die Frauen und Kindern, den Menschen insgesamt, nicht auf Sprechakte, Codes, Fehlerfreiheit und Verwertbarkeit reduzieren wollen
Unbedingt. Beides gehört zur selben Verschiebung des Menschenbildes. Wir leben im Zeitalter der algorithmischen Reproduktion. Bei der Leihmutterschaft wird der Körper einer Frau als Produktionsort benutzt. Das Kind ist Gegenstand eines Vertrags. Bei der selektiven Abtreibung entscheidet die Qualitätskontrolle darüber, welches Leben den Erwartungen entspricht. Das eine Kind wird bestellt, das andere verworfen. Dazwischen liegen Tests, Verträge, Plattformen, Kliniken, Agenturen und sehr viel Geld. Ich spreche deshalb von Sklavenmutterschaft. Denn wo ein Mann (oder zwei Männer, das ist ja meist die Praxis) den Körper einer Frau für die Produktion eines Kindes beansprucht, verwandelt sich Mutterschaft in eine käufliche Dienstleistung und einen neuen Menschenfleischmarkt.