Hier direkt zur Audiofile des Gespräches, das nach dem 8. März via Zoom stattgefunden hat.

Jurist Emrah Erken und Politphilosophin Regula Stämpfli im Gespräch über die SRG und die Abstimmung vom 8. März 2026
Die Abstimmung vom 8. März 2026 über die Zukunft der SRG war mehr als eine medienpolitische Entscheidung. Sie war auch ein Signal der Bevölkerung: Der öffentliche Rundfunk soll bleiben. Und zwar deutlich. Die Initiative wurde mit grossem Mehr verworfen – sehr zur Freude vieler internationaler Beobachter, etwa bei ARD, ZDF oder ORF, die das Resultat als klares Bekenntnis zur öffentlich-rechtlichen Medienordnung interpretierten. Auch wir, Jurist Emrah Erken und Politphilosophin Regula Stämpfli, gehören zu jenen, die sich klar zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekennen. Nicht aus Nostalgie, sondern aus demokratischer Überzeugung. Eine Demokratie braucht Institutionen, die nicht allein von Marktlogiken, Klickzahlen oder Plattformalgorithmen gesteuert werden. Sie braucht Medien, die Wirklichkeit abbilden, einordnen und Verantwortung übernehmen. Gerade deshalb erfüllt uns die aktuelle Entwicklung mit Sorge. Denn parallel zu diesem klaren Volksentscheid beobachten wir eine zunehmende ideologische Verengung in Teilen des öffentlich-rechtlichen Diskurses. Polarisierung, wie wir sie aus den sozialen Medien kennen, scheint zunehmend auch die klassischen Institutionen zu erfassen. Die Stärke des öffentlichen Rundfunks war jedoch immer seine Fähigkeit zur Differenzierung, zur Ambivalenz und zur Darstellung widersprüchlicher Perspektiven. Diese Stärke droht verloren zu gehen. Im Vorfeld der Abstimmung haben wir uns deshalb bewusst für eine kritische Diskussion eingesetzt – nicht gegen die SRG, sondern für sie. Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk darf nicht automatisch als Angriff verstanden werden. Im Gegenteil: Gerade wer diese Institution erhalten will, muss Fehlentwicklungen benennen dürfen. Besonders deutlich zeigen sich diese Spannungen in der Berichterstattung zu hoch emotionalisierten Themenfeldern wie dem Nahostkonflikt oder aktuellen identitätspolitischen Debatten. Hier versagt die SRG erschreckend: Antisemitische Narrative paaren sich mit Klimaaktivismus und einer ideologischen Hetzkampagne gegen jüdische Institutionen, Künstlerinnen und Künstler, gegen das Existenzrecht Israels. Gleichzeitig werden Sprechaktpolitiken der Transaktivisten ohne Gegenpositionen mit einer Gewalt gegen die klassischen Feministinnen gepuscht, die eine unschweizerische Cancel-Unkultur hervorgebracht haben. Eine solche Entwicklung widerspricht jedoch dem eigentlichen Auftrag öffentlich-rechtlicher Medien: der möglichst umfassenden Darstellung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Öffentlich-rechtlicher Journalismus darf weder Aktivismus noch Gegenaktivismus sein. Er muss Urteilskraft, Qualitätsjournalismus und das Schaffen gemeinsamer Wirklichkeiten ermöglichen.
Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung wäre es die historische Aufgabe von Institutionen wie der SRG, Räume der Differenzierung offen zu halten. Nicht jede gesellschaftliche Kontroverse muss in Freund-Feind-Logiken übersetzt werden. Demokratie lebt gerade davon, dass komplexe Fragen komplex bleiben dürfen. Unsere Kritik ist deshalb Ausdruck einer grundsätzlichen Loyalität. Wir kritisieren nicht, weil wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ablehnen, sondern weil wir ihn für unverzichtbar halten. Die Alternative wäre ein vollständig plattformgetriebener Informationsraum, in dem Aufmerksamkeit wichtiger wird als Einordnung und Emotion wichtiger als Analyse.
Die SRG steht heute vor einer paradoxen Situation: Sie wurde politisch bestätigt, muss sich aber gleichzeitig journalistisch neu bewähren. Das Vertrauen der Bevölkerung ist ein Auftrag, kein Freipass. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre: den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wieder stärker als Ort der intellektuellen Offenheit zu verstehen – nicht als Resonanzraum gesellschaftlicher Lager. Denn wenn öffentlich-rechtliche Medien ihre besondere Rolle verlieren, verlieren nicht nur sie ihre Legitimation. Die Demokratie verliert einen ihrer wichtigsten Orte der gemeinsamen Wirklichkeit.
