Unterwelt und Vernichtung: Die Autoren Don de Lillo und Victor Davis Hanson. Es geht um den Krieg für Wirklichkeit. Essay von Regula Staempfli im Kulturmagazin Ensuite.

Von Regula Stämpfli: “Es ist eine eigentümliche und zugleich erschütternde Erfahrung, zwei Bücher gleichzeitig zu lesen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, doch bei doppelter Brennweite Klarheit bringen. Die Bücher wurden geschrieben von Victor Davis Hanson, Militärhistoriker, Altphilologe, scharfer Analytiker der Kriege als Zivilisationsprüfungen und Don DeLillo, Chronist der amerikanischen Oberflächen, ein Romancier, der schon längst den Nobelpreis verdient hätte. Sein „Unterwelt“, über 966 Seiten lang, entziffert die Wirklichkeit voller Sätze, die eine eigene Musik bilden. Sie sehen: Es geht in beiden Romanen um das Verschwinden von Realität, lange bevor diese digital wurde.

Hansons Buch The End of Everything – How Wars Descend into Annihilation (2023) ist nicht ein Werk über Schlachten, sondern eine Anatomie der totalen VernichtungKarthago, sagt er, wurde nicht besiegt, sondern ausradiert, so dass wir heute nicht einmal mehr wissen, welche Werke, Ideen, Kunst, Politik mit den punischen Bibliotheken alle verloren gegangen sind. Auch die Azteken wurden brutalst eliminiert. Die genialen Stadtbauer – Hernán Cortez, der Eroberer meinte, Tenochtitlán sei eindrucksvoller und schöner als Venedig (das zu der Zeit auf seinem Höhepunkt stand) – befahlen ein Riesenreich in Mittelamerika. Eine über zweihundertjährige Herrschaft, deren ideologischer Überbau massenweise Menschenopfer verlangte. In den europäischen Feuilletons werden diese kannibalischen Akte heutzutage gerne romantisiert. Dabei beweisen sowohl zeithistorische Quellen als auch die archäologische Forschung, unaussprechliche Folterrituale der Azteken. Die Griechen opferten Stiere, die Azteken Babies, Kinder, Frauen und Männer. Die Priester der Azteken haben gemäss Forschung und Überlieferung, zehntausendfach Blutorgien gefeiert: Das Herz wurde bei lebendigen Leibe herausgeschnitten. Noch pulsierend, kriegte der Priester davon ein Stück und das spritzende Blut hinterliess eine eindrucksvolle Zeichnung auf dem geweihten Priesterleib.  In Wien im Jahr 2021 gab es dazu eine Ausstellung. Mit einem „gesamtkulturellen Kontext“ wurde dort behauptet, die Menschenopfer seien halt eine „spirituelle Alternative zum Westen“ gewesen. Zudem, so das Weltmuseum, würden die Katholiken ja auch heute noch den Leib Christi verspeisen und das Blut Christi trinken. So kann man natürlich alles vergleichen. Ich denke jedoch, dass es für die Betroffenen der jeweiligen Kulte durchaus einen Unterschied macht, ob das real pulsierende Herz bei lebendigen Leibe herausgeschnitten wird oder Blut und Leib nur symbolisch zu sich genommen werden. Religionen ziehen meistens eine Blutspur nach sich, da kann man eigentlich froh sein, wenn es nur ein magischer und simulierter und kein echter Aderlass ist.

Jedenfalls nahmen die spanischen Eroberer den Kannibalismus der Azteken zum willkommenen Anlass, ihre eigene Brutalität und Blutlust zu legitimieren. Doch auf Barbarei mit Vernichtung zu reagieren, war schon 1521 nicht besonders fashinable. Es gibt viele Schriften braver Christen, Patres, die das Unglück, die Auslöschung der aztekischen Barbarei durch die spanische Barbarei kritisierten. „Wie Afffen griffen sie nach dem Gold und befingerten es“, notierte der Franziskaner-Pater, Bernardino de Sahagún die spanische Eroberung; „sie wühlten wie hungrige Schweine nach Gold.“ Auf dem Boden der aztekischen Vernichtung wuchs bekanntlich der Wohlstand des europäischen Adels und letztlich auch die Beseitigung desselben durch Revolution und Aufklärung. Alles ist eben ambivalent – auch das lernen wird in den Büchern von Hanson und DeLillo. Vernichtung heißt nach Victor Davis Hanson nicht nur töten. Vernichtung heißt: Geschichte verlieren. Schrift verlieren. Sprache verlieren. Karthago war einmal eine Weltmacht. Heute ist Karthago nur noch eine Fußnote Roms. Die Azteken und deren Nachfolger leben noch heute, sprechen sogar eine aztekische Sprache, das Nahuatl, was zeigt: Kriege vermögen die Leiblichkeit zu eliminieren – der Überbau setzt sich erstaunlicherweise über die Jahrhunderte weiter und taucht dann an den ganz unterschiedlichsten Orten auf.

Und hier, abrupt und scheinbar fern, setzt der grosse Romancier Don DeLillo mit „Unterwelt“ ein – kein Historiker, sondern ein poetischer Archäologe der Gegenwart, der unsere Zivilisation nicht in Ruinen, sondern im Müllberg liest. „Unterwelt“ beginnt 1992 als der Sondermüllunternehmer Nick Shaw seine Jugendliebe Klara Sax in der Wüste begegnet. Sax verarbeitet aus Bomben Kunst. Diese Begegnung auf dem Müllhaufen der Geschichte führt uns zurück zum 3. Oktober 1951 – dem Tag der Nachricht, dass die Sowjetunion eben ihre erste Atombombe gezündet habe. Damit beginnt nicht nur der Kalte Krieg, sondern das Atomzeitalter, das alle Boomer inklusive deren manchmal wahnsinnigen Narrative prägt, bis heute. Bei DeLillo sind folgerichtig alle Figuren gefangen in völlig durchgeknallten, aber in sich plausiblen Welterklärungen und Narrativen. „Unterwelt“ ist ein uramerikanischer Roman. Wir lesen DeLillos Personen in ihren paranoiden Versuchen, den Irrsinn der Welt, das Atomzeitalter, von dem Nachgeborene nur wenig wissen, als geschichtliche und individuelle Erfahrung zusammen zu bringen. Ein fruchtloses Unterfangen. Wann gelang es je einem einzelnen Menschen sich mit der Welt als Sinnzusammenhang zu versöhnen? Da helfen nur Religionen – und wieweit die führen können, haben wir gerade vernommen. Don DeLillo erzählt seinen Roman in unterschiedlichen Sprachen, deren Soziolekte eigentlich ausgestorben sind und das macht die Geschichte auch so besonders. DeLillo entziffert wie Hanson Zivilisation und was das heissen könnte. Der Roman ist deshalb so ein grosses Geschenk, weil DeLillo über die Simulation der Welt nachdenkt noch bevor wir sie heute in unseren Alltag digital integriert haben. Deshalb passen beide Bücher, das eine historisch, das andere literarisch, so gut zusammen: Während Victor Davis Hanson in Schutt und Blut gräbt, wühlt DeLillo im Abfall unserer Bilder. Tenochitlán verschwand unter Kirchensteinen – wir verschwinden unter digitalen Content. „The media is our war.“  DeLillo schreibt diesen Satz, und man spürt, wie sehr er Hansons Welt ergänzt: Die Schlacht findet heute nicht auf dem Feld statt und wenn, dann nur für die armen Seelen, die wirklich ermordet werden – die wirkliche Schlacht weltweit findet in den Bildern statt.  Wir leben dadurch nicht in der physischen Zerstörung, ausser die Drohnen fallen wirklich auf unsere Köpfe – wir leben in der Simulation der Zerstörung. Alles ist sichtbar und doch erscheint nichts mehr als wirklich. Jedes bombardierte Gebäude wird mit einem Code beschrieben und dient fortan einem Narrativ. So wird Paranoia gespeichert und die Wirklichkeit vergessen, ja es geht noch weiter: Nichts soll jemals wieder an die Wirklichkeit erinnern. Hanson erzählt von Ruinen, DeLillo von Oberfläche und Beide erzählen von der unglaublichen Zerstörungskraft von Fiktionen. Spannend an Beiden sind die Leere, die Leerstellen, die Nullen, die die Abwesenheit von relevanten Informationen markieren. Bei DeLillo leben die Figuren nicht wirklich, sie zirkulieren nur. Sie durchqueren Shopping Malls, Baseballstadien, Mülldeponien und konsumieren Fernsehbilder. Sie leben in kapitalistischen Feeds wie wir heute in den digitalen gefangen sind.  Kein Ereignis bleibt, alles fließt ab inArchiv, den Müll oder dem nicht mehr zugänglichen Code.

„Everything is connected in the air, in the cloud, in the plague of data. The future belongs to crowds“ meint DeLillo schon 1998. Die Crowds sind keine politischen Gemeinschaften, es ist diese aufgelöste Masse, getrieben von Codes, nicht mehr von Unterscheidungs- und Urteilskraft. Hannah Arendt hätte diesen Zustand den radikalen „Weltverlust genannt. Politik wird dadurch vernichtet, denn nach Hannah Arendt kann es nur Politik geben, wenn sie im gemeinsamen Raum erscheinen und verhandelt werden darf. Bei Victor Davis Hanson wird dieser Raum durch Gewalt, bei DeLillo durch Medien vernichtet. Beides führt dazu, Erfahrung zu neutralisieren, löschen und eliminieren. Und im digitalen Jetzt – in unserer Zeit – geschieht beides zugleich.
Krieg findet statt. Und ist trotzdem nur noch Frame, Kommentar, Hashtag, „Eilmeldung – jetzt liken!“ So verwandeln sich im Roman bei DeLillo alle Stories in ein Bilderrauschen. Deshalb lese ich diese zwei Werke zusammen, eines nur auf englisch, das andere auf deutsch übersetzt. Denn nur zusammen ergeben sie die eigentliche Diagnose unserer Epoche: Die Vernichtung und Simulation durch die algorithmische Welt. Deshalb nenne ich die Neuauflage meines Bestsellers von 2018 auch „Trumpism. The Algorithmic Age“ – weil in dieser englischen Version die ungeheure Macht der Codes philosophisch und politisch weitergedacht wird, bis hin zur Annihilation.

Karthago wurde vernichtet. Die Azteken wurden real ausgelöscht.

Heute aber genügt oft schon digitale Auslöschung. Keine Bomben – nur De-Priorisierung im Algorithmus, Entzug von Sichtbarkeit, Etikettierung durch Codes: Wer nicht in die Sprachmaske der digitalen Ideologien passt, geht als Leerstelle verloren, wird unsichtbar.

Und jetzt kommt der Satz, der weder bei Hanson noch DeLillo auftaucht: Die erste Gruppe, die im Krieg, in der Auslöschung, in der Simulation verloren geht, sind die Frauen. Frauen spielen auch in den gegenwärtigen Diskursen rund um Krieg und Politik wirklich keine Rolle mehr, es sei denn, MANN macht mit den Bildern von ihnen Propaganda. Im Zeitalter digitaler Reproduktion ist es ähnlich bitter wie im Krieg. Auch da spielen Frauen, ausser als Objekte des Hass oder in Pornowelten als Bilder des männlichen Begehrens, keine Rolle mehr.

Frauen werden ausgelöscht – damals und heute. Heute geschieht nicht mehr durch die Gesetze, sondern durch codierte Pornobilder, Sprachfilter, Ideologie-Interfaces und digitale Moralvorschriften von links und rechts. Die Linken löschen Frauen aus ihren biologischen Realitäten, denaturalisieren sie mit Menstruator-Maschinen oder „Person mit Uterus.“ Die Rechten entmenschlichen sie durch „Tradwives“; Frauen als dekorative Ressource der Nation. Was wir also erleben ist eine Auslöschung und digitale Refeudalisierung durch Bilder sondergleichen. Hanson und DeLillo kennen in ihren Büchern keine Frauen, weil sie in der Zerstörungsgeschichte vergessen geht.

Und heute? Heute sind Frauen codierte Repräsentationen. Und wir lernen in den Büchern von Hanson und DeLillo: wer vernichtet wird, hört auf, Geschichte zu schreiben. Wer nur noch als Bild, Kategorie, als Code vorkommt, hört auf real zu existieren. Das Leben besteht für solche Menschen in einer Adaption zum Code.”

Darüber sollten Romane geschrieben werden. Das Anfangskapitel habe ich hier wenigstens mal versucht.

Victor Davis Hanson, The End of Everything. How Wars descend into Annihilation. 2023. siehe Rezension : https://regulastaempfli.eu/wp-content/uploads/2026/04/hanson-und-ddelillo.pdf

Don DeLillo, Unterwelt, Roman 1998.