
“George Orwell hätte derzeit seine helle Freude am Landesmuseum. Nicht weil dort Prostitution ausgestellt wird. Sondern weil dort die Sprache selbst zum Ausstellungsobjekt geworden ist. Aus Frauen werden «Zeitzeuginnender Sexarbeit». Aus Prostitution wird «Selbstbestimmung». Aus den Freiern verschwinden die Männer. Aus den Zuhältern verschwinden die Täter. Übrig bleibt ein sprachlich desinfiziertes Museum, in dem Gewalt als eine Erfahrung wie jede andere, Ausbeutung als Teil der normalen Biografie und die Pornografie wie die Perversität als «Diversität» erscheinen. Die KI rationalisiert Berufe – so viel wissen wir. Gleichzeitig professionalisiert sie die Sprache und technisiert sämtliche Lebensbereiche. Gerade junge Frauen werden so dazu verleitet, uralte Formen der Sklaverei neu zu verpacken und als hippe Verdienstmöglichkeit anzupreisen. Das Wirken von Denise Tonella, seit 2021 Direktorin des Schweizerischen Nationalmuseums, reiht sich in diese Entwicklung ein. Unter ihrer Leitung folgt eine schweizkritische Ausstellung nach der anderen: Geschichte wird als moralische Erziehungsaufgabe inszeniert. Krass elitär.
Nun folgt ausgerechnet die erste ausgesprochen “schweiz”-positive Ausstellung. Schweizergeschichte als Geschichte geiler Sexarbeit – merci! Dabei wird allerlei Unsinn erzählt, etwa dass «Sexarbeit» seit über achtzig Jahren in der Schweiz legal sei. Das stimmt so nicht. 1942 wurde die Prostitution zwar legalisiert, gleichzeitig wurde jedoch die Kuppelei verboten und der Fokus ausdrücklich auf die Bekämpfung des Menschenhandels und der Ausbeutung von Armut gelegt. Die Legalisierung diente zudem gesundheitspolitischen Zielen, ermöglichte Zwangsuntersuchungen und gab den Behörden im Rahmen des Kinderschutzes weitreichende Eingriffsmöglichkeiten bis hin zur Wegnahme von Kindern sich prostituierender Frauen. Von all dem berichtet die Ausstellung «Sex-
arbeit» nicht. Stattdessen entsteht der Eindruck, es sei Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung, die eigenen Körperöffnungen zeitweise zu vermieten. Als wäre dies ein Fortschritt. Als wäre dies Emanzipation. «Sexarbeit» – diese «Erfahrung Schweiz» ist nicht nur seltsam, sondern krass elitär. Denn die Frage muss erlaubt sein: Weshalb wird ausgerechnet von gut ausgebildeten, einflussreichen Frauen in Kulturinstitutionen die Vermietung weiblicher Körperöffnungen so engagiert verteidigt? Ist das tatsächlich Solidarität mit benachteiligten Frauen? Oder zeigt sich darin eine neue Form eines Klassenprivilegs?
Eine Gesellschaft, in der sich wohlhabende Eliten reproduktive und sexuelle Dienstleistungen erkaufen können – durch Leihmütter auf der einen, Prostituierte auf der anderen Seite –, während sie diese Entwicklung gleichzeitig als Fortschritt, Diversität und Selbstbestimmung feiern? Orwell wusste, dass totalitäre Systeme mit Wörterbüchern beginnen. Wer die Wirklichkeit von Prostitution als «Sexarbeit» verharmlost und auf die Ebene ganz normaler Arbeit stellt, will die Wahrheit umlackieren. Mit unseren Steuergeldern. Und beendet damit den Freiheitskampf aller Menschen, weil sie nicht mehr benennen dürfen, was sie sehen und empfinden.
Erfahrungen Schweiz – Sexarbeit:
Landesmuseum Zürich. 3. Juli bis 1. November
2026 und 12. Januar bis 25. April 2027
Hier der Text im Kulturteil der Die Weltwoche 33/2926 https://regulastaempfli.eu/wp-content/uploads/2026/10/bordellprosa-weltwoche-von-regula-staempfli.pdf