Julia Onkens Buch über die weibliche Freiheit im Alter: “Grundlos vergnügt.” In der Die Weltwoche – Rezension von Regula Stämpfli, 26.9.2025.

Im Bild: Julia Onken: Grundlos vergnügt. Vom Ankommen und Loslassen – ein Leben in 12 Kapiteln. Cameo. 250 S., Fr. 25.90.

Hier die Rezension von Regula Stämpfli in der Die Weltwoche, siehe https://weltwoche.de/story/die-kunst-ohne-grund-vergnuegt-zu-sein/ Julia Onken hat mit “Grundlos vergnügt” eine Lebensbilanz vorgelegt, die leichtfüssig ist wie ein Sommerkleid, klug wie eine gelebte Bibliothek und ehrlich wie ein Schuhschrank, der sich partout nicht schliessen lässt. Wer Weltliteratur liebt und zugleich lachen will, der greife zu diesem Buch.

Was bedeutet es, im neunten Lebensjahrzehnt zurückzublicken? Für viele ist es ein Anlass zur Resignation, zur Nostalgie oder zur heroischen Selbststilisierung. Für Julia Onken ist es die Motivation zu einem Buch, das in seiner Mischung aus Humor, Offenheit und Lebensklugheit so gar nicht zum gängigen Altersdiskurs passt.Grundlos vergnügt. Vom Ankommen und Loslassen – ein Leben in zwölf Kapiteln ist kein Schwanengesang, sondern eine Lebensbilanz, die beschwingt geschmeidig bleibt. 

Onken gelingt, was grosse Essayisten der Weltliteratur immer wieder versucht haben: das eigene Leben mit der Welt zu verbinden, ohne dabei in Pathos zu verfallen. Ihre Haltung erinnert an Michel de Montaigne, der in seinen Essays das Altern mit Skepsis, aber auch mit Witz beschrieb. Sie erinnert an Rilke, der im Rückblick auf das Leben vom „Absprung“ sprach. Und sie übertrifft Simone de Beauvoirs düstere La Vieillesse, weil sie die Komik des Daseins nicht vergisst.

Schon das erste Kapitel, „Hausputz“, zeigt den Tonfall. Onken stapelt Gartenstühle, verzurrt Steintische, räumt Sommerutensilien weg. Doch es geht nicht nur ums Möbelrücken, sondern um den biographischen Hausputz: das Aufräumen im Archiv der Erinnerungen. Sie schreibt: „Es ist Zeit, sich an die Arbeit zu machen, um einst gesammelt im Absprung zu sein, denn bleiben ist nirgends.“ Dieser Satz hätte ebenso gut in die Duineser Elegien gepasst – nur dass Onken es nebenbei, ganz unaufgeregt formuliert.

Und sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um eigene Unzulänglichkeiten geht. Legendär ist das Kapitel über ihren Schuhschrank. „Die Abteilung Schuhe erwähne ich nicht im Einzelnen. Nur so viel: zu gross die Scham! Wie konnte es nur so weit kommen. Wenn mir aus dem im Entrée eingebauten Wandschrank ineinander gestapelte Sandaletten, Sling- und andere Pumps, Ballerinas, Sneakers sowie High Heels, die entweder nie oder nur kurz zum Einsatz kamen, entgegen grinsen, schütze ich mich vor einem Totalabsturz in die Abteilung vernichtender Selbstvorwürfe und werfe die Türe unverzüglich zu, als ob ich einen Insektenschwarm aussperren möchte.“ Wer so schreiben kann, lacht nicht nur über sich selbst, sondern befreit die Leserin und den Leser (wieviele Magazine stapeln sich neben Herren-Betten? Oder farbidentische Hemden?) gleich mit.

Onken zitiert unerschrocken grosse Namen – Goethe, Hebbel, Rilke, Freud – und behandelt sie nicht ehrfürchtig, sondern wie alte Bekannte. Besonders köstlich ihre Bemerkung über Freud: „Selbst Sigmund Freud räumte in einem Brief an Arnold Zweig freimütig ein: ‘Wer Biograph wird, verpflichtet sich zur Lüge, zur Verheimlichung, Heuchelei, Schönfärberei und selbst zur Verhehlung seines Unverständnisses, denn die biographische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu gebrauchen.’“ Onken nimmt diese Warnung ernst – und macht deshalb das Gegenteil. Über gemachte Fehler schreibt sie: “Vielleicht gehört es einfach dazu, Fehlentscheide zu treffen und irgendeinem Phantom nachzujagen. Schliesslich beflügeln Visionen und Wünsche uns dazu, Kräfte zu mobilisieren und Energien freizusetzen, die sich sonst bereits in den Vorruhestand zurückgezogen hätten.“

Onkens Biographie bringt keine selbstverliebte Glättung, sondern ist eine lustige, poetische, ehrliche Collage. Onken reiht sich damit in eine klassische Tradition von berühmten Frauen:  Hedwig Dohm, Christa Wolf oder Louise Bourgeois haben im Alter ähnlich kompromisslos zurückgeblickt. Onken reiht sich in diese Linie ein und bringt dem deutschsprachigen Raum endlich die unverkennbar schweizerische Stimme: frei, humorvoll, direkt. 

Genau darin liegt der Charme: Onkens Buch ist ein lebenskluges Gespräch mit sich selbst – und mit uns. Die poetische Rebellin erlaubt sich mit ihren Skizzen zu ihrem Leben, ein leichtes Seinsgefühl des  “grundlos vergnügt zu sein.” Schon allein deshalb schenke ich es all meinen jungen Studierenden, die gar nicht mehr wissen, welche neue “Mental Health Issues” sie denn noch aneinander reihen sollen. 

Dieses Buch ist Weltliteratur im kleinen Format: Grundlos vergnügt ist klug wie eine gelebte Bibliothek, ehrlich wie ein offener Schuhschrank und heiter wie ein Segelschiff auf den letzten Seemeilen.

BAZ 3.3.2015 – Imhofs Kritik der medialen Unvernunft

BAZ 3.3.2015