ensuite – DAS Kulturmagazin Schweiz. Rezension von Connie Palmens „Du sagst es“

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„Hughes war der Ehemann von Sylvia Plath, die als Dreissigjährige ihren Kopf in den Gasofen steckte und ihrem Leben ein brutales Ende setzte. Plath war zu dem Zeitpunkt eine gescheiterte Dichterin, unglückliche Hausfrau und alleingelassene Mutter zweier Kinder. Vier Wochen vorher war ihr einziger Roman «Die Glasglocke» mit wohlwollenden Kritiken erschienen. Ihr Tod erfüllte alle Fantasmen feministischer Untertanen. Im Kern erfüllt jedes Klischee auch verborgene Wahrheiten. Selbstverständlich war Sylvia Plath eine klassisch verlorene weibliche Intellektuelle der 1950er-Jahre. Natürlich litt sie unter ihrer isolierten Mutterrolle. Und wahrhaftig: Sie hätte ein Genie werden können. Kein Wunder, stürzte sich Germaine Greer als Erste auf die tragische Biografie der verkannten Heldin. Seitdem gelten  Frauen, die Gedichte schreiben und tot sind, bei ihren unglücklichen Nachfolgerinnen ziemlich schnell als tragische Superfrauen. Verständlich, in einer Welt, die Frauen lesen und schreiben lehrt, nur um sie anschliessend ans Bett und an den Kochherd zu ketten. Der spektakuläre Selbstmord der Dichterin Sylvia Plath verfolgte alle ihre Nächsten bis an deren Lebensende. Sehr prosaisch würde ich sie aber als überspannte Tochter aus höherem Hause bezeichnen, die – anders als dichtende Genies der Unterschicht – nie akzeptierte, dass Talent höchstens zehn Prozent des Erfolges ausmachen und die restlichen 90 Prozent aus Netzwerk, gutem Marketing und Zufall bestehen. Nein: Nicht jede, die früh stirbt, ist eine verkannte Geistesgrösse. Und nicht jeder betrügende Ehemann ein Monster – zumal Ted Hughes es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Nachlass seiner Frau in die Elysien moderner Dichtung zu hieven (obwohl er vor allem gegen ihn, den untreuen Ehemann, gerichtet war).