Stellt Euch/stellen Sie sich vor, Sie streamen auf Spotify den öffentlich-rechtlichen Geschichtspodcast mit dem Namen “Leni Riefenstahl – Influencerin des Bösen.” Sie kriegen eine Redakteurin, die in der Ich-Form spricht und über “Hitlers Filmemacherin” (laStaempfli-Begriff) nachdenkt, sich in sie hineinfühlt und ihr ganz eigenes Verhältnis zur Ästhetin des Grauens definiert. Da erscheint “Leni Riefenstahl” als badass, empowerte, leicht missverstandene “Boss-Babe” der 1930er. Eine starke Frau halt in einer toxischen Männerwelt. Ambivalente Künstlerin mit komplizierten Gefühlen. Karrierefrau, die einfach nur ihren Traum lebte, nicht wahr? Sogar ein MeToo-Opfer könnte sie gewesen sein, einfach mit Hakenkreuz-Accessoire. Und das Wort „Jude“ fällt sehr spät in dieser Geschichte zum Nationalsozialismus, sehr spät und zwar irgendwie so wie ein unangenehmes Gelenkknacken in der Yoga-Stunde. Der “Geschichtspodcast” schreibt quasi die Geschichte neu – Nationalsozialismus ist nicht in erster Linie antisemitisch, sondern “rassistisch.”

Aber das Zentrum? Das Zentrum ist weg. Verschoben. Weggecancelt. Umcodiert. Willkommen in der großen ahistorischen Live-Orgie unserer Zeit. Hitler? Toxischer Ex-Freund mit Charisma-Problem. Riefenstahl? Influencerin mit schlechtem Männergeschmack und geilem Licht-Setup. Propaganda? Clevere Content-Strategie mit etwas zu viel Filter. Der “Holocaust” – eine Sprechblase; von Shoah wird eh nie geredet im Podcast. Antisemitismus? Gibt es nicht; das war “Rassismus.” Viel zu viele Opfer. Tragisch.” Klingt wie: Thoughts and prayers to us all. Und schwupps – das Spezifische ist weg. Das Konkrete. Das Politische. Der Zivilisationsbruch. Die Ausrottung des europäischen Judentums. Aus der industriellen Vernichtung eines ganzen Volkes – der Juden, nicht irgendeiner austauschbaren Minderheit – wird in eine allgemeine, weiche, gut verdauliche Opfergeschichte, in der sich jeder irgendwie wiederfindet, verpackt. Alle Opfer, vor allem die Queers, die Sinti und Roma, die Zwangsarbeitenden, werden beklagt. Hier wird moralisch aufgeladen, Hauptsache, es fühlt sich richtig an, gegenüber dieser “Influencerin des Bösen”, die die Redakteurin offensichtlich fasziniert. Riefenstahl wird privatisiert – das ist der ahistorische Live-Fetischismus in Reinform: Die Vergangenheit wird als Selfie-Fiktion ins “Jetzt” geholt, übersetzt, getagged, um mit den aktuellen Moral-Emojis versehen werden. Man seziert im Podcast die Täter so liebevoll, als wären sie komplizierte Indie-Band-Mitglieder mit Traumata. Man entdeckt ihre „menschliche Seite“. Man findet sie „faszinierend“. Man nennt sie „ambivalent“. Man gibt ihnen fast schon eine kleine Fan-Fiction. Und währenddessen verschwindet das eigentlich Erschreckende: dass ganz normale, teils hochgebildete, teils ästhetisch sensible Menschen ein ganzes System der Vernichtung nicht nur mitgemacht, sondern begeistert mit organisiert haben – nicht aus „Toxizität“, nicht aus „Patriarchat“, nicht aus „schlechtem Parenting“, sondern aus einer expliziten, wahnhaften, politischen Ideologie. So wird Geschichte ausgelöscht. Stattdessen: “Feel the History. Smell the 1930s. Vibe with the evil. ” – dies der Sound, der mir in dieser Podcast-Serie auf die Ohren schallt
Auf X – formuliert laStaempfli zum Podcast einen Artikel; Substack sollte schon längst folgen, doch soviele Kanäle, die heutzutage bespielt werden müssen, machen Medienarbeit nicht nur einfach. Lesen Sie den ganzen Artikel auf x, siehe https://x.com/laStaempfli/status/2048373483281715510?s=20
Und hier noch ein anderer Link: https://x.com/Rohnerin/status/2048663143350460426?s=20