{"id":7884,"date":"2020-05-26T15:03:35","date_gmt":"2020-05-26T13:03:35","guid":{"rendered":"http:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=7884"},"modified":"2020-05-26T15:03:42","modified_gmt":"2020-05-26T13:03:42","slug":"regula-staempfli-ueber-siegerkunst-in-anlehung-an-wolfgang-ullrich-anlaesslich-der-verschobenen-artbasel-2020-der-titel-kann-man-das-scheissen-oder-soll-man-das-kaufen-ist-als-verneigung-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=7884","title":{"rendered":"Regula St\u00e4mpfli \u00fcber SIEGERKUNST (in Anlehung an Wolfgang Ullrich) anl\u00e4sslich der verschobenen #ArtBasel 2020. Der Titel: &#8220;Kann man das scheissen oder soll man das kaufen?&#8221; ist als Verneigung zu Piero Manzoni gedacht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Regula St\u00e4mpfli \u00fcber SIEGERKUNST (in Anlehung an Wolfgang Ullrich) anl\u00e4sslich der verschobenen #ArtBasel 2020. Der Titel: &#8220;Kann man das scheissen oder soll man das kaufen?&#8221; ist als Verneigung zu Piero Manzoni gedacht<\/strong><\/p>\n<p><strong>Im Juni 2020 h\u00e4tte die Art Basel mit Glanz und Gloria steigen sollen. Sie wurde auf den 17.- 20. September 2020 verschoben. Anlass genug, um \u00fcber die B\u00f6rsenperformance von Kunstmessen nachzudenken.<\/strong><\/p>\n<p>Vierhundertf\u00fcnfzigkommadrei Millionen Dollar kostete der Retter der Welt.&nbsp;<em>Salvator Mundi<\/em>&nbsp;inkarnierte im November 2017 Geld und Kunst wie kein anderes Gem\u00e4lde vor ihm. Konnten sich Maler der Renaissance noch wehren, Michelangelo Buonarrotti d\u00fcpierte mit der Sixtinischen Kapelle den Papst, w\u00fcrde sich heutzutage kein Galerist offensiv und f\u00fcr das Werk mit den M\u00e4chtigen anlegen. Die \u201eSiegerkunst\u201c (Wolfgang Ullrich) bleibt auf Kurs: Pecunia non olet. Die schamlose Novemberaktion f\u00fcr einen ungesicherten Leonardo da Vinci \u00fcbertraf alles Bisherige. Der Louvre von Abu Dhabi erkl\u00e4rte sp\u00e4ter, er wolle das Bild ausstellen. Gekauft wurde es von einem anonymen Bieter. Vermutet wird als K\u00e4ufer laut \u201eDer Spiegel\u201c Prinz Bader bin Abdullah bin Mohammed bin Farhan al-Saud aus Saudi-Arabien. Oh dear, ausgerechnet er! Ein Vertrauten des Kronprinzen Mohammed bin Salman, der, so die Ger\u00fcchte, auch mal gerne vor den Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit Regimegegner in fremden Botschaften zerst\u00fcckeln l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Reichen dieser Welt sind dermassen reich, dass nur Kunst sie noch aufwerten kann. Finden sie n\u00e4mlich \u00fcblicherweise nichts, was ihrer enormen Kaufkraft entspricht, dann erfahren sie eine Impotenz ihres unermesslichen Verm\u00f6gens, so der Kunstmarktkritiker Ullrich. Kunst ist Reinigungsikonografie f\u00fcr die grassierende globale Re-Feudalisierung und Versklavung der Welt und sie erf\u00fcllt ihren Job hervorragend. Ob Kunst tats\u00e4chlich einen Wert hat, kann zwar theoretisch in Frage gestellt werden, praktisch geh\u00f6rt Kunst seit Jahrhunderten zum Wertvollsten und Langlebigsten was der Kapitalismus zu bieten hat. Der \u201eTefaf Art Market Report\u201c weist Gewinnmargen im Kunstmarkt auf von der die Realwirtschaft nicht mal zu tr\u00e4umen vermag. Seit der Bankenkrise der Jahre 2008\/09 ist klar: Die Regeln der Finanzwelt lassen sich eins zu eins auf den Kunsthandel \u00fcbertragen. Nicht nur das: Kunst ist auch die perfekte Geldwaschanlage f\u00fcr organisiertes Verbrechen: Drogen, Menschenhandel und Bestechung von Staatsbeamten. Wer die bei den grossen Auktionsh\u00e4usern beliebte Kunst kauft, der demonstriert: Ich scheiss auf Wert, sondern setze auf Spekulation.<\/p>\n<p>Der Kunsthandel orientiert sich wie Facebook-Algorithmen nach statistischer Relevanz inklusive Korrelation von Medienberichten, Expertenmeinungen und Galerie-Propaganda. Es gibt dabei jedoch \u00fcberraschende Momente, die einige Kunstmanager, sind sie denn clever genug, durchaus ausnutzen k\u00f6nnen. Gegen\u00fcber Aktien und Gold hat Kunst den Vorteil, langfristige Anlagen zu sichern. Nur so ist zu erkl\u00e4ren, dass ein Hedgefonds-Manager Leon Black 2012 einen Munch f\u00fcr 119.9 Millionen Dollar in New York ersteigerte. Eric Clapton kann davon sprichw\u00f6rtlich ein Lied singen. Er hatte irgendwann mal ein \u201eAbstraktes Bild\u201c von Gerhard Richter \u2013 dem meiner Meinung nach meist \u00fcbersch\u00e4tzten Maler \u00fcberhaupt \u2013 f\u00fcr 3.4 Millionen Dollar gekauft und ein par Jahre sp\u00e4ter f\u00fcr sagenhafte 21.3 Millionen Pfund verkauft.<\/p>\n<p>Der Kunsthandel ist manchmal auch reine Pornografie. Piero Manzoni liess seine eigene K\u00fcnstlerscheisse in Dosen abpacken, je zu 30 Gramm, aufgewogen in purem Gold. Manzoni stellte auch farblose Bilder her. Die \u201eAchromes\u201c sind zusammengen\u00e4ht mit klinisch wirkenden Verbandsmaterial, Seide und anderen Stoffen. Der kapitalismuskritische Clown Manzoni wird mittlerweile auch zu Millionenpreisen gehandelt. Also nicht er, sondern sein nachkriegsavantgardistisches Werk. Einer seiner besten Ideen bestanden in Ballons, gef\u00fcllt aus seinem \u201eK\u00fcnstlerodem\u201c. Auch seine signierten gekochten Eier, signiert mit einem Daumenabdruck wohlverstanden, wurden als Kunstwerke beim Galeriebesuch verspiesen. Die Designerin Juli Gudenhus konnte an Manzoni ankn\u00fcpfen: Nicht bei der Scheisse, sondern beim Wisch und Weg. Sie pr\u00e4sentierte ihre Sammlung im Corona-Hype um ausverkauftes Klopapier. Schliesslich war Corona zu Beginn noch sehr erheiternd. \u201eMann mit Nudel sucht Frau mit Klopapier\u201c lautete eines der beliebten Memes. \u201eDer an sich friedliche, ja simplizistische Hygieneartikel ist in pandemischen Zeiten zum komplexen Anlass f\u00fcr Sorge, Verzweiflung, Wut, Streit, Handschellen und asozial marktwirtschaftliches Verhalten mutiert.\u201c (SZ, 31.3.2020)<\/p>\n<p><strong><em>Kann man das scheissen oder soll man das kaufen? Solche banalen Fragen stellen sich&nbsp; schon l\u00e4ngst nicht mehr. Vor allem nicht bei einem toten K\u00fcnstler, dessen Werk-Wert sich nach einem allf\u00e4lligen Ableben verdoppelt. So rechnen \u00fcbrigens auch Versicherungen. Jede tote K\u00fcnstlerin ist doppelt soviel wert wie eine lebende.<\/em><\/strong><\/p>\n<div class=\"g g-9\">&nbsp;<\/div>\n<p>Weshalb ist dem so? Wie im Medienmarkt schl\u00e4gt die fehlende Kunstkritik auf der Kunstseite zu Buche. Museen und Grosssammler, die Super-Egos der Kunstbranche haben schon l\u00e4ngst die Deutungshoheit f\u00fcr sich beansprucht. Kritiker wie bspw. Wolfgang Ullrich f\u00fchren im Vergleich ein Nischendasein. Nur so lassen sich Nicht-K\u00fcnstler wie Damien Hirst oder Jeff Koons erkl\u00e4ren. Ohne Tate Modern w\u00e4re der versnobte Medien-Fake Hirst als einer unter Hunderttausenden K\u00fcnstlern im Versicherungsgesch\u00e4ft gelandet. Zur Ehrung von Hirst sei indessen anzuf\u00fcgen, dass sein \u201eFor the Love of God\u201c zur bisher bissigsten biokapitalistischen Kritik geh\u00f6rt. Schade nur, dass dies wenige erkennen. Jeff Koon hat, ausser einem sympathischen Wesen und schlechten Frauengeschmack nichts aufzuweisen. Koons Kunst ist nichts \u2013 ausser eben unfassbar teuer. Im Jahr 2013 wurde Koons \u201eBalloon Dog\u201c f\u00fcr 43 Millionen Euro verkauft. Man stelle sich dies plastisch vor: Der Pudel stammte nicht einmal aus Koons Handwerk, sondern wurde von dessen Assistentenkohorte in Serie fabriziert. Dank Koons bl\u00fcht die Branche, die seit Jahren immer mehr Geld anh\u00e4uft und in sich hinein fliessen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Kritische K\u00fcnstlerinnen haben es im Vergleich sehr schwer. Es gibt sie zuhauf, sie kriegen jedoch weder wirklich Aufmerksamkeit noch Geld f\u00fcr ihre teils grossartigen Werke. Die neoh\u00f6fischen Finanzoligarchen in Dubai, Doha, Abu Dhabi, Moskau, Beijing, Rio, Pj\u00f6ngjang (letztere nat\u00fcrlich nur anonym) verbr\u00e4men die Kunstwerke monet\u00e4r. Sie bestellen Kunst f\u00fcr ihre Geldtempel wie fr\u00fcher P\u00e4pste f\u00fcr ihre Kathedralen. <strong><em>\u201eIn den funkelnden Oberfl\u00e4chen der Koons-Skulpturen erscheint das Geld selbst als gro\u00dfe Kunst. Der materielle wandelt sich in einen ideellen Wert. Was eben noch abstrakt war, eine kalte Zahlenkolonne, zeigt sich in denkbar sch\u00f6nster und sinnlosester Form. Deshalb ist der Pudel auch auf Hochglanz poliert: damit der neue Besitzer sich herrlich im eigenen Reichtum spiegeln kann. Er hat ja sonst nicht so viel\u201c, schreibt der brillante Kunstkritiker Hanno Rauterberg (\u201eDie Zeit\u201c, 14.11.2013)<\/em><\/strong>.<\/p>\n<p>Die Schweiz, das ehemalige Stachelschwein, hat mit der Art Basel schon l\u00e4ngst goldene Pudelscheisse im globalen Kunstgeschehen etabliert. W\u00e4hrend die Kunstpresse immer wieder nach ideellen Werten statt monet\u00e4rer Verhaftung im Kunstmarkt schreit, r\u00fchmt sich die ehemalige Universitas Basel monet\u00e4rer Hohenfl\u00fcge. Nicht nur die Schweiz, sondern eben auch die Kunst sind krisensichere Investitions-Orte. Und im Zeitalter des Selfism spielen immer h\u00e4ufiger die Sammler die Hauptrolle: Sowohl die Medien als auch die Billion\u00e4re setzen auf den, den eigenen Tod \u00fcberlebenden Klebstoff Kunst.<\/p>\n<p>2017 wurde nach Auskunft der H\u00e4ndler fast eine Milliarde Euro an der Art Basel umgesetzt w\u00e4hrend die Documenta 14 mit einem \u00fcber 5.5 Millionen Euro-Defizit abschliessen und die Leitung in Kassel neu besetzt werden musste. Zwar ist es unfair, ein kuratorisches Ereignis wie die documenta mit dem kommerziellen Event der Art Basel zu vergleichen, doch die traurige Tatsache zeigt: Beide werden vom Publikum unter \u201eKunst\u201c subsumiert. <strong>Kapital ist eben nie moralisch, sondern h\u00f6chstens \u00e4sthetisch.<\/strong><\/p>\n<p>Bild aus Wikipedia<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ensuite.ch\/kann-man-das-scheissen-oder-soll-man-das-kaufen\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-7885\" src=\"https:\/\/regulastaempfli.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Bildschirmfoto-2020-05-25-um-11.29.26.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2020-05-25 um 11.29.26\" width=\"628\" height=\"536\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regula St\u00e4mpfli \u00fcber SIEGERKUNST (in Anlehung an Wolfgang Ullrich) anl\u00e4sslich der verschobenen #ArtBasel 2020. 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