{"id":7516,"date":"2019-07-25T13:15:58","date_gmt":"2019-07-25T11:15:58","guid":{"rendered":"http:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=7516"},"modified":"2019-07-25T13:16:07","modified_gmt":"2019-07-25T11:16:07","slug":"essay-von-regula-staempfli-in-ensuite-zeitschrift-zu-kultur-kunst-nolde-in-berlin-ueber-das-urteilen-in-kunst-und-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=7516","title":{"rendered":"Essay von Regula St\u00e4mpfli in ENSUITE &#8211; ZEITSCHRIFT ZU KULTUR &#038; KUNST: Nolde in Berlin: \u00dcber das Urteilen in Kunst und Politik"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nolde in Berlin: \u00dcber das Urteilen in Kunst und Politik<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>K\u00fcnstler sind vielschichtig. Manchmal auch Verbrecher. \u201eCaravaggio hat gemordet. Veit Stoss hat einen Schuldschein gef\u00e4lscht, Bernini seine Geliebte mit einem Rasiermesser entstellen lassen.\u201c So schreibt die S\u00fcddeutsche Zeitung in \u201eBuch Zwei\u201c vom 15.\/16. Juni 2019. Wenig klug ist es indessen, diese Verbrechen mit Emil Noldes \u00fcblen Antisemitismus zur Hitlerzeit gleichzustellen. Caravaggio, Stoss und Bernini waren als Personen kriminell, Emil Nolde reihte sich in seinen Schriften in die Organisation des staatlich sanktionierten Massenmordes am europ\u00e4ischen Judentum ein. Soviel Unterscheidungskraft muss sein in einer Zeit, in der postmodern alles miteinander verglichen, verwechselt, um letztlich v\u00f6llig recht- und morallos entscheidende demokratische Orientierung auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte zu werfen.&nbsp;<strong>Die Frage, ob man noch Nolde aufh\u00e4ngen soll oder nicht, ist keine ethische, sondern eine durch und durch politische.<\/strong>&nbsp;Wer wie der Historiker Horst Bredekamp die Nolde-Diskussion sei Ausdruck einer \u201eextremen Ethnisierung der Kultur\u201c, liegt v\u00f6llig falsch.<\/p>\n<p>Denn das Thema ist nicht die Politisierung der Kultursph\u00e4re mit engen zeitgeistigen Normen, sondern die&nbsp;<strong>extreme Ethnisierung der Politik<\/strong>, die private Stories zum politischen Programm erhebt. Man k\u00f6nnte auch behaupten: Alte und neue Medien puschen kulturelles Storytelling, das unterhaltsamen, \u00e4rgerlichen Netz-Tratsch produziert, die Leute mit v\u00f6lligen Nebens\u00e4chlichkeiten zum\u00fcllt und die noch existierenden Demokratien, d.h. ein freier, \u00f6ffentlicher Diskurs mit grosser Gestaltungsmacht, abschafft. (&#8230;)<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>In \u201eEichmann in Jerusalem\u201c ist Hannah Arendt diesbez\u00fcglich sehr pr\u00e4zise. Anstelle der damaligen Richter setzt Arendt ihre eigene Urteilsbegr\u00fcndung: \u201eSie haben das w\u00e4hrend des Krieges gegen das j\u00fcdische Volk begangene Verbrechen das gr\u00f6sste Verbrechen der \u00fcberlieferten Geschichte geahnt, und Sie haben Ihre Rolle darin zugegeben. Sie haben hinzugef\u00fcgt, dass Sie nie aus niederen Motiven gehandelt, die Juden niemals gehasst h\u00e4tten und dass Sie dennoch nicht anders h\u00e4tten handeln k\u00f6nnen und sich bar jeder Schuld f\u00fchlten. (\u2026) Sie haben auch gesagt, dass Ihre Rolle in der \u201aEndl\u00f6sung der Judenfrage\u2019 ein Zufall gewesen sei und dass kaum jemand an Ihrer Stelle anders gehandelt h\u00e4tte, ja dass man gleichsam jeden beliebigen Deutschen mit der gleichen Aufgabe h\u00e4tte betrauen k\u00f6nnen. Daraus w\u00fcrde folgen, dass nahezu alle Deutschen so schuldig sind wie Sie, und was Sie damit eigentlich sagen wollten, war nat\u00fcrlich, dass, wo alle, oder beinahe alle, schuldig sind, niemand schuldig ist. Dies ist in der Tat eine weitverbreitete Meinung, der wir uns jedoch nicht anschliessen k\u00f6nnen.\u201c Emil Nolde k\u00f6nnte man zugutehalten, es sei reines Missgeschick, dass er in die falsche Zeit hineingeboren wurde. Zudem wiegt der Hinweis, Nolde sein ein grosser K\u00fcnstler gewesen, dar\u00fcber hinaus einer, der von den Nazis mit dem Stempel \u201eentartet\u201c leben musste, zu seinen Gunsten. Doch ebenso schwer wiegt die Tatsache, dass Emil Nolde unbedingt mithelfen wollte, die Politik des Massenmordes mit seinem Werk aktiv zu unterst\u00fctzen.&nbsp;<strong>Kein Mensch hat das Recht auf Gehorsam. (&#8230;)<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<strong>Wer im \u00f6ffentlichen Raum dem Anderen den Zugang verwehren will und dies mit Verweis auf private Freiheiten tut, will ganz bewusst Demokratie abschaffen. Dieser Arendt-Gedanke k\u00f6nnte durchaus in anderen Debatten sogenannt \u201eumstrittener K\u00fcnstler\u201c aufgenommen werden.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;Wie meinte noch Hannah Arendt?&nbsp;<strong>\u201eKultur und Politik (\u2026) geh\u00f6ren zusammen, denn es geht nicht um Wissen oder Wahrheit. Es geht vielmehr um das Urteilen und die Entscheidfindung, um den vern\u00fcnftigen Meinungsaustausch \u00fcber die Sph\u00e4re des \u00f6ffentlichen Lebens und der gemeinsamen Welt, und die Entscheidung, welche Vorgehensweise zu treffen ist, liegt darin, wie diese von nun an aussehen soll und welche Art von Dingen darin erscheinen sollen.\u201c (Aus den \u201eLectures on Kant\u2019s Political Philosophy, \u00dcbers. durch die Autorin)<\/strong><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><em>Dr. phil Regula St\u00e4mpfli ist Kolumnistin, lehrt u.a. an der Universit\u00e4t St. Gallen Hannah Arendt, Demokratietheorie, Medien und Digitale Transformation. \u00abDie Vermessung der Frau\u00bb war 2013 ein Bestseller, ihr neustes Buch \u00abTrumpism. Ein Ph\u00e4nomen ver\u00e4ndert die Welt\u00bb geht nach sechs Monaten in die zweite Auflage.<\/em><\/p>\n<p>LINK:&nbsp;https:\/\/www.ensuite.ch\/nolde-in-berlin-ueber-das-urteilen-in-kunst-und-politik\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nolde in Berlin: \u00dcber das Urteilen in Kunst und Politik K\u00fcnstler sind vielschichtig. Manchmal auch Verbrecher. \u201eCaravaggio hat gemordet. 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