{"id":7466,"date":"2019-05-28T15:44:01","date_gmt":"2019-05-28T13:44:01","guid":{"rendered":"http:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=7466"},"modified":"2019-05-28T15:44:08","modified_gmt":"2019-05-28T13:44:08","slug":"regula-staempfli-ueber-eric-vuillards-die-tagesordnung-und-deren-aktualitaet-im-mai-2019-ensuite-zeitschrift-fuer-kultur-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=7466","title":{"rendered":"Regula St\u00e4mpfli \u00fcber \u00c9ric Vuillards &#8220;Die Tagesordnung&#8221; und deren Aktualit\u00e4t im Mai 2019: ENSUITE \u2013 ZEITSCHRIFT F\u00dcR KULTUR &#038; KUNST"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #0000ff;\">Von der Keksfabrik zur Tagesordnung<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Im Jahr 2000 versuchten 60 Frauen und M\u00e4nner, die meisten von ihnen aus dem Osten, Entsch\u00e4digung f\u00fcr die Sklavenarbeit zu erhalten, die sie f\u00fcr den Bahlsen-Kekskonzern w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges leisten mussten. Es war eine l\u00e4cherliche Million Mark, die gefordert wurde, doch die deutschen Richter blieben, wie immer in solchen F\u00e4llen, nationalsozialistisch und bundesrepublikanisch rechtgem\u00e4ss: Die Forderungen sind verj\u00e4hrt. Die Bundesrepublik Deutschland hat mit diesem Argument unz\u00e4hlige Milliarden f\u00fcr die reichen Erben und Profiteure der nationalsozialistischen Herrschaft gespart. Die 25j\u00e4hrige Bahlsen-Kekse-Erbin, Verena mit Vornamen, meint deshalb im Jahr 2019 vergn\u00fcgt: \u201cBahlsen hat sich nichts zu Schulden kommen lassen.\u201d Tja. Die Kekse-Fabrik war ein kriegswichtiger Betrieb. Und ja: Die Geschichtsvergessenheit liegt im Trend. Verfolgt man die History-Docs, h\u00f6rt man die Experten und diskutiert man mit den jungen Leuten in Deutschland, so realisiert man schnell: Hitlerdeutschland ist bekannt, dass dem schnurrb\u00e4rtigen \u00d6sterreicher aber Millionen Mitt\u00e4ter zur Macht verhalfen und die Vernichtungsindustrie und Enteignungsmaschinerie mittrugen, ist seit Jahrzehnten hip.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Es gibt ein Buch, das dies \u00e4ndern k\u00f6nnte. Doch erstaunlicherweise ist es, nach einigen Wochen des Feuilleton-Hypes, in Deutschland wieder im Keller verschwunden. Zu schmerzhaft, zu klar, zu pr\u00e4zise ist wohl die Benennung von Herrschaft, Macht, Mitt\u00e4terschaft und Mediennarrativen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><span class=\"dquo\">\u201c<\/span>Sie waren vierunzwanzig bei den toten B\u00e4umen am Ufer, vierunzwanzig schwarze, braune oder cognacfarbene \u00dcberzieher, vierundzwanzig mit Wolle gepolsterte Schulterpaare, vierunzwanzig Dreiteiler, und die gleiche Anzahl breitges\u00e4umter Bundfaltenhosen.\u201d Diese S\u00e4tze aus dem ersten Kapitel kennzeichnen die &nbsp;\u201cTagesordnung\u201d von \u00c9ric Vuillard, der 2017 in Frankreich den renommierten \u201cPrix Concourt\u201d erhalten hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><span class=\"dquo\">\u201c<\/span>L\u2019 ordre du jour\u201d wie es im Original heisst, ist eines der besten B\u00fccher der letzten zehn Jahre. Nur 118 Seiten gibt es dem poesie- und wissbegierigen Leser monatelangen Stoff. In Deutschland schafften es die detailliert nacherz\u00e4hlten Szenen aus der bis heute pr\u00e4genden Zeit des nationalsozialistischen Herrschens, Intrigierens, Manipulierens und falschen Erz\u00e4hlens \u2013 wie schon erw\u00e4hnt \u2014 nur wenige Wochen in die Schlagzeilen. Die f\u00fcr die mediale deutsche \u00d6ffentlichkeit bitterb\u00f6sen Skizzen sind wohl einfach zu schmerzhaft. Schon George Orwell wusste, dass Leute, die vorgeben, die Wahrheit zu sagen, geliebt, Leute, die die Wahrheit sagen, gehasst werden. Gl\u00fccklicherweise tickt die franz\u00f6sische \u00d6ffentlichkeit in jeder Hinsicht anders. Hymnisch waren die Besprechungen f\u00fcr die \u201cTraktandenliste\u201d wie wir Schweizernden das B\u00fcchlein nennen w\u00fcrden, geistreich, klug und scharf die zahlreichen Diskussionen, die sich \u00fcber den Text von Vuillard sofort einstellen. Die deutsche Rezeption zur \u201cTagesordnung\u201d sagt dar\u00fcber hinaus viel aus \u00fcber das Klima, das seit 20 Jahren in Deutschland punkto Nationalsozialismus gepflegt wird: Faschokritik ja, Machtanalyse und Mitt\u00e4terschaftsstruktur nein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><span class=\"dquo\">\u201c<\/span>Die Zeit\u201d schreibt, dass der Roman den Aufstieg Hitlers schildere. Man kann grosse B\u00fccher, die ins eigene Medienpropagandafleisch schneiden, zwar noch d\u00fcmmer charakterisieren, aber man m\u00fcsste sich noch etwas anstrengen. Vuillard schreibt mitnichten \u00fcber den Aufstieg Hitlers, sondern \u00fcber die kriecherischen, in ihrem Habitus \u00e4usserst zeitgen\u00f6ssisch anmutenden Mitt\u00e4ter der sogenannten \u201cbesten Gesellschaft\u201d.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Vuillard bemerkt zu recht, dass \u00fcberhaupt nichts unschuldig in der Kunst der Auslassung in den Erz\u00e4hlungen zu Hitlers Deutschland ist. Vuillard h\u00e4lt dem deutschen Mainstream zur hitlerschen Geschichtsschreibung den Spiegel vor. Die vierunzwanzig \u201c<span class=\"caps\">BASF<\/span>, Bayer, Agfa, Opel, I.G. Farben, Siemens, Allianz, Telefunken\u201d waren damals in der Organisation der Vernichtung des europ\u00e4ischen Judentums, an der Vorbereitung zum sehr deutschen und pr\u00e4zis organisierten Massenmord direkt involviert. Nur schreiben dar\u00fcber wenige und wenn, wird so getan, als sei dies doch schon lange her und nicht mehr erw\u00e4hnensw\u00fcrdig. Oder es kommen Legitimationsartikel, dass man ja nun gen\u00fcgend Reparationen gezahlt h\u00e4tte. Wirklich? Wer hat eigentlich was bezahlt und wem? Oder wann? Sind die Milliarden Verm\u00f6gen, die auf einige wenige Erben in Deutschland verteilt werden, ohne Hitlerzeit \u00fcberhaupt denkbar? Diese Fragen kommen einem \u00fcber der Lekt\u00fcre von Vuillard, \u201cweil die juristischen Personen ihre Avatare haben, so wie die antiken Gottheiten unter vierlerei Gestalt auftraten und sich im Laufe der Zeit mit anderen G\u00f6ttern vereinigten.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Vuillard beschreibt, wie Demokratien zugrunde gehen. Zuerst durch das goldene Fundraising der millionenschweren Unternehmer. Das eingangs erw\u00e4hnte Vierunzwanziger-Gr\u00fcppchen puscht die nationalsozialistischen braunen Horden mit Millionen an die Macht.&nbsp;<strong>Die klassisch deutschen Unternehmen sponsoren ein Regime, das Europa in 12 Jahren in ein Massengrab verwandelte, um dann aus dessen Ruinen als strahlende Wiederaufbauer und Wirtschaftsverwunderer aufzuerstehen.<\/strong>&nbsp;\u201cDoch um besser zu verstehen, was dieses Treffen vom 20. Februar bedeutet, um seinen Ewigkeitsgehalt zu begreifen, m\u00fcssen wir diese M\u00e4nner k\u00fcnftig bei ihrem Namen nennen. Nicht mehr G\u00fcnther Quandt, Wilhelm von Opel, Gustav Krupp und August von Finck versammeln sich an jenem fr\u00fchen Abend des 20. Februar 1933 im Reichstagpalais; es m\u00fcssen andere Namen her\u201d \u2013 Keiner schreibt so gut wie Vuillard. Hier noch ein Satz als Amouse-Bouche f\u00fcr den Roman, der in jeden Haushalt geh\u00f6rt:<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #0000ff;\"><span class=\"dquo\">\u201c<\/span><em>Blitzkrieg<\/em>&nbsp;ist eine einfache Formel, ein Wort, das die Werbung dem Fiasko angeh\u00e4ngt hat.\u201d<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Die promovierte Politphilosophin St\u00e4mpfli schreibt exklusiv f\u00fcr ensuite eigenwillige, kluge, politisch versierte Rezensionen. Die Hannah Arendt-Dozentin ist Bestsellerautor zu Themen, die im deutschsprachigen Raum normalerweise nicht von Frauen verfasst werden d\u00fcrfen. Deshalb auch die m\u00f6nnliche Form des Bestsellerautors.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ensuite.ch\/von-der-keksfabrik-zur-tagesordnung-eric-vuillard\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-7467\" src=\"https:\/\/regulastaempfli.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-28-um-15.35.08.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2019-05-28 um 15.35.08\" width=\"597\" height=\"820\" srcset=\"https:\/\/regulastaempfli.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-28-um-15.35.08.png 597w, https:\/\/regulastaempfli.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-28-um-15.35.08-218x300.png 218w\" sizes=\"auto, (max-width: 597px) 100vw, 597px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Keksfabrik zur Tagesordnung Im Jahr 2000 versuchten 60 Frauen und M\u00e4nner, die meisten von ihnen aus dem Osten, Entsch\u00e4digung f\u00fcr die Sklavenarbeit zu erhalten, die sie f\u00fcr den Bahlsen-Kekskonzern w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges leisten mussten. 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