{"id":11735,"date":"2026-04-11T12:44:55","date_gmt":"2026-04-11T10:44:55","guid":{"rendered":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=11735"},"modified":"2026-04-11T12:44:56","modified_gmt":"2026-04-11T10:44:56","slug":"julia-onkens-buch-ueber-die-weibliche-freiheit-im-alter-grundlos-vergnuegt-in-der-die-weltwoche-rezension-von-regula-staempfli-26-9-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=11735","title":{"rendered":"Julia Onkens Buch \u00fcber die weibliche Freiheit im Alter: &#8220;Grundlos vergn\u00fcgt.&#8221; In der Die Weltwoche &#8211; Rezension von Regula St\u00e4mpfli, 26.9.2025."},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/regulastaempfli.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bildschirmfoto-2026-04-11-um-12.42.46.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"540\" height=\"548\" src=\"https:\/\/regulastaempfli.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bildschirmfoto-2026-04-11-um-12.42.46.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-11738\" srcset=\"https:\/\/regulastaempfli.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bildschirmfoto-2026-04-11-um-12.42.46.png 540w, https:\/\/regulastaempfli.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bildschirmfoto-2026-04-11-um-12.42.46-296x300.png 296w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Bild: Julia Onken:\u00a0Grundlos vergn\u00fcgt. Vom Ankommen und Loslassen \u2013 ein Leben in 12 Kapiteln. Cameo. 250 S., Fr. 25.90. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier die Rezension von Regula St\u00e4mpfli in der Die Weltwoche, siehe <a href=\"https:\/\/weltwoche.de\/story\/die-kunst-ohne-grund-vergnuegt-zu-sein\/\">https:\/\/weltwoche.de\/story\/die-kunst-ohne-grund-vergnuegt-zu-sein\/<\/a><strong><em> J<\/em><\/strong><strong><em>ulia Onken hat mit &#8220;<\/em>Grundlos vergn\u00fcgt&#8221;<em>\u00a0eine Lebensbilanz vorgelegt, die leichtf\u00fcssig ist wie ein Sommerkleid, klug wie eine gelebte Bibliothek und ehrlich wie ein Schuhschrank, der sich partout nicht schliessen l\u00e4sst. Wer Weltliteratur liebt und zugleich lachen will, der greife zu diesem Buch.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was bedeutet es, im neunten Lebensjahrzehnt zur\u00fcckzublicken? F\u00fcr viele ist es ein Anlass zur Resignation, zur Nostalgie oder zur heroischen Selbststilisierung. F\u00fcr Julia Onken ist es die Motivation zu einem Buch, das in seiner Mischung aus Humor, Offenheit und Lebensklugheit so gar nicht zum g\u00e4ngigen Altersdiskurs passt.<em>Grundlos vergn\u00fcgt. Vom Ankommen und Loslassen \u2013 ein Leben in zw\u00f6lf Kapiteln<\/em>&nbsp;ist kein Schwanengesang, sondern eine Lebensbilanz, die beschwingt geschmeidig bleibt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Onken gelingt, was grosse Essayisten der Weltliteratur immer wieder versucht haben: das eigene Leben mit der Welt zu verbinden, ohne dabei in Pathos zu verfallen. Ihre Haltung erinnert an Michel de Montaigne, der in seinen Essays das Altern mit Skepsis, aber auch mit Witz beschrieb. Sie erinnert an Rilke, der im R\u00fcckblick auf das Leben vom \u201eAbsprung\u201c sprach. Und sie \u00fcbertrifft Simone de Beauvoirs d\u00fcstere&nbsp;<em>La Vieillesse<\/em>, weil sie die Komik des Daseins nicht vergisst.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon das erste Kapitel, \u201eHausputz\u201c, zeigt den Tonfall. Onken stapelt Gartenst\u00fchle, verzurrt Steintische, r\u00e4umt Sommerutensilien weg. Doch es geht nicht nur ums M\u00f6belr\u00fccken, sondern um den biographischen Hausputz: das Aufr\u00e4umen im Archiv der Erinnerungen. Sie schreibt: \u201eEs ist Zeit, sich an die Arbeit zu machen, um einst gesammelt im Absprung zu sein, denn bleiben ist nirgends.\u201c Dieser Satz h\u00e4tte ebenso gut in die&nbsp;<em>Duineser Elegien<\/em>&nbsp;gepasst \u2013 nur dass Onken es nebenbei, ganz unaufgeregt formuliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um eigene Unzul\u00e4nglichkeiten geht. Legend\u00e4r ist das Kapitel \u00fcber ihren Schuhschrank. \u201eDie Abteilung Schuhe erw\u00e4hne ich nicht im Einzelnen. Nur so viel: zu gross die Scham! Wie konnte es nur so weit kommen. Wenn mir aus dem im Entr\u00e9e eingebauten Wandschrank ineinander gestapelte Sandaletten, Sling- und andere Pumps, Ballerinas, Sneakers sowie High Heels, die entweder nie oder nur kurz zum Einsatz kamen, entgegen grinsen, sch\u00fctze ich mich vor einem Totalabsturz in die Abteilung vernichtender Selbstvorw\u00fcrfe und werfe die T\u00fcre unverz\u00fcglich zu, als ob ich einen Insektenschwarm aussperren m\u00f6chte.\u201c Wer so schreiben kann, lacht nicht nur \u00fcber sich selbst, sondern befreit die Leserin und den Leser (wieviele Magazine stapeln sich neben Herren-Betten? Oder farbidentische Hemden?) gleich mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Onken zitiert unerschrocken grosse Namen \u2013 Goethe, Hebbel, Rilke, Freud \u2013 und behandelt sie nicht ehrf\u00fcrchtig, sondern wie alte Bekannte. Besonders k\u00f6stlich ihre Bemerkung \u00fcber Freud: \u201eSelbst Sigmund Freud r\u00e4umte in einem Brief an Arnold Zweig freim\u00fctig ein: \u2018Wer Biograph wird, verpflichtet sich zur L\u00fcge, zur Verheimlichung, Heuchelei, Sch\u00f6nf\u00e4rberei und selbst zur Verhehlung seines Unverst\u00e4ndnisses, denn die biographische&nbsp;Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn man sie h\u00e4tte, w\u00e4re sie nicht zu gebrauchen.\u2019\u201c Onken nimmt diese Warnung ernst \u2013 und macht deshalb das Gegenteil. \u00dcber gemachte Fehler schreibt sie:&nbsp;&#8220;Vielleicht geh\u00f6rt es einfach dazu, Fehlentscheide zu treffen und irgendeinem Phantom nachzujagen. Schliesslich befl\u00fcgeln Visionen und W\u00fcnsche uns dazu, Kr\u00e4fte zu mobilisieren und Energien freizusetzen, die sich sonst bereits in den Vorruhestand zur\u00fcckgezogen h\u00e4tten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Onkens Biographie bringt keine selbstverliebte Gl\u00e4ttung, sondern ist eine lustige, poetische, ehrliche Collage. Onken reiht sich damit in eine klassische Tradition von ber\u00fchmten Frauen:&nbsp; Hedwig Dohm, Christa Wolf oder Louise Bourgeois haben im Alter \u00e4hnlich kompromisslos zur\u00fcckgeblickt. Onken reiht sich in diese Linie ein und bringt dem deutschsprachigen Raum endlich die unverkennbar schweizerische Stimme: frei, humorvoll, direkt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Genau darin liegt der Charme: Onkens Buch ist ein lebenskluges Gespr\u00e4ch mit sich selbst \u2013 und mit uns. Die poetische Rebellin erlaubt sich mit ihren Skizzen zu ihrem Leben, ein leichtes Seinsgef\u00fchl des&nbsp; &#8220;grundlos vergn\u00fcgt zu sein.&#8221; Schon allein deshalb schenke ich es all meinen jungen Studierenden, die gar nicht mehr wissen, welche neue &#8220;Mental Health Issues&#8221; sie denn noch aneinander reihen sollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Buch ist Weltliteratur im kleinen Format:&nbsp;<em>Grundlos vergn\u00fcgt<\/em>&nbsp;ist klug wie eine gelebte Bibliothek, ehrlich wie ein offener Schuhschrank und heiter wie ein Segelschiff auf den letzten Seemeilen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Bild: Julia Onken:\u00a0Grundlos vergn\u00fcgt. Vom Ankommen und Loslassen \u2013 ein Leben in 12 Kapiteln. Cameo. 250 S., Fr. 25.90. 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