{"id":10623,"date":"2024-03-09T15:47:02","date_gmt":"2024-03-09T13:47:02","guid":{"rendered":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=10623"},"modified":"2024-03-09T15:47:05","modified_gmt":"2024-03-09T13:47:05","slug":"leben-verboten-oder-und-dennoch-leben-radikalsaekulare-juedische-frauenliteratur-damals-und-heute-von-regula-staempfli-fuer-ensuite-magazin-fuer-kunst-und-kultur-print-literaturblo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=10623","title":{"rendered":"Leben verboten! Oder \u00abUnd dennoch leben\u00bb? Radikals\u00e4kulare j\u00fcdische Frauenliteratur damals und heute. Von Regula St\u00e4mpfli f\u00fcr ENSUITE. MAGAZIN F\u00dcR KUNST UND KULTUR &#8211; Print &#038; Literaturblog."},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/regulastaempfli.eu\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bildschirmfoto-2024-03-09-um-14.39.39.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"544\" src=\"https:\/\/regulastaempfli.eu\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bildschirmfoto-2024-03-09-um-14.39.39-1024x544.png\" alt=\"Leben verboten! Oder \u00abUnd dennoch leben\u00bb? Radikals\u00e4kulare j\u00fcdische Frauenliteratur damals und heute. Von Regula St\u00e4mpfli f\u00fcr ENSUITE. 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Von Regula St\u00e4mpfli f\u00fcr ENSUITE. MAGAZIN F\u00dcR KUNST UND KULTUR &#8211; Print &#038; Literaturblog. Susi Singer. FrauenWerkst\u00e4tte Wien um 1900. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Keramik stammt von Susi Singer, einer j\u00fcdischen Keramikerin der Wiener Werkst\u00e4tte, die 1955 in Los Angeles starb, nachdem sie sich dort auch eine Karriere hatte aufbauen k\u00f6nnen. Foto: R. St\u00e4mpfli. <\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Unsere Essayistin Regula St\u00e4mpfli wollte \u00abDie Netanjahus\u00bb von Joshua Cohen besprechen, dies sei hiermit getan, denn lesen sollten wir alle die j\u00fcdischen Frauen. Hier zwei Werke radikal-s\u00e4kularer Schriftstellerinnen mit dem Aufruf zur Besinnung und der Aufforderung an unsere Institutionen, die Millionenf\u00f6rderung islamofaschistischer Organisationen zu stoppen.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt ist der Sehnsuchtsort all jener, die gleichzeitig Weltenb\u00fcrgerin und j\u00fcdisch sind. Deshalb ist Wien eine j\u00fcdische Stadt mit dem j\u00fcdischen Humor. Dazu eine lustige Begebenheit. Bestellt ein Nazi einen kleinen Braunen, meint der Kellner, das sehe er sofort, er wolle nur wissen, was der Herr denn trinken wolle; also dieses stundenlange Streiten unter Gleichen, Freien und Solidarischen \u2013 das ist Stadt und das ist sehr j\u00fcdisch. Die Wiener Juden und J\u00fcdinnen er\u00f6ffneten denn auch sofort ein Kaffeehaus in Shanghai, nachdem sie vor ihren M\u00f6rdern gefl\u00fcchtet und ausgerechnet in China gestrandet waren. \u00abDer Jud muss gehen, sein Geld darf bleiben\u00bb \u2013 die Antisemiten von damals klingen wie die Experten von heute (hier mit Insidergruss an Richard David Precht).<\/p>\n\n\n\n<p>Maria Lazar, Wienerin, schrieb lange vor der Machtergreifung: \u00abDenn glaube mir, mein Kind, zwischen dem sehr grotesken Fall des Bankiers Ernst von Ufermann und dem anscheinend v\u00f6llig sinnlosen Eisenbahnattentat, dem so oder so viel Menschen zum Opfer fielen, bestehen doch Zusammenh\u00e4nge. Es ist ja immer wieder dasselbe Evangelium der Ausrottung, das sich hier kundtut. Verrecke, stirb, verschwinde. Das ist die Losung, mit der die Ware Mensch jetzt dezimiert werden soll. Darf man da schweigen?\u00bb Maria Lazar (Pseudonym Esther Grenen, geb. 1895 in Wien, gest. 1948 in Stockholm) war j\u00fcngstes Kind einer konvertierten j\u00fcdischen Wiener Familie, in der Schule mit Elias Canetti, portr\u00e4tiert von Oskar Kokoschka und zu ihrer Zeit bekannte Schriftstellerin. Sie wurde von den Nazis vertrieben, ihr Werk verboten und dann vergessen. Dabei war ihr erster Roman, \u00abDie Vergiftung\u00bb, aus dem Jahr 1920 DER expressionistische Roman avant la lettre. Noch nie zuvor hatte jemand in gnadenloser H\u00e4rte das wohlstandsverwahrloste Leben einer verm\u00f6genden assimilierten j\u00fcdischen Familie beschrieben. Der Roman machte die Runde und einen der vielen Skandale damals im j\u00fcdischen Wien. Thomas Mann, der alte Sexist und Closet-Gay, schwafelte von \u00abpenetrantem Weibergeruch\u00bb im Roman \u2013 doch auch er musste dann emigrieren, Geruch hin oder her. Maria Lazars Einakter \u00abDer Henker\u00bb war noch krasser als \u00abDie Vergiftung\u00bb, wurde dreimal verboten mit der Begr\u00fcndung: \u00abaus R\u00fccksicht auf die Nerven des Publikums\u00bb. \u00abLeben verboten\u00bb lautete der Titel ihres st\u00e4rksten Buches aus dem Jahr 1932. Darin ist alles zu finden: die st\u00e4dtische Moderne mit ihrem immer wiederkehrenden Antisemitismus, verbunden mit Sentimentalit\u00e4t, Bigotterie und antidemokratischer B\u00fcrokratie. Tja. Damals wie heute schrieben sich Frauen ihre Finger wund mit der Warnung, dass die braune Suppe jederzeit \u00fcberschwappen k\u00f6nnte \u2013 well, meine Lieben. In deutschen St\u00e4dten und in London sind die neuen islamofaschistischen und rechtsextremen Horden leider schon l\u00e4ngst Teil des Stadtbildes \u2013 ich hoffe, Wien h\u00e4lt wenigstens diesmal stand, obwohl: Ausgerechnet Wien war entsetzlicherweise nicht nur eine j\u00fcdische Stadt, sondern auch die Stadt der modellhaften Ausrottung der Juden und J\u00fcdinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem \u00dcberfall auf die Sowjetunion im Sommer\/Herbst 1941 wurde die Rassenpolitik nihilisiert (Sprachsch\u00f6pfung der Autorin; bedeutet bis ans totalit\u00e4re Ende treiben = nihilisieren). Ziel der Judenpolitik waren nicht mehr nur Enteignung, Vertreibung und Dem\u00fctigung, sondern VERNICHTUNG. Es war Adolf Eichmann, der im August 1938 die \u00abZentralstelle f\u00fcr j\u00fcdische Auswanderung\u00bb durchorganisierte; es war der Plan des F\u00fchrers himself, Wien als erste Metropole \u00abjudenfrei\u00bb zu machen. Dieser Vernichtung waren jahrelange \u00abwilde Arisierungen\u00bb vorangegangen. Es wurde gestohlen, gepl\u00fcndert, entwendet, versteckt, was nur ging. Darin gleichen sich die nationalsozialistischen Dreissiger- und die islamofaschistischen Zwanzigerjahre. \u00abJudenfrei\u00bb sind schon l\u00e4ngst alle arabischen Staaten, die sich wie damals die Nazis den Auszug der Juden teuer bezahlen liessen. Und was die \u00abwilde Arisierung\u00bb betrifft: Im Zuge des Massenmordes der Hamas vom 7. Oktober 2023 \u00fcberquerten \u2013 Quelle: der linke \u00abGuardian\u00bb \u2013 unz\u00e4hlige \u00abzivile\u00bb Pal\u00e4stinenser die Grenze und stahlen w\u00e4hrend der Mordorgien alles zusammen, um anschliessend mit ihren Br\u00fcdern die Beweise dieser Barbarei zu verbrennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals ist jetzt! Tats\u00e4chlich, wie auch ein j\u00fcngster Theaterskandal in der Schweiz beweist. Nach der Machtergreifung 1933 erhielten j\u00fcdische Schauspieler und Schauspielerinnen ein Spielverbot. 2023 erfahren wir vom Theater Neumarkt, dass ein Israeli nicht mit einer Libanesin gleichzeitig auf der B\u00fchne stehen darf, weil diese an die Gesetze der Hisbollah in Libanon gebunden sei \u2013 krass, nicht wahr? Ich wusste gar nicht, dass sich Schweizer Theater an die Gesetze von Islamofaschisten halten. Was wird das N\u00e4chste sein? Das Schulverbot f\u00fcr kleine M\u00e4dchen, weil dies sonst deren Sicherheit gef\u00e4hrde, da die Taliban \u00ableider\u00bb ein derartiges Gesetz h\u00e4tten?<\/p>\n\n\n\n<p>Hannah Arendt w\u00fcrde dazu sagen, dass, wer die Welt mit anderen nicht teilen will, es nicht verdient, Teil dieser Welt zu sein. In \u00abEichmann in Jerusalem\u00bb pl\u00e4dierte sie vehement f\u00fcr die Todesstrafe, nicht weil der Mann Rassist, B\u00fcrokrat und ein Massenm\u00f6rder war, sondern weil er sich weigerte, mit Juden und J\u00fcdinnen die Welt zu teilen, und es den Menschen nach dem von ihm organisierten Massenmord nicht zugemutet werden konnte, weiterhin mit Eichmann zusammenzuleben. Der Nationalsozialismus damals \u2013 gem\u00e4ss Hannah Arendt \u2013 war kein Ausbruch des kollektiven Wahnsinns, auch nicht die stumpfe Gewalt der T\u00e4ter gegen Juden und J\u00fcdinnen. Auschwitz war das Resultat jahrelanger Religiosisierung des nihilistischen Massenmords. Islamofaschismus operiert exakt gleich \u2013 auch er kein kollektiver Wahnsinn, sondern geplante Brutalo-Banalit\u00e4t: \u00abUngl\u00e4ubige sind keine Menschen.\u00bb Und so etwas wird von unserer europ\u00e4ischen Jugend zu Hunderttausenden in London glorifiziert? Welche Monster haben eigentlich unsere Theater, Universit\u00e4ten und Kulturinstitutionen geschaffen? Wahrscheinlich dieselben, die einer Frau mit Migrationshintergrund zustimmend zunicken, wenn sie in linken Gewerkschaften schreit: \u00abIch liebe die Hamas.\u00bb Oder ein alter Gewerkschafter meint: \u00abFriede jetzt\u00bb \u2013 und dann zu Tode beleidigt ist, wenn man ihn damit des T\u00e4terkuschelns \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Nationalsozialismus nicht out of nowhere kam, kam auch der Islamofaschismus nicht von allein. Jahrzehntelange poststrukturalistische, postfeministische und postdemokratische Leere in den Gesellschafts\u2011, Sozial- und Geisteswissenschaften f\u00fchrt dazu, dass die Shoa ein \u00abVerbrechen\u00bb unter \u00abWeissen\u00bb und islamofaschistische Massenm\u00f6rder die Befreier sind. Haben deshalb die USA Afghanistan vorletztes Jahr so \u00fcberst\u00fcrzt verlassen? Weil sie den \u00abBefreiern\u00bb nicht mehr im Weg stehen wollten? Der am 7. Oktober 2023 in unseren St\u00e4dten gewachsene islamofaschistische Mob ist das Resultat jahrelanger islamofaschistischer Toleranz inmitten unserer Gesellschaften. Sie sind auch das Resultat neoliberaler, privatisierter Klickregimes, denen egal ist, ob die Klicks von gest\u00f6rten Kindervergewaltigern oder von um Aufkl\u00e4rung bem\u00fchten Politologinnen erfolgen. &nbsp;Algorithmen transportieren keine Information, sondern reine Emotion: je mehr davon, desto mehr Klicks.<\/p>\n\n\n\n<p>2023 sollte Adania Shibli f\u00fcr ihren Roman \u00abEine Nebensache\u00bb in Frankfurt am Main ausgezeichnet werden. Der Roman behandelt eine wahre Geschichte aus dem Jahr 1949 und zeichnet sich durch antisemitische Stereotype aus. Warum einen derartigen Roman auszeichnen? Die Sprache kann es nicht sein, glauben Sie mir: Er ist literarisch unterirdisch schlecht. Also muss es die Ideologie im Buch sein, aber why? Seit wann gehorchen Literaturpreise vor allem antisemitischen und nicht mehr literarischen Regeln?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Unsere Demokratien wurden auf dem Massengrab der vernichteten europ\u00e4ischen Juden und J\u00fcdinnen errichtet. Als Westkind erlebte ich Jahrzehnte j\u00fcdischer Versionen und Visionen demokratischer Partizipation, den Wohlfahrtsstaat, den Feminismus, die kulturelle Avantgarde. Und die sollen mir nun von Islamofaschisten, einer links- und rechtsradikalen Mob- und Klickgesellschaft wieder genommen werden? Unter der lauten Mitt\u00e4terschaft von Medien, Universit\u00e4ten und Kulturinstitutionen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, nein und tausendmal nein. Das sind wir alle nicht zuletzt Simone Veil schuldig. Die sch\u00f6ne Europ\u00e4erin geh\u00f6rte zur franz\u00f6sischen Intelligenz, viel mehr, als dies Jean-Paul Sartre je gekonnt h\u00e4tte. Sie \u00fcberlebte Auschwitz und den Todesmarsch nur knapp, sie war die Retterin der algerischen Gefangenen, indem sie das franz\u00f6sische Justiz- und Rechtssystem demokratisierte. Sie trieb die europ\u00e4ische Einigung voran, sie beendete die Hinterhof-Abtreibungen f\u00fcr franz\u00f6sische Frauen, sie ist DIE EUROP\u00c4ISCHE HELDIN von uns allen: ohne Simone Veil kein Europa, keinen Frieden und keine Menschlichkeit. Sie musste vom Innenminister 1974 h\u00f6ren, als sie sich f\u00fcr das Pariser B\u00fcrgermeisteramt interessierte: \u00abParis gibt sich keiner Frau hin \u2013 und noch weniger einer Israelitin.\u00bb 1979 wurde sie die erste Pr\u00e4sidentin des Europaparlaments, aber ihre ersch\u00fctternd gute Biografie, literarisch umwerfend poetisch, kam erst 2007 heraus: Sie musste fast 82 Jahre alt werden, um \u00fcber das Erlebte schreiben zu k\u00f6nnen. \u00abUnd dennoch leben\u00bb heisst das Werk, das auf Deutsch 2009 im Aufbau-Verlag erschienen ist und bis heute auf breite Rezeption wartet. Deshalb hier zum Schluss eine warme Empfehlung daf\u00fcr. Und was die Stadt der St\u00e4dte \u2013 Wien \u2013 betrifft: Lasst sie uns aus getr\u00e4umten, zerst\u00f6rten und neu getr\u00e4umten Ideen der Wiener J\u00fcdinnen wieder aufleben. Diese demokratischen Gebaut- und Geworfenheiten, die uns trotz Zerst\u00f6rung weitertragen in Strassennamen, Sprichw\u00f6rtern, im Tonfall der Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maria Lazar: Leben verboten!<br>Btb-Verlag.Simone Veil: Und dennoch leben: Die Autobiografie der grossen Europ\u00e4erin<br>Aufbau-Verlag<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Essayistin Regula St\u00e4mpfli wollte \u00abDie Netanjahus\u00bb von Joshua Cohen besprechen, dies sei hiermit getan, denn lesen sollten wir alle die j\u00fcdischen Frauen. Hier zwei Werke radikal-s\u00e4kularer Schriftstellerinnen mit dem Aufruf zur Besinnung und der Aufforderung an unsere Institutionen, die Millionenf\u00f6rderung islamofaschistischer Organisationen zu stoppen.<\/p>\n<p>Die Stadt ist der Sehnsuchtsort all jener, die gleichzeitig Weltenb\u00fcrgerin und j\u00fcdisch sind. Deshalb ist Wien eine j\u00fcdische Stadt mit dem j\u00fcdischen Humor. Dazu eine lustige Begebenheit. Bestellt ein Nazi einen kleinen Braunen, meint der Kellner, das sehe er sofort, er wolle nur wissen, was der Herr denn trinken wolle; also dieses stundenlange Streiten unter Gleichen, Freien und Solidarischen \u2013 das ist Stadt und das ist sehr j\u00fcdisch. Die Wiener Juden und J\u00fcdinnen er\u00f6ffneten denn auch sofort ein Kaffeehaus in Shanghai, nachdem sie vor ihren M\u00f6rdern gefl\u00fcchtet und ausgerechnet in China gestrandet waren. \u00abDer Jud muss gehen, sein Geld darf bleiben\u00bb \u2013 die Antisemiten von damals klingen wie die Experten von heute (hier mit Insidergruss an Richard David Precht).<\/p>\n<p>Maria Lazar, Wienerin, schrieb lange vor der Machtergreifung: \u00abDenn glaube mir, mein Kind, zwischen dem sehr grotesken Fall des Bankiers Ernst von Ufermann und dem anscheinend v\u00f6llig sinnlosen Eisenbahnattentat, dem so oder so viel Menschen zum Opfer fielen, bestehen doch Zusammenh\u00e4nge. Es ist ja immer wieder dasselbe Evangelium der Ausrottung, das sich hier kundtut. Verrecke, stirb, verschwinde. Das ist die Losung, mit der die Ware Mensch jetzt dezimiert werden soll. Darf man da schweigen?\u00bb Maria Lazar (Pseudonym Esther Grenen, geb. 1895 in Wien, gest. 1948 in Stockholm) war j\u00fcngstes Kind einer konvertierten j\u00fcdischen Wiener Familie, in der Schule mit Elias Canetti, portr\u00e4tiert von Oskar Kokoschka und zu ihrer Zeit bekannte Schriftstellerin. Sie wurde von den Nazis vertrieben, ihr Werk verboten und dann vergessen. Dabei war ihr erster Roman, \u00abDie Vergiftung\u00bb, aus dem Jahr 1920 DER expressionistische Roman avant la lettre. Noch nie zuvor hatte jemand in gnadenloser H\u00e4rte das wohlstandsverwahrloste Leben einer verm\u00f6genden assimilierten j\u00fcdischen Familie beschrieben. Der Roman machte die Runde und einen der vielen Skandale damals im j\u00fcdischen Wien. Thomas Mann, der alte Sexist und Closet-Gay, schwafelte von \u00abpenetrantem Weibergeruch\u00bb im Roman \u2013 doch auch er musste dann emigrieren, Geruch hin oder her. Maria Lazars Einakter \u00abDer Henker\u00bb war noch krasser als \u00abDie Vergiftung\u00bb, wurde dreimal verboten mit der Begr\u00fcndung: \u00abaus R\u00fccksicht auf die Nerven des Publikums\u00bb. \u00abLeben verboten\u00bb lautete der Titel ihres st\u00e4rksten Buches aus dem Jahr 1932. Darin ist alles zu finden: die st\u00e4dtische Moderne mit ihrem immer wiederkehrenden Antisemitismus, verbunden mit Sentimentalit\u00e4t, Bigotterie und antidemokratischer B\u00fcrokratie. Tja. Damals wie heute schrieben sich Frauen ihre Finger wund mit der Warnung, dass die braune Suppe jederzeit \u00fcberschwappen k\u00f6nnte \u2013 well, meine Lieben. In deutschen St\u00e4dten und in London sind die neuen islamofaschistischen und rechtsextremen Horden leider schon l\u00e4ngst Teil des Stadtbildes \u2013 ich hoffe, Wien h\u00e4lt wenigstens diesmal stand, obwohl: Ausgerechnet Wien war entsetzlicherweise nicht nur eine j\u00fcdische Stadt, sondern auch die Stadt der modellhaften Ausrottung der Juden und J\u00fcdinnen.<\/p>\n<p>Nach dem \u00dcberfall auf die Sowjetunion im Sommer\/Herbst 1941 wurde die Rassenpolitik nihilisiert (Sprachsch\u00f6pfung der Autorin; bedeutet bis ans totalit\u00e4re Ende treiben = nihilisieren). Ziel der Judenpolitik waren nicht mehr nur Enteignung, Vertreibung und Dem\u00fctigung, sondern VERNICHTUNG. Es war Adolf Eichmann, der im August 1938 die \u00abZentralstelle f\u00fcr j\u00fcdische Auswanderung\u00bb durchorganisierte; es war der Plan des F\u00fchrers himself, Wien als erste Metropole \u00abjudenfrei\u00bb zu machen. Dieser Vernichtung waren jahrelange \u00abwilde Arisierungen\u00bb vorangegangen. Es wurde gestohlen, gepl\u00fcndert, entwendet, versteckt, was nur ging. Darin gleichen sich die nationalsozialistischen Dreissiger- und die islamofaschistischen Zwanzigerjahre. \u00abJudenfrei\u00bb sind schon l\u00e4ngst alle arabischen Staaten, die sich wie damals die Nazis den Auszug der Juden teuer bezahlen liessen. Und was die \u00abwilde Arisierung\u00bb betrifft: Im Zuge des Massenmordes der Hamas vom 7. Oktober 2023 \u00fcberquerten \u2013 Quelle: der linke \u00abGuardian\u00bb \u2013 unz\u00e4hlige \u00abzivile\u00bb Pal\u00e4stinenser die Grenze und stahlen w\u00e4hrend der Mordorgien alles zusammen, um anschliessend mit ihren Br\u00fcdern die Beweise dieser Barbarei zu verbrennen.<\/p>\n<p>Damals ist jetzt! Tats\u00e4chlich, wie auch ein j\u00fcngster Theaterskandal in der Schweiz beweist. Nach der Machtergreifung 1933 erhielten j\u00fcdische Schauspieler und Schauspielerinnen ein Spielverbot. 2023 erfahren wir vom Theater Neumarkt, dass ein Israeli nicht mit einer Libanesin gleichzeitig auf der B\u00fchne stehen darf, weil diese an die Gesetze der Hisbollah in Libanon gebunden sei \u2013 krass, nicht wahr? Ich wusste gar nicht, dass sich Schweizer Theater an die Gesetze von Islamofaschisten halten. Was wird das N\u00e4chste sein? Das Schulverbot f\u00fcr kleine M\u00e4dchen, weil dies sonst deren Sicherheit gef\u00e4hrde, da die Taliban \u00ableider\u00bb ein derartiges Gesetz h\u00e4tten?<\/p>\n<p>Hannah Arendt w\u00fcrde dazu sagen, dass, wer die Welt mit anderen nicht teilen will, es nicht verdient, Teil dieser Welt zu sein. In \u00abEichmann in Jerusalem\u00bb pl\u00e4dierte sie vehement f\u00fcr die Todesstrafe, nicht weil der Mann Rassist, B\u00fcrokrat und ein Massenm\u00f6rder war, sondern weil er sich weigerte, mit Juden und J\u00fcdinnen die Welt zu teilen, und es den Menschen nach dem von ihm organisierten Massenmord nicht zugemutet werden konnte, weiterhin mit Eichmann zusammenzuleben. Der Nationalsozialismus damals \u2013 gem\u00e4ss Hannah Arendt \u2013 war kein Ausbruch des kollektiven Wahnsinns, auch nicht die stumpfe Gewalt der T\u00e4ter gegen Juden und J\u00fcdinnen. Auschwitz war das Resultat jahrelanger Religiosisierung des nihilistischen Massenmords. Islamofaschismus operiert exakt gleich \u2013 auch er kein kollektiver Wahnsinn, sondern geplante Brutalo-Banalit\u00e4t: \u00abUngl\u00e4ubige sind keine Menschen.\u00bb Und so etwas wird von unserer europ\u00e4ischen Jugend zu Hunderttausenden in London glorifiziert? Welche Monster haben eigentlich unsere Theater, Universit\u00e4ten und Kulturinstitutionen geschaffen? Wahrscheinlich dieselben, die einer Frau mit Migrationshintergrund zustimmend zunicken, wenn sie in linken Gewerkschaften schreit: \u00abIch liebe die Hamas.\u00bb Oder ein alter Gewerkschafter meint: \u00abFriede jetzt\u00bb \u2013 und dann zu Tode beleidigt ist, wenn man ihn damit des T\u00e4terkuschelns \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Wie der Nationalsozialismus nicht out of nowhere kam, kam auch der Islamofaschismus nicht von allein. Jahrzehntelange poststrukturalistische, postfeministische und postdemokratische Leere in den Gesellschafts\u2011, Sozial- und Geisteswissenschaften f\u00fchrt dazu, dass die Shoa ein \u00abVerbrechen\u00bb unter \u00abWeissen\u00bb und islamofaschistische Massenm\u00f6rder die Befreier sind. Haben deshalb die USA Afghanistan vorletztes Jahr so \u00fcberst\u00fcrzt verlassen? Weil sie den \u00abBefreiern\u00bb nicht mehr im Weg stehen wollten? Der am 7. Oktober 2023 in unseren St\u00e4dten gewachsene islamofaschistische Mob ist das Resultat jahrelanger islamofaschistischer Toleranz inmitten unserer Gesellschaften. Sie sind auch das Resultat neoliberaler, privatisierter Klickregimes, denen egal ist, ob die Klicks von gest\u00f6rten Kindervergewaltigern oder von um Aufkl\u00e4rung bem\u00fchten Politologinnen erfolgen.  Algorithmen transportieren keine Information, sondern reine Emotion: je mehr davon, desto mehr Klicks.<\/p>\n<p>2023 sollte Adania Shibli f\u00fcr ihren Roman \u00abEine Nebensache\u00bb in Frankfurt am Main ausgezeichnet werden. Der Roman behandelt eine wahre Geschichte aus dem Jahr 1949 und zeichnet sich durch antisemitische Stereotype aus. Warum einen derartigen Roman auszeichnen? Die Sprache kann es nicht sein, glauben Sie mir: Er ist literarisch unterirdisch schlecht. Also muss es die Ideologie im Buch sein, aber why? Seit wann gehorchen Literaturpreise vor allem antisemitischen und nicht mehr literarischen Regeln?<\/p>\n<p>Unsere Demokratien wurden auf dem Massengrab der vernichteten europ\u00e4ischen Juden und J\u00fcdinnen errichtet. Als Westkind erlebte ich Jahrzehnte j\u00fcdischer Versionen und Visionen demokratischer Partizipation, den Wohlfahrtsstaat, den Feminismus, die kulturelle Avantgarde. Und die sollen mir nun von Islamofaschisten, einer links- und rechtsradikalen Mob- und Klickgesellschaft wieder genommen werden? Unter der lauten Mitt\u00e4terschaft von Medien, Universit\u00e4ten und Kulturinstitutionen?<\/p>\n<p>Nein, nein und tausendmal nein. Das sind wir alle nicht zuletzt Simone Veil schuldig. Die sch\u00f6ne Europ\u00e4erin geh\u00f6rte zur franz\u00f6sischen Intelligenz, viel mehr, als dies Jean-Paul Sartre je gekonnt h\u00e4tte. Sie \u00fcberlebte Auschwitz und den Todesmarsch nur knapp, sie war die Retterin der algerischen Gefangenen, indem sie das franz\u00f6sische Justiz- und Rechtssystem demokratisierte. Sie trieb die europ\u00e4ische Einigung voran, sie beendete die Hinterhof-Abtreibungen f\u00fcr franz\u00f6sische Frauen, sie ist DIE EUROP\u00c4ISCHE HELDIN von uns allen: ohne Simone Veil kein Europa, keinen Frieden und keine Menschlichkeit. Sie musste vom Innenminister 1974 h\u00f6ren, als sie sich f\u00fcr das Pariser B\u00fcrgermeisteramt interessierte: \u00abParis gibt sich keiner Frau hin \u2013 und noch weniger einer Israelitin.\u00bb 1979 wurde sie die erste Pr\u00e4sidentin des Europaparlaments, aber ihre ersch\u00fctternd gute Biografie, literarisch umwerfend poetisch, kam erst 2007 heraus: Sie musste fast 82 Jahre alt werden, um \u00fcber das Erlebte schreiben zu k\u00f6nnen. \u00abUnd dennoch leben\u00bb heisst das Werk, das auf Deutsch 2009 im Aufbau-Verlag erschienen ist und bis heute auf breite Rezeption wartet. Deshalb hier zum Schluss eine warme Empfehlung daf\u00fcr. Und was die Stadt der St\u00e4dte \u2013 Wien \u2013 betrifft: Lasst sie uns aus getr\u00e4umten, zerst\u00f6rten und neu getr\u00e4umten Ideen der Wiener J\u00fcdinnen wieder aufleben. Diese demokratischen Gebaut- und Geworfenheiten, die uns trotz Zerst\u00f6rung weitertragen in Strassennamen, Sprichw\u00f6rtern, im Tonfall der Sprache.<\/p>\n<p>Maria Lazar: Leben verboten!<br \/>\nBtb-Verlag.<\/p>\n<p>Simone Veil: Und dennoch leben: Die Autobiografie der grossen Europ\u00e4erin<br \/>\nAufbau-Verlag.<br \/>\n <a href=\"https:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=10623\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":10624,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_s2mail":"","footnotes":""},"categories":[7051,8794,6579,5685,5682,5684],"tags":[9337,8389,9334,9315,9335,9333,9327,9326,9332,9328,9336,9325,9329,9331,9330,8840,9323,9324],"class_list":["post-10623","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artisapieceofcake","category-demokratie","category-diepodcastin","category-ad-personam","category-literaturblog","category-politik-philosophie-design-it","tag-7october23","tag-abtreibung","tag-antifeminismus-2","tag-bringthemhomenow","tag-dasgrosseschweigen","tag-frauen-antisemitismus","tag-islamofaschisten","tag-juedisch","tag-juedischestadt","tag-kulturbetrieb","tag-ohnmaechtigesschweigen","tag-radikal","tag-stadt","tag-staedte","tag-urbanismus","tag-wien-2","tag-leben-verboten-oder-und-dennoch-leben-radikalsaekulare-juedische-frauenliteratur-damals-und-heute-von-regula-staempfli-fuer-ensuite-magazin-fuer-kunst-und-kultur-print-literatu","tag-simone-veil-einlebenfuereuropa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10623","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10623"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10623\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10626,"href":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10623\/revisions\/10626"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10624"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10623"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10623"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10623"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}