{"id":10489,"date":"2023-12-14T14:18:52","date_gmt":"2023-12-14T12:18:52","guid":{"rendered":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=10489"},"modified":"2023-12-14T14:18:53","modified_gmt":"2023-12-14T12:18:53","slug":"erika-freemans-jahrhundertleben-zauberhaft-in-dirk-stermanns-buch-im-foto-erika-freeman-und-regula-staempfli-die-dem-zauberhaften-impressario-des-cafe-korbs-franz-schubert-fuer-dieses-treffen-un","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/regulastaempfli.eu\/?p=10489","title":{"rendered":"Erika Freemans Jahrhundertleben &#8211; zauberhaft in Dirk Stermanns Buch. Im Foto Erika Freeman und Regula St\u00e4mpfli, die dem zauberhaften Impressario des Caf\u00e9 Korbs, Franz Schubert, f\u00fcr dieses Treffen und \u00fcberhaupt alles dankt. Das Jahrhundertleben ist DAS Weihnachtsgeschenk f\u00fcr 2023. Und: Chanukka 2023  &#8211; chag urim sameach."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Dieser Essay ist Franz Schubert gewidment. Ohne ihn und das Caf\u00e9 Korb w\u00e4re ich nie nach Wien gekommen. Ich bin ihm und dem sch\u00f6nsten Caf\u00e9 in Wien ewig verbunden.<\/em><\/strong>  Hier der Link zum Onlinetext: <a href=\"https:\/\/www.ensuite.ch\/nie-wieder-ist-jetzt-erika-freemans-jahrhundertleben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.ensuite.ch\/nie-wieder-ist-jetzt-erika-freemans-jahrhundertleben\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-wp-embed is-provider-ensuite-zeitschrift-zu-kultur-amp-kunst wp-block-embed-ensuite-zeitschrift-zu-kultur-amp-kunst\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"gacNnRV45S\"><a href=\"https:\/\/www.ensuite.ch\/nie-wieder-ist-jetzt-erika-freemans-jahrhundertleben\/\">Nie wieder ist jetzt! Erika Freemans Jahrhundertleben<\/a><\/blockquote><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#171;Nie wieder ist jetzt! Erika Freemans Jahrhundertleben&#187; &#8212; ensuite - Zeitschrift zu Kultur &amp; Kunst\" src=\"https:\/\/www.ensuite.ch\/nie-wieder-ist-jetzt-erika-freemans-jahrhundertleben\/embed\/#?secret=fyQhIFCV3v#?secret=gacNnRV45S\" data-secret=\"gacNnRV45S\" width=\"584\" height=\"329\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Von Dr. Regula St\u00e4mpfli \u2014 \u00abMir geht\u2019s gut, wenn nicht heute, dann morgen.\u00bb Erika Freemans Optimismus macht Lust auf viele j\u00fcdisch-westlich-amerikanische Zuk\u00fcnfte. Nun ist ein wunderbar leichtes Buch mit grossem Tiefgang erschienen \u00fcber eine, die von sich selbst sagt, sie sei die \u00abEnkelin Freuds\u00bb.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kombination \u00abalte Frau mit jungem Mann\u00bb ist eine charmante Zusammensetzung. Sie ist viel fruchtbarer als der bekannte Gegenpart \u00abalter Mann mit junger Frau\u00bb. Der fast 60-j\u00e4hrige Dirk Stermann, seines Zeichens bekannter ORF-Moderator (\u00abWillkommen \u00d6sterreich\u00bb), geb\u00fcrtiger Deutscher, und die mittlerweile 96-j\u00e4hrige Psychoanalytikerin Erika Freeman haben zusammen ein Buch gemacht, das unter jeden Weihnachtsbaum geh\u00f6rt. Die Mittwochsgespr\u00e4che der beiden im Hotel Imperial in Wien verbinden unterschiedliche Zeitebenen und sind hochaktuell. Es geht einerseits um die Lebenserinnerungen der grossen US-amerikanischen Psychoanalytikerin und Entertainerin sowie um Wien, Israel und die USA heute. Es geht auch um die Storys dieser R\u00e4ume, die ohne j\u00fcdische Menschen dem Untergang geweiht sind. Die Nazi- und die Sowjetherrschaft \u00fcber Europa haben Leerstellen verursacht, die bis heute schmerzen. Erinnern wir uns hier deshalb nur an ein paar Frauen, die Wien verlassen mussten und, w\u00e4ren die verdammten \u00d6sterreicher damals nicht Nazis geworden, ganz Europa h\u00e4tten mitver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Und zwar so, dass wir 2023 nicht wieder in dem braunen, linksextremen, antisemitischen Sud in unseren westlichen Grossst\u00e4dten zu ersaufen drohten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da w\u00e4ren Maria Austria, geborene Marie Karoline \u00d6streicher, DIE Avantgarde-Mode- und Portr\u00e4tfotografin, Lotte Lenya, die umwerfende Kurt-Weill-Interpretin, Hedy Lamarr, Filmstar, Erfinderin von Funksteuerungen etc., Trude Fleischmann, eine weitere Portr\u00e4tfotografin der Moderne, und Vally Wieselthier, die Keramikk\u00fcnstlerin der Wiener Werkst\u00e4tten, um nur einige zu nennen. Sie waren J\u00fcdinnen, Intellektuelle, Weltmenschen, in Wien geboren und wurden mit Gewalt aus ihrer Heimatstadt vertrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses \u00abvertrieben\u00bb klingt im Jahr 2023 nicht nach der Gewalt, die dieser Begriff real verk\u00f6rpert. Mit diesen Frauen h\u00f6rten die Wesen, die K\u00f6rper, die Dinge, die Palais, die sie bewohnten, die Schulen, die sie besuchten, die Institutionen, die sie erfanden, von denen sie Teil waren, und die Zukunft f\u00fcr alle Frauen ihrer Art auf. Die Zerst\u00f6rung des europ\u00e4ischen Judentums zieht bis heute Leerstellen nach sich und neu auch blutige Spuren durch die fehlgeleiteten Massen, die unsere Demokratien mit Demonstrationen zerst\u00f6ren, indem sie entsetzliche antisemitische Slogans schreien. Diese Fratzen und Fahnen \u00e4hneln so sehr dem Damals, dass das Heute f\u00fcr mich in deutschen St\u00e4dten fast unertr\u00e4glich geworden ist. \u00abVor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher\u00bb, meinte einmal Hannah Arendt, und selbst da ist schon ein Elon Musk.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb ist \u00abnie wieder\u00bb genau \u00abjetzt\u00bb! Dazu passt das Buch \u00fcber das Jahrhundertleben von Erika Freeman perfekt. Wie wohltuend der Titel: \u00abMir geht\u2019s gut, wenn nicht heute, dann morgen\u00bb. Ich las die fast 250 Seiten im sch\u00f6nsten Caf\u00e9 Wiens, im Caf\u00e9 Korb. Zwischendurch schaute dessen Impresario, der grosse Franz Schubert, vorbei, ein Herz von einem Menschen, ein wundersch\u00f6ner Mann. Diesem ist es \u00fcbrigens zu verdanken, dass wir alle von Erika Freeman h\u00f6ren. Denn es war Franz Schubert, der Erika Freeman ins Radio, ins TV und jetzt auch in den \u00abSpiegel\u00bb brachte; er stellte sicher, dass nicht wieder eine grosse Wienerin von den Wienern erst dann verehrt wird, wenn sie sich tot nicht mehr gegen die Vereinnahmung wehren kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erika Freeman wurde 1927 als Erika Polesiuk in Wien als Tochter einer Lehrerin und eines Arztes geboren, machte in den USA eine unglaubliche Karriere, die die Staatengr\u00fcndung Israels, die Verbreitung von Sigmund Freuds Psychoanalyse in den USA sowie die amerikanische Entertainmentindustrie umfasste. Nach Wien kam Erika Freeman wie alle Exilwiener nach dem Zweiten Weltkrieg zun\u00e4chst gar nicht gerne zur\u00fcck. Und 1961, das erste Mal wieder in der Geburtsstadt, wurde Erika Freeman von einem Sternehotel r\u00fcde wieder auf die Strasse gesetzt. Doch 2019 fand sie in Wien eine neue Heimat. Sie traf an einer Veranstaltung, an der sie geehrt wurde \u2013 \u00abThey tried to kill me, now they decorate me!\u00bb \u2013, Franz Schubert, zog ins Hotel Imperial in Wien und blieb in der wieder erbl\u00fchten sch\u00f6nsten Stadt Europas. Diese \u00abRache an Hitler\u00bb geht sich gut aus im Hotel Imperial; Dr. Freeman wird dort wie eine K\u00f6nigin behandelt, und das ist richtig so: \u00abHitler war nur ein einziges Mal im Imperial. Ich wohne hier.\u00bb Erika Freeman \u00fcberlebte den gescheiterten Postkartenmaler aus \u00d6sterreich, selbst ihr Vater konnte den Nazi-Schergen entkommen. Erikas Mutter hingegen \u00fcberlebte die Verfolgung zwar bis fast zum Kriegsende, doch am schrecklichen 12. M\u00e4rz 1945 verbrannte sie in einem Wohnblock nur wenige Minuten vom Hotel Imperial entfernt; er wurde von den Bomben der Alliierten in Brand gesetzt. Davon erfuhr Erika Freeman gl\u00fccklicherweise erst viel sp\u00e4ter und sie trauert bis heute: \u00abIch verstehe den lieben Herrgott nicht.\u00bb Es ist so kurz vor dem Ende, und dann stirbt die Mutter ausgerechnet ob der Bomben der Befreier.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schnitt in die Gegenwart: Freeman hat Familie in Israel, und der 7. Oktober hat alles ver\u00e4ndert, was an Zuversicht und Sicherheit in Israel war. Auch Freemans Familie musste vor Bomben und Hamas-Terror nach Haifa und Tel Aviv fl\u00fcchten, um sich in Sicherheit zu bringen. Erika Freeman meint dazu trocken: \u00abEvery war could be Vernichtung sein f\u00fcr die Juden.\u00bb Sie sagt dies in ihrer einzigartigen amerikanisch-wienerischen Mischung, mit Idiom und Schalk und Trauer, die unvergleichlich sind. Weiter meint sie gegen\u00fcber dem \u00abSpiegel\u00bb, der unbedingt \u00fcber Aktualit\u00e4t reden will: \u00abJudenhass ist eine Krankheit wie Krebs\u00bb, doch sie wirft sofort hinterher: \u00abSorgen mache ich mir keine. Es macht dich nur schwach und dumm.\u00bb<br>\u00dcber Schnittlauchbrot, einem Ei im Glas, einem Joghurt nature \u00abmit gerissenem Apfel und Himbeeren\u00bb, der obligaten Melange und einer kleinen Tasse voller Kaffee treffen sich in Wirklichkeit und Buch der junge Herr Stermann, auch bald 60 Jahre alt, und die ewig junge Erika Freeman im besagten Imperial. \u00abBe nice to yourself. You are entitled. Du hast das Recht dazu. Write yourself little Zettel how good you are and put them in your pockets\u00bb, r\u00e4t sie ihren Mitmenschen und ihren Patientinnen und Patienten, die sie immer noch online oder in einer der Residenzs\u00e4le des Imperial direkt behandelt. Dr. Freeman \u2013 sie mag ihren Titel, denn \u00abFrau Freeman\u00bb sei ihre Schwiegermutter gewesen \u2013 ist nicht nur selber ber\u00fchmt, sondern hat auch illustre Verwandtschaft. Dazu geh\u00f6ren Israel Ben Elieser, der Gr\u00fcnder der chassidischen Bewegung, und Ruth Kl\u00fcger-Aliav. Letztere wurde 1910 in Kiew geboren, war ukranisch-israelische Zionistin, begr\u00fcndete im Jahr 1939 den israelischen Geheimdienst Mossad mit und organisierte die Flucht Tausender bedrohter europ\u00e4ischer Juden. Ruth Kl\u00fcger-Aliav ist die Schwester von Erika Freemans Mutter, die ihrerseits die Vorlage abgibt f\u00fcr den Roman und den Film \u00abYentl\u00bb, also die wahre Geschichte einer Frau, die lesen, schreiben und leben will, wie die orthodoxen M\u00e4nner dies d\u00fcrfen. Frauen spielen die Hauptrolle in Erika Freemans Leben: Barbra Streisand, Hillary Clinton, Lauren Bacall, Ana\u00efs Nin, Elizabeth Taylor und viele andere mehr. \u00abWir waren Schneeflocken, die die Frauenbewegung weltweit zur Lawine machten.\u00bb Die M\u00e4nner, well, das waren Paul Newman, Woody Allen, Marlon Brando u.&nbsp;a., doch \u00fcber Patienten spricht sie eigentlich nie; die Namen sind alle durch die Prominenten selber bekannt geworden. Dr. Freeman war in den USA im Radio zu h\u00f6ren, im Fernsehen dauerpr\u00e4sent \u2013 Arbeit h\u00e4lt sie bis heute am Leben. Ihr Motto? Sie verbannt alles Negative aus ihrem Leben: \u00abEs zahlt sich nicht aus. Es macht krank. Es ist ansteckend. Also steck lieber mit Gesundheit an, nicht mit Krankheit.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Traurig bleibt indessen Erika Freemans Beziehung zur Mutter. Die zw\u00f6lfj\u00e4hrige Erika reiste allein \u00fcber Amsterdam nach New York und schrieb ihrer Mutter kein einziges Mal. Weshalb? Weil sie sich weggeschickt gef\u00fchlt habe. Dieses zw\u00f6lfj\u00e4hrige Kind, das wie alle Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen ungerecht und trotzig bleibt und dessen Gef\u00fchl die T\u00fcre zur Liebe der Mutter so verschlossen hat, dass die Tochter der Mutter nie sagen konnte, wie sehr sie sie doch verehrt hatte. Das ist das Einzige, was sich Erika Freeman nicht verzeihen kann. Daf\u00fcr traf Erika Freeman durch einen unglaublichen Zufall \u2013 vielleicht sollte man den Herrgott nicht verstehen, sondern ihr (!) nur danken \u2013 ihren Vater. Dieser war ausgerechnet am h\u00f6chsten j\u00fcdischen Feiertag, an Jom Kippur, am Broadway und rannte in seinen Bruder hinein \u2013 mehr Schicksal ist nicht m\u00f6glich. Zwei totgeglaubte Juden sehen sich auf dem Broadway in New York: auf der Strasse, weil beide nicht in der Synagoge sind. Seitdem, so Erika Freeman, ist das Unm\u00f6gliche nie mehr unm\u00f6glich oder, wie ich dieses Buch lese: Es ist h\u00f6chste Zeit f\u00fcr Wunder \u2013 glauben wir nicht an diese, sondern machen wir sie doch, und zwar lieber heute als morgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dirk Stermann. Mir geht\u2019s gut, wenn nicht heute, dann morgen. Erika Freeman. Ein Jahrhundertleben, Rowohlt 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Essay ist Franz Schubert gewidment. Ohne ihn und das Caf\u00e9 Korb w\u00e4re ich nie nach Wien gekommen. Ich bin ihm und dem sch\u00f6nsten Caf\u00e9 in Wien ewig verbunden. 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