Regula Staempfli über den Tod der grossen Toni Morrison (Ausschnitt eines Artikels aus dem Jahre 2009 im Kolumnenbuch: Aussen Prada – innen leer? Ein philosophisches Kaleidoskop, Bruxelles. Gleichzeitig ein Kommentar zum Trend Hashtag #dichterdran

Auszug aus „Aussen Prada – Innen leer.“ Ein philosophisches Kaleidoskop

Die Zeit (2/2019): „Frau Mirren, es heisst, Sie lassen sich lieber von Männern interviewen. Stimmt das?“

Hellen Mirren: „Oh, das dürfen Sie nicht persönlich nehmen! Ich habe das auf britische Journalistinnen bezogen, die können wirklich gemein sein, richtig neidische Zicken, die wollen, dass Du Dich schlecht fühlst. Die britischen Medien sind ja für ihren scharfen Ton bekannt. Das Problem ist, dass mir mein Instinkt erst mal rät, Frauen mehr zu vertrauen als Männern, ich bin offener mit ihnen. Aber Frauen sind eben wirklich gut darin, sich freundlich zu geben. Nachher liest Du dann, was die Frau über Dich geschrieben hat, und denkst, oh Gott, ich dachte, sie mochte mich!“

Die Torturen, denen der moderne Journalismus seine sogenannten Prominenten, insbesondere Expertinnen, Schriftstellerinnen, Künstlerinnen sind seit Jahren bekannt. 2019 endlich wird die Kritik zum TWITTER-TREND #dichterdran . Unter diesem Hashtag werden amüsante Kritiken veröffentlicht, die in einer Welt, in welcher Frauen über männliche Autoren wie Männer über weibliche Schriftstellerinnen schreiben könnten, gang und gäbe wären. Regula Stämpfli tweetet: “ Dem Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss gelingt es, sehr unüblich für einen Hausmann, den Kampf um Identität und Selbstfindung auch politisch zu deuten. Dass er indessen als Autor so bekannt wurde, hat er sicherlich auch seinem sehr angenehmen Äusseren und seinem gepflegten Auftritt zu verdanken. Dazu kommt, dass er trotz seiner 48 Jahre und mitten in der Andropause auch heute noch sehr jugendlich und attraktiv wirkt.“ 

Regula Stämpfli wurde, als sie die Vermessung der Welt durch Algorithmen öffentlich zu analysieren und kritisieren begann (ab 2003) gefragt, ob sie eitel sei. Und wie sie es mit dem starken Geschlecht so halten würde. Oder ob sie sich als Frau in ihrer Haut mit solch harten Themen gut fühlen könne. Ihre Antworten lauteten: „Eitel? Selbstverständlich. Ich hoffe, das sieht mann doch.“ „Starkes Geschlecht? Finde ich Klasse, schliesslich gehöre ich dazu.“ „Wie ich mich als Frau fühle? Hervorragend. Schliesslich habe ich noch nichts besseres probiert.“

Über die grosse Toni Morrison, Literatur-Nobelpreisträgerin, Intellektuelle und Aktivistin schrieben die Zeitschriften so Sätze wie (DIE ZEIT, 8.10.2009): „Als sie sitzt, eine Zigarette anzündet und mit gespannter Konzentration auf die Fragen wartet, strahlt sie Jugendlichkeit aus und lässige Souveränität.“ 

Eine Autorin, die mit ihren Worten die Welt verändert, muss selbst nach dem Literatur-Nobelpreis „Jugendlichkeit“ ausstrahlen und „Souveränität“. Das meistgeschriebene Wort zu grossen Sachbuchautorinnen und Literatinnen ist „unverbissen“, „sachlich“, „analytisch“ und wieder und wieder mit Erstaunen verbunden. 

Toni Morrison gab uns allen ein Morgen ( Sharon Dodua Otoo, 7.8.2019 TAZ). Sie ist gestorben, ihre Worte werden ewig bleiben. 

#dichterdran: So schreiben über Autoren, wie sonst Männer über Autorinnen schreiben (oder angepasste Frauen, deren es viel zu viele gibt…). 

BILDQUELLE: AUGUST WREN VIA FACEBOOK

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