Regula Stämpfli über Souveränität, Ausnahmezustand & Trumpism anlässlich des Todes von Ruth Bader Ginsburg, 9/2020

Regula Stämpfli über Souveränität, Ausnahmezustand & Trumpism, 28.9.2020

Das politische Denken der jüdischen Theoretikerin Hannah Arendt prägt mein Werk des 21. Jahrhunderts. In meiner, Ende 2018 veröffentlichten Theorie:  „Trumpism. Ein Phänomen verändert die Welt“, definiere ich u.a. codebasierte Narrative und deren politische Wirkung. „Twittercodes“ sind nicht nur neue Kommunikationsformen, sondern entsprechen in ihrer Programmierung einer Neuauflage des  NS-Kronjuristen, Staatsrechtlers (bis heute gelehrt und verehrt) Carl Schmitt . Dieser definierte fälschlicherweise Politik als „Identität zwischen Regierenden und Regierten“, den Slogan aller Rechtsextremen und Rechtspopulisten. Die Story-Maschine Twitter und der alte Staatsrechtler definieren darüber hinaus, alle menschlichen und politischen Zustände als „Souveränität“ eines maschinen- oder historisch antisemitischen mörderisch-getriebenen Narratives eines „Ausnahmezustandes“. Je stärker die Ausnahme, umso übler der Trend. buchcover hannah arendtTwitter puscht mit Codes, Bots, Hyperlinks, Hashtags ständig emotionale Aussergewöhnlichkeit, transformiert politische Debatten in Biopolitiken und produziert permanente kommunikative Revolution. Tweets sind nichts anderes als Onlinedekrete, die gewiefte Politiker wie staatsrechtliche Waffen einsetzen. Mittels Empörungsbewirtschaftung lenken sie so die unterdotierten Medien von den wirklich relevanten Themen ab. „Trumpism“ ist in meinem Werk nur bedingt mit der Person des gleichen Namens, dafür umso mehr mit den medienspezifischen Wirkungen desselben verknüpft. 

Während sich auf Twitter links und rechts erbittert bekämpfen – die Linken gerne auch selbstmörderisch und in bekannter Tradition die eigenen Reihen säubernd – konzentrierten sich die Schergen der Macht auf das Wesentliche. Von Barack Obama und seinen Supportern völlig übersehen, gelang es Mitch McConnell, dem Senatsleader der Republikaner, die entscheidenden Stellen in den Bundesgerichten mit Antidemokraten, Konservativen, Sektenführer, White Supremacists, respektive den diesen Kräften sehr freundlich gegenüberstehenden Juristen und Juristinnen, zu besetzen. Über 200 derartige Richter sind unter Trump auf Lebenszeit bestätigt worden. Trumpism bedeutet eben nicht nur die Öffnung für Grabscher, vulgäre, unaufrichtige, nihilistische und rassistische Politik, sondern die Machtergreifung durch den Marsch der Institutionen. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil Männer Männer zitieren und damit die wesentlichen Sachbücher von Frauen verpassen und sie, wenn überhaupt, erst Jahrzehnte nach deren Tod ergriffen rezipieren, interpretieren und im Falle von Hannah Arendt darüber hinaus gerne verkitschen, wie dies in der Ausstellung in Berlin der Fall ist. Hätte mann nur mal Martha Nussbaum, Naomi Klein und auch meine Schriften gelesen, sauber zitiert und verstanden, mann wäre nicht nur punkto Narrativ, sondern auch punkto Demokratie viel weiter als dies leider im September 2020 der Fall ist.