Regula Stämpfli über „Corona und die Propheten“: Medienkritik

Corona und die Propheten

Zukunftsforscher reden sich den Mund fusselig über die Auswirkungen von Corona. Regula Stämpfli hat einige Statements prominenter Männer gesammelt und kommentiert.

Meine Lieblingszitate über die Zukunft stammen von Karl Valentin: „Früher war die Zukunft auch besser“ und von Mark Twain: „Voraussagen soll man unbedingt vermeiden, besonders solche über die Zukunft“. Trotzdem sind selbst kafkaeske Männerpropheten in vielen Medien sehr beliebt.

Die Wellness-Prognose par excellence stammt von Matthias Horx, dessen Text in den sozialen Medien massenhaft geliked und geteilt wird. Zur Erinnerung: 2001 machte Horx mit „Internet wird doch kein Massenmedium“ Schlagzeilen. „Im Gegensatz zum einfachen Telefon oder einem Radio mit drei Knöpfen ist das www mehr denn je eine kompliziert zu bedienende Angelegenheit“ (General-Anzeiger, Bonn 4.3.1001). Seine Corona-Rückwärtsprognose dieser Tage: Die sozialen Verzichte würden zu „neuen Möglichkeitsräumen“ führen: Ähnlich dem „Intervallfasten“, wo das Essen nach 16stündiger Pause auch wieder besser schmecke. Ebenso werde die gesellschaftliche Höflichkeit nach Corona ansteigen und die Netzkommunikation werde sich nicht nach „Erreichbarkeit“, sondern an „Wirklichkeit“ orientieren, was immer dies auch heissen mag. Sehr süss auch die Prognose, dass sich die politische Korrektheit in Luft auflösen wird. So als ob Rassimus, Sexismus, Diskriminierung von Corona getroffen wie von selbst dahinsiechen würden. „System reset. Cool down! Musik auf den Balkonen! So geht Zukunft“ endet Horx optimistisch.

Der Co-Chef der deutschen Grünen, Robert Habeck, macht den Mann fürs Grobe: Corona transformiert den Schriftsteller in einen Untergangspropheten. „Ökonomisch droht es, noch dramatischer zu werden als die Finanzkrise 2008/2009.“ Der Politiker plädiert für alte sozialdemokratische Intervention: „Nach der Phase des Stillstands werden wir dann ein Rieseninvestitionspaket an den Start bringen müssen.“ Politisch ist er noch pessimistischer: „Es kann sein, dass wir im Stress der Krise unsolidarisch und egoistisch werden und ins Nationale verfallen.“ Weiter: „Es kann sein, dass Populismus und neuer Nationalismus gestärkt aus der Krise hervorgehen“ – quelle horreur!

Gut gibt es die NZZ am Sonntag und Sicherheitsexperten Theodor Winkler. Der behauptet nämlich das Gegenteil: „Populisten werden jetzt entlarvt, da sie keine Antworten haben“. Sein Rezept gegen Corona ist sein Buch aus dem Jahre 2017: „The Dark Side of Globalization. And How to Cope with It“, sprich: Zurück zu Nation, Bürgertum und heile Welt. Naja.

„Das Magazin“ färbt die Zukunft rosa: Ausgerechnet der ehemalige SRG-Direktor Roger de Weck meldet mit einem feministischen Werk zurück: „Der verlorene Kampf des mannhaften“ (Schreibweise im Original). De Weck posaunt das Ende aller „Reaktionären“ und den Sieg des Feminismus: „Die Parität kommt voran, wenn auch in verschiedenen Geschwindigkeiten je nach Land und Gesellschaft – und der Teenager Greta Thunberg verkörpert diese neue Selbstverständlichkeit. Die Reaktionäre scheitern zum Glück in ihrem Kampf gegen Gleichstellung. Wobei sie zu langsam scheitern.“ De Wecks Worte in Gendergöttins Ohr.

Auch Rutger Bregman, der von den Journalisten zum „wichtigsten jungen Denker“ ausgerufen wird, obwohl er punkto Ökonomie nur das zusammenfasst was die feministischen Ökonominnen zur Care-Wirtschaft schon längst festgestellt haben, meint, Corona werde „das Gute“ in den Menschen hervorrufen. (SZ 21./22. März 2020) Schliesslich bewiesen schon die Höhlenmalereien der Steinzeitmenschen, wie friedfertig sie sein können und wie schrecklich im Vergleich dazu die meisten Zivilisationen der Geschichte waren. Wenn es uns also gelingt, das Home-Office in eine Höhle aus der Zeit der Nomadenkulturen umzuwandeln, verwandelt sich das Virus schwuppdiwupp in eine: „Utopie für Realisten“… oder so.

download*Fazit: Spekulationen zu Post-Corona (wie alles eigentlich) verbreitet wie üblich Phantasmata alter und junger Männer, die die wichtigste weibliche Erkenntnis, dass Biologie ohne Politik nie zu haben ist, völlig verdrängen. Denn die neuen Viren der Moderne (HIV, Ebola, Sars, Mers, Corona et al) haben ihren Ursprung alle bei Tieren und den jeweiligen Gesellschaften. Wie und ob wir diese beiden Bereiche in Zeiten der Globalisierung bewältigen wird nun die Zukunft weisen.

copyright laStaempfli 26.3.2020