Klein Report: Mutige Journalistinnen& das grösste Gefängnis für Journalisten

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Der diesjährige «Raif Badawi Award» der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ging an das Flüchtlingsprogramm des «Dange NWE»-Radio aus Hlabja in Irak. Das Radio startete 2005 als Frauen- und Jugendradio.

Die Preisträgerinnen arbeiten unter den härtesten Bedingungen für eine bessere, demokratische Welt. Gegen alle Bedrohungen hören sie nicht auf, Frauen und Flüchtenden eine Stimme zu geben. Das Radio ermöglicht Frauen und Jugendlichen finanzielle Unabhängigkeit und fördert den Kampf gegen Unterdrückung. Gleichzeitig tragen die Beiträge zur Verständigung zwischen unterschiedlichen Religionen und Ethnien bei: Von Flüchtlingen zu Flüchtlingen wird berichtet und erklärt. Ganz grossartig und enorm schade, dass darüber in den Schweizer Medien kaum berichtet wird. Regula Stämpfli war an der Frankfurter Buchmesse an der Preisverleihung dabei und berichtet Klein Report.

Laudator der Veranstaltung war Can Dündar, der engagierte ehemalige Chefredaktor von «Cumhuriyet». Der Mann, der schon vor einem Jahr von Erdogan ins Gefängnis geworfen wurde, weil er und sein Kollege Erdem Gül die Exporte des türkischen Autokraten an die syrische Rebellen öffentlich gemacht hatte.

Die türkischen Verfassungsrichter sahen in der Festnahme von Dündar und Gül jedoch einen Übergriff des Staates und so kamen die Journalisten frei – ein Glück des Schicksals. Denn seit dem Ausnahmezustand werden massenweise Richter entlassen, die dem türkischen Autokraten mit Recht die Macht beschneiden.

Can Dündar kann nicht mehr in sein Land zurück, er lebt inkognito irgendwo in Deutschland (dessen Türken laut Medienberichten schockierenderweise zu über 90 Prozent Erdogan wählen). Dündar war nicht nur Lautador, sondern Überraschungsgast auf dem «Blauen Sofa» – was dem ZDF hoch angerechnet werden sollte, denn der Druck auf die deutschen Medien durch die türkische Regierung ist nicht zu unterschätzen.
Can Dündar ist ein ruhiger, besonnener Mensch mit klaren Worten: Die Türkei hat sich zm «grössten Gefängnis für Journlisten» gewandelt.

In einem Appell, der Alle erschauern liess, da die postmoderne Inszenierungen oft vergessen lassen, dass das, was vor unser aller Augen in der Türkei passiert, schliesslich auch uns treffen wird, plädierte Can Dündar für ein Engagement von uns allen, aber vor allem von Verlagen, Universitäten, Politikern.

Sie sollen die Inhaftierten besuchen, sie sollen berichten, sie sollen den Druck spüren, um ihn an die Türkei weiterzugeben. Wir brauchen einander: Alle, die für Demokratie, Säkulärismus, Vielfalt und Menschenrechte kämpfen. Höchste Zeit, die Medienschaffenden realisieren, wie notwendig die Solidarität über die Grenzen hinweg ist.

Die Türkei ist nur ein Schritt von unser aller Realität entfernt – dies sage ich nicht zuletzt mit Blick auf Ungarn, Polen und den Ausnahmezustand in Frankreich.

Bruce Springsteen – leider geheim

Aussen vor – tut immer weh. Dabei hätte Bruce Springsteen sicherlich gerne mit mir geredet, laach, so bilde ich es mir jedenfalls ein. Aber wieder einmal waren die Männerfans dieser grossen Seele an erster Stelle, denn ja klar: Auf Springsteen stehen Männer, u.a. auch solche, die nichts von dem haben, aber auch gar nichts, was Springsteen eben zum Menschen macht.

Seufz.

Es ist wie bei «Born in the USA» – 1984 brauchte Reagan den Song für seine Wahlkampagne. Dem neoliberalen Wegbereiter und Schauspieler waren die kritischen Worte egal und damals gab es noch keine Verbote für Rechtsextreme und Rechtspopulisten, die sich immer mehr tollen Songs bemächtigen, die das Gegenteil ihrer Politik ausmachen.

Dabei ist klar: Bruce Springsteen ist der Sohn seiner Mutter. Ohne sie wäre er nie das geworden, was er ist: Ein Mensch. Ein Songwriter, der ein Buch wie ein ganz grossartiges Album verfasst hat. Der seine Mutter ehrt und Frauen liebt. Genau die Voraussetzungen, die es braucht, um immens gross zu werden. Und gleichzeitig klein zu bleiben: in Demut vor sich selber, seiner eigenen Bedingtheit , der Liebe zu den Menschen und allem Lebendigen.

Springsteens kerniges Lachen lässt einen vergessen, dass er – an der Buchmesse für Auserwählte – den Satz für die Ewigkeit aussprach: „You have to earn transcendence in your music.“ Wow. Transzendenz durch Musik – das passt. Transzendenz durch Poesie? Auch. Transzendenz durch poetisch-politisches Handeln? Unbedingt.rs-227987-btr-700x1057-298x450

Can Dündar: Leben im Ausnahmezustand

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Bild während FBM: Blaues Sofa 19.10.2016

«Die Türkei ist das grösste Gefängnis für Journalisten» hielt Can Dündar fest. Ein überwältigend mutiger Schriftsteller und Journalist. Weil er über die Waffenlieferungen der türkischen Regierung an Extremisten in Syrien schrieb, wurde er letztes Jahr ins Gefängnis geworfen. Er hat Glück im Unglück gehabt, denn er kam frei . Doch er ist im Exil. Ein bitterer Zustand für einen Menschen, den die Türkei so sehr brauchen würde. Viele türkische Intellektuelle und Journalisten und Journalistinnen können nicht mehr zurück: Auch Eli Shafat meint, dass es gefährlich werden könnte, sollte sie im Land Erdogans rumreisen wollen. Bei Dündar war es sogar eine persönliche Vendettas Erdogans: Der türkische Staatschef stellte Strafanzeige, forderte lebenslange Haft und war Nebenkläger gegen Dündar und Erdem Gül, dem Ankara-Büroleiter von «Cumhuriyet.» Das türkische Verfassungsgericht befand die Inhaftierung der beiden Journalisten als unrechtmässig und sie kamen frei. Erdogan drohte den Richtern mit Konsequenzen, jetzt hat er sie dank Ermächtigungsgesetzen abgesetzt. «Lebenslang für die Wahrheit» ist ein spannendes, erschütterndes Buch. Es ist unsere Gegenwart. Während viele Menschen an Universitäten, in Literatursalons über die Gräuel, die Herrschaftspraxis des Dritten Reichs diskutieren und wieder und wieder geloben: «Nie wieder», passiert bei ähnlicher Situation in der Türkei, nichts. Gar nichts. Ausser die Opfer Erdogans, die sich organisieren und sich unter Todesdrohungen nicht zum Schweigen bringen lassen. Abertausende sitzen in türkischen Gefängnissen und Europa diskutiert eine mögliche Kanzlerkandidatur von Martin Schulz. Es ist dem ZDF und dem Blauen Sofa hoch, riesenhoch anzurechnen, dass sie Dündar eingeladen haben. Als Überraschungsgast, als Leiter einer Pressekonferenz, in der Dündar Brüssel, Berlin und Paris auffordert, sich endlich zu äussern. Sich für die Werte der Demokratie einzusetzen.

Stell Dir vor, Deine Nachbarn werden verhaftet und Du schweigst.» (RegulaStaempfli)

Europa&Islam

FBM Pressefoto Weltempfang 19.10.2016 Cohn Bendit und Eli Shafat

Der wichtigste Anlass war Mittwoch: 16.30 eine Diskussion mit Dr. Andreas Görgen, Boualem Sansal, Elif Shafak unter der Moderation von Daniel Cohn-Bendit. «Europa&Islam» – eine derartige Überschrift – ist im Ansatz völlig verkehrt und Kern der Probleme im Diskurs über Globalisierung, Migration und Nationalisierung. Dies stellte die zauberhafte, grossartige, inspirierende Feministin, Europäerin, Türkin, Poetin Elif Shafak gleich zu Beginn fest. Es gibt «den Islam» nicht, sondern Islamismen. Boualem Sansal, der Preisträger des Friedenspreises von 2011, der unter enorm schweren Umständen immer noch in Algerien lebt, konnte dies nur bestätigen. Leider nahm Daniel Cohn-Bendit diese Diskussion nicht auf – wie der Moderator überhaupt nicht auf die Aussagen seiner Gäste reagierte, sondern nur sein Konzept, seine Meinungen, seine Ansichten durchzog. Deshalb folgt hier noch ein längerer Bericht über die nachhaltigen Beiträge von Shafak, Sansal und dem ausserordentlich gescheiten Andreas Görgen, der die Kultur-und Bildungspolitik Deutschlands im Ausland konzipiert, leitet und umsichtig führt. Im Unterschied zu Daniel Cohn-Bendit hörte Görgen sehr genau zu, was die einzigartige Poetin und der beeindruckende Schriftsteller beitrugen. Görgen war auch klug genug, auf die Provokationen gegen die Regierung unter Bundeskanzlerin Merkel nicht einzugehen, sondern klar zu machen, welch wichtigen Job Deutschland auch in der Welt punkto Bildung und Kultur ausrichtet.

Philipp Blom über Zufälle: Blaues Sofa

«Bei Sturm am Meer» heisst der Roman des Historikers Philipp Blom. Den Autoren kenn ich als den besten Erzähler der Moderne. Seine zwei Bänden: «Der taumelnde Kontinent 1900 – 1914» und «Die zerrissenen Jahre 1918 – 1938» gehören zum besten, was ich jemals über diese Zeit gelesen habe und mind you, I have written a bloody 800page thesis on 1914 – 1945. Philipp Blom schreibt so genial, dass die persönliche Begegnung mit ihm enttäuschen muss: Wie immer, wenn Gedanken auf zwei Beinen daherkommen, da die Zwiesprache Leserin/Schriftstellende so farbig, fantasievoll, reich, lustig, nachdenklich ist wie kaum ein reales Gespräch (wenigstens empfinde ich dies meistens so, wenn ich mit Autoren und Autorinnen spreche). Der neue Roman von Philipp Blom hat mich nicht angesprochen: Es ist eine dieser Söhne-Väter-Geschichte mehr – reizvoll vielleicht dadurch, dass die Elterngeneration nun nicht Kriegstäter oder –opfer sind, sondern die 1968er Generation, deren Kampf, deren Marsch durch die Institutionen und deren Verrat all dessen, wofür sie einmal demonstriert haben. Mag sicher viele Männer ansprechen, die sich ja gerne um sich, ihre Vaterbeziehung und Geschichte kreisen – doch wie gesagt: Meine Lust bei Philipp Blom bleibt bei ihm als herausragender Historiker und Erzähler: Echt ganz, ganz, ganz gross und unbedingt die zwei Bände zur Vorkriegs- und Zwischenkriegszeit lesen.11204454_1262068470511786_4120377593698401866_n-600x450

David Hockney & die Fröhlichkeit der Kunst: Höhlenmalerei&Screen

David Hockney war der Eröffnungsstar und plädierte für Kultur, Buch, Kunst und Storytelling der ganz besonderen Art. Er war eigentlich das hoffnungsvolle Gegenprogramm meiner gestrigen Veranstaltung in Basel zum Rechtspopulismus: Munter, älter, kein bisschen weiser (da er schon immer klug war) und sehr fröhlich kam der britische Künstler in Frankfurt rüber. Zudem ist der zauberhafte Mann experimentierfreudig modern: Seit 2010 nutzt er das iPad als Leinwand. Farben, unendlich viele Möglichkeiten, Innovation, Fantasie – soooviel Kunst in Zahlenkombinationen, faszinierend. Der einzige Nachteil gemäss Hockney: «Es gibt keinen Widerstand mehr beim Malen» – also der Kampf mit Leinwand, langwieriges Farbenmischen und körperlicher Anstrengung fallen dahin.

PS: Diesen Bericht konnte ich dank dem hervorragenden Presseservice der Frankfurter Buchmesse verfassen, da ich an der Eröffnungsveranstaltung noch nicht anwesend war. Erstaunlich ist, dass man an der Buchmesse eigentlich gar nicht vor Ort sein müsste – soviel wird heutzutage übertragen, aufgezeichnet, nachgespielt, interpretiert und analysiert. Gemäss Precht könnte man auch fragen: Was ist die Buchmesse Frankfurt und wieviele? Mich beschleichen zwischendurch ziemlich irreale Gefühle, die zwischen Fiktion und Realität mäandern…

Frankfurt am Main, Hessen, Hesse, Deutschland, Germany. 18.10.2016 EROEFFNUNGS PRESSKONFERENZ MIT DR. JUERGEN BOOS UND HEINRICH RIERHMUELLER SOWIE KUENSTLER DAVID HOCKNEY Flandern und Niederlande sind die Ehrengaeste der Frankfurter Buchmesse 2016. Flanders and Netherlands are the Guest of Honour 2016 at the Frankfurt Book Fair

Aus: „Die Macht des richtigen Friseurs“: Nachdenken über Hannah Arendt

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Goethe gegen Goethe lesen – Zeitschrift für Kultur und Kunst

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