Regula Stämpfli über SIEGERKUNST (in Anlehung an Wolfgang Ullrich) anlässlich der verschobenen #ArtBasel 2020. Der Titel: „Kann man das scheissen oder soll man das kaufen?“ ist als Verneigung zu Piero Manzoni gedacht

Regula Stämpfli über SIEGERKUNST (in Anlehung an Wolfgang Ullrich) anlässlich der verschobenen #ArtBasel 2020. Der Titel: „Kann man das scheissen oder soll man das kaufen?“ ist als Verneigung zu Piero Manzoni gedacht

Im Juni 2020 hätte die Art Basel mit Glanz und Gloria steigen sollen. Sie wurde auf den 17.- 20. September 2020 verschoben. Anlass genug, um über die Börsenperformance von Kunstmessen nachzudenken.

Vierhundertfünfzigkommadrei Millionen Dollar kostete der Retter der Welt. Salvator Mundi inkarnierte im November 2017 Geld und Kunst wie kein anderes Gemälde vor ihm. Konnten sich Maler der Renaissance noch wehren, Michelangelo Buonarrotti düpierte mit der Sixtinischen Kapelle den Papst, würde sich heutzutage kein Galerist offensiv und für das Werk mit den Mächtigen anlegen. Die „Siegerkunst“ (Wolfgang Ullrich) bleibt auf Kurs: Pecunia non olet. Die schamlose Novemberaktion für einen ungesicherten Leonardo da Vinci übertraf alles Bisherige. Der Louvre von Abu Dhabi erklärte später, er wolle das Bild ausstellen. Gekauft wurde es von einem anonymen Bieter. Vermutet wird als Käufer laut „Der Spiegel“ Prinz Bader bin Abdullah bin Mohammed bin Farhan al-Saud aus Saudi-Arabien. Oh dear, ausgerechnet er! Ein Vertrauten des Kronprinzen Mohammed bin Salman, der, so die Gerüchte, auch mal gerne vor den Augen der Weltöffentlichkeit Regimegegner in fremden Botschaften zerstückeln lässt.

Die Reichen dieser Welt sind dermassen reich, dass nur Kunst sie noch aufwerten kann. Finden sie nämlich üblicherweise nichts, was ihrer enormen Kaufkraft entspricht, dann erfahren sie eine Impotenz ihres unermesslichen Vermögens, so der Kunstmarktkritiker Ullrich. Kunst ist Reinigungsikonografie für die grassierende globale Re-Feudalisierung und Versklavung der Welt und sie erfüllt ihren Job hervorragend. Ob Kunst tatsächlich einen Wert hat, kann zwar theoretisch in Frage gestellt werden, praktisch gehört Kunst seit Jahrhunderten zum Wertvollsten und Langlebigsten was der Kapitalismus zu bieten hat. Der „Tefaf Art Market Report“ weist Gewinnmargen im Kunstmarkt auf von der die Realwirtschaft nicht mal zu träumen vermag. Seit der Bankenkrise der Jahre 2008/09 ist klar: Die Regeln der Finanzwelt lassen sich eins zu eins auf den Kunsthandel übertragen. Nicht nur das: Kunst ist auch die perfekte Geldwaschanlage für organisiertes Verbrechen: Drogen, Menschenhandel und Bestechung von Staatsbeamten. Wer die bei den grossen Auktionshäusern beliebte Kunst kauft, der demonstriert: Ich scheiss auf Wert, sondern setze auf Spekulation.

Der Kunsthandel orientiert sich wie Facebook-Algorithmen nach statistischer Relevanz inklusive Korrelation von Medienberichten, Expertenmeinungen und Galerie-Propaganda. Es gibt dabei jedoch überraschende Momente, die einige Kunstmanager, sind sie denn clever genug, durchaus ausnutzen können. Gegenüber Aktien und Gold hat Kunst den Vorteil, langfristige Anlagen zu sichern. Nur so ist zu erklären, dass ein Hedgefonds-Manager Leon Black 2012 einen Munch für 119.9 Millionen Dollar in New York ersteigerte. Eric Clapton kann davon sprichwörtlich ein Lied singen. Er hatte irgendwann mal ein „Abstraktes Bild“ von Gerhard Richter – dem meiner Meinung nach meist überschätzten Maler überhaupt – für 3.4 Millionen Dollar gekauft und ein par Jahre später für sagenhafte 21.3 Millionen Pfund verkauft.

Der Kunsthandel ist manchmal auch reine Pornografie. Piero Manzoni liess seine eigene Künstlerscheisse in Dosen abpacken, je zu 30 Gramm, aufgewogen in purem Gold. Manzoni stellte auch farblose Bilder her. Die „Achromes“ sind zusammengenäht mit klinisch wirkenden Verbandsmaterial, Seide und anderen Stoffen. Der kapitalismuskritische Clown Manzoni wird mittlerweile auch zu Millionenpreisen gehandelt. Also nicht er, sondern sein nachkriegsavantgardistisches Werk. Einer seiner besten Ideen bestanden in Ballons, gefüllt aus seinem „Künstlerodem“. Auch seine signierten gekochten Eier, signiert mit einem Daumenabdruck wohlverstanden, wurden als Kunstwerke beim Galeriebesuch verspiesen. Die Designerin Juli Gudenhus konnte an Manzoni anknüpfen: Nicht bei der Scheisse, sondern beim Wisch und Weg. Sie präsentierte ihre Sammlung im Corona-Hype um ausverkauftes Klopapier. Schliesslich war Corona zu Beginn noch sehr erheiternd. „Mann mit Nudel sucht Frau mit Klopapier“ lautete eines der beliebten Memes. „Der an sich friedliche, ja simplizistische Hygieneartikel ist in pandemischen Zeiten zum komplexen Anlass für Sorge, Verzweiflung, Wut, Streit, Handschellen und asozial marktwirtschaftliches Verhalten mutiert.“ (SZ, 31.3.2020)

Kann man das scheissen oder soll man das kaufen? Solche banalen Fragen stellen sich  schon längst nicht mehr. Vor allem nicht bei einem toten Künstler, dessen Werk-Wert sich nach einem allfälligen Ableben verdoppelt. So rechnen übrigens auch Versicherungen. Jede tote Künstlerin ist doppelt soviel wert wie eine lebende.

 

Weshalb ist dem so? Wie im Medienmarkt schlägt die fehlende Kunstkritik auf der Kunstseite zu Buche. Museen und Grosssammler, die Super-Egos der Kunstbranche haben schon längst die Deutungshoheit für sich beansprucht. Kritiker wie bspw. Wolfgang Ullrich führen im Vergleich ein Nischendasein. Nur so lassen sich Nicht-Künstler wie Damien Hirst oder Jeff Koons erklären. Ohne Tate Modern wäre der versnobte Medien-Fake Hirst als einer unter Hunderttausenden Künstlern im Versicherungsgeschäft gelandet. Zur Ehrung von Hirst sei indessen anzufügen, dass sein „For the Love of God“ zur bisher bissigsten biokapitalistischen Kritik gehört. Schade nur, dass dies wenige erkennen. Jeff Koon hat, ausser einem sympathischen Wesen und schlechten Frauengeschmack nichts aufzuweisen. Koons Kunst ist nichts – ausser eben unfassbar teuer. Im Jahr 2013 wurde Koons „Balloon Dog“ für 43 Millionen Euro verkauft. Man stelle sich dies plastisch vor: Der Pudel stammte nicht einmal aus Koons Handwerk, sondern wurde von dessen Assistentenkohorte in Serie fabriziert. Dank Koons blüht die Branche, die seit Jahren immer mehr Geld anhäuft und in sich hinein fliessen lässt.

Kritische Künstlerinnen haben es im Vergleich sehr schwer. Es gibt sie zuhauf, sie kriegen jedoch weder wirklich Aufmerksamkeit noch Geld für ihre teils grossartigen Werke. Die neohöfischen Finanzoligarchen in Dubai, Doha, Abu Dhabi, Moskau, Beijing, Rio, Pjöngjang (letztere natürlich nur anonym) verbrämen die Kunstwerke monetär. Sie bestellen Kunst für ihre Geldtempel wie früher Päpste für ihre Kathedralen. „In den funkelnden Oberflächen der Koons-Skulpturen erscheint das Geld selbst als große Kunst. Der materielle wandelt sich in einen ideellen Wert. Was eben noch abstrakt war, eine kalte Zahlenkolonne, zeigt sich in denkbar schönster und sinnlosester Form. Deshalb ist der Pudel auch auf Hochglanz poliert: damit der neue Besitzer sich herrlich im eigenen Reichtum spiegeln kann. Er hat ja sonst nicht so viel“, schreibt der brillante Kunstkritiker Hanno Rauterberg („Die Zeit“, 14.11.2013).

Die Schweiz, das ehemalige Stachelschwein, hat mit der Art Basel schon längst goldene Pudelscheisse im globalen Kunstgeschehen etabliert. Während die Kunstpresse immer wieder nach ideellen Werten statt monetärer Verhaftung im Kunstmarkt schreit, rühmt sich die ehemalige Universitas Basel monetärer Hohenflüge. Nicht nur die Schweiz, sondern eben auch die Kunst sind krisensichere Investitions-Orte. Und im Zeitalter des Selfism spielen immer häufiger die Sammler die Hauptrolle: Sowohl die Medien als auch die Billionäre setzen auf den, den eigenen Tod überlebenden Klebstoff Kunst.

2017 wurde nach Auskunft der Händler fast eine Milliarde Euro an der Art Basel umgesetzt während die Documenta 14 mit einem über 5.5 Millionen Euro-Defizit abschliessen und die Leitung in Kassel neu besetzt werden musste. Zwar ist es unfair, ein kuratorisches Ereignis wie die documenta mit dem kommerziellen Event der Art Basel zu vergleichen, doch die traurige Tatsache zeigt: Beide werden vom Publikum unter „Kunst“ subsumiert. Kapital ist eben nie moralisch, sondern höchstens ästhetisch.

Bild aus Wikipedia

Bildschirmfoto 2020-05-25 um 11.29.26

Neue Zürcher Zeitung, 5.5.2020: Die Kombination von «monokausalen Narrativen» und «virologisch basierter Datenhoheit» habe ein «Zeitalter der totalen Gewissheit» geschaffen, schreibt die Politikwissenschafterin Regula Stämpfli. Die Urteilskraft über Richtig und Falsch sei auf der Strecke geblieben.

Neue Zürcher Zeitung, 5.5.2020: Die Kombination von «monokausalen Narrativen» und «virologisch basierter Datenhoheit» habe ein «Zeitalter der totalen Gewissheit» geschaffen, schreibt die Politikwissenschafterin Regula Stämpfli. Die Urteilskraft über Richtig und Falsch sei auf der Strecke geblieben.

Bildschirmfoto 2020-05-06 um 11.53.41

Regula Stämpfli über den weiblichen Chefetagenwechsel in der TAZ

Wenn Frauen in Chefetagen ein böses Omen sind

Regula Stämpfli über den weiblichen Chefetagenwechsel in der TAZ

hannah und ich

Die Zeitungsbranche schaut in den Abgrund und dann dies: „Lauter Frauen in der TAZ“. So lautet die Schlagzeile, hinter der eigentlich nur ein Wechsel in den Chefetagen der Berliner Tageszeitung beschrieben wird.

Die Freude über den Feminisierungsschub wird sich in Grenzen halten. Denn seit Hannah Arendt wissen wir, dass „die Anderen“ sich gegenüber der Mehrheitskultur nur als Parvenü (Emporkömmling) oder als Paria (Aussenseiter) bewähren können. Allein das „lauter Frauen“ zeigt wie unnatürlich, anormal, erwähnenswert es ist, in Chefetagen Menschen anzutreffen, die einen Menstruationshintergrund haben.

Machtverlust in einer Branche war schon immer ein Feminisierungsbooster. Die europäischen Armeen erhielten die erste VerteidigungsministerINNEN zu einem Zeitpunkt als die klassischen Streitkräfte schon längst Auslaufmodelle waren. Die demokratischen Volksparteien wählten erst dann eine Frau an ihre Spitze als die Umfragewerte am Boden lagen oder Reinemache angesagt war. Die Europäische Union bekam erst dann eine PräsidentIN als ihr Niedergang schon längst nicht mehr zu übersehen war.

In den nächsten Monaten werden unheimlich viel Frauen in Positionen aufzufinden sein, die Institutionen, Organisationen und Betrieben angehören, die in der Abwärtsspirale stecken. Viele Feministinnen werden „Fortschritt“ rufen, ohne die Phänomenologie deuten zu können. Unterdessen formieren sich neue Branchen, der Blick ins Silicon Valley und nach Beijing genügt: Männer versammelt Euch! Denn das Weltgesetz lautet: Je mehr Frauen in einem Beruf, einer Institution, einer Organisation, einer Gesellschaft, umso weniger Macht, Einfluss, Geld, Gestaltungsraum und Freiheit.

Regula Stämpfli über Trumps Chaos-Managment im April 2020: Fakten und Fiktion

Regula Stämpfli über Trumps Chaos-Managment im April 2020: Fakten und Fiktion

In Europa sind viele Experten und Expertinnen über die hohen Beliebtheitswerte von Donald Trump verblüfft. Einmal mehr verkennen sie das „System Trump“, wie u.a. der „The Guardian“ schreibt.

schlagende zeilen

 

„Die Krise ist wie handgeschneidert für eine Figur wie Trump“ erklärt Robert Reich dem europäischen Publikum. Donald Trumps Karriere – so Robert Reich – basiert auf Chaos und Schuldzuweisungen. Der US-Präsident schaffe es brilliant, jede persönliche Verantwortung für die Nicht-Bewältigung der Corona-Krise anderen in die Schuhe zu schieben. Trumps Beliebtheitswerte steigen, egal wie sehr die Ärzteschaft, die globale Community und die Wissenschaftler Trumps Helikoptergeld-Strategie und Nicht-Intervention als lebensgefährlich entlarven.

Weshalb dem so ist, beantworte ich mit „Trumpism“ folgendermassen: Die Gegenwart lebt von Fiktionen, nicht Fakten. Donald Trump präsentiert sich immer als „Winner“, egal, was wirklich passiert. So kann der US-Präsident gar nicht an seinen Lügen, an seinen bizarren Auftritten oder gar an Fakten scheitern. Donald Trump scheitert nie. Es sei denn, sein Narrativ würde sprach- und bildmächtig auf die Prüfung gestellt. Bisher ist dies aber noch nie geschehen. Donald Trump bleibt der ewige Rebell, der im Chaos aufblüht.

Regula Stämpfli: Trumpism. Ein Phänomen verändert die Welt jetzt als e-Book erhältlich: Bestellen, Lesen, Diskutieren #Coronakrise

Regula Stämpfli: Trumpism. Ein Phänomen verändert die Welt jetzt als e-Book erhältlich: Bestellen, Lesen, Diskutieren #Coronakrise.

Als Einstieg in die Lektüre empfiehlt sich das Gespräch auf ORF zum selben Thema siehe https://www.youtube.com/watch?v=e8lhtNN7UFY

bookcover trumpism

Regula Stämpfli über „Corona und die Propheten“: Medienkritik

Corona und die Propheten

Zukunftsforscher reden sich den Mund fusselig über die Auswirkungen von Corona. Regula Stämpfli hat einige Statements prominenter Männer gesammelt und kommentiert.

Meine Lieblingszitate über die Zukunft stammen von Karl Valentin: „Früher war die Zukunft auch besser“ und von Mark Twain: „Voraussagen soll man unbedingt vermeiden, besonders solche über die Zukunft“. Trotzdem sind selbst kafkaeske Männerpropheten in vielen Medien sehr beliebt.

Die Wellness-Prognose par excellence stammt von Matthias Horx, dessen Text in den sozialen Medien massenhaft geliked und geteilt wird. Zur Erinnerung: 2001 machte Horx mit „Internet wird doch kein Massenmedium“ Schlagzeilen. „Im Gegensatz zum einfachen Telefon oder einem Radio mit drei Knöpfen ist das www mehr denn je eine kompliziert zu bedienende Angelegenheit“ (General-Anzeiger, Bonn 4.3.1001). Seine Corona-Rückwärtsprognose dieser Tage: Die sozialen Verzichte würden zu „neuen Möglichkeitsräumen“ führen: Ähnlich dem „Intervallfasten“, wo das Essen nach 16stündiger Pause auch wieder besser schmecke. Ebenso werde die gesellschaftliche Höflichkeit nach Corona ansteigen und die Netzkommunikation werde sich nicht nach „Erreichbarkeit“, sondern an „Wirklichkeit“ orientieren, was immer dies auch heissen mag. Sehr süss auch die Prognose, dass sich die politische Korrektheit in Luft auflösen wird. So als ob Rassimus, Sexismus, Diskriminierung von Corona getroffen wie von selbst dahinsiechen würden. „System reset. Cool down! Musik auf den Balkonen! So geht Zukunft“ endet Horx optimistisch.

Der Co-Chef der deutschen Grünen, Robert Habeck, macht den Mann fürs Grobe: Corona transformiert den Schriftsteller in einen Untergangspropheten. „Ökonomisch droht es, noch dramatischer zu werden als die Finanzkrise 2008/2009.“ Der Politiker plädiert für alte sozialdemokratische Intervention: „Nach der Phase des Stillstands werden wir dann ein Rieseninvestitionspaket an den Start bringen müssen.“ Politisch ist er noch pessimistischer: „Es kann sein, dass wir im Stress der Krise unsolidarisch und egoistisch werden und ins Nationale verfallen.“ Weiter: „Es kann sein, dass Populismus und neuer Nationalismus gestärkt aus der Krise hervorgehen“ – quelle horreur!

Gut gibt es die NZZ am Sonntag und Sicherheitsexperten Theodor Winkler. Der behauptet nämlich das Gegenteil: „Populisten werden jetzt entlarvt, da sie keine Antworten haben“. Sein Rezept gegen Corona ist sein Buch aus dem Jahre 2017: „The Dark Side of Globalization. And How to Cope with It“, sprich: Zurück zu Nation, Bürgertum und heile Welt. Naja.

„Das Magazin“ färbt die Zukunft rosa: Ausgerechnet der ehemalige SRG-Direktor Roger de Weck meldet mit einem feministischen Werk zurück: „Der verlorene Kampf des mannhaften“ (Schreibweise im Original). De Weck posaunt das Ende aller „Reaktionären“ und den Sieg des Feminismus: „Die Parität kommt voran, wenn auch in verschiedenen Geschwindigkeiten je nach Land und Gesellschaft – und der Teenager Greta Thunberg verkörpert diese neue Selbstverständlichkeit. Die Reaktionäre scheitern zum Glück in ihrem Kampf gegen Gleichstellung. Wobei sie zu langsam scheitern.“ De Wecks Worte in Gendergöttins Ohr.

Auch Rutger Bregman, der von den Journalisten zum „wichtigsten jungen Denker“ ausgerufen wird, obwohl er punkto Ökonomie nur das zusammenfasst was die feministischen Ökonominnen zur Care-Wirtschaft schon längst festgestellt haben, meint, Corona werde „das Gute“ in den Menschen hervorrufen. (SZ 21./22. März 2020) Schliesslich bewiesen schon die Höhlenmalereien der Steinzeitmenschen, wie friedfertig sie sein können und wie schrecklich im Vergleich dazu die meisten Zivilisationen der Geschichte waren. Wenn es uns also gelingt, das Home-Office in eine Höhle aus der Zeit der Nomadenkulturen umzuwandeln, verwandelt sich das Virus schwuppdiwupp in eine: „Utopie für Realisten“… oder so.

download*Fazit: Spekulationen zu Post-Corona (wie alles eigentlich) verbreitet wie üblich Phantasmata alter und junger Männer, die die wichtigste weibliche Erkenntnis, dass Biologie ohne Politik nie zu haben ist, völlig verdrängen. Denn die neuen Viren der Moderne (HIV, Ebola, Sars, Mers, Corona et al) haben ihren Ursprung alle bei Tieren und den jeweiligen Gesellschaften. Wie und ob wir diese beiden Bereiche in Zeiten der Globalisierung bewältigen wird nun die Zukunft weisen.

copyright laStaempfli 26.3.2020

Regula Stämpfli über Virus-Krieg & Ausgangssperren: #Corona und die #Demokratie

18. März 2020 Virus-Krieg und Ausgangssperren: Corona und die Demokratie

Die Massnahmen werden immer martialischer. „A Letter From Wartime France“ titelt „The Atlantic“ über Emmanuel Macrons Auftritte zur Corona-Krise. Die Politphilosophin Regula Stämpfli, die u.a. in Paris unterrichtet, kommentiert die Corona-Krise medien- und demokratiekritisch.Zu Beginn der europäischen Corona-Krise, am Wochenende des 14. Februars, verkündete die amtierende Gesundheitsministerin Agnès Buzyn, sie wolle jetzt kurzfristig für das Amt der Bürgermeisterin in Paris kandidieren.

Buzyn erzählt viel über Frankreich und seine Elite. Jetzt, wo die Katastrophe sichtbar wird, jetzt, wo die Pariser und Pariserinnen ihrer Freiheiten, ihrer Lebensqualität, ihrer sozialen Identitäten durch den von Macron ausgerufenen „Guerre“ beraubt werden, flieht die Haute Volée aus der Stadt in ihren Zweitsitz auf dem Lande. In Paris selber wird es immer ungemütlicher. Die Wohnungen sind winzig, ohne Flanieren, Cafés und Museen ist das Leben in Paris alles andere als chic. Kein Wunder war fast „tout Paris“ noch am Wochenende in den Parks. Präsident Macron wird deshalb immer martialischer in seiner Sprache: „Krieg, Krieg, Krieg“ wiederholt Präsident Macron mehrmals und denkt über eine Ausgangssperre nach. Zwar will „le président“ „keine Panik“ schüren, doch in Paris weiss man, was er meint: Die Stadt wird ihrer Lebensader beraubt.

download

Nach den Terroranschlägen in Paris, strömten die Menschen erst recht in die Lokale. Die Botschaft war klar: Von den islamischen Terroristen lassen sich Pariser und Pariserinnen nicht ihre Lebensweise nehmen. Ähnlich die erste Reaktion auf die Corona-Krise: Die Parks waren in Paris voller fröhlicher Erwachsener und spielender Kinder.

Doch nun ist aller Spass vorbei und nur die Wenigsten benennen im Krieg, die ersten Gefallenen: Die bürgerlichen Freiheiten und die Demokratie. China gilt plötzlich allen westlichen Demokratien als Vorbild. Die Ausserkraftsetzung aller demokratischen Rechte wie das Recht auf Versammlungsfreiheit, auf Bildung, auf Berufsausübung, auf Gewerbefreiheit wird im deutschsprachigen Raum mit: „Ich scheiss auf die Demokratie“ beantwortet (TWITTER). Die meisten Medien sind Informationsblätter des Bundesamtes für Gesundheit und wildfremde Menschen bewachen freiwillig öffentliche Plätze, damit die Zusammenkunft von Menschen „aufs Minimum“ reduziert wird.

Was mit uns als Gesellschaft, als Demokratien, als Menschen passiert, die alle als lebensgefährlich eingeschätzt werden, muss dringend und offen diskutiert werden. Einfach die „Ausgangssperren“ zu begrüssen, wie dies in der progressiven Bubble durchaus üblich ist, blendet alle vergangenen Jahrhunderte, den Kampf um Demokratie, Partizipation und Gleichheit aus. Wir müssen jetzt unbedingt den politischen Ausnahmezustand diskutieren: Gerade weil wir die Massnahmen der sozialen Isolation und Quarantäne unterstützen. Denn die Botschaft muss eben auch sein: Das, was jetzt mit uns als Demokratie und Gesellschaft passiert ist inakzeptabel und nur der Not geschuldet.

download-1
Das Schweigen der sonst so lauten Geisteswissenschaften ist hoch ansteckend und ein für die Demokratie gefährliches Virus. Seit Wochen werden wir in Europa einem autoritären, nationalstaatlichen Experiment mit ungewissen Ausgang unterworfen. Wie schnell alle Errungenschaften der Moderne angesichts einer Pandemie über den Haufen geworfen werden, erschüttert mich, selbst wenn ich alle Massnahmen nachvollziehe und unterstütze. Doch eines werde ich mir nie verbieten lassen, selbst bei einer Ausgangssperre nicht: Das kritische Denken.

 

Aus aktuellem Anlass: Regula Stämpfli postet zum internationalen Frauentag 2020

Im Jahre 2014 hielt ich in Schaffhausen eine Rede zum Internationalen Frauentag. Dies tat ich seit über zwanzig Jahren als „junge Feministin“ bevor die „jungen Feministinnen“ die Frauenfrage wieder dort ausgruben wo sie schon vor über 150 Jahren war….

Sarkasmus beiseite. Die Rede ist immer noch topaktuell, ebenso wie die Rede vor den ZDF-Frauen. Regula Stämpfli zum internationalen Frauentag siehe https://www.youtube.com/watch?v=wXguaNXwyQQ

Regula Stämpfli zu Frauen Macht und Bilder im ZDF siehe https://www.youtube.com/watch?v=wXguaNXwyQQ

Und hier der beste Kommentar aus der DIE ZEIT

DXwLQ4yWsAA5iOn