Regula Stämpfli über den Hashtag #dichterdran und Emerenz Meier in der Kulturzeitschrift ENSUITE“. Wenn Frauen über Autoren so schreiben wie Autoren über Schriftstellerinnen.

Das Gedicht „Stossseufzer“ von Emerenz Meier liest sich im Sommer 2019 wie ein Beitrag zum sehr lustigen, sehr wichtigen und aufklärerischen Hashtag #dichterdran. Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Nadia Brügger hat ihn aus Ärger über die Rezension von Bestsellerautorin Sally Rooney, die „sexualisiert und in grossväterlicher Manier geschmälert“ wurde, mit Simone Meier (Watson) und der Regisseurin Güzin Kar initiiert. Die Tweets zeigen die hochkomische Umkehr der Verhältnisse: Wenn Frauen über Autoren schreiben wie Männer über Autorinnen, wird offensichtlich, wie sehr jede weibliche Kreativität und Innovation der Frauenrolle geopfert wird. Meist ausgerechnet praktiziert von einigen Feuilletonisten, die sich als besonders „fortschrittlich“ inszenieren.

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Regula Stämpfli im Magazin für Kunst und Kultur ENSUITE zu Ian McEwans „Maschinen wie Ich“. Eine einzige Empfehlung für ABBITTE, August 2019

Ian McEwan: Vom Genie zum Banalschreiber

«Maschinen wie ich» ist ein fürchterlich banales, ja dummes Werk von Ian McEwan. Wie konnte er nur? Ist dies derselbe Poet, der mit „Abbitte“ ein Jahrhundertwerk geschaffen hat? Der Mann, der das Böse derart präzise in die 13jährige Briony packt? Seitdem ist mein Verhältnis zu weiblichen Teenagern, das schon als ich in diesem Alter war, nicht ganz unbelastet war, nachhaltig beschädigt. In «Abbitte» gibt es Sätze wie : «Briony gehörte zu jenen Kindern, die eigensinnig darauf beharren, dass die Welt genau so und nicht anders zu sein hat.» Welch ein grandioser Auftakt für die Ahnung für unmittelbar bevorstehende Katastrophen, die durchaus in der unheimlichen Zone zwischen Kindheit und Erwachsensein stattfinden.

«Children hated generously, capricoiously. It hardly mattered. But to be the object of adult hatred was an initiation into a solemn new world. It was a promotion.» Gehasst zu werden als Auszeichnung der Adoleszenz, yep. Es gibt tatsächlich kleine Menschen, die als Hasssubjekte geboren sind – davon berichtet auch John Steinbeck in «East of Eden». Doch der Opferkult der Gegenwart machen aus jeder individuellen Schuld, die den Menschen zum verantwortlichen Subjekt machen, zur kollektiven. So macht sich das Böse breit, das sich in Unschuld wie auch im sogenannten Zufall tarnen kann. Bei «Abbitte» ist es so klar: Es gibt Menschen, die wie kaum andere das hinterhältige Böse inkarnieren. Es gibt Menschen, die verorten sich nie in einer Unschuld, die ihnen genommen werden könnte. Um dies zu verstehen, sind «Abbitte» von Ian McEwan und «Jenseits von Eden» von John Steinbeck Wegweiser. Menschen, darunter auch Frauen und Kinder, können über die Sünde herrschen, was auf die Verantwortung eines jeden Einzelnen hinweist: Jede hat eine Wahl und die trifft sie bewusst, egal was Ihnen die Soft-Mittäter ursprünglicher Gewalt auch immer erzählen mögen.

Angesichts dessen ist das neue Werk «Maschinen wie ich» derart erschütternd langweilig und billig, dass man McEwan einfach nicht mehr lesen sollte. Hätte eine Jungautorin ein derart banales Werk geschrieben, in diesem Geplärre-Ton eines Literatur-Automaten, sie wäre von den Literaturkritkern in der Luft zerrissen worden. Ian McEwan ignoriert bewusst die wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen apropos Künstlichen Intelligenz. Nicht nur das: Das Werk ist darüber hinaus äusserst sexistisch. An diesem Buch ist nichts, aber auch wirklich nichts „spannend“, um das meistgebrauchte Wort einer unglücklich agierenden Literaturkritikerin der antivisionären Gegenwart zu zitieren.

 

PS: Wer über das Eichmass Maschine-Mensch mehr erfahren will, ist mit allen Romanen von Philip K. Dick & William Gibson nicht nur besser up to date (alle vor 1982 entstanden – welch Ironie), sondern auch hervorragend unterhalten. Wer die Themen der Macht der Computer und die Ohnmacht der Beziehungen, die Vernunft und Herz mit einschliessen, verstehen möchte, greife doch auch zu einem alten Buch: Joseph Weizenbaum: Computermacht und Gesellschaft. Wer Ian McEwan einmal gelesen haben will, dem sei nur „Abbitte“ ans Herz gelegt.

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Regula Staempfli über den Tod der grossen Toni Morrison (Ausschnitt eines Artikels aus dem Jahre 2009 im Kolumnenbuch: Aussen Prada – innen leer? Ein philosophisches Kaleidoskop, Bruxelles. Gleichzeitig ein Kommentar zum Trend Hashtag #dichterdran

Auszug aus „Aussen Prada – Innen leer.“ Ein philosophisches Kaleidoskop

Die Zeit (2/2019): „Frau Mirren, es heisst, Sie lassen sich lieber von Männern interviewen. Stimmt das?“

Hellen Mirren: „Oh, das dürfen Sie nicht persönlich nehmen! Ich habe das auf britische Journalistinnen bezogen, die können wirklich gemein sein, richtig neidische Zicken, die wollen, dass Du Dich schlecht fühlst. Die britischen Medien sind ja für ihren scharfen Ton bekannt. Das Problem ist, dass mir mein Instinkt erst mal rät, Frauen mehr zu vertrauen als Männern, ich bin offener mit ihnen. Aber Frauen sind eben wirklich gut darin, sich freundlich zu geben. Nachher liest Du dann, was die Frau über Dich geschrieben hat, und denkst, oh Gott, ich dachte, sie mochte mich!“

Die Torturen, denen der moderne Journalismus seine sogenannten Prominenten, insbesondere Expertinnen, Schriftstellerinnen, Künstlerinnen sind seit Jahren bekannt. 2019 endlich wird die Kritik zum TWITTER-TREND #dichterdran . Unter diesem Hashtag werden amüsante Kritiken veröffentlicht, die in einer Welt, in welcher Frauen über männliche Autoren wie Männer über weibliche Schriftstellerinnen schreiben könnten, gang und gäbe wären. Regula Stämpfli tweetet: “ Dem Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss gelingt es, sehr unüblich für einen Hausmann, den Kampf um Identität und Selbstfindung auch politisch zu deuten. Dass er indessen als Autor so bekannt wurde, hat er sicherlich auch seinem sehr angenehmen Äusseren und seinem gepflegten Auftritt zu verdanken. Dazu kommt, dass er trotz seiner 48 Jahre und mitten in der Andropause auch heute noch sehr jugendlich und attraktiv wirkt.“ 

Regula Stämpfli wurde, als sie die Vermessung der Welt durch Algorithmen öffentlich zu analysieren und kritisieren begann (ab 2003) gefragt, ob sie eitel sei. Und wie sie es mit dem starken Geschlecht so halten würde. Oder ob sie sich als Frau in ihrer Haut mit solch harten Themen gut fühlen könne. Ihre Antworten lauteten: „Eitel? Selbstverständlich. Ich hoffe, das sieht mann doch.“ „Starkes Geschlecht? Finde ich Klasse, schliesslich gehöre ich dazu.“ „Wie ich mich als Frau fühle? Hervorragend. Schliesslich habe ich noch nichts besseres probiert.“

Über die grosse Toni Morrison, Literatur-Nobelpreisträgerin, Intellektuelle und Aktivistin schrieben die Zeitschriften so Sätze wie (DIE ZEIT, 8.10.2009): „Als sie sitzt, eine Zigarette anzündet und mit gespannter Konzentration auf die Fragen wartet, strahlt sie Jugendlichkeit aus und lässige Souveränität.“ 

Eine Autorin, die mit ihren Worten die Welt verändert, muss selbst nach dem Literatur-Nobelpreis „Jugendlichkeit“ ausstrahlen und „Souveränität“. Das meistgeschriebene Wort zu grossen Sachbuchautorinnen und Literatinnen ist „unverbissen“, „sachlich“, „analytisch“ und wieder und wieder mit Erstaunen verbunden. 

Toni Morrison gab uns allen ein Morgen ( Sharon Dodua Otoo, 7.8.2019 TAZ). Sie ist gestorben, ihre Worte werden ewig bleiben. 

#dichterdran: So schreiben über Autoren, wie sonst Männer über Autorinnen schreiben (oder angepasste Frauen, deren es viel zu viele gibt…). 

BILDQUELLE: AUGUST WREN VIA FACEBOOK

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Essay von Regula Stämpfli in ENSUITE – ZEITSCHRIFT ZU KULTUR & KUNST: Nolde in Berlin: Über das Urteilen in Kunst und Politik

Nolde in Berlin: Über das Urteilen in Kunst und Politik

Künstler sind vielschichtig. Manchmal auch Verbrecher. „Caravaggio hat gemordet. Veit Stoss hat einen Schuldschein gefälscht, Bernini seine Geliebte mit einem Rasiermesser entstellen lassen.“ So schreibt die Süddeutsche Zeitung in „Buch Zwei“ vom 15./16. Juni 2019. Wenig klug ist es indessen, diese Verbrechen mit Emil Noldes üblen Antisemitismus zur Hitlerzeit gleichzustellen. Caravaggio, Stoss und Bernini waren als Personen kriminell, Emil Nolde reihte sich in seinen Schriften in die Organisation des staatlich sanktionierten Massenmordes am europäischen Judentum ein. Soviel Unterscheidungskraft muss sein in einer Zeit, in der postmodern alles miteinander verglichen, verwechselt, um letztlich völlig recht- und morallos entscheidende demokratische Orientierung auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Die Frage, ob man noch Nolde aufhängen soll oder nicht, ist keine ethische, sondern eine durch und durch politische. Wer wie der Historiker Horst Bredekamp die Nolde-Diskussion sei Ausdruck einer „extremen Ethnisierung der Kultur“, liegt völlig falsch.

Denn das Thema ist nicht die Politisierung der Kultursphäre mit engen zeitgeistigen Normen, sondern die extreme Ethnisierung der Politik, die private Stories zum politischen Programm erhebt. Man könnte auch behaupten: Alte und neue Medien puschen kulturelles Storytelling, das unterhaltsamen, ärgerlichen Netz-Tratsch produziert, die Leute mit völligen Nebensächlichkeiten zumüllt und die noch existierenden Demokratien, d.h. ein freier, öffentlicher Diskurs mit grosser Gestaltungsmacht, abschafft. (…)

 

In „Eichmann in Jerusalem“ ist Hannah Arendt diesbezüglich sehr präzise. Anstelle der damaligen Richter setzt Arendt ihre eigene Urteilsbegründung: „Sie haben das während des Krieges gegen das jüdische Volk begangene Verbrechen das grösste Verbrechen der überlieferten Geschichte geahnt, und Sie haben Ihre Rolle darin zugegeben. Sie haben hinzugefügt, dass Sie nie aus niederen Motiven gehandelt, die Juden niemals gehasst hätten und dass Sie dennoch nicht anders hätten handeln können und sich bar jeder Schuld fühlten. (…) Sie haben auch gesagt, dass Ihre Rolle in der ‚Endlösung der Judenfrage’ ein Zufall gewesen sei und dass kaum jemand an Ihrer Stelle anders gehandelt hätte, ja dass man gleichsam jeden beliebigen Deutschen mit der gleichen Aufgabe hätte betrauen können. Daraus würde folgen, dass nahezu alle Deutschen so schuldig sind wie Sie, und was Sie damit eigentlich sagen wollten, war natürlich, dass, wo alle, oder beinahe alle, schuldig sind, niemand schuldig ist. Dies ist in der Tat eine weitverbreitete Meinung, der wir uns jedoch nicht anschliessen können.“ Emil Nolde könnte man zugutehalten, es sei reines Missgeschick, dass er in die falsche Zeit hineingeboren wurde. Zudem wiegt der Hinweis, Nolde sein ein grosser Künstler gewesen, darüber hinaus einer, der von den Nazis mit dem Stempel „entartet“ leben musste, zu seinen Gunsten. Doch ebenso schwer wiegt die Tatsache, dass Emil Nolde unbedingt mithelfen wollte, die Politik des Massenmordes mit seinem Werk aktiv zu unterstützen. Kein Mensch hat das Recht auf Gehorsam. (…)

 Wer im öffentlichen Raum dem Anderen den Zugang verwehren will und dies mit Verweis auf private Freiheiten tut, will ganz bewusst Demokratie abschaffen. Dieser Arendt-Gedanke könnte durchaus in anderen Debatten sogenannt „umstrittener Künstler“ aufgenommen werden.

 

 Wie meinte noch Hannah Arendt? „Kultur und Politik (…) gehören zusammen, denn es geht nicht um Wissen oder Wahrheit. Es geht vielmehr um das Urteilen und die Entscheidfindung, um den vernünftigen Meinungsaustausch über die Sphäre des öffentlichen Lebens und der gemeinsamen Welt, und die Entscheidung, welche Vorgehensweise zu treffen ist, liegt darin, wie diese von nun an aussehen soll und welche Art von Dingen darin erscheinen sollen.“ (Aus den „Lectures on Kant’s Political Philosophy, Übers. durch die Autorin)

 Dr. phil Regula Stämpfli ist Kolumnistin, lehrt u.a. an der Universität St. Gallen Hannah Arendt, Demokratietheorie, Medien und Digitale Transformation. «Die Vermessung der Frau» war 2013 ein Bestseller, ihr neustes Buch «Trumpism. Ein Phänomen verändert die Welt» geht nach sechs Monaten in die zweite Auflage.

LINK: https://www.ensuite.ch/nolde-in-berlin-ueber-das-urteilen-in-kunst-und-politik/

Regula Stämpfli über Kia Vahlands „Leonardo da Vinci und die Frauen“ in der Zeitschrift für Kunst und Kultur: ENSUITE

Mit «Die Malerei ist weiblich, jedenfalls die Leonardo da Vincis» beginnt Autorin. Sie gibt Leonardo nur zwei Männerfiguren, die er eigenhändig gemalt hat: Hieronymus und Johannes der Täufer. «Man muss schon alle Jünger auf dem Fresko des ‹Abendmahls› oder alle Jesusbabys auf den Madonnenbildern hinzuzählen, um doch noch auf ein halbwegs ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu kommen.» Leonardo da Vinci ist also ein Frauenmaler. Nicht in diesem schmierigen Wortsinn, sondern in der ursprünglichen Bedeutung, dem Nachspüren und -zeichnen von Menschen, die nicht Herrschaft, Fürsten- oder Papsttum repräsentieren, sondern wahrhaftige Lebewesen. Leonardos Frauen speisen sich aus dessen schöpferisch tätigem Naturverständnis darüber, was die Malerei kann und soll. Der Geniale setzt seine Frauen nicht in ein Innengefängnis, sondern verbindet sie mit der Natur – ein für seine Zeit unerhörter Vorgang. Leonardos ungewöhnliche Sicht auf Maria zeigt sich schon in seinen Lehrlingsjahren: Statt sie bei der Verkündung des Erzengels zu erschrecken, malt er sie wie eine junge, zarte Frau, die beim Bücherlesen gestört wird. Maria wird bei Leonardo nicht eingeschüchtert, sondern strahlend hell, ein starkes, menschliches Gegenüber zu Gott. Da Vinci widerspricht damit seinen Kollegen, die Maria Befehle erteilen, später wird er schreiben: «So sah ich neulich einen Engel, der bei einer Verkündigung so aussah, als wollte er Unsere Liebe Frau aus dem Zimmer verjagen, mit Bewegungen, die eine solche Schmähung ausdrückten, wie man sie etwa dem niederträchtigen Feind zuteilwerden liesse, und Unsere Liebe Frau sah aus, als wollte sie sich vor Verzweiflung aus einem Fenster stürzen. Passt auf, dass Ihr nicht in solche Fehler verfallt.» (S.42)

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Regula Stämpfli über Éric Vuillards „Die Tagesordnung“ und deren Aktualität im Mai 2019: ENSUITE – ZEITSCHRIFT FÜR KULTUR & KUNST

Von der Keksfabrik zur Tagesordnung

Im Jahr 2000 versuchten 60 Frauen und Männer, die meisten von ihnen aus dem Osten, Entschädigung für die Sklavenarbeit zu erhalten, die sie für den Bahlsen-Kekskonzern während des Zweiten Weltkrieges leisten mussten. Es war eine lächerliche Million Mark, die gefordert wurde, doch die deutschen Richter blieben, wie immer in solchen Fällen, nationalsozialistisch und bundesrepublikanisch rechtgemäss: Die Forderungen sind verjährt. Die Bundesrepublik Deutschland hat mit diesem Argument unzählige Milliarden für die reichen Erben und Profiteure der nationalsozialistischen Herrschaft gespart. Die 25jährige Bahlsen-Kekse-Erbin, Verena mit Vornamen, meint deshalb im Jahr 2019 vergnügt: “Bahlsen hat sich nichts zu Schulden kommen lassen.” Tja. Die Kekse-Fabrik war ein kriegswichtiger Betrieb. Und ja: Die Geschichtsvergessenheit liegt im Trend. Verfolgt man die History-Docs, hört man die Experten und diskutiert man mit den jungen Leuten in Deutschland, so realisiert man schnell: Hitlerdeutschland ist bekannt, dass dem schnurrbärtigen Österreicher aber Millionen Mittäter zur Macht verhalfen und die Vernichtungsindustrie und Enteignungsmaschinerie mittrugen, ist seit Jahrzehnten hip.

Es gibt ein Buch, das dies ändern könnte. Doch erstaunlicherweise ist es, nach einigen Wochen des Feuilleton-Hypes, in Deutschland wieder im Keller verschwunden. Zu schmerzhaft, zu klar, zu präzise ist wohl die Benennung von Herrschaft, Macht, Mittäterschaft und Mediennarrativen.

Sie waren vierunzwanzig bei den toten Bäumen am Ufer, vierunzwanzig schwarze, braune oder cognacfarbene Überzieher, vierundzwanzig mit Wolle gepolsterte Schulterpaare, vierunzwanzig Dreiteiler, und die gleiche Anzahl breitgesäumter Bundfaltenhosen.” Diese Sätze aus dem ersten Kapitel kennzeichnen die  “Tagesordnung” von Éric Vuillard, der 2017 in Frankreich den renommierten “Prix Concourt” erhalten hat.

L’ ordre du jour” wie es im Original heisst, ist eines der besten Bücher der letzten zehn Jahre. Nur 118 Seiten gibt es dem poesie- und wissbegierigen Leser monatelangen Stoff. In Deutschland schafften es die detailliert nacherzählten Szenen aus der bis heute prägenden Zeit des nationalsozialistischen Herrschens, Intrigierens, Manipulierens und falschen Erzählens – wie schon erwähnt — nur wenige Wochen in die Schlagzeilen. Die für die mediale deutsche Öffentlichkeit bitterbösen Skizzen sind wohl einfach zu schmerzhaft. Schon George Orwell wusste, dass Leute, die vorgeben, die Wahrheit zu sagen, geliebt, Leute, die die Wahrheit sagen, gehasst werden. Glücklicherweise tickt die französische Öffentlichkeit in jeder Hinsicht anders. Hymnisch waren die Besprechungen für die “Traktandenliste” wie wir Schweizernden das Büchlein nennen würden, geistreich, klug und scharf die zahlreichen Diskussionen, die sich über den Text von Vuillard sofort einstellen. Die deutsche Rezeption zur “Tagesordnung” sagt darüber hinaus viel aus über das Klima, das seit 20 Jahren in Deutschland punkto Nationalsozialismus gepflegt wird: Faschokritik ja, Machtanalyse und Mittäterschaftsstruktur nein.

Die Zeit” schreibt, dass der Roman den Aufstieg Hitlers schildere. Man kann grosse Bücher, die ins eigene Medienpropagandafleisch schneiden, zwar noch dümmer charakterisieren, aber man müsste sich noch etwas anstrengen. Vuillard schreibt mitnichten über den Aufstieg Hitlers, sondern über die kriecherischen, in ihrem Habitus äusserst zeitgenössisch anmutenden Mittäter der sogenannten “besten Gesellschaft”.

Vuillard bemerkt zu recht, dass überhaupt nichts unschuldig in der Kunst der Auslassung in den Erzählungen zu Hitlers Deutschland ist. Vuillard hält dem deutschen Mainstream zur hitlerschen Geschichtsschreibung den Spiegel vor. Die vierunzwanzig “BASF, Bayer, Agfa, Opel, I.G. Farben, Siemens, Allianz, Telefunken” waren damals in der Organisation der Vernichtung des europäischen Judentums, an der Vorbereitung zum sehr deutschen und präzis organisierten Massenmord direkt involviert. Nur schreiben darüber wenige und wenn, wird so getan, als sei dies doch schon lange her und nicht mehr erwähnenswürdig. Oder es kommen Legitimationsartikel, dass man ja nun genügend Reparationen gezahlt hätte. Wirklich? Wer hat eigentlich was bezahlt und wem? Oder wann? Sind die Milliarden Vermögen, die auf einige wenige Erben in Deutschland verteilt werden, ohne Hitlerzeit überhaupt denkbar? Diese Fragen kommen einem über der Lektüre von Vuillard, “weil die juristischen Personen ihre Avatare haben, so wie die antiken Gottheiten unter vierlerei Gestalt auftraten und sich im Laufe der Zeit mit anderen Göttern vereinigten.”

Vuillard beschreibt, wie Demokratien zugrunde gehen. Zuerst durch das goldene Fundraising der millionenschweren Unternehmer. Das eingangs erwähnte Vierunzwanziger-Grüppchen puscht die nationalsozialistischen braunen Horden mit Millionen an die Macht. Die klassisch deutschen Unternehmen sponsoren ein Regime, das Europa in 12 Jahren in ein Massengrab verwandelte, um dann aus dessen Ruinen als strahlende Wiederaufbauer und Wirtschaftsverwunderer aufzuerstehen. “Doch um besser zu verstehen, was dieses Treffen vom 20. Februar bedeutet, um seinen Ewigkeitsgehalt zu begreifen, müssen wir diese Männer künftig bei ihrem Namen nennen. Nicht mehr Günther Quandt, Wilhelm von Opel, Gustav Krupp und August von Finck versammeln sich an jenem frühen Abend des 20. Februar 1933 im Reichstagpalais; es müssen andere Namen her” – Keiner schreibt so gut wie Vuillard. Hier noch ein Satz als Amouse-Bouche für den Roman, der in jeden Haushalt gehört:

Blitzkrieg ist eine einfache Formel, ein Wort, das die Werbung dem Fiasko angehängt hat.”

Die promovierte Politphilosophin Stämpfli schreibt exklusiv für ensuite eigenwillige, kluge, politisch versierte Rezensionen. Die Hannah Arendt-Dozentin ist Bestsellerautor zu Themen, die im deutschsprachigen Raum normalerweise nicht von Frauen verfasst werden dürfen. Deshalb auch die mönnliche Form des Bestsellerautors.

 

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