Regula Stämpfli über Kia Vahlands „Leonardo da Vinci und die Frauen“ in der Zeitschrift für Kunst und Kultur: ENSUITE

Mit «Die Malerei ist weiblich, jedenfalls die Leonardo da Vincis» beginnt Autorin. Sie gibt Leonardo nur zwei Männerfiguren, die er eigenhändig gemalt hat: Hieronymus und Johannes der Täufer. «Man muss schon alle Jünger auf dem Fresko des ‹Abendmahls› oder alle Jesusbabys auf den Madonnenbildern hinzuzählen, um doch noch auf ein halbwegs ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu kommen.» Leonardo da Vinci ist also ein Frauenmaler. Nicht in diesem schmierigen Wortsinn, sondern in der ursprünglichen Bedeutung, dem Nachspüren und -zeichnen von Menschen, die nicht Herrschaft, Fürsten- oder Papsttum repräsentieren, sondern wahrhaftige Lebewesen. Leonardos Frauen speisen sich aus dessen schöpferisch tätigem Naturverständnis darüber, was die Malerei kann und soll. Der Geniale setzt seine Frauen nicht in ein Innengefängnis, sondern verbindet sie mit der Natur – ein für seine Zeit unerhörter Vorgang. Leonardos ungewöhnliche Sicht auf Maria zeigt sich schon in seinen Lehrlingsjahren: Statt sie bei der Verkündung des Erzengels zu erschrecken, malt er sie wie eine junge, zarte Frau, die beim Bücherlesen gestört wird. Maria wird bei Leonardo nicht eingeschüchtert, sondern strahlend hell, ein starkes, menschliches Gegenüber zu Gott. Da Vinci widerspricht damit seinen Kollegen, die Maria Befehle erteilen, später wird er schreiben: «So sah ich neulich einen Engel, der bei einer Verkündigung so aussah, als wollte er Unsere Liebe Frau aus dem Zimmer verjagen, mit Bewegungen, die eine solche Schmähung ausdrückten, wie man sie etwa dem niederträchtigen Feind zuteilwerden liesse, und Unsere Liebe Frau sah aus, als wollte sie sich vor Verzweiflung aus einem Fenster stürzen. Passt auf, dass Ihr nicht in solche Fehler verfallt.» (S.42)

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Regula Stämpfli über Éric Vuillards „Die Tagesordnung“ und deren Aktualität im Mai 2019: ENSUITE – ZEITSCHRIFT FÜR KULTUR & KUNST

Von der Keksfabrik zur Tagesordnung

Im Jahr 2000 versuchten 60 Frauen und Männer, die meisten von ihnen aus dem Osten, Entschädigung für die Sklavenarbeit zu erhalten, die sie für den Bahlsen-Kekskonzern während des Zweiten Weltkrieges leisten mussten. Es war eine lächerliche Million Mark, die gefordert wurde, doch die deutschen Richter blieben, wie immer in solchen Fällen, nationalsozialistisch und bundesrepublikanisch rechtgemäss: Die Forderungen sind verjährt. Die Bundesrepublik Deutschland hat mit diesem Argument unzählige Milliarden für die reichen Erben und Profiteure der nationalsozialistischen Herrschaft gespart. Die 25jährige Bahlsen-Kekse-Erbin, Verena mit Vornamen, meint deshalb im Jahr 2019 vergnügt: “Bahlsen hat sich nichts zu Schulden kommen lassen.” Tja. Die Kekse-Fabrik war ein kriegswichtiger Betrieb. Und ja: Die Geschichtsvergessenheit liegt im Trend. Verfolgt man die History-Docs, hört man die Experten und diskutiert man mit den jungen Leuten in Deutschland, so realisiert man schnell: Hitlerdeutschland ist bekannt, dass dem schnurrbärtigen Österreicher aber Millionen Mittäter zur Macht verhalfen und die Vernichtungsindustrie und Enteignungsmaschinerie mittrugen, ist seit Jahrzehnten hip.

Es gibt ein Buch, das dies ändern könnte. Doch erstaunlicherweise ist es, nach einigen Wochen des Feuilleton-Hypes, in Deutschland wieder im Keller verschwunden. Zu schmerzhaft, zu klar, zu präzise ist wohl die Benennung von Herrschaft, Macht, Mittäterschaft und Mediennarrativen.

Sie waren vierunzwanzig bei den toten Bäumen am Ufer, vierunzwanzig schwarze, braune oder cognacfarbene Überzieher, vierundzwanzig mit Wolle gepolsterte Schulterpaare, vierunzwanzig Dreiteiler, und die gleiche Anzahl breitgesäumter Bundfaltenhosen.” Diese Sätze aus dem ersten Kapitel kennzeichnen die  “Tagesordnung” von Éric Vuillard, der 2017 in Frankreich den renommierten “Prix Concourt” erhalten hat.

L’ ordre du jour” wie es im Original heisst, ist eines der besten Bücher der letzten zehn Jahre. Nur 118 Seiten gibt es dem poesie- und wissbegierigen Leser monatelangen Stoff. In Deutschland schafften es die detailliert nacherzählten Szenen aus der bis heute prägenden Zeit des nationalsozialistischen Herrschens, Intrigierens, Manipulierens und falschen Erzählens – wie schon erwähnt — nur wenige Wochen in die Schlagzeilen. Die für die mediale deutsche Öffentlichkeit bitterbösen Skizzen sind wohl einfach zu schmerzhaft. Schon George Orwell wusste, dass Leute, die vorgeben, die Wahrheit zu sagen, geliebt, Leute, die die Wahrheit sagen, gehasst werden. Glücklicherweise tickt die französische Öffentlichkeit in jeder Hinsicht anders. Hymnisch waren die Besprechungen für die “Traktandenliste” wie wir Schweizernden das Büchlein nennen würden, geistreich, klug und scharf die zahlreichen Diskussionen, die sich über den Text von Vuillard sofort einstellen. Die deutsche Rezeption zur “Tagesordnung” sagt darüber hinaus viel aus über das Klima, das seit 20 Jahren in Deutschland punkto Nationalsozialismus gepflegt wird: Faschokritik ja, Machtanalyse und Mittäterschaftsstruktur nein.

Die Zeit” schreibt, dass der Roman den Aufstieg Hitlers schildere. Man kann grosse Bücher, die ins eigene Medienpropagandafleisch schneiden, zwar noch dümmer charakterisieren, aber man müsste sich noch etwas anstrengen. Vuillard schreibt mitnichten über den Aufstieg Hitlers, sondern über die kriecherischen, in ihrem Habitus äusserst zeitgenössisch anmutenden Mittäter der sogenannten “besten Gesellschaft”.

Vuillard bemerkt zu recht, dass überhaupt nichts unschuldig in der Kunst der Auslassung in den Erzählungen zu Hitlers Deutschland ist. Vuillard hält dem deutschen Mainstream zur hitlerschen Geschichtsschreibung den Spiegel vor. Die vierunzwanzig “BASF, Bayer, Agfa, Opel, I.G. Farben, Siemens, Allianz, Telefunken” waren damals in der Organisation der Vernichtung des europäischen Judentums, an der Vorbereitung zum sehr deutschen und präzis organisierten Massenmord direkt involviert. Nur schreiben darüber wenige und wenn, wird so getan, als sei dies doch schon lange her und nicht mehr erwähnenswürdig. Oder es kommen Legitimationsartikel, dass man ja nun genügend Reparationen gezahlt hätte. Wirklich? Wer hat eigentlich was bezahlt und wem? Oder wann? Sind die Milliarden Vermögen, die auf einige wenige Erben in Deutschland verteilt werden, ohne Hitlerzeit überhaupt denkbar? Diese Fragen kommen einem über der Lektüre von Vuillard, “weil die juristischen Personen ihre Avatare haben, so wie die antiken Gottheiten unter vierlerei Gestalt auftraten und sich im Laufe der Zeit mit anderen Göttern vereinigten.”

Vuillard beschreibt, wie Demokratien zugrunde gehen. Zuerst durch das goldene Fundraising der millionenschweren Unternehmer. Das eingangs erwähnte Vierunzwanziger-Grüppchen puscht die nationalsozialistischen braunen Horden mit Millionen an die Macht. Die klassisch deutschen Unternehmen sponsoren ein Regime, das Europa in 12 Jahren in ein Massengrab verwandelte, um dann aus dessen Ruinen als strahlende Wiederaufbauer und Wirtschaftsverwunderer aufzuerstehen. “Doch um besser zu verstehen, was dieses Treffen vom 20. Februar bedeutet, um seinen Ewigkeitsgehalt zu begreifen, müssen wir diese Männer künftig bei ihrem Namen nennen. Nicht mehr Günther Quandt, Wilhelm von Opel, Gustav Krupp und August von Finck versammeln sich an jenem frühen Abend des 20. Februar 1933 im Reichstagpalais; es müssen andere Namen her” – Keiner schreibt so gut wie Vuillard. Hier noch ein Satz als Amouse-Bouche für den Roman, der in jeden Haushalt gehört:

Blitzkrieg ist eine einfache Formel, ein Wort, das die Werbung dem Fiasko angehängt hat.”

Die promovierte Politphilosophin Stämpfli schreibt exklusiv für ensuite eigenwillige, kluge, politisch versierte Rezensionen. Die Hannah Arendt-Dozentin ist Bestsellerautor zu Themen, die im deutschsprachigen Raum normalerweise nicht von Frauen verfasst werden dürfen. Deshalb auch die mönnliche Form des Bestsellerautors.

 

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Regula Stämpfli im Magazin für Kunst und Kultur: laStaempflis Kulturjahr 2018

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